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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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26.07.2018 3.868
 
Sonnenlicht fiel durch die großen Fenster der Bibliothek auf die hölzernen Tische und Sitzbänke und ließ feine Staubfäden in der Luft glänzen. Den glitzernden Partikeln gesellten sich bald neue hinzu, als Thalia ein weiteres verstaubtes Buch aus einem der großen Wandregale zog. Auf einem Tisch in ihrer Nähe stapelten sich bereits einige alchemistische Lehrbücher der Wolfsschule, gemeinsam mit Bestiarien und medizinischen Abhandlungen. Die Bibliothek von Kaer Morhen beherbergte neben den für Außenstehende geheimen Schriften der Hexer auch eine große Auswahl an Lehrbüchern der verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen. Für Thalia ein unermesslicher Schatz. Eine vom Umfang her größere Buchsammlung hatte sie bisher lediglich in Oxenfurt gesehen.
Irgendwo in diesen unzähligen Büchern verbarg sich vielleicht der Schlüssel zur Lösung ihres Problems. Genau die richtigen unter den unzweifelhaft ebenfalls interessanten, jedoch momentan für sie nutzlosen Büchern herauszufinden, stellte jedoch ein Dilemma dar. Denn es gab weder eine vollständige Auflistung aller hier lagernder Bücher, noch ließ die Sortierung der Werke in ihren Regalen eindeutige Schlüsse auf die Fachrichtung zu. Thalia blieb nichts anderes übrig, als alle dem Titel nach in Frage kommenden Bücher einer kurzen Inspektion zu unterziehen. Ein langwieriges Unterfangen.
Wenn ihr mehr Zeit zur Verfügung gestanden hätte, hätte Thalia jede Minute in dieser Bibliothek genossen. Jedoch barg nun jedes Buch, das sie zur Hand nahm, die Gefahr, sie von ihrem eigentlichen Ziel abschweifen zu lassen - zu interessant waren manche Werke, auch wenn sie ihr bei ihrer Problemstellung nicht weiterhelfen würden.
Ein schnelles Durchblättern offenbarte Thalia, dass die Abhandlung, die sie soeben aus dem Regal gezogen hatte, einer genaueren Betrachtung wert war. Aber nach mehreren Stunden, die sie nun schon in der Bibliothek zugebracht hatte, benötigte sie dringend eine Pause. Die Buchstaben der verschnörkelten Schrift auf den vergilbten Seiten begannen schon vor ihren Augen zu verschwimmen. Also legte sie das Buch neben den Stapel, der sich bereits angesammelt hatte und verließ die Bibliothek. Etwas frische Luft würde schnell wahre Wunder wirken und nicht nur ihre müden Augen, sondern auch ihren Geist wieder beleben.
In ihren wollenen Mantel gehüllt betrat sie wenig später den Wehrgang und stieg über eine kleine Treppe zu einem Balkon am Ostturm hinauf. Die Aussicht auf die Berge war atemberaubend. Die Gipfel waren bereits von Schnee gekrönt. Die kühle Luft zeugte deutlich davon, dass der Winter nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Für Thalias Empfinden hatte er schon Einzug gehalten, jedoch hatte Lambert sie heute Morgen erst darauf aufmerksam gemacht, dass es hier im Gebirge noch viel kälter werden würde. Der Hexer hatte für die Umschreibung natürlich wieder einmal deftige Worte gefunden. Nicht mehr lange, und die Straßen Richtung Oxenfurt würden für viele Wochen nicht mehr passierbar sein.
Auch wenn Thalia auf dem richtigen Weg war, so würde ihre Forschungsarbeit noch etwas Zeit in Anspruch nehmen. Triss hatte ihr angeboten, sie per Portal nach Oxenfurt zu schicken, damit sie nicht die beschwerliche Reise per Pferd würde bewältigen müssen. Dadurch würde sie den Zeitverlust von mindestens zwei Wochen vermeiden - ganz abgesehen von den möglichen Gefahren und sicheren Unannehmlichkeiten einer solch langen Reise. Vor ihrer Rückkehr wollte Thalia jedoch in der Bibliothek von Kaer Morhen weiter nach möglichen Hinweisen auf die Lösung des Problems suchen.
Anstelle der Mutagene, die sie dem Trank für Eskel zugegeben hatte, benötigte ein gewöhnlicher menschlicher Organismus einen anderen Katalysator, um die Enzyme zu verarbeiten. Die Chancen, die Lösung hier zu finden, mit Zugang zu unzähligen Büchern mit Hexerwissen sowie auch den gängigen Standardwerken der Alchemie, schätzte Thalia höher ein, als die Erfolgswahrscheinlichkeit in Oxenfurt. Deshalb hatte sie sich bei Triss für das Angebot bedankt und ihr versichert, dass sie sehr gern darauf zurückkommen werde, sobald sie mit ihrer Forschung brauchbare Ergebnisse erzielt habe. Dass die Miene der Zauberin daraufhin leichten Missmut gezeigt hatte, hatte sie sich nicht nur eingebildet, da war sich Thalia sicher.
Auch wenn sie es sich nicht gern eingestand, aber möglicherweise gab es neben der Bibliothek und dem Labor noch einen weiteren Grund, der sie ihren Aufbruch noch etwas hinauszögern ließ. Diesen Grund hatte sie eben im inneren Hof erspäht.
Trotz der Kälte lediglich mit Hemd und Hosen bekleidet, trainierte Eskel mit dem Schwert. Davon, dass er sich erst seit einer Woche von seiner schweren Vergiftung erholte, war nichts zu bemerken. Die Klinge reflektierte das Sonnenlicht, als Eskel ein paar schnelle, präzise Schwünge ausführte.
Thalia trat etwas näher ans Geländer des Balkons, um einen besseren Blick auf den Hexer zu haben. Die leisen Schritte, die sich ihr von der Treppe her näherten, bemerkte sie nicht.
“Genießt Ihr die Aussicht?”
Thalia fuhr erschrocken zusammen und drehte sich zu Yennefer um, die nur wenige Meter von ihr entfernt an die Brüstung getreten war. Verdammt sei der schwebende Gang der Zauberinnen…
Verlegene Röte schoss ihr ins Gesicht. “Äh… ja, die Landschaft hier ist wirklich beeindruckend”, beeilte sie sich zu sagen und blickte zu den Berggipfeln hinüber. “Und der Blick von hier oben ist atemberaubend.”
“Zweifellos.” Yennefers Augen waren dabei in den Innenhof gerichtet. “Wie ich von Triss hörte, wollt Ihr noch etwas länger in Kaer Morhen bleiben?”
“Ja, ich möchte erst noch weiter an dem Gegengift forschen, bevor ich nach Oxenfurt zurückkehre. Und hier kann ich das mindestens genau so gut, wie an der Akademie. Mir wäre es lieber, nicht mit leeren Händen zurückzukehren, sondern zumindest mit einem brauchbaren Ansatz für ein Gegengift für gewöhnliche Menschen.”
“Das Antitoxin für außergewöhnliche Menschen hat ja zum Glück Wirkung gezeigt. Auch wenn ich es nicht gerne zugebe, aber in diesem Fall war die Alchemie der Zauberei überlegen. Ein seltener Umstand, über den ich mich normalerweise ärgern würde. Aber dieses Mal mache ich eine Ausnahme. Gute Arbeit, Thalia.”
“Dankeschön. Ohne Geralt und Lambert hätte ich jedoch bedeutend länger gebraucht, wenn ich überhaupt Erfolg gehabt hätte. Und ohne die Künste von Euch und Triss hätte Eskel niemals lange genug durchgehalten. Also gebührt Euch ebenso Dank.”
“Dann einigen wir uns darauf, dass wir alle dankbar sind. Hat sich unser Patient denn schon bei Euch erkenntlich gezeigt? Es machte den Anschein, als hättet ihr noch einiges zu besprechen.”
“Was meint Ihr damit?”
“Stellt Euch bitte nicht dumm, Thalia. Ich bin eine Frau und habe Augen im Kopf. Was immer zwischen Euch und Eskel ist, scheint noch einer Aussprache zu bedürfen.”
“Oh. Das … das ist zum einen nicht nötig und zum anderen hatten wir bisher kaum Gelegenheit, unter vier Augen zu reden. Triss war in den letzten Tagen fast ständig in seiner Nähe. Da möchte ich nicht stören …”
“Was für ein Unsinn”, konstatierte Yennefer trocken. “Ihr glaubt, Triss und Eskel wären ein Paar? Triss liebt Geralt. Seit langem schon. Was sie nicht daran hindert, sich auch andere Optionen offen zu halten. Sie sonnt sich gern in der Bewunderung anderer Männer - und hofft damit, Geralts Eifersucht zu wecken. Was natürlich absolut zwecklos ist, aber das hindert Triss nicht daran, es immer wieder zu versuchen.”
Thalia sah Yennefer überrascht an. Triss sollte Geralt lieben? Nun machten die Blicke, die die Zauberin Geralt zugeworfen hatte, wenn sie sich unbeobachtet zu fühlen schien, Sinn. Thalia hatte ihre Beobachtung als unsinnig verworfen, weil Geralt ja so offensichtlich mit Yennefer verbunden war.
Thalia sah wieder zu Eskel hinunter, der weiterhin Ausfallschritte und Drehungen übte und sich offenbar der Zuschauer nicht bewusst war.
“Aber selbst wenn dem so sein sollte … Eskel scheint sehr viel für Triss übrig zu haben. So wie er von ihr gesprochen hat …”
“Eskel ist auch nur ein Mann”, schnitt ihr Yennefer das Wort ab. “Natürlich fühlt er sich zu einer schönen Zauberin hingezogen - das tun alle Männer. Aber ich habe ihn in den letzten Tagen beobachtet. Die Aufmerksamkeit, die ihm Triss zuteil werden lässt, scheint ihm nicht mehr nur angenehm zu sein - besonders nicht, wenn Ihr zugegen seid. In eurer Gegenwart verhält er sich anders als sonst. Fast unbeholfen. Das tun Männer, wenn sie fürchten, etwas Falsches zu sagen oder zu tun. Jetzt gebt nicht vor, nicht bemerkt zu haben, wie er Euch ansieht. So dumm seid ihr nicht.”
Thalia atmete tief ein und aus. Eigentlich lag ihr nichts ferner, als mit dieser Zauberin, die sie kaum kannte und die ihr bisher eher abweisend begegnet war, über ihr Gefühlsleben zu sprechen. Andererseits, auch wenn sie es selbst nicht gern zugab, drehten sich ihre Gedanken ständig um das nun angesprochene Thema. Obwohl sie sich doch eigentlich voll und ganz auf ihre Arbeit konzentrieren sollte. Seit Eskel wieder erwacht und Triss fast ständig bei ihm war, hatte Thalia versucht, die Sinnlosigkeit ihrer Gefühle zu akzeptieren. Immer, wenn sie Eskel begegnet war, hatte sie sich betont gelassen gezeigt, um ihre Unsicherheit zu überspielen - mal mehr, mal weniger erfolgreich. Yennefers Worte lösten jetzt jedoch wieder eine neue Flut chaotischer Emotionen in Thalia aus.
“Selbst wenn er mir gegenüber nicht gleichgültig sein sollte …”, räumte Thalia ein. “Ich werde bald wieder weit weg in Oxenfurt sein. Und Triss zeigt ziemlich deutlich, dass sie Eskel mehr als nur Sympathie entgegenbringt - mag sie es nun ehrlich mit ihm meinen oder nicht. Wenn Eskel Grund zu der Annahme hat, dass eine Frau wie Triss ein romantisches Interesse an ihm habe - wieso sollte er dann an mir interessiert sein?”
“Wenn Ihr glaubt, dass Eskel nicht in der Lage sei, hinter Triss´Motive zu blicken, unterschätzt Ihr ihn. Wenn ich Euch also einen ungefragten Rat geben darf: Räumt nicht das Feld, ohne überhaupt gekämpft zu haben. Es sei denn natürlich, dass ich euer Verhalten missgedeutet habe und Ihr kein Interesse an Eskel habt.”
Thalia blickte Yennefer, die neben ihr an der Brüstung lehnte, lange nachdenklich an.
“Wenn ich eins über Zauberinnen weiß, dann, dass Ihr fast immer eine eigene Agenda verfolgt. Wieso erzählt Ihr mir dies alles?”
Yennefer sah Thalia in die Augen, herausfordernd - dann zog sich ein Mundwinkel zu einem anerkennenden Lächeln nach oben. “Ich sehe schon, man sollte Euch ebenfalls nicht unterschätzen. Ihr habt Recht. Ich mische mich nicht ganz uneigennützig in Eure Privatangelegenheiten ein.
Auch wenn Triss und ich Freundinnen sind, so hat sie das doch nicht davon abgehalten, mit Geralt zu vögeln. Sie hat ihn belogen und benutzt - und das alles unter dem Deckmantel der Liebe. Versteht mich nicht falsch, es herrscht kein Groll zwischen uns, nicht mehr. Aber auch wenn ich ihr ihre Handlungen von damals vergeben habe - vergessen werde ich sie nie. Und zu sehen, dass sie mit ihrem Charme und ihrer Schönheit an ihre Grenzen stößt und es weder schafft, Eskels Herz zu gewinnen noch Geralts Eifersucht zu wecken - das verschafft mir, wie ich zugeben muss, eine angenehme Genugtuung.”
Thalia nahm einen tiefen Atemzug, blickte wieder in den Burghof hinunter.
“Wo wir gerade von Geralt sprechen…”
Der besagte, weißhaarige Hexer näherte sich dem trainierenden Eskel gerade, die Schwerter auf dem Rücken.

Angriff, Rücksprung, Parade, Pirouette. Eskels Körper schien die jahrelang verinnerlichten Abläufe fast intuitiv auszuführen. Das Schwert war unablässig in Bewegung, zerschnitt in präzisen Schwüngen die Luft. Doch Eskel war sich sehr wohl bewusst, dass er noch weit von seiner ursprünglichen Form entfernt war. Seine Muskeln reagierten noch etwas verzögert, nicht ganz so geschmeidig wie gewohnt. Außerdem hatte sich seine Atemfrequenz bereits beschleunigt. Wenigstens war er noch nicht ins Schwitzen geraten. Nur ein kleiner Lichtblick, aber immerhin …
Sein Gehör funktionierte dafür immer noch ausgezeichnet. Geralts Schritte hatte er bereits vernommen, als dieser in den Innenhof getreten war. Als der Freund nun auf ihn zu kam, hielt Eskel in seinen Übungen inne. Er versuchte, seinen Atem zu beruhigen, um sich keine Blöße zu geben. Zu spät.
“Du klingst wie ein Höhlentroll nach einer Hasenjagd.”
“Ich klinge vielleicht so, bin aber bedeutend schneller als ein Höhlentroll.”
Geralt blieb ein paar Meter entfernt vor ihm stehen und sah ihn prüfend an. “Im Ernst: Wie fühlst du dich?”
“Besser, als man annehmen sollte.”
“Dieses Mal war´s wirklich knapp.”
“Und ob. Aber anscheinend habe selbst ich manchmal Glück. Ich bin fast wieder der Alte.”
“Übernimm dich nur nicht. Lass dir Zeit.”
Eskel verzog einen Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln. “Du hast doch bloß Schiss, dass ich dir bald schon wieder den Rang ablaufe.”
Geralt quittierte die freundschaftliche Herausforderung mit einer hochgezogenen Braue. “Wann hast du mir denn den Rang abgelaufen?”
“Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich dir bei unserem letzten Trainingskampf ganz schön zugesetzt. Das wäre jetzt die Gelegenheit für dich, dich zu revanchieren.” Geralt war sich seiner Niederlage beim letzten gemeinsamen Training durchaus bewusst - letzten Winter war das gewesen, als er bei seinem Besuch in Kaer Morhen mit Eskel trainiert hatte. Wie in alten Zeiten ... Jedoch wollte er nicht gegen Eskel kämpfen, solange dieser noch nicht wieder in alter Form war.
“Ich kämpfe doch nicht gegen einen schweratmigen Bies.”
Eskel ließ sein Schwert in einer Mühle kreisen, tänzelte dabei leichtfüßig ein paar Schritte auf Geralt zu. “Komm schon, Geralt. Zier dich nicht wie eine keusche Melitele-Heilerin.”
Geralt presste die Lippen zusammen, grinste dann herausfordernd und zog sein Stahlschwert. Wenn Eskel unbedingt wollte, dann sollte er seine Lektion bekommen. “Dann lass mal sehen, ob sich nicht nur dein Mundwerk erholt hat, sondern auch der Rest von dir.”
“Mit Zeichen oder ohne?”
Geralt zögerte kurz - die Möglichkeit, Eskel in seiner Paradedisziplin zu schlagen, war verlockend. Bisher hatte er selbst aber schon öfters den Kürzeren gezogen, wenn sie mit Zeichen trainiert hatten… “Natürlich mit. Ich will mir doch wenn du verlierst nicht hinterher anhören müssen, dass du mich locker mit Aard hättest wegfegen können, wenn du nur gedurft hättest.”
“Dann zeig mal, was der Weiße Wolf drauf hat.”
Sie umkreisten sich lauernd, ließen den anderen keine Sekunde aus den Augen. Sie kannten einander wie kaum jemand anderen, waren schon unzählige Male gegeneinander angetreten. Schon damals, während ihrer Ausbildung, hatten sie an genau der gleichen Stelle ihre Kräfte gemessen. Geralt war immer der Geschickteste mit dem Schwert gewesen, hatte jeden der jungen Hexer in seine Schranken verwiesen. Die anderen Jungen hatten ihn dafür respektiert, wenn er auch aufgrund seiner Andersartigkeit und seines beißenden Zynismus wegen nie sonderlich beliebt gewesen war. Sie hatten seine Überlegenheit beim Fechten akzeptiert und hingenommen.
Nicht jedoch Eskel. Als Geralt ihn wieder und wieder im Schwertkampf besiegt hatte, hatte Eskel noch härter als sonst trainiert, um seine Technik und seine Schnelligkeit zu verbessern. Als die anderen Jungen schon längst ihre mehr als spärliche Freizeit genossen, stand Eskel auf dem Trainingsplatz und übte Ausfälle, Paraden und Ausweichschritte. Er hatte sogar ihren damaligen Schwertmeister Vesemir gebeten, ihm zusätzlichen Unterricht zu geben - was dieser mit Freuden getan hatte, den Ehrgeiz seines Schülers anerkennend. Durch viel Übung, gnadenloses Training und einen eisernen Willen war es Eskel gelungen, im Schwertkampf annähernd an Geralts Niveau heranzukommen - was zuvor keinem der anderen jungen Hexer gelungen war.
Die Disziplin, in der Eskel schon als Kind ein wahres Naturtalent gewesen war, waren die Zeichen. Mit hoher magischer Begabung ausgestattet, hatte keiner der anderen Jungen ihm dabei etwas entgegenzusetzen - auch nicht Geralt. Und so war es bis heute geblieben.
Ohne Vorwarnung schleuderte Eskel Geralt zur Eröffnung einen Aard-Stoß entgegen, dem dieser durch einen Sprung zur Seite zu entgehen versuchte. Geralt war nur teilweise erfolgreich - die Druckwelle erfasste ihn nicht vollends, warf ihn jedoch trotzdem noch mehrere Meter durch die Luft. Der Hexer rollte sich geschickt ab und landete auf den Füßen, das Schwert erhoben. Mit blitzschnellen Sätzen war er bei Eskel, hieb mit dem Schwert einen kraftvollen Schlag. Darauf vorbereitet, parierte Eskel und ging zu einer Riposte über, nutzte die Kraft des Angriffs aus und setzte mit einer halben Drehung die Rückhand gegen Geralt ein. Die Klingen trafen hart aufeinander. Sofort nahm Eskel wieder die Grundposition ein, das Gewicht auf dem linken Fuß, um direkt zum Angriff übergehen zu können.
“Gut gekontert”, lobte Geralt. “Scheint, als ob du doch schon genesen bist.”
“Hab ich doch gesagt.”
“Dann muss ich ja von jetzt an keine Rücksicht mehr nehmen.” Geralt griff erneut an und schleuderte Eskel mit Igni einen imposanten Feuerstrahl entgegen.
Eskel wirkte Quen und Geralts Flammen verpufften wirkungslos am Schild des anderen Hexers. Dieser löste den Schild auf und sprang aus der Hocke heraus Geralt in einer Drehung entgegen, das Schwert in der Rückhand führend. Geralt gelang es mühelos, den Schlag zu parieren, die Wucht des Zusammenpralls der Schwerter brachte ihn jedoch kurz aus dem Gleichgewicht. Verdammt, Eskel war wirklich mit Eifer bei der Sache.
“Dein Igni ist stärker geworden”, meinte Eskel anerkennend. “Hoffentlich hast du dich dadurch jetzt nicht verausgabt.”
“Keine Sorge, ich kann mehr als einmal.”
Eskel, der anscheinend noch genug Energie für ein drittes Zeichen hatte, wirkte ebenfalls Igni. Auf Geralt rollte eine gewaltige Feuerwand zu, der dieser durch einen Sprung hinter eine nahegelegene Mauer entging. Verdammt, die Flammen hatten sein Haar angesengt. Das würde Eskel gleich noch leid tun… Geralt war mit einem Sprung über die Mauer und drang mit einer Abfolge schneller Angriffe auf Eskel ein. Dieser wich unter dem Ansturm ein paar Schritte zurück, hatte sichtlich Mühe, die Schläge zu parieren.
“Sachte, Geralt!”
Der Angesprochene hielt inne. Yens ermahnende Stimme brachte ihn dazu, von Eskel abzulassen. Dieser atmete mittlerweile schwer, Schweiß stand ihm auf der Stirn. Nichtsdestotrotz verharrte Eskel in Kampfposition und fixierte Geralt, ein Grinsen auf den Lippen. “Nicht schlecht, Weißer Wolf. Einigen wir uns auf unentschieden?”
Geralt steckte das Schwert zurück in die Halterung auf seinem Rücken und reichte seinem Freund lächelnd die Hand. “Gerne. Sieht so aus, als müsste ich mich beim nächsten Training mit dir vorsehen, wenn du wieder ganz bei Kräften bist.”
“Ich freue mich schon darauf.” Eskel schlug ein und umarmte seinen Bruder.
Dann blickte er zum Balkon hoch, auf dem Yennefer zu vermuten war. Zu Eskels Überraschung stand Thalia neben der Zauberin an der Brüstung und blickte zu ihm hinunter. Wie lange hatten die beiden Frauen wohl da oben schon gestanden?
Eskel grüßte Thalia mit einem Nicken. Diese lächelte ihm strahlend zu, hob eine Hand zum Gruß. Dann ging sie zurück zum Wehrgang und verschwand aus seinem Blickfeld.

Die Sonne verschwand gerade hinter den Berggipfeln, die die Festung der Hexer umgaben. Die letzten, goldenen Strahlen erhellten den Alkoven im äußeren Burghof, in den Eskel sich zurückgezogen hatte. Reglos kniete der Hexer vor einem kleinen Lagerfeuer, die tanzenden Flammen zeichneten seine entspannten Züge in Licht und Schatten.
Früher, während seiner Ausbildung, war es ihm anfänglich schwergefallen, in die Meditation hineinzufinden. Zu viele Gedanken wanderten durch seinen Kopf. Äußerlich mochte er ruhig und gelassen wirken, doch innerlich sah es oftmals anders aus. Je mehr er sich bemühte, seinen Verstand zur Ruhe kommen zu lassen, um so weniger gelang es ihm. Er dachte zu viel nach. Wendete alles von einer Seite auf die andere und dann wieder zurück.
Genau das war immer noch Eskels Problem - besonders in den letzten Tagen … Und genau wie damals nutzte er das lodernde Feuer, um seinen Verstand zu fokussieren. Das hypnotisch-chaotische Muster der Flammenzungen half ihm dabei, die Gedanken loszulassen, seinen Geist zu leeren und in diese allumfassende Ruhe einzutauchen.  
Doch auch in tiefer Meditation blieben Hexer stets wachsam - in einer oftmals feindlichen Umgebung eine lebenswichtige Notwendigkeit. Auch hier, im Schutz der Mauern der Hexerfestung, blieben Eskels Sinne trotz der Trance geschärft. Und so holten ihn die sich nähernden Schritte vorzeitig in die Wirklichkeit zurück. Da keine Gefahr drohte, hielt er die Augen nach wie vor geschlossen und wartete, bis die Person auf wenige Meter herangekommen war. Dort verharrte sie offenbar, ohne ihn anzusprechen oder sich zu bewegen.
Eskel öffnete die Augen und blickte zu Thalia hinüber, die er bereits am Schritt erkannt hatte. Sie stand am Eingang des Alkovens, in einen wollenen Umhang gehüllt, und hielt ein in schwarzes Leder gebundenes Buch eng umschlungen an ihren Körper gedrückt. Sie blickte Eskel unsicher an, schien aber keine Anstalten zu machen, wieder zu gehen.
“Thalia?”
“Ähm … es tut mir leid, dass ich dich gestört habe … bei was immer du da gerade tust. Mach ruhig weiter, ich kann warten.”
Eskel wusste, dass Thalia eine Reihe guter Charaktereigenschaften in sich vereinte - aber Geduld gehörte definitiv nicht dazu. Entgegen ihrer Behauptung drückte ihr Gesicht eine kaum verhohlene Aufregung aus. Was auch immer es war, das sie ihm erzählen wollte, schien ihr wirklich wichtig zu sein. An Meditation war nun selbstredend nicht mehr zu denken.
Eskel stand auf und ging zu ihr.
“Ich habe nur ein wenig meditiert. Möchtest du mir etwas mitteilen?”
“Nur, wenn du wirklich fertig bist.”
“Ich bin fertig. Worum geht es denn?”
Ihre Augen begannen zu leuchten, als sie das Buch aufschlug und ihm eine Seite zeigte, auf der gezeichnete Abbildungen von Organen zu sehen waren.
“Du wirst nicht glauben, was ich entdeckt habe. Vielleicht ist das die Lösung! Also, das Gegengift, das wir dir verabreicht haben, würde einen gewöhnlichen Menschen wegen der enthaltenten Mutagene umbringen, soviel ist klar. Ohne einen Zusatz, der dem Körper die Aufnahme der Enzyme ermöglicht, wird es aber nicht wirken. Ich habe mir den Kopf zerbrochen, welche Substanz ich anstelle der Mutagene verwenden könnte und mich durch eure Bibliothek gearbeitet. Und das hier” - sie tippte mit einem Finger auf eine Zeichnung, die anscheinend einen Hirnstamm darstellen sollte - “könnte die Alternative sein! Hier steht, dass die Rückenmarksflüssigkeit von Hybriden die Eigenschaft besitzt, die Abstoßungsreaktion eines Körpers auf artfremde Substanzen zu überwinden.” Sie lächelte ihn strahlend an, ihr Enthusiasmus ob ihrer Entdeckung war offensichtlich. Und bezaubernd, wie Eskel fand.
“Und nun möchtest du herausfinden, ob es damit funktionieren könnte, sofern die Behauptungen in dem Buch stimmen.”
Thalia nickte lächelnd mit leicht angehobenen Brauen.
“Und du willst mich fragen, ob ich dir einen Hybriden besorgen kann?”
“Eine Harpyie, um genau zu sein. Die müsste es doch irgendwo hier im Gebirge geben, oder?”
“Und ob, ganz in der Nähe sogar. Ich kann gern morgen den Bergpfad entlangreiten und Ausschau halten, ob ich welche finde.”
“Aber nur, wenn du dich wieder gut genug fühlst. Wenn du dich noch erholen musst, kann ich auch Geralt oder Lambert fragen …”
“Nein!” Eskels Antwort kam wohl etwas zu schnell … “Nein, ich … fühle mich wieder gut. Außerdem sind Harpyien keine all zu starken Gegner.”
“Sirenen wären laut diesen Aufzeichnungen hier wohl noch besser geeignet. Aber die gibt es hier nicht, oder?”
“Äh, nein. Nein, die trifft man eher auf den Skellige-Inseln an.”
„Oder ein Greif. Ein Greif wäre perfekt. Gibt es hier Greifen?“
„Nein. Nein, leider nicht.“
“Dann wird es eine Harpyie auch tun. Zumindest, um die Theorie zu überprüfen. Ich bin so aufgeregt, Eskel! Das könnte wirklich der Durchbruch sein!”
Eskel erwiderte ihr Lächeln, ließ sich von ihrer Begeisterung anstecken. “Das wünsche ich dir sehr. Ich beschaffe dir morgen eine Harpyie, dann weißt du schon bald, ob du es geschafft hast.”
Sie sah ihn immer noch lächelnd an, der euphorische Ausdruck in ihren Augen wich … etwas anderem. Sie holte Luft, wie um etwas zu sagen - schien es sich dann jedoch anders zu überlegen und lächelte wieder.
“Ich geh dann mal besser und lasse dich in Ruhe weiter meditieren … Entschuldige bitte nochmal die Störung." Sie wandte sich kurz ab, blickte ihn dann wieder an. "Es war übrigens beeindruckend, dir und Geralt heute beim Training zuzusehen. Bis morgen, Eskel."
Sie ging in Richtung Hauptgebäude davon und ließ ihn allein im Hof zurück.
Verdammt … der Moment wäre perfekt gewesen, um sich zu erklären …
Aber er war kein Mann der großen Worte. Alles, was er sich in Gedanken zurechtgelegt hatte, erschien ihm auf einmal lächerlich.
Eskel kniete sich wieder vor das Lagerfeuer, versuchte, wieder in die meditative Trance zurückzufinden.
Doch egal, wie lange er in die Flammen starrte, die kreisenden Gedanken in seinem Kopf wollten sich nicht beruhigen.
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