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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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29.06.2018 3.299
 
Die halb verfallene Festung war im Dunkel der Nacht mit bloßem Auge kaum auszumachen. Erst, als sie nur noch wenige hundert Meter von dem alten Bauwerk entfernt waren, konnte Thalia vage Umrisse ausmachen. Keine Fackel erhellte den Weg, keine Laterne beleuchtete das Tor, durch kein Fenster drang ein Lichtschein nach außen. Kaer Morhen wirkte nur wenig einladend. Doch Thalia fühlte unendliche Erleichterung, als sie über die Brücke ritten und das große Tor zum Innenhof passierten.
Auch im Hof war es stockfinster, was Lambert offensichtlich nicht daran hinderte, sich zu orientieren. Thalia hatte aufgehört, sich über die Nachtsichtfähigkeit der Hexer zu wundern. Schon auf dem Weg zur Festung hatte sie um sich herum nur noch vage Umrisse wahrnehmen können, während Lambert problemlos die Führung ihrer kleinen Kolonne übernommen hatte.
“Steigt vom Pferd ab und wartet hier”, hörte sie ihn nun ganz in ihrer Nähe sagen. Er hatte eine rauhe, leicht kratzige Stimme - ganz anders als Eskel. Als sie abgestiegen war, führte er offenbar Arenaria und sein eigenes Pferd ein Stück weiter, während Thalia weiterhin Skorpions Zügel hielt. Sie tastete blind nach Eskel, der über Skorpions Rücken lag und immer noch bewusstlos war. Als sie seine Halsschlagader gefunden hatte und seinen kräftigen Puls fühlte, atmete sie erleichtert auf. Zum Glück war es noch nicht zu spät.
Von weitem sah sie einen Lichtschein näher kommen. Lambert hatte - wohl ihretwegen - eine Fackel entzündet und kam nun mit großen Schritten auf sie zu.
“Gebt mir die Zügel, wir bringen ihn in die Halle”, erklärte Lambert. Er reichte ihr die Fackel und führte selbst Skorpion den Weg zum Hauptgebäude hinauf. Thalia folgte eilig.
Oben angekommen, hob Lambert Eskel vom Pferderücken und legte sich dessen Arm um die Schultern. Thalia beeilte sich, die Portaltür zu öffnen, sodass Lambert den Bewusstlosen ungehindert hineintragen konnte.
“Merigold!” Lamberts Stimme hallte in der großen Halle wider. Er legte Eskel auf eines der Betten, die an der Wand in der Nähe des Kamins standen. Das lodernde Feuer spendete eine angenehme Wärme. Thalia steckte die Fackel in eine Halterung an der Wand und trat sofort zu Eskel hinüber.
“Merigold!”
Thalia berührte Eskels Hand - seine Haut war kalt, jedoch spürte sie deutlich die Emanation, die von ihm ausging. Sie öffnete die Verschlüsse des Gurtes, der über seiner Brust lag und legte die beiden Schwerter neben seinem Bett auf den Boden.
Sie wollte sich gerade Lambert zuwenden, um ihn zu fragen, wie es nun weitergehen solle, als dieser zum dritten Mal aus voller Kehle den Namen der Zauberin rief.
“Ja, ja, ich komme ja schon”, hörte sie eine leise Stimme irgendwo aus dem hinteren Bereich der Halle, von wo eine Treppe in höhere Stockwerke führte.
Als die Gerufene sich näherte, kam Thalia nicht umhin, die Frau ob ihrer Erscheinung zu bewundern.
Die Zauberin trug nur ein leichtes, langes Nachtgewand, das an ihr jedoch aussah wie eine königliche Robe, die eine atemberaubende Figur erahnen ließ. Das rote Haar schien perfekt frisiert und fiel als feurige Mähne um die zarten Schultern der Frau. Obwohl sie augenscheinlich schon zu Bett gegangen war, betonten Lidstrich und Wimperntusche die strahlenden, kornblumenblauen Augen, die sinnlichen Lippen glänzten. Sie bewegte sich mit solch einer Grazie, dass sie eher zu schweben als zu gehen schien. Thalia fühlte sich schlagartig unscheinbar wie eine Maus. Hoffentlich standen die Fähigkeiten dieser Frau ihrer Schönheit in nichts nach und sie war in der Lage, Eskel zu helfen.
Als die Zauberin sah, wer dort auf dem Bett lag, weiteten sich ihre Augen und sie beschleunigte ihren Schritt. “Eskel! Was ist mit ihm passiert?”
Thalia erklärte ihr, was sie vorhin auf dem Weg bereits Lambert erzählt hatte. Die Miene der Zauberin verfinsterte sich während Thalias Ausführungen.
Sie trat näher an Eskel heran, berührte ihn an Stirn und Brust. Ein blasses Leuchten schien ihren Fingerspitzen zu entspringen. Triss Merigold schloss die Augen und konzentrierte sich ganz auf die magische Sondierung.
“Er ist sehr schwach. Das Gift hat bereits einige Organe geschädigt. Ich kann ihn nicht heilen - nicht allein. Dazu werde ich Hilfe benötigen. Aber ich kann seinen Körper in Stasis versetzen, damit es nicht zu weiteren Schäden kommt.”
Das Leuchten gewann an Intensität, wechselte die Farbe von weißlich zu einem hellen Blau. Eskels gesamter Körper wurde von diesem Leuchten eingehüllt, es schien in ihn einzudringen und verblasste dann wieder, bis es schließlich ganz verschwand. Die Zauberin schien sichtlich erschöpft zu sein, als sie die Berührung löste und sich an Thalia wandte.
“Ihr hattet Glück, dass Ihr Istredd überzeugen konntet, ihn zu stabilisieren - das hat Eskel zumindest etwas mehr Zeit erkauft. Aber auch, wenn er ein sehr fähiger Zauberer ist, mit Heilzaubern kennt er sich anscheinend nur wenig aus. Seine Behandlung hat die Auswirkungen der Vergiftung lediglich zurückgedrängt, nicht aber aufgehalten. Die Stasis sorgt jetzt zumindest dafür, dass keine weitere Verschlechterung eintritt.” Sie wandte sich an Lambert. “Yennefer und Geralt wollten eigentlich erst in ein paar Wochen kommen, aber unter diesen Umständen werde ich sie sofort kontaktieren. Mit Yennefer zusammen kann ich noch einige Zauber versuchen, die Eskel vielleicht helfen könnten. Ich nehme an, das Megaskop funktioniert noch?”
Lambert wirkte auf einmal peinlich berührt. “Vor drei Jahren hat es das auf jeden Fall noch ...”, murmelte er.
Die Zauberin wollte gerade zum Turmaufgang eilen, als Thalia sie am Arm berührte und zurückhielt.
“Bitte ... Frau Merigold ...”
“Nennt mich Triss.”
“Triss, bitte sagt mir, wie steht es um ihn? Besteht die Möglichkeit, ihn mit Magie zu heilen?”
Triss sah Thalia lange ernst in die Augen. “Ich weiß es nicht”, gestand sie schließlich. “Wir können nur versuchen, was in unserer Macht steht.”
Thalia atmete tief durch. “Ich verstehe.”
Die Zauberin machte sich auf den Weg zum Turm, um ihre Kollegin zu kontaktieren.
Thalia wandte sich an Lambert. “Ich würde gern im Labor die Arbeit am Gegengift aufnehmen. Ich weiß zwar nicht, wie schnell ich damit vorankommen und ob ich überhaupt erfolgreich sein werde, aber da ich nichts anderes für ihn tun kann ...”
Lambert nickte. Er hielt den Blick auf den reglosen Eskel gerichtet. “Krabbspinnen ... 94 Jahre alt und lässt sich von Krabbspinnen vergiften. Wenn mir das passiert wäre, würde er mich noch ewig damit aufziehen.” Thalia stutzte. 94 Jahre? Eskel sah nicht älter als Mitte oder Ende 30 aus. Sollten die Mutationen auch dafür verantwortlich sein? Oder hatte der Hexer bloß einen Scherz gemacht?
“Mit dem Leuchtfeuer habt Ihr mir übrigens einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Ich dachte schon, es hätte sich ein Portal zu einer anderen Welt geöffnet und so ein Dreckspack wie die Wilde Jagd würde gleich wieder hier einfallen”, sagte Lambert.
“Äh… tut mir leid.” Thalia war leicht irritiert und hatte keine Ahnung, wovon der Hexer eigentlich sprach. “Viel Hoffnung hatte ich nicht, dass überhaupt jemand das Signal sehen würde. Eskel war sich nicht sicher, ob Ihr schon hier sein würdet. Ich hatte kurz überlegt, ob ich versuchen sollte, Skorpion den Weg zur Festung suchen zu lassen, aber dafür hätte ich Eskel allein zurücklassen müssen. Ich habe es leider nicht geschafft, ihn aufs Pferd zu heben.”
Lambert lachte schnarrend. “Wundert mich nicht, der Kerl hat in letzter Zeit ganz schön zugelegt. Aber das hätte sowieso nicht funktioniert. Das schwarze Biest lässt außer seinem Herrn niemanden auf sich reiten. Steht übrigens noch vor dem Tor. Ich werd mich mal um den Klepper kümmern.
Sucht Euch eines der Betten aus. Ihr könnt auch ein Zimmer im Turm beziehen, aber dort ist es jetzt eiskalt. Morgen früh zeige ich Euch das Labor.” Lambert verließ die Halle und ließ Thalia mit Eskel allein zurück.
Sie trat zu seinem Bett und beschloss, es ihm etwas bequemer zu machen - auch, wenn er davon in seinem jetzigen Zustand vermutlich nichts bemerkte. Sie öffnete sein Wams, zog ihm die Stiefel aus und deckte ihn dann zu. Eskels Gesicht sah nun ganz entspannt aus, friedlich. Sie legte ihre Hand an seine unversehrte Wange.
“Schlaf gut, Eskel.”
Lambert hatte Recht, sie sollte sich jetzt auch ausruhen - morgen würde sie in aller Frühe mit der Arbeit im Labor beginnen. Sie zog Mantel und Stiefel aus und legte sich in das Bett neben Eskel. Vielleicht würde er trotz der Stasis spüren, dass er nicht allein war? Kurz entschlossen stieg sie wieder aus dem Bett und schob es ein Stück näher an Eskels heran.
Als Lambert eine halbe Stunde später zurückkam, nachdem er alle Pferde versorgt hatte, fand er Thalia bereits schlafend vor, Eskel zugewandt und seine Hand haltend.

Am nächsten Morgen erwachte Thalia durch die Stimmen eines Mannes und einer Frau, die an Eskels Bett standen. Thalia blinzelte den Schlaf aus ihren Augen und setzte sich im Bett auf. Der Mann wandte ihr seine Aufmerksamkeit zu. Ohne Zweifel war auch er ein Hexer, wirkte aber mit seinem weißen Haar, seinem hageren Gesicht und seinen stechenden Raubtieraugen deutlich bedrohlicher als Eskel oder auch Lambert. Vielleicht hatte sie sich aber auch einfach nur schon sehr an Eskel gewöhnt und Lambert gestern im Feuerschein nicht richtig betrachtet.  
“Ihr müsst Thalia sein”, sprach er sie nun mit unangenehmer Stimme an. “Lambert und Triss haben uns erzählt, was passiert ist. Danke, dass Ihr Eskel zu uns nach Kaer Morhen gebracht habt.”
Thalia stand aus dem Bett auf, richtete ihr Kleid und ihr Haar - bestimmt sah sie ganz grauenvoll abgerissen aus. Aber sie hatte keine Geduld, sich darum Gedanken zu machen. So schnell wie möglich wollte sie mit der Arbeit im Labor beginnen.
“Das ... das war doch selbstverständlich. Bitte sagt mir, könnt Ihr ihm helfen? Die Zauberin Merigold war sich gestern nicht sicher, ob Magie ihn heilen kann. Vielleicht lässt sich in eurem Labor etwas finden, das ihm hilft? Eskel sprach von Tränken und Mutagenen ...”
“Wir werden beides versuchen. Ihr seid Alchemistin, nicht wahr?”
Thalia nickte. “Eskel hat für mich Krabbspinnenorgane beschafft - hätte ich ihn nicht beauftragt, dann wäre das alles nicht passiert … Ich möchte versuchen, aus den Leberenzymen ein Gegengift herzustellen. Meint ihr, dass das auch bei einem Hexer helfen könnte?”
“Einen Versuch scheint es wert zu sein.”
Thalia wandte ihre Aufmerksamkeit der Zauberin zu, die sich über Eskel gebeugt hatte und ihn untersuchte. Ganz in Schwarz und Weiß gekleidet, mit lockigem schwarzen Haar und umwerfend schön. Das musste also Yennefer sein, von der Frau Merigold gestern gesprochen hatte. So schnell, wie der Hexer und die Zauberin eingetroffen waren, schienen sie auch per Portal gereist zu sein.
“Triss hat gute Arbeit geleistet”, stellte die Frau, die eine natürliche Autorität ausstrahlte, nun fest. “Sein Zustand ist jetzt stabil, die Stasis hält ihn am Leben und verhindert eine weitere Schädigung. Zumindest für eine gewisse Zeit. Geralt, ich werde mich mit Triss beraten, wie wir die Vergiftung zurückdrängen können. Bis später.” Sie verschwand in Richtung des Treppenaufgangs, ohne Thalia eines Blickes gewürdigt zu haben.  
Dies war also Geralt, von dem Eskel öfters erzählt hatte und den ihre Freundin Shani in guter Erinnerung behalten hatte - auch wenn ihre Affäre nur kurz gedauert hatte. Thalia merkte, wie sich das anfängliche Unbehagen, das sie in der Gegenwart des Hexers empfunden hatte, legte. Dieser Mann war Eskels Freund, sein Bruder. Das bedeutete, dass auch sie ihm Vertrauen schenken konnte.
Sie sah, dass ihre Satteltaschen neben ihrem Bett lagen - vermutlich hatte Lambert sie gestern dort abgelegt. Dieser betrat auch gerade die Halle. Anscheinend kam er aus der Küche, denn er hatte ein gebratenes Stück Fleisch in der Hand, von dem er nun herzhaft abbiss. Thalia verspürte zwar auch ein wenig Hunger, aber ein Frühstück stellte sie sich doch etwas anders vor. Sie nahm ihre Taschen - am besten würde sie gleich beginnen.
“Meister Lambert. Meister Geralt. Dürfte ich mir bitte das Labor ansehen? Ich möchte keine Zeit verlieren und so schnell wie möglich die Organe verarbeiten und mit der Forschung beginnen.”
“Klar”, nuschelte Lambert kauend. “Kommt mit, ich zeige Euch den Weg.”
“Danke.” Sie nickte dem weißhaarigen Hexer zu. “Meister Geralt.” Er erwiderte ihren Gruß.
Sie folgte Lambert zu einer Treppe, die ins Untergeschoss führte. Die Luft roch hier leicht abgestanden und feucht. Lambert hatte zum Glück eine Fackel mitgenommen, um ihr den Weg zu beleuchten. Er führte sie in einen großen Raum, in dem er die Laternen in den Wandhalterungen mit Igni entzündete.  Thalia sog die Luft ein. Nach und nach enthüllten die vertriebenen Schatten ein Labor, dass jedes Alchemisten Herz höher schlagen lassen würde. Destillen, Alembiks, Retorten und Glaskolben standen auf den verstaubten Tischen, die Wandregale füllten unzählige Flaschen, Dosen und Tiegel. Thalia fühlte sich augenblicklich wohl in diesem großen Raum. Man sah deutlich, dass hier seit längerer Zeit niemand mehr gearbeitet hatte. Ein Umstand, den Thalia ändern wollte.
Mit geübtem Blick hatte sie schnell erfasst, dass hier alle Gerätschaften vorhanden waren, die sie benötigte.
Lambert verneigte sich mit einer spöttischen Geste. „Willkommen im Labor der Wolfsschule. Hoffentlich erweisen sich unsere bescheidenen Räumlichkeiten der gelehrten Alchemisten von der Akademie als würdig.“
“Dankeschön”, erwiderte Thalia, den Sarkasmus bewusst ignorierend. “Das Labor ist perfekt. Wenn auch ein wenig schmutzig.”
„Glaubt ja nicht, dass ich Euch beim Putzen helfe. Saubermachen soll ja eine der nützlichsten weiblichen Qualitäten sein. “
Thalia seufzte genervt. Diese Einstellung war ihr auch an der Universität oft genug begegnet...
„Keine Sorge, das schaffe ich schon alleine. Wenn ich mich beeile, sollte ich heute noch mit der Extraktion der Enzyme fertig werden. Vielleicht könnte ich danach aber etwas Hilfe gebrauchen. Eskel erwähnte, dass Ihr auch einige Mutagene in eurem Bestand habt. Damit kenne ich mich leider überhaupt nicht aus, aber möglicherweise könnten diese eine bessere Aufnahme der Enzymeigenschaften im Körper bewirken. Was meint Ihr?”
“Könnte sein - oder es bringt einen um. Wir haben noch ein paar alte Vorräte an Mutagenen. Früher wurde hier viel damit gearbeitet. Aber das meiste des Wissens darum ist schon vor langer Zeit verloren gegangen…
Dummerweise ist Eskel derjenige von uns, der sich am besten mit Alchemie auskennt. Geralt hat mir mal erzählt, dass es ihn schon während ihrer Ausbildung an den Rand der Verzweiflung gebracht hat, weil Eskel immer ewig gebraucht hat, um seine Tränke fertigzustellen. Aber seine waren wohl damals schon die Stärksten. Hat den alten Vesemir immer gefreut, dass wenigstens einer von uns sorgfältig arbeitet. Ich bin da eher von der schnellen Sorte. Eskel macht sich immer darüber lustig, wie ich meine Tränke braue. Tja, und jetzt ist er derjenige, der trotz alledem mit einer Vergiftung kämpft. Verdammte Scheiße ...”
Lambert presste die Lippen zusammen.
Thalia begann, alle notwendigen Gerätschaften auf den großen Arbeitstisch zu räumen. Dass sie geübt im Umgang damit war, war offensichtlich.
Nach ihrer Ankunft gestern Abend war Lambert zunächst skeptisch gewesen, ob sie der Frau trauen könnten. Ihre Geschichte ergab zwar Sinn, aber da Eskel sich in seinem Zustand nicht dazu äußern konnte, hatten sie nur das Wort einer Unbekannten. Als er die Pferde versorgt hatte, hatte Lambert deshalb ihr Gepäck durchsucht und den Geleitbrief der Universität gefunden, der ihre Identität zu bestätigen schien. Nachdem er sich heute früh, als sie noch schlief, mit Geralt beraten hatte, hatten sie beschlossen, der Alchemistin zu vertrauen - vorerst zumindest.
Außerdem würde er sie sicherheitshalber im Labor im Auge behalten.
Augenscheinlich wirkte sie sehr besorgt um Eskel - etwas zu besorgt für eine schlichte Auftraggeberin, die sich verantwortlich fühlte. Sollte Eskel vielleicht eine sich bietende Gelegenheit genutzt haben und der “Dame in Not” nicht nur seine Dienste als Hexer angeboten haben?
Bei dem Gedanken stahl sich ein spöttisches Grinsen auf Lamberts Gesicht. Eigentlich hielt sich der pflichtbewusste Eskel doch immer an seine Grundsätze - und einer davon war, keine Beziehungen zu Kundinnen aufzubauen. Lambert hatte zwar immer vermutet, dass dieser Grundsatz eher als Rechtfertigung diente, wenn er selbst und Geralt sich mit ihren Eroberungen rühmten ... Aber was waren Grundsätze heutzutage eigentlich noch wert?
“Ich suche Euch alle Zutaten heraus, die vielleicht nützlich sind. Und in der Bibliothek gibt es möglicherweise ein paar alte Schinken, die Euch interessieren könnten. Scheiß auf geheimes Hexerwissen.”

Geralt blickte auf seinen Bruder herab, die Stirn besorgt gerunzelt. Er hatte sich einen Stuhl neben Eskels Bett herangezogen. Im Moment konnte er nichts tun, um seinem ältesten Freund zu helfen und diese Ohnmacht zehrte an seinen Nerven.
Gestern Nacht, als Yen und er schon zu Bett gegangen waren, hatte sich auf einmal das Megaskop, das Yen in ihrem Schlafzimmer installiert hatte, aktiviert. Das projizierte Abbild von Triss hatte Geralt sofort in Alarmbereitschaft versetzt. Seit ein paar Jahren pflegten er und Yen zwar noch einen regelmäßigen Kontakt zu ihrer alten Freundin, aber ein Ruf mitten in der Nacht konnte nichts Gutes bedeuten. Einen kurzen Augenblick lang hatte Geralt befürchtet, dass Triss gehofft haben könnte, ihn allein anzutreffen, um ihm wieder einmal ihre Gefühle zu gestehen. Aber den Gedanken hatte er sofort wieder verworfen, als er den besorgten Gesichtsausdruck der Zauberin bemerkt hatte.
Yen und er waren dann sofort aufgebrochen, nachdem sie auf die Schnelle das Notwendigste gepackt hatten. Die Strecke zwischen Toussaint und Kaer Morhen war zu weit für einen einzigen Teleport, deshalb hatte Yen sich mehrerer Zwischenstationen bedient. Auch nach all den Jahren hasste Geralt es, auf diese Weise zu reisen. Aber da die Zeit drängte, hatte er ohne zu protestieren zugestimmt. Als sie in der Festung angekommen waren, war Yen deutlich anzumerken, wie sehr sie die Erschaffung der Portale erschöpft hatte. Sie hatten ihr altes Zimmer, ganz oben im Turm, bezogen, das sie immer benutzten, wenn sie Kaer Morhen einen Besuch abstatteten. Nachdem Geralt den Kamin angefacht hatte, war es schnell erträglich warm geworden, sodass sie die Nacht eng aneinandergeschmiegt und in Decken gewickelt im Bett verbracht hatten.
Yen war nun dabei, sich mit Triss über Zauber zu beraten, die Eskel helfen könnten. Lambert half der Alchemistin im Labor. Ihm selbst blieb nichts Sinnvolles zu tun übrig, außer seinem Bruder Gesellschaft zu leisten.
Ihm wurde die Ironie der Situation bewusst… Früher, als Eskel und er sich während ihrer Ausbildung eine Schlafkammer geteilt hatten, hatte Eskel immer an seinem Bett gewacht, während Geralt sich von den weiteren Mutationen erholt hatte, denen er unterworfen worden war. Zusammen mit einer Handvoll anderer “Glücklicher” war Geralt damals für Experimente ausgewählt worden. Zusätzlich zu den Veränderungen, denen alle jungen Hexer, die die Kräuterprobe überlebten, durchmachten, waren ihm und den anderen Jungen weitere Tränke, Mutagene und Zauber verabreicht worden. Geralt war der einzige der Probanden gewesen, der die Prozedur überlebt hatte. Als er zu den anderen jungen Hexern zurückgebracht wurde, war sein Haar weiß geworden und sein Körper noch weniger menschlich, als er es nach der Kräuterprobe gewesen war. Schlimmer noch als die körperlichen Veränderungen aber wirkten sich die psychischen Nachfolgen der Behandlung aus. Geralt war apathisch, nahm nicht mehr am gewohnten Leben in der Festung teil und schlief kaum noch. Nächtelang starrte er schweigend an die Zimmerdecke, tief versunken in die Schrecken, die sich in seine Seele gefressen hatten. Er hatte keinerlei Gefühle mehr in sich gespürt - außer einer unbändigen, lähmenden Wut. Und Trauer.
Der einzige Halt, der ihn damals noch mit der realen Welt verbunden hatte, war Eskel gewesen. Die anderen jugendlichen Hexer hatten Geralt gemieden, nicht jedoch sein Zimmerkamerad. Eskel hatte unermüdlich versucht, zu Geralt durchzudringen, hatte nächtelang auf ihn eingeredet - ihn mit selbst ausgedachten Geschichten versucht, aus seiner Apathie zu führen. Und seine Beharrlichkeit hatte Erfolg gezeigt. Nach mehreren Wochen hatte Geralts Mundwinkel gezuckt, als Eskel ihm eine - eigentlich alberne - Geschichte erzählt hatte. Als Geralt nach Wochen der Stille einen Kommentar zur Pointe abgab, war Eskel zunächst erschrocken. Den anschließenden erleichterten Ausdruck auf dem Gesicht seines Freundes würde Geralt nie vergessen.
Als Geralt nach und nach wieder am Leben in der Festung teilnahm, begegneten ihm die anderen immer noch mit Skepsis und Misstrauen. Doch Eskel, der recht große Beliebtheit und Respekt genoss, hatte es geschafft, dass Geralt im Laufe der Zeit von den jungen Hexern wieder als einer der ihren akzeptiert wurde.
Geralt fragte sich, was wohl aus ihm geworden wäre, hätte er damals keinen so guten Freund wie Eskel gehabt ...
Doch jetzt konnte er selbst für seinen Freund nichts tun - keine Geschichte der Welt würde Eskel nun helfen. Aber vielleicht drang der Klang einer vertrauten Stimme ja trotzdem zu ihm durch. Geralt begann zu erzählen.
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