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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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06.07.2018 3.415
 
Das blaue Leuchten, das aus Triss’ Fingerspitzen zu fließen schien, gewann an Intensität, breitete sich aus und vermischte sich mit dem magischen Feld, das Yennefer erzeugte. Verstärkt wurde die Wirkung durch zwei Amulette, die die Zauberinnen auf Eskels Brust platziert hatten. Bereits seit über einer Stunde arbeiteten die beiden nun schon zusammen, um die vom Gift verursachten Schäden zu beheben. Triss hatte die Stasis, in der sich Eskels Körper seit drei Tagen befand, dafür aufgehoben. Die Zauberinnen intonierten einen gemeinsamen Spruch, eine Litanei, die sich in jedem dritten Vers unterschied, um dann wieder zu einem einzigen Spruch zu verschmelzen. Yennefer hatte sich dafür ausgesprochen, den alten Heilzauber “Alornis Hoffnung” zu wirken, der allen Schülerinnen in Aretusa im letzten Jahr gelehrt wurde, sofern sie im Fach Heilzauber abschlossen.
Die gemeinsame Intonation endete, das Leuchten erstarb.
Triss seufzte. “Ich kann keine wesentliche Besserung feststellen. Haben wir etwas falsch gemacht?”
Yennefer schüttelte den Kopf, die schwarzen Locken wogten um ihre Schultern. “Nein, der Zauber wurde korrekt ausgeführt, sonst wären die Ströhme nicht verschmolzen. Es hat nur einfach nicht gereicht.” Sie blickte in Gedanken aus dem Fenster, ohne die Aussicht auf die Berge überhaupt wahrzunehmen. Sie hatten Eskel in eines der Turmzimmer verlegt, nachdem Geralt und Lambert es bewohnbar gemacht und den Kamin angeheizt hatten.
“So langsam weiß ich nicht mehr, was wir noch versuchen sollen. Leg ihn wieder in Stasis, Triss. Ich brauche eine Pause. Vielleicht fällt uns noch eine Lösung ein, wenn wir etwas ausgeruhter sind.”
In der großen Halle fanden Yennefer und Triss die beiden Hexer und die Alchemistin in einer lebhaften Diskussion über die Formel eines speziellen Trankes vertieft. Auf dem Tisch lagen unzählige Bücher und Folianten, zum Teil aufgeschlagen, verteilt. Thalia hatte einige Bögen Papier mit Notizen gefüllt und ergänzte eine Formel gerade um eine Skizze, die das Herstellungsverfahren abbildete.
“So kann das nicht funktionieren, Lambert. Wenn wir die Essenz schon hier …” Thalia deutete auf eine bestimmte Stelle in der Skizze. “… hinzufügen, dann bekommt sie zu viel Hitze und büßt einen Großteil der Wirkstoffe ein.”
Lambert rollte genervt mit den Augen und zog einen besonders dicken, großformatigen Folianten unter den anderen Büchern hervor. “Aber genau so steht es hier in “Meister Gorlans Kompendium der Heiltränke”. Genau so brauen wir seit mehreren Hexer-Generationen unsere Tränke. Und unsere Tränke wirken. Bloß, weil ihr Giftmischer in Oxenfurt alles anders macht, heißt das noch lange nicht, dass es so besser ist.”
“Ich sage ja nur, dass eure Tränke vielleicht noch besser wirken würden, wenn ihr die Essenz erst zum Schluss hinzufügen würdet …”
Geralt, der auf der Bank Thalia und Lambert gegenüber saß, den Kopf genervt in die Hände gestützt, seufzte. “Hört auf zu streiten. Lambert, siehst du irgend einen Grund, warum es schlecht sein könnte, die Essenz erst zum Schluss hinzuzufügen? Ich sehe ihn nicht. Wenn Thalia meint, dass es so besser sei und dadurch keine Nachteile entstehen, dann lass es uns so machen. Sogar Vesemir hat öfters Rezepte von Meister Gorlan abgewandelt …”
“Meinetwegen, schön, dann machen wir´s so.” Lambert gab dem Folianten einen unsanften Schubs, der diesen an den Rand des Tisches beförderte.
Yennefer setzte sich neben Geralt. “Macht ihr Fortschritte?”
“Es sieht so aus. Zwar sehr kleine, aber immerhin Fortschritte. Thalia hat die Leberenzyme der Krabbspinnen isoliert. Da diese Enzyme im Körper der Spinnen dafür sorgen, dass das eigene Gift abgebaut wird, sollten wir mit ihrer Hilfe ein wirksames Mittel herstellen können.”
“Das Problem ist nur …” fiel ihm Thalia ins Wort. “… dass wir noch eine Möglichkeit finden müssen, die Enzyme vom Körper möglichst effektiv aufnehmen zu lassen. In den alten Hexer-Rezepten gibt es ein paar interessante Ansätze. Wie es aussieht, scheinen Mutagene am erfolgversprechendsten zu sein - zumindest wenn der Patient bereits körperlich damit verändert wurde, was ja bei Hexern der Fall ist. Aber da ich bisher noch nie mit Mutagenen gearbeitet habe, fehlt mir damit die Erfahrung.”
“Deshalb sollte die werte Alchemistin vielleicht einmal auf die Hexer hören, die es schließlich wissen müssen”, warf Lambert ein.
Thalia warf ihm einen kritischen Blick zu, eine Augenbraue angehoben. “Soviel mir ein gewisser Hexer erzählt hat, habt ihr selbst auch nicht wirklich viel Erfahrung mit der Gewinnung und Verwendung von Mutagenen, wenn ich mich recht erinnere …”
Sie wandte sich wieder einem der Bücher auf dem Stapel vor ihr zu - einem augenscheinlich besonders alten Exemplar. Yennefer las den geprägten Titel auf dem Einband:  “Der Einsatz von Mutagenen zur Assimilation der Selbstheilungskräft von Draconiden. Eine Abhandlung von Idarran von Ulivo.” Alzurs Schüler höchstpersönlich - sein Name hatte einen üblen Beigeschmack. Auf der Suche nach Wissen waren sein Lehrmeister und er sprichwörtlich über Leichen gegangen. Nichtsdestotrotz hatten sie erstaunliche Ergebnisse erzielt, die das bis dato vorhandene Wissen über Zauber und Alchemie auf den Kopf gestellt hatten.
Thalia schlug das Buch an einer zuvor markierten Stelle auf. “Ich denke, wir sollten das hier versuchen. Wie es scheint, hat dieser von Ulivo ebenfalls mit Enzymen gearbeitet, sodass die Ergebnisse eigentlich vergleichbar sein sollten …”
Geralt wandte sich an Yennefer. “Habt ihr etwas mit eurem Zauber erreichen können?”
Yennefer schüttelte resigniert den Kopf, Triss presste die Lippen zusammen.
“Es sieht nicht so aus, als ob es funktioniert hätte”, sagte Yennefer. “So langsam haben wir fast alles ausprobiert, was erfolgversprechend sein könnte. Lange können wir seinen Zustand nicht mehr aufrecht erhalten. Dabei war ich mir vor zwei Tagen noch recht sicher, dass wir ihn heilen können.”
Lambert lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. “Wieder mal ein neues Kapitel in der langen Geschichte “Die grenzenlose Selbstüberschätzung der Zauberinnen”.”
“Lambert! Lass es gut sein!” Geralt warf dem jungen Hexer einen gereizten Blick zu. “Krabbspinnengift zählt zu den stärksten bekannten Toxinen und die Vergiftung war schon weit fortgeschritten, bevor Yen und Triss überhaupt eingreifen konnten. Sie tun ihr Bestes, also halte dich zurück!”
Thalia war bereits aufgefallen, dass Lambert zu den Zauberinnen besonders abweisend, ja sogar beleidigend war. Seine schroffe Art hatte sie natürlich auch selbst zu spüren bekommen, aber er hatte sich ihr gegenüber bisher vergleichsweise zurückgehalten. Bestimmt gab es eine Vorgeschichte, die sie nicht kannte - und vielleicht auch gar nicht kennen wollte. Jedenfalls hatten sie keine Zeit zu verlieren, erst recht nicht mit Anfeindungen und Kindereien.
Sie nahm Meister von Ulivos Werk an sich, einen Finger zwischen die Seiten geklemmt, um die relevante Stelle nicht zu verlieren, und stand auf.
“Wären die Hexer dann so gütig, mich ins Labor zu begleiten? Es liegt einiges an Arbeit vor uns, bei der ich Hilfe gebrauchen könnte …”

Tropfen für Tropfen fiel die Trägersubstanz der Mutagene in die grünliche Flüssigkeit, die sich bereits in dem gläsernen Gefäß befand. Die Substanzen vermischten sich, reagierten miteinander … Thalia seufzte und biss sich auf die Lippe. Hatten sie alles richtig gemacht? Hatten die Wirkstoffe auch nicht zu viel Hitze bekommen? Stimmte das Verhältnis zwischen Enzymen und Mutagenen? Die Anweisungen in dem alten Buch waren leider nur recht vage, einige Textpassagen waren kaum verständlich gewesen. Oftmals hatte sich Thalia auf ihr Fingerspitzengefühl und ihre Erfahrung im Umgang mit Giften und Enzymen verlassen müssen. Ohne Geralts und Lamberts Hilfe wäre sie einige Male fast verzweifelt.
Geralt hatte sich mit Yennefer zurückgezogen, nachdem er die halbe Nacht mit Thalia und Lambert im Labor verbracht hatte. Wie die Tage und teilweise auch Nächte davor. Zahlreiche Rückschläge hatten die anfängliche Euphorie nach der Entdeckung der Abhandlung von Ulivos gedämpft.
Lambert lehnte sich an einen der Tische.
“Lass gut sein, Thalia. Durchs Anstarren geht’s auch nicht schneller.”
Thalia seufzte.
“Du hast recht, hier können wir jetzt gerade nicht viel tun. Ich gehe nochmal nach ihm sehen. Bis gleich, Lambert.”
Sie ging die steinerne Treppe hoch, die sie zum Schlaftrakt der Festung führte. Vor der Tür zu Eskels Kammer zögerte sie kurz. Wann immer sie in den letzten Tagen eine Pause von der Laborarbeit eingelegt hatte, hatte sie Eskel besucht.
Die Stasis hatte seinen Metabolismus soweit verlangsamt, dass das Gift nun kaum noch weiteren Schade anrichten konnte. Aber ihn so zu sehen - fast leichenblass und ohne Bewusstsein - schnürte ihr beinahe die Kehle zu. So war es damals auch bei Gregor gewesen - als die Cordoxie ihn langsam hatte dahinsiechen lassen und sie nichts hatte tun können, um ihm zu helfen.
Sie atmete tief durch und öffnete die Tür. Im Kamin glühten noch Holzscheite und verbreiteten eine wohlige Wärme im Zimmer. Thalia legte noch zwei Scheite nach, damit das Feuer nicht ausging. Dann erst wandte sie sich, den Moment hinauszögernd, dem Mann in dem Bett zu. Jedes Mal, wenn sie ihn sah, hatte sie Angst, dass es bereits zu spät sein könnte. Dass sie nicht schnell genug gewesen war, die Lösung nicht schnell genug gefunden hatte.
Dunkle Adern zeichneten sich unter seiner bleichen, wächsernen Haut ab. Ein dichter Bart war ihm in den letzten Tagen gewachsen. Da er sich sonst immer so sorgfältig rasierte, fiel der Unterschied besonders auf.
Eskels Hemd stand ein Stück weit offen und enthüllte seine von Narben bedeckte Brust. Sie setzte sich neben ihn auf das Bett und zog die Decke etwas höher. Dann beugte sie sich dicht zu ihm hinunter.
“Bald ist es geschafft, Eskel”, flüsterte sie im zu. “Wir haben das Gegengift. In ein paar Stunden ist es fertig. Und dann wird es dir bald wieder besser gehen …” Wenn sie doch nur selbst wirklich daran glauben könnte.
Sie gab dem Impuls nach und küsste ihn sanft auf die Stirn.
Zuerst wusste sie nicht genau, was es war, das sie plötzlich beunruhigte. Seine Haut fühlte sich angenehm warm an. Dann wurde ihr klar, was sie gespürt - oder eher nicht gespürt hatte: Die sanfte Emanation, die normalerweise von Eskel ausging und die sie immer als leichtes, angenehmes Prickeln empfunden hatte, wenn sie ihn berührte. Thalia wurde mit einem Mal kalt, der Schock der Erkenntnis schnürte ihr die Kehle zu. Sie legte ihre Hand an Eskels unversehrte Wange. Doch, da war es noch - jedoch viel schwächer als sonst, kaum wahrnehmbar. Lag es vielleicht an der Stasis, in der sich sein Körper befand? Thalia glaubte nicht daran. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht. Sie stürzte aus dem Zimmer und rief nach Yennefer und Triss.

Unter dem Destillierkolben loderte die Flamme des Brenners. Im aufgesetzten Alembik sammelte sich das Kondensat. Die kostbare Flüssigkeit, in der soviel Hoffnung lag, tropfte langsam in ein Auffanggefäß.
“Dieses Warten macht mich noch verrückt!” Thalia stützte sich schwer auf den Labortisch.
Geralt und Lambert leisteten der Alchemistin im Labor Gesellschaft, während Yennefer und Triss einen weiteren Versuch unternahmen, Eskels Zustand mit Magie zu verbessern. Beide hatten sich gerade über einem alten Folianten in der Bibliothek von Kaer Morhen beraten, als Thalia sie aufgebracht alarmiert hatte und waren sofort zu ihrem Patienten geeilt. Seit dem blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten - und das Gegengift fertigzustellen.
Lambert lehnte an einem der Regale, die Stirn skeptisch gerunzelt. „Was ich mich vorhin schon gefragt habe, Thalia: Wie hast du überhaupt bemerken können, dass Eskel kaum noch emaniert? Gewöhnliche Menschen nehmen so etwas doch eigentlich gar nicht wahr …“
Thalia beobachtete weiterhin den Destillationsprozess, während sie Lambert, gedanklich nur halb bei der Sache, antwortete. „Oh, ich bin schwach magisch begabt. Extrem schwach, um genau zu sein. Aber dieses Prickeln auf der Haut habe ich schon bemerkt, als ich Eskel zum ersten Mal berührt habe.“
„Oh ho ho ... Da hat unser sonst so zurückhaltender Freund aber wohl keine Zeit verloren. Stille Wasser sind tief, sag ich nur …“
Thalia war zunächst verwirrt. Dann schoss ihr die Röte ins Gesicht. „So habe ich das nicht gemeint. So ist das nicht zwischen uns …“
„Ach, nein? Nur ihr zwei, wochenlang allein unterwegs, in der Wildnis … Ist doch kein Wunder, dass unser narbiger Freund da schwach wird. Auch wenn du keine Hörner hast ...“
Thalia warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
„Lass es gut sein, Lambert“, ging Geralt dazwischen. „Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für Sticheleien.“
„Wieso Sticheleien? Sie sollte doch besser wissen, dass Eskel auf Sukkuben steht.“
„Lambert!“
“Ist schon gut, Geralt”, beschwichtigte Thalia. “Mit solchen Anspielungen kann mich Lambert nicht schockieren. Zum Glück hat ja nicht er den Auftrag angenommen, sondern ein Hexer mit bedeutend besseren Manieren. Nach mehreren Wochen allein in der Wildnis mit Lambert wären mir wahrscheinlich wirklich Hörner gewachsen …” Lambert quittierte diese Bemerkung, indem er die Arme verschränkte und eine Braue hob.
Die letzten Tropfen fielen aus dem Destillationsrohr, bildeten konzentrische Kreise auf der Oberfläche der grünlichen Flüssigkeit. Thalia löschte den Brenner und befreite das gläserne Gefäß aus seiner Halterung. Kurz prüfte sie Geruch und Klarheit des Inhalts, dann verkorkte sie die Flasche und stellte sie seufzend auf dem Tisch ab. “Ich glaube, das ist das beste Ergebnis, das wir in der Kürze der Zeit erzielen können …” So froh sie war, einen dem Anschein nach brauchbaren Trank hergestellt zu haben - rechte Zuversicht wollte bei ihr einfach nicht aufkommen. Zu groß war die Sorge, doch einen Fehler gemacht zu haben.
Geralt, der sich von seinem Stuhl erhoben hatte und an den Tisch herangetreten war, inspizierte die Flüssigkeit ebenfalls, indem er sie gegen das Licht der Kerzenflamme hielt. “Yennefer und Triss sind schon eine ganze Weile bei ihm. Sicherlich kein gutes Zeichen”, bemerkte Thalia leise.
“Nun haben wir wenigstens eine Alternative”, versicherte Geralt. “Eskel ist zäh. Er hat schon so manches weggesteckt.”
“Übrigens “weggesteckt” …”
Geralt horchte auf, hob die Hand, um Lambert das Wort abzuschneiden. „Yennefer kommt.“
Wenig später erschien die Zauberin im Eingang zum Labor. Die Erschöpfung war ihr deutlich anzumerken, auch wenn ihr Äußeres so makellos wie immer war. Ihr Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel aufkommen, dass ihre Bemühungen gescheitert waren.
“Wie geht es ihm?”, fragte Thalia.
“Er wird schwächer. Die Stasis kann die Vergiftung nicht viel länger aufhalten. Wir haben alles versucht, aber mit Magie können wir ihm nicht mehr helfen. Es tut mir leid …”
Thalia atmetet tief durch. Obwohl ihnen nun ein potenzielles Gegengift zur Verfügung stand, hatte sie doch darauf gehofft, dass die Zauberinnen einen Weg finden würden.
“Dann müssen wir es also mit dem Trank versuchen.” Thalia seufzte. “Mir wäre wohler, wenn wir noch die Zeit hätten, eine Probe durchzuführen. Ich bin zwar kein Freund von Tierversuchen, weil die Ergebnisse oft nicht übertragbar sind, aber in diesem Fall …”
“Das würde nichts bringen”, warf Geralt ein. “Ein Hexerkörper reagiert vollkommen anders auf Gifte als der eines Tieres oder eines Ungeheuers, das wir hier in der Gegend finden könnten. Außerdem fehlt uns die Zeit für Experimente. Wir müssen das Risiko eingehen und herausfinden, ob der edle Tropfen, den wir gebraut haben, funktioniert oder nicht.”
“An das “oder nicht” will ich lieber nicht denken. Eskel ist so schwach, dass ihn eine falsche Mischung umbringen könnte …”
“Aber ohne hält er auch nicht mehr lange durch”, gab Geralt zu Bedenken. Kurz zögerte er. Dann entkorkte er die Flasche und nahm einen kleinen Schluck daraus.
Yennefer stürzte sofort auf ihn zu. “Was tust du?” Ihre Miene spiegelte sowohl Zorn als auch Furcht und Sorge wider.
“Ich stelle mich als Versuchstier zur Verfügung. Damit wissen wir zwar immer noch nicht, ob der Trank wirkt, aber können zumindest beurteilen, wie stark die Nebenwirkungen einem Hexer zusetzen. Wir warten eine Stunde. Wenn sich bis dahin keine Symptome bei mir entwickeln sollten, die Eskel in seinem Zustand nicht überstehen würde, verabreichen wir ihm das Gegengift. Es ist die einzige Chance, die er hat.”

Nach einer Stunde des Wartens versammelten sich alle in Eskels Kammer. Die Nebenwirkungen hatten sich bei Geralt auf Übelkeit, leichte Magenkrämpfe und Hitzewallungen beschränkt - die üblichen Nachwirkungen der Hexertränke. Yennefer war zwar immer noch wütend auf ihn, stand nun jedoch an seiner Seite und lehnte sich an ihn, einen Arm um ihn geschlungen. Sie wusste, welch große Sorgen sich Geralt um seinen Freund machte, auch wenn er versuchte, seine Gefühle nicht zu zeigen.
Triss hob die Stasis auf, damit Eskels Organismus das Gegengift verarbeiten konnte. Es oblag Thalia, ihm den Trank zu verabreichen. Mit einer Pipette träufelte sie die grünliche Flüssigkeit in seinen Mund. Triss kontrollierte seinen Zustand und schien für den Moment zufrieden zu sein. Sie lächelte Thalia aufmunternd zu. “Es wird bestimmt bald wirken. Vielleicht wissen wir in ein paar Stunden schon mehr.”
“Ich werde den Gedanken nicht los, dass ich ihn jetzt gerade vielleicht umgebracht habe”, erwiderte Thalia mit erstickter Stimme. Geralt legte ihr eine Hand auf die Schulter. “Du hast dein Bestes getan und soviel ich gesehen habe, war das ziemlich gut. Nun bleibt uns nichts anderes, als darauf zu vertrauen, dass Eskel sich erholt.”
Lambert schnaubte. “In ein paar Tagen geht der Kerl uns allen wieder mit seinen alten Geschichten auf die Nerven. Oder noch schlimmer: Er treibt uns wieder an, dass wir mit den Reparaturen an dieser Bruchbude weitermachen sollen. “Lambert, bessere den Dachstuhl aus. Lambert, du hast dich ja noch immer nicht um die Mauer am Nordturm gekümmert. Lambert, wieso regnet es noch immer ins Treppenhaus?” So ging das den ganzen letzten Winter über. Wir sollten die ruhigen Stunden also besser genießen, bevor er aufwacht.” Thalia musste lachen, doch gleich darauf wurde daraus ein Schluchzen. Tränen brachen sich Bahn. Triss umarmte sie. Nach kurzer Zeit hatte Thalia sich wieder gefangen. “Entschuldigung, es tut mir leid. Ich habe wenig geschlafen in den letzten Tagen …”
“Ich weiß”, sagte Triss. “Ruh dich doch ein bisschen aus. Wir können jetzt sowieso nichts tun außer abwarten.”
Lambert setzte sich auf einen Stuhl in der Nähe des Kamins. “Leg dich schlafen, Thalia. Ich bleibe hier und passe auf den alten Kerl auf.”
“In Ordnung. Aber ruft mich bitte sofort, wenn sich etwas an seinem Zustand verändert.”
Als Thalia den Raum verlassen hatte, um sich in ihrer Kammer hinzulegen, wandte sich Triss Lambert zu. “So verständnisvoll? Ich dachte immer, du hasst es, wenn Frauen weinen.”
“Ach, halt die Klappe, Merigold.”

Natürlich schaffte Thalia es nicht, auch nur ein Auge zuzumachen. Vollständig bekleidet lag sie auf ihrem Bett in ihrem Zimmer und starrte die Decke an. Ihr Gefühlsausbruch von vorhin war ihr furchtbar peinlich, aber die Erschöpfung und die Sorge hatten sie die Kontrolle verlieren lassen. Da an Schlaf nicht zu denken war und sie sich auch nicht anderweitig ablenken konnte, stand sie auf und ging wieder zurück zu Eskels Zimmer. Inzwischen waren zwei Stunden vergangen, in denen das Gegengift Zeit gehabt hatte, seine Wirkung zu entfalten - möglicherweise wäre schon eine Verbesserung seines Zustandes festzustellen. Falls sie bei der Herstellung keinen Fehler gemacht hatten und sein veränderter Körper auf die Wirkstoffe so reagierte, wie sie es erhofften.
Durch die offene Zimmertür sah sie, dass Lambert seinen Posten offenbar geräumt hatte. Triss saß auf Eskels Bettkante und hielt seine Hand. In Thalias Magen verkrampfte sich etwas bei diesem Anblick. Dass Eskel viel für die Zauberin übrig hatte, war aus seinen Erzählungen unzweifelhaft hervorgegangen. Und wer konnte es ihm verdenken. Die Art, wie die Zauberin nun Eskels Wange berührte, ließ vermuten, dass sich auch von ihrer Seite aus mehr als nur freundschaftliche Gefühle zwischen den beiden abspielten. Auch Triss war in den letzten Tagen oft bis an ihre Grenzen gegangen, um Eskel zu helfen.
Thalia überlegte kurz, ob sie wieder kehrt machen sollte, aber sie wollte endlich wissen, ob der Trank Wirkung zeigte und Eskels Zustand sich verbessert hatte oder ob sie mit dem Schlimmsten rechnen musste.
Als sie das Zimmer betrat, sah Triss mit einem Lächeln zu ihr auf, wobei sie immer noch Eskels Hand hielt. “Thalia! Es scheint zu wirken! Sein Herzschlag ist kräftiger geworden. Sieh nur, er sieht schon wieder viel lebendiger aus.” Thalia trat näher. Nun sah auch sie die Veränderung. Eskels Haut hatte wieder einen gesunden Ton angenommen, die vorhin noch deutlich sichtbaren Adern waren verblasst. Sein Atem ging ruhig und tief. Die Stasis war einem gesunden Schlaf gewichen. Sie hatten es also tatsächlich geschafft!
Eskel bewegte sich. Thalia sah, wie seine Hand die von Triss leicht drückte. Obwohl sie sich unendlich darüber freute, dass er auf dem Weg der Besserung war, versetzte ihr diese Geste gleichzeitig einen Stich. Dennoch, die Erleichterung überwog alles andere. “Das ist gut. Sehr gut.”
Eskels Lider zuckten, er drehte den Kopf und stöhnte leise. Dann schlug er die Augen auf. Er schien ein paar Sekunden zu brauchen, um gewahr zu werden, wo er sich befand. Als sein Blick auf Triss fiel, schien er zuerst verwirrt, lächelte die Zauberin dann an. “Triss. Schön, dich zu sehen.”
Triss kicherte und wischte sich eine Träne aus dem Auge. “Eskel. Weißt du eigentlich, was für eine Angst du uns eingejagt hast?” Sie drückte seine Hand und blickte zu Thalia.
Nun wandte auch Eskel den Kopf in ihre Richtung, schien sie jedoch kaum zu erkennen. Er zog die Augen etwas zusammen, um schärfer zu sehen. “Thalia? Bist du das?”
“Ja. Ja, ich bin’s. Schön, dass es dir besser geht.”
Doch Eskel war schon wieder in den Schlaf zurückgefallen.
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