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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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12.07.2018 4.230
 
Die Klinge fuhr in einer geraden Linie über seine Kehle, verursachte dabei ein leises, kratzendes Geräusch. Eskel fuhr kurz prüfend mit dem Daumen über seine Wange. Die Rasur an den Rändern seiner Narbe erforderte besondere Sorgfalt, aber durch die jahrelange Übung ging ihm die Prozedur zügig von der Hand. Zufrieden mit dem Ergebnis reinigte er die Klinge in der Waschschüssel und klappte das Rasiermesser zusammen.
Es klopfte an der Tür. Eskel trocknete seine Haut mit einem Handtuch, bevor er dem Besucher öffnete. Auch, wenn er nicht die leisen Schritte auf der Treppe gehört hätte, würde ihn der Anblick der Person vor seiner Tür nicht überraschen. Triss.
Sie lächelte ihn an, schön wie immer. “Guten Morgen, Eskel. Wie geht es dir?”
Eskel öffnete die Tür ein Stück weiter, um sie einzulassen. “Gut. Besser noch als gestern.” Eskel griff nach seinem Hemd und zog es über.
“Wenn es dir recht ist, würde ich gern noch einmal prüfen, ob dein Körper das Gift weiter abgebaut hat.”
“Bitte, wenn du möchtest.”
Eskel nahm auf dem Stuhl neben seinem Bett Platz. Triss legte ihm eins ihrer magischen Amulette um und intonierte leise einen Spruch. Als sie ihre Hand auf seinen Brustkorb legte, dicht oberhalb des Herzens, drang das sanfte Glühen, das von ihren Fingerspitzen ausging, in seinen Körper ein. Eskel war mittlerweile an das prickelnde Gefühl der magischen Sondierung gewöhnt. In den letzten Tagen hatte Triss ihn immer wieder dieser Prozedur unterzogen. Es war nicht unangenehm - im Gegenteil. Jedoch fragte Eskel sich einmal mehr, ob diese häufigen Kontrollen wirklich sein mussten, da er sich merklich besser fühlte. Aber um Triss nicht vor den Kopf zu stoßen, sagte er nichts und ließ sie gewähren.
“Das Gift ist anscheinend vollständig aus deinem Körper verschwunden. Ich kann es nicht mehr spüren und das Amulett reagiert auch nicht mehr. Du hast es geschafft, Eskel.” Triss zog lächelnd die Hand zurück.
Eskel knöpfte sein Hemd zu. “Ich fühle mich auch schon wieder richtig gut. Höchste Zeit, dass ich aus diesem Zimmer herauskomme…” Er stand auf und griff nach seinem Wams. Nach drei Tagen im Bett, in denen er sich von den Nachwirkungen der Vergiftung erholt hatte, wollte er jetzt so schnell wie möglich sein Krankenlager verlassen.
“Vorsicht, Eskel. Du musst dich immer noch erholen. Das Gift hatte schon sehr viel Schaden angerichtet. Bis dein Körper sich vollständig regeneriert hat, wird es noch ein paar Tage dauern”, warnte Triss.
“Keine Sorge, ich passe auf, dass ich mich nicht übernehme. Aber wenn ich auch nur noch einen weiteren Tag in diesem Bett zubringen muss, werde ich wahnsinnig. Etwas Bewegung wird mir nicht schaden.”
Als er mit Triss zusammen in die große Halle trat, war dort Lambert gerade dabei, eines seiner Hemden zu flicken. Er saß auf der breiten Bank am Esstisch, die Füße bequem auf einen Schemel gelegt. Durch den weißen Stoff des Hemdes, das auf seinem Schoß lag, zog sich ein langer Riss, den er offenbar mit wenig Geduld und Geschick schloss. Als er Triss und Eskel hörte, blickte er auf.  
“Hey! Wer ist denn da von den Toten auferstanden?” Lambert legte seine Näharbeit zur Seite, stand auf und umarmte Eskel herzlich. “Schön, dich wieder auf deinen Beinen zu sehen, Bruder. So halbtot hast du noch gruseliger ausgesehen, als du es normalerweise schon tust.”
“Tja, meinen Anblick wirst du wohl noch etwas länger ertragen müssen”, konterte Eskel, der die Umarmung erwiderte. “Ist Thalia im Labor?”
In den letzten Tagen hatte sie ihn immer nur kurz an seinem Krankenbett besucht. Anscheinend war sie sehr in ihre Arbeit vertieft und verbrachte die meiste Zeit im Labor von Kaer Morhen. Bei ihren Besuchen hatte sie sich immer sehr zurückhaltend gezeigt - was möglicherweise auch daran lag, dass jedes Mal Triss zugegen gewesen war. Vielleicht fühlte Thalia sich durch Triss´ Anwesenheit verunsichert. Dass sie großen Respekt vor ihr hatte, war unübersehbar. Aber Eskel hatte Triss gegenüber nicht unhöflich sein wollen, indem er sie bat hinauszugehen.
Die Zauberin war in den letzten Tagen fast ständig bei ihm gewesen, um seinen Zustand zu überwachen. So sehr er ihre Gesellschaft auch schätzte, war er nun doch froh, der ständigen Plauderei zu entkommen.
Im letzten Winter, als Triss ein paar Wochen auf Kaer Morhen verbracht hatte, um ihren alten Freunden Gesellschaft zu leisten, hatte es eine Zeit gegeben, in der Eskel die Aufmerksamkeit, die sie ihm zuteil werden ließ, höchst willkommen gewesen war. Wie immer waren er und Triss freundlich miteinander umgegangen. Dann hatte sie angefangen, mit ihm zu flirten - anfänglich zurückhaltend, dann immer unmissverständlicher. Eskel hatte sich geschmeichelt gefühlt und begonnen sich vorzustellen, wie es sein könnte, mit Triss zusammenzusein. Bis ihm klar geworden war, dass es ihr nicht im ihn ging, sondern darum, Geralt eifersüchtig zu machen. Als sie es darauf angelegt hatte, ihn zu verführen, hatte er sich von ihr zurückgezogen. Schnellen, bedeutungslosen Sex konnte er vielleicht mit einer Prostituierten haben oder einer Frau, die er kaum kannte - aber mit Triss hätte es etwas bedeutet. Zumindest für ihn. Er war kurz davor gewesen, seine Bedenken hintanzustellen, so sehr hatte er sich gewünscht, Triss nahezukommen. Zum Glück hatte dann doch sein Verstand die Oberhand gewonnen. Sich selbst ins emotionale Chaos zu stürzen und dabei ihre Freundschaft aufs Spiel zu setzen - das wäre es nicht wert gewesen.
Doch auch wenn er versucht hatte, danach wieder genau wie vorher mit Triss umzugehen, hatte diese Zeit der Hoffnung und Enttäuschung seine Gefühle für sie doch verändert. Er verbrachte nach wie vor gern Zeit mit ihr und betrachtete sie als Freundin. Ihr Anblick sorgte immer noch zu oft dafür, dass sich sein Puls beschleunigte. Jedoch war ihm gleichzeitig bewusst, dass sie ihre eigenen Ziele verfolgte – ohne Rücksicht auf andere. Solange sie nicht über Geralt hinweg wäre, wäre es keine gute Idee gewesen, sich mit ihr einzulassen.
Dass sie sich nun während seiner Genesung so um ihn kümmerte, irritierte ihn und er fragte sich, welche Motive sie dafür hatte. Er wollte ihr aber auch nicht unrecht tun, indem er ihr wieder Berechnung unterstellte.
Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte er in den letzten Tagen Thalia vermisst. Er konnte zwar versuchen, sich einzureden, dass dies einfach daran lag, dass er sie in den letzten Wochen Tag und Nacht um sich gehabt und sich einfach an ihre Anwesenheit gewöhnt hatte. Aber so viel Überzeugungskraft besaß er dann doch nicht…
Lambert nahm sein Hemd wieder auf und warf einen prüfenden Blick auf seine bisher zustande gebrachte Reparatur. Weit entfernt von “so gut wie neu”, aber es würde wohl halten… “Thalia ist eben raus gegangen. Sie wollte im Garten ein paar Kräuter ernten, glaube ich.”
Was Lambert euphemistisch “Garten” nannte, war nicht mehr als ein von Unkraut überwuchertes Beet mit Heilpflanzen unter einer kleinen, gemauerten Überdachung, das im äußeren Hof um Aufmerksamkeit bettelte - von den Hexern jedoch konsequent ignoriert wurde. Vesemir war der Gärtner unter ihnen gewesen. Eskel nahm sich vor, sich demnächst darum zu kümmern. Ein Punkt mehr auf einer langen Liste, wenn auch einer, der weit hinten rangierte. Weiter vorne stand jedoch das Aufstocken der Nahrungsvorräte für den Winter. Und genau darum wollte sich Eskel nun als erstes kümmern. Er griff nach seinen Schwertern und schloss den Gurt über seiner Brust.
“Dann werde ich das gute Wetter mal nutzen und uns etwas Fleisch besorgen.”
“Eskel”, mahnte Triss. “Übertreibe es nicht.”
“Ich will nur etwas Wild jagen, keine Ungeheuer. Heute Nachmittag bin ich wieder zurück. Mit dem Rehbraten.”

Im Stall angekommen begrüßte Eskel Skorpion. Der schwarze Hengst freute sich sichtlich, ihn wiederzusehen. Das Tier hatte natürlich gemerkt, dass es nicht gut um ihn gestanden hatte. Eskel strich mit der Hand über das glatte, seidige Fell und sprach leise und ruhig mit seinem “Pferd der Vorbestimmung”, wie er Skorpion gern nannte. “Na, Großer, hat sich denn auch jemand um dich gekümmert, als ich im Bett lag? Du siehst gut aus.” Er tätschelte Skorpion den Hals und das Tier genoss die Zuwendung sichtlich. Eskel hörte, dass sich jemand näherte - den leichten, kurzen Schritten nach zu urteilen die Person, die er sowieso am liebsten von allen hatte sehen wollen, wenn er ehrlich zu sich war.
Thalia trat um die Ecke des offenen Stalls, einen Bund Kräuter in der Hand. Lavendel und Verbene, dem Duft nach zu schließen. Wahrscheinlich würde sie damit heute Abend wieder einen Tee aufsetzen.
Sie trug ein grünes Kleid, das trotz oder gerade wegen seiner Schlichtheit ihre körperlichen Vorzüge betonte. Ihr rotbraunes Haar fiel offen in großen Locken um ihre Schultern, die Sonne ließ einzelne Strähnen kupfern glänzen.
Mit einem strahlenden Lächeln trat Thalia auf ihn zu. “Schön, dich zu sehen. Es scheint dir also besser zu gehen.”
“Ja, ich fühle mich wieder richtig gut. Ein bisschen müde vielleicht noch, aber ansonsten bin ich wieder ganz der Alte. Das habe ich dir zu verdanken, Thalia. Danke für alles.”
Thalia errötete leicht. “Das war doch selbstverständlich. Schließlich war es ja genau genommen auch meine Schuld, dass du überhaupt in solch eine Situation gekommen bist.”
“So etwas kann bei jedem Auftrag passieren. Dass sich der Auftraggeber aber so um einen verletzten Hexer kümmert ist eher selten”, scherzte Eskel. “Also vielen Dank.”
Eskel zögerte, blickte verlegen zu Boden und strich sich über seine Narbe. “Äh, also, Triss sagte mir, dass sie dir angeboten hat, dich per Portal nach Oxenfurt zurückzuschicken. Also… wirst du uns bald schon verlassen?”
“Ich würde gern noch ein paar Tage bleiben und mich in eurer Bibliothek umsehen. Solange ich noch keine Lösung für den Ersatz der Mutagene gefunden habe, kann das Gegengift nicht bei gewöhnlichen Menschen eingesetzt werden. Vielleicht finde ich ja in euren alten Büchern einen brauchbaren Ansatz. Das heißt, wenn euch das recht ist…”
“Mehr als recht. Bleib, so lange du möchtest. Ich hatte nur gehofft, dass du…” Er unterbrach sich, zögerte. “Also, ich hoffe, dass du die Lösung findest und deine Professur erhältst. Du hast es mehr als verdient.”
“Danke.”
Peinliche Stille entstand, als keiner von beiden recht wusste, war er sagen sollte. Eskel wechselte das Thema. “Ich… habe gehört, dass Lambert dir im Labor zur Hand gegangen ist. Ich hoffe, er hat sich gut benommen. Er hat manchmal nicht die besten Manieren.”
“Oh, keine Sorge, er war seinen Möglichkeiten entsprechend nett zu mir”, lachte Thalia. “Ohne seine und Geralts Hilfe hätte ich bedeutend länger gebraucht, um mich in eurem Labor zurechtzufinden. Lambert kann sogar recht unterhaltsam sein. Er hat mir von ein paar eurer Monsterjagden erzählt. Du scheinst ja ein Spezialist für Sukkuben zu sein…”
Sie lächelte schelmisch, als Eskel die Hände vor’s Gesicht schlug. “Oh nein. Ich will gar nicht wissen, was er erzählt hat. Glaub ihm bitte nicht alles, was er über mich sagt.”
“Keine Sorge, es war nichts dabei, was mich schockiert hätte. Obwohl…” Sie zwinkerte ihm spitzbübisch zu, drehte sich um und ging zurück zum Hauptgebäude. Über die Schulter rief sie ihm zu: “Ich mache mich mal wieder an die Arbeit. Der Bart stand dir übrigens gut.”
Eskel schmunzelte und strich sich über die nun wieder glatte Wange. Hätte er vielleicht doch besser mit der Rasur noch gewartet…?
Oh ja, die alte Sukkubus-Geschichte. Wenn er doch damals seinen Brüdern bloß nichts davon erzählt hätte. Verdammter Alkohol. Es war keine Überraschung, dass Lambert das wieder ausgegraben hatte. Er sah Thalia hinterher, als sie den Weg zum inneren Burghof hinaufging.
Beinahe hätte er sie eben gebeten, noch etwas länger in Kaer Morhen zu bleiben. Die Aussicht, sich schon in ein paar Tagen von ihr verabschieden zu müssen, drückte auf seine Stimmung. Aber welche Begründung hätte er schon nennen können?  Bitte bleib, weil ich dich mehr mag, als ich sollte? Weil ich dich vermissen werde? Ihre Arbeit konnte sie sehr viel besser in ihrem eigenen Labor in Oxenfurt weiterführen. Welchen Grund sollte es da für sie geben, noch länger in einer zugigen, halb verfallenen Festung in Gesellschaft von Mutanten und Zauberinnen zu bleiben?
Außerdem glaubte er nicht, dass sie an ihm interessiert war - nicht auf diese Weise. Sie war immer ganz normal mit ihm umgegangen, so, als sei er kein Mutant, keine Kuriosität. Aber das lag einfach daran, dass sie zu intelligent und unvoreingenommen war, um allem Unbekannten mit Argwohn zu begegnen. Was aber nicht bedeutete, dass sie einen entstellten Hexer als Partner in Betracht zog.  
Sicherlich, sie flirtete mit ihm, aber ihre Avancen waren wohl kaum ernst gemeint. Sie neckte ihn eben gern. Manches Mal hatte er noch längere Zeit über eine ihrer Bemerkungen nachgedacht - aber er wollte sich davor hüten, zu viel hineinzuinterpretieren. Auch wenn er es sich nicht gern eingestand, aber eine Zurückweisung von ihr würde ihm sehr zusetzen. Außerdem fürchtete er, dass sie ihm danach anders begegnen würde, um Peinlichkeiten zu vermeiden.
Vielleicht war es ihr ja recht, wenn er ihr nächstes Jahr in Oxenfurt einen Besuch abstatten würde. Dann wäre es kein Abschied für immer, sondern nur für ein paar Monate. Die Aussicht darauf hellte seine Stimmung merklich auf.
“Hey, was dagegen, wenn ich mitkomme? Mein Gaul braucht auch etwas Bewegung.”
Eskel hatte den sich nähernden Schritten keine Aufmerksamkeit geschenkt, so sehr hatten ihn seine Gedankengänge abgelenkt. Als Lambert nun auf ihn zutrat, die Schwerter auf dem Rücken, wurde er ins Hier und Jetzt zurückgeholt. Lamberts missmutiger Gesichtsausdruck ließ darauf schließen, dass es nicht seine eigene Idee gewesen war, ihn auf der Jagd zu begleiten.
“Lass mich raten: Triss hat dich angestiftet mitzukommen und mein Kindermädchen zu spielen.”
“Dir entgeht aber auch wiedermal gar nichts”, entgegnete Lambert sarkastisch.
“Seit wann lässt du dich denn von ihr herumkommandieren?”
“Wenn’s nur sie alleine wäre… Yennefer fing mit an zu zetern, was ich mir denn denken würde, dich alleine ausreiten zu lassen. Die hätten mir den ganzen Tag über in den Ohren gelegen. Ehe ich mir dieses Gekeife anhöre, lausche ich doch lieber deiner sanften Stimme, wenn du mir unterwegs von deinen spannenden Erlebnissen auf dem Pfad erzählst.” Lamberts Stimme troff vor Hohn. Ja, red nur, du Abenteurer, dachte Eskel. Bloß, weil er nicht mit so spektakulären Aufträgen wie Geralt glänzen konnte und seine Geschichten nicht mit prahlerischen Erfindungen aufbesserte wie Lambert, sollte dieser Jungspund nicht meinen, dass sein Schwert nur mit Ertrunkenen und Wyvern Bekanntschaft machte.
“Du würdest besser mal richtig zuhören, wenn ich etwas erzähle, Lambert. Dann könntest du noch was lernen.”

Einzelne Sonnenstrahlen durchdrangen das dichte Laubwerk der Bäume und fielen auf das Unterholz und die Eicheln, die den Waldboden bedeckten. Ein Geräusch bildete einen Misston im Gezwitscher der Vögel, wie das Brechen eines trockenen Astes. Das Reh hob den Kopf, lauschte, drehte die Ohren in die Richtung, aus der es das Geräusch vermutete. Es zögerte, unsicher, ob tatsächlich Gefahr drohte. Dann entschied es sich zur Flucht und sprang mit einem weiten Satz ins nahe Gebüsch.
Eskel schnaubte verärgert. “Sehr gut, Lambert! Lautlos wie immer…”
Der jüngere Hexer zeigte eine nur wenig schuldbewusste Miene. “Reg dich wieder ab. Ich war sowieso nicht scharf darauf, dich bei deinem kleinen Jagdausflug zu begleiten. Mir dröhnt immer noch der Kopf nach gestern Abend…”
Eskel rollte mit den Augen. “Ein Kater sollte doch für dich nichts Neues sein. Aber dank dir ist unser Abendessen jetzt auf und davon.”
“Hier läuft genug Wild herum. Je länger wir hier rumstehen und quatschen, um so kälter werden meine Füße. Los, weiter.”
Ihre Pferde hatten sie auf einer nahen Lichtung zurückgelassen und sich zu Fuß in den Wald begeben.
Auf der Suche nach weiteren Spuren gingen sie gemessenen Schrittes durch das dichte Buschwerk, Eskel voraus, Lambert mit etwas Abstand hinter ihm. Ab und zu stöhnte Lambert leise. Gestern Abend hatte er es wohl wieder etwas übertrieben mit dem Schnaps. Aber wer trank, musste auch mit den Konsequenzen am nächsten Tag leben…
“Verdammte Kälte. Noch nicht mal richtig Winter und mir friert schon der Arsch ab. Und in unserer Bruchbude von Festung ist es auch nicht besser. In meiner Kammer zieht es aus allen Mauerritzen. Und anstelle einer Frau, die mir das Bett wärmt, bleibt mir nur der Wodka, um die Kälte zu vertreiben. Kann nur hoffen, dass uns der Schnaps nicht ausgeht…”
Oh ja, wie hatte er Lambert und seine gute Laune doch vermisst.
“Tja, wie immer hat nur Geralt das Glück, das Bett von einer Frau gewärmt zu bekommen.”
“Hatte eigentlich gedacht, dass du und Thalia auch schon so weit wärt…”
Eskel blieb abrupt stehen. Er presste die Lippen zusammen. Kein Thema, über das er gern mit Lambert sprechen wollte… Aber wenn er nichts sagte, würde Lambert nur nachbohren.
“Thalia ist keine Frau, die sich sofort dem Nächstbesten an den Hals wirft. Sie hat Klasse. Aber wahrscheinlich bist du eher selten solchen Frauen begegnet…”
Lambert schnaubte. “Mag ja sein. Aber sie hat sich ganz schön ins Zeug gelegt, um das Gegengift für dich zu finden.”
“Sie ist eben ein guter Mensch. Sie fühlte sich verantwortlich für meine Vergiftung, auch wenn das natürlich Unsinn ist.”
“Schon möglich. Aber sie hat auch viel für dich übrig. Willst du mir wirklich weismachen, dass du das nicht mitbekommen hast? Was ist denn aus dem Eskel geworden, der angeblich jede Gelegenheit nutzt, die sich bietet, hm?”
Eskel sagte nichts darauf. Bei ihren gemeinsamen Abenden hatte er seinen Brüdern natürlich auch von seinen amourösen Abenteuern erzählt - hauptsächlich, um mit den beiden mitzuhalten. Aber er war nicht wie Geralt, der - trotz seiner Beziehung zu Yennefer - mit jeder attraktiven Frau, die ihm begegnete, das Bett teilte. Nicht, dass sich ihm dazu die Gelegenheit geboten hätte. Die entstellende Narbe sorgte dafür, dass Frauen auf Abstand blieben oder sogar angewidert erschauerten, wenn sie ihn sahen. Sogar in Freudenhäusern musste er öfters einen höheren Preis zahlen, als andere Gäste.
Aber Eskel wusste, dass er aus einem anderen Grund zögerte, sein Glück bei Thalia zu versuchen. Sie bedeutete ihm etwas.
“Ich habe zuviel Respekt vor Thalia, als dass ich sie mit Zudringlichkeiten in Verlegenheit bringen möchte.”
“Oh, so nennt man das jetzt also - Respekt. Ich dachte immer, das wäre Feigheit. Du traust dich nicht, aus Angst vor Zurückweisung. Verständlich. Und dumm. Wenn sie wieder in Oxenfurt ist, hast du deine Chance verpasst und siehst sie nie wieder. Was hast du denn zu verlieren? Sie wird dich schon nicht auslachen, dafür ist sie viel zu höflich.”
“Und was sollte das bringen? Wie du schon sagtest, bald ist sie wieder in Oxenfurt - und ich bin hier oder auf dem Pfad. Sie wird eine angesehene Professorin an der Akademie. Was sollte sie da mit einem Monsterschlächter, der von Dorf zu Dorf zieht?”
Lambert seufzte. “Ach, Eskel. Du denkst schon wieder zu weit. Ein Schritt nach dem anderen. Selbst wenn ihr euch nach ihrer Rückkehr nie wiedersehen werdet - dann hättest du zumindest mal wieder gevögelt!”
Eskel fegte Lambert mit einem wohldosierten Aard-Stoß von den Beinen.

Wider Erwarten hatten sie dann doch noch Glück bei der Jagd. Als sie in die Festung zurückkehrten, das erlegte Reh hinter Eskel über Skorpions Sattel gelegt, war es gerade einmal früher Nachmittag. Eskel trug das Wild auf der Schulter in die große Halle. Triss, die offenbar vor dem Kamin in einem Buch gelesen hatte, erhob sich und ging ihnen entgegen.
“Schön, dass ihr zurück seid. Geht es dir gut, Eskel?” Sie legte eine Hand auf seinen Arm und sah ihn leicht besorgt an.
“Ja, alles Bestens. Die Bewegung hat mir gut getan.” Er drehte sich halb zu Lambert um. “Wenn ich auch auf die Gesellschaft lieber verzichtet hätte…”, ergänzte er nur halb ernst.
“Ich bin jedenfalls froh, dass du wieder da bist. Du musst wohl noch eine Weile damit leben, dass ich mir Sorgen um dich mache”, sagte Triss und lächelte Eskel an. Vielsagend.
Dieser erwiderte das Lächeln - auf seine gewohnte Art nur mit einem Mundwinkel - etwas unsicher. “Äh… ja. Also… Ich werde mich dann mal um das Reh kümmern. Bis später.” Die Beute weiterhin geschultert, ging er in Richtung Ausgang zum Hinterhof.
Als Triss sich gerade in ihr Zimmer zurückziehen wollte, hielt Lambert sie auf.
“Merigold, auf ein Wort.” Triss seufzte tief - der Hexer war ihr in den letzten Tagen besonders auf die Nerven gegangen mit seinen ständigen Sticheleien und Unverschämtheiten. “Was ist es dieses Mal, Lambert?”
Lambert verschränkte die Arme vor der Brust und sah Triss ernst an. “Verrate mir mal bitte, was das soll.”
“Ein bisschen genauer solltest du schon werden. Was was soll?”
“Dein Getue um Eskel. Jahrelang hast du dich von ihm anschmachten lassen, hast es genossen, wie er dir aus der Hand frisst, aber ihn ansonsten nicht weiter beachtet. Doch kaum taucht eine Frau an Eskels Seite auf, die dir Konkurrenz machen könnte, da entdeckst du offenbar auf einmal deine Gefühle für ihn. Die letzten Tage hast du praktisch in seinem Zimmer verbracht. Verzeih bitte, dass ich deinen Sinneswandel etwas verdächtig finde. Oder erhoffst du dir dadurch wieder einmal, Geralt eifersüchtig zu machen?”
Wut kochte in Triss hoch. Sie atmete tief durch. Ihre Augen verengten sich. “Was erlaubst du dir eigentlich?”, zischte sie ihm entgegen. “Ich habe nie verstanden, was Keira in dir sah… Aber dass dich eine Zauberin abserviert hat, hat dich anscheinend tiefer getroffen, als ich angenommen hatte. Wahrscheinlich weil du weißt, dass du nie wieder eine Frau an deiner Seite haben wirst, die so weit über dir steht. Jetzt nutzt du jede Gelegenheit, anderen ans Bein zu pinkeln und lässt deine Launen an mir aus. Und damit gehst du mir gewaltig auf die Nerven. Ob und was ich für Eskel empfinde, geht dich einen Trollschiss an. Dir gegenüber muss ich mich ganz bestimmt nicht rechtfertigen.”
“Du bist mir scheißegal, Merigold. Aber spiel nicht schon wieder mit Eskel. Das hat er nicht verdient und das weißt du auch.”
Triss schnaubte, drehte sich auf dem Absatz um und verließ die Halle. Sie eilte die Treppe zum Schlaftrakt hinauf und warf die Tür zu ihrer Kammer hinter sich zu. Was bildete dieser unverschämte Hundsfott sich eigentlich ein? Als wenn es ihr einzig und allein um Bestätigung ginge, wenn sie mit Eskel Zeit verbrachte…
Es stimmte schon, dass sie es letzten Winter etwas übertrieben und den Umstand ausgenutzt hatte, dass Eskel etwas für sie empfand. Sie hatte es immer genossen, wie viel Aufmerksamkeit er ihr schenkte. Er war immer nett zu ihr gewesen und eine durchweg angenehme Gesellschaft. Mehr aber auch nicht. Sie hatte darauf gewartet, dass Geralt seinen Brüdern einen Besuch abstatten würde. Und als er dann endlich in Kaer Morhen auftauchte - ohne Yennefer - hatte sie ihre Gefühle nicht mehr unter Kontrolle gehabt. Doch er hatte sich abweisend ihr gegenüber verhalten und ihr gezeigt, dass er trotz Yennefers Abwesenheit nicht an Intimitäten interessiert war. Auch wenn Triss damit natürlich hatte rechnen müssen - verletzt hatte es sie trotzdem. Niemand hatte ihre Gefühle so sehr in der Hand wie Geralt.
Als Eskel dann versucht hatte, sie aufzuheitern, hatte eins zum anderen geführt. Würde Geralt unbeteiligt zusehen, wenn sie sich einem anderen zuwandte? Oder wäre seine männliche Ehre dadurch vielleicht so sehr gekränkt, dass er doch wieder um ihre Zuneigung buhlen würde? Sie hatte nie vorgehabt, Eskel zu verletzen, jedoch musste sie zugeben, dass sie ihn damals nur als Mittel zum Zweck benutzt hatte. Ohne, dass ihr Plan aufgegangen wäre…
Auch wenn es ihr schwer fiel, sie musste sich eingestehen, dass Geralt wohl nie wieder zu ihr zurückfinden würde. Sie wollte nicht mehr ständig allein sein und ihm nachtrauern. Wenn sie einem anderen Mann eine wirkliche Chance gäbe… vielleicht würde sie dann irgendwann über Geralt hinwegkommen.  
Eine Beziehung zu einem anderen Hexer war ihr immer wie ein unzureichender Ersatz für das vorgekommen, was sie für nur so kurze Zeit mit Geralt gehabt hatte. Was nun wieder ihre Freundin Yennefer hatte. Zumindest hatte sie das bisher so gesehen.
Aber in den letzten Tagen hatte sie sich wirklich sehr große Sorgen um Eskel gemacht - was sie selbst überrascht hatte. Aber wollte sie ihn wirklich? Oder sehnte sie sich einfach nur so sehr nach Liebe, dass sie inzwischen bereit war, sich auf jemand anderen einzulassen?
Dass Thalia etwas für Eskel empfand, war offensichtlich. Aber ob sich zwischen den beiden auf ihrer Reise etwas abgespielt hatte oder nicht… wer wusste das schon. Ein Paar waren die beiden anscheinend nicht. Thalia hatte sich komplett in die Arbeit im Labor gestürzt und bis spät in die Nacht gearbeitet, sodass sich keine Gelegenheit für ein ruhiges Gespräch unter Frauen ergeben hatte.
Aber würde es einen Unterschied machen, wenn sich die beiden nähergekommen sein sollten? Thalia hatte offenbar vor, so bald wie möglich wieder nach Oxenfurt zurückzukehren, um ihre akademische Karriere voranzutreiben. Eine längerfristige Beziehung zu einem Hexer würde in solch eine Lebensplanung wohl kaum hineinpassen.
Und letztendlich lag die Entscheidung ja schließlich bei Eskel.
Wenn sie sich nur ein wenig mehr anstrengte, würde es wohl ein Leichtes sein, wieder seine Gefühle für sie zu wecken. Schließlich war sie eine wesentlich begehrenswertere Frau als die Alchemistin.
Triss´ Laune hatte sich schlagartig gebessert, ihre Wut auf Lambert war verraucht. Leise vor sich hin summend suchte sie ein neues Kleid für den Abend aus ihrer Garderobentruhe, legte etwas Glamarye auf und betrachtete sich zufrieden im Spiegel. Wenn sie es darauf anlegte, konnte ihr wohl kaum ein Mann widerstehen…


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Hallo werte Leserinnen und Leser,

ich hoffe, dieses Kapitel in fast doppelter Länge hat euch gefallen - obwohl nur wenig passiert ist, viel geredet und noch mehr gedacht wurde…
Da ich mich nun erst einmal in den Urlaub verabschiede, wird es bis zum nächsten Upload wohl zwei bis drei Wochen dauern.
Nichtsdestotrotz würde ich mich sehr über Feedback freuen - lasst mich doch bitte kurz wissen, ob euch die Geschichte noch gefällt, ob die Charaktere glaubwürdig sind oder ob es langweilig wird. Ich verspreche auch, dass es bald wieder mehr Handlung geben wird. ;-)

Viele liebe Grüße
Eure LadyStoneheart
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