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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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20.06.2018 2.249
 
Sie befand sich nach einer Sekunde, in der sie glaubte keine Luft zu bekommen und komplett die Orientierung zu verlieren, mitten auf einer Lichtung im Wald. Arenaria schnaubte neben ihr. Erleichtert atmete Thalia auf.
Wenige Meter entfernt stand Eskel. Skorpion neben ihm sah schon wieder recht entspannt aus und knabberte am Gras zu seinen Füßen.
“Alles in Ordnung? Wie fühlst du dich?”
“Eigentlich gut”, antwortete Thalia. “Mir ist ein klein wenig schwindlig, aber sonst ... Ohhh…” Von einem Moment auf den anderen verspürte sie eine heftige Übelkeit. Sie stürzte hinter das nächste Gebüsch und erbrach sich. Als der Anflug vorbei war, trat sie zurück auf die Lichtung.
“Tut mir leid. Jetzt geht´s mir besser …”
Eskel lächelte verständnisvoll. “Mach dir nichts daraus. So geht es fast jedem beim ersten Mal.”
Thalia bemerkte jetzt erst, dass man leise das Plätschern eines Baches oder kleinen Flusses hören konnte - das musste der Gwenllech sein.
“Wie weit ist es noch von hier aus?”
“In drei bis vier Stunden sollten wir da sein. Lass uns am besten direkt aufbrechen. In zwei Stunden geht die Sonne unter und es wäre besser, wenn wir dann schon das größte Stück des Weges hinter uns hätten.”

Zweieinhalb Stunden waren sie nun unterwegs. Eskel hätte den Weg vermutlich auch mit verbundenen Augen gefunden, aber für Thalia sahen die Abzweigungen und Pfade durch den Wald alle gleich aus. Allein würde sie sich hoffnungslos verirren.
Eskel hielt sich aufrecht im Sattel, Thalia befürchtete jedoch, dass die Vergiftungssymptome schon wieder stärker geworden waren. Wenn er sich von ihr unbeobachtet fühlte, schlich sich ein Ausdruck des Schmerzes auf sein Gesicht, der sofort verschwand, sobald er ihren Blick bemerkte. Thalia war froh, dass sie die Hexerfestung bald erreichen sollten. Hoffentlich war dieser Hexerbruder von Eskel wirklich schon dort. Lombard oder so ähnlich … Ansonsten würde sie selbst versuchen müssen, sich im Labor der Festung zurecht zu finden und die von Eskel beschriebenen Substanzen und Mutagene ausfindig zu machen. Auf Eskels Hilfe konnte sie dabei nicht mehr vertrauen.
Wenn sie nur etwas mehr Zeit hätte! Ein oder zwei Wochen vielleicht und sie wäre in der Lage, eine erste Probe des Gegengifts aus den Krabbspinnenorganen herzustellen. Ob diese auch bei Hexern wirken würde, stand jedoch auf einem ganz anderen Blatt … Aber es war unsinnig, überhaupt daran zu denken. Eine Woche würde Eskel nie und nimmer mehr durchhalten - es sei denn, die Hexertränke würden doch noch ein Wunder bewirken.
Plötzlich, ohne Vorwarnung, rutschte Eskel seitlich aus dem Sattel und schlug hart auf dem Boden auf. Thalia sprang sofort von Arenarias Rücken und eilte zu ihm. Er war halb bewusstlos und stöhnte schmerzerfüllt - ob durch den Sturz oder die Vergiftung konnte Thalia nicht sagen.
Bei allen Göttern, bitte nicht. Nicht so kurz vor ihrem Ziel, nicht, nachdem sie endlich wieder Hoffnung hatte, dass alles gut werden würde.
“Eskel! Eskel, kannst du mich hören? Wir haben es bald geschafft. Du muss nur noch ein bisschen durchhalten. Bitte halte durch!”
Sie versuchte, die aufsteigende Panik zu vertreiben. Sie musste einen Weg finden, ihn so schnell wie möglich nach Kaer Morhen zu bringen. Aber wie sollte sie allein den Weg finden? Das letzte Licht der Abenddämmerung würde bald der Dunkelheit der Nacht weichen - dann wäre es unmöglich, ohne Führer die verborgene Festung zu finden. Vielleicht kannte Skorpion den Weg? Er musste doch bestimmt schon viele Male mit seinem Herrn hier entlanggekommen sein ...
Thalia erhob sich und ging zu dem Hengst hinüber. “Skorpion, mein Großer. Eskel braucht dich jetzt. Ich brauche dich jetzt. Komm her, mein Guter. Geh runter. Ja, richtig, so ist es gut.” Überraschenderweise gehorchte ihr das Tier und ging auf die Knie. Irgendwie musste sie es schaffen, Eskel über den Sattel zu legen. Dieser hatte inzwischen komplett das Bewusstsein verloren, sein Puls war aber immer noch kräftig. Als sie seinen Arm um ihre Schultern legte und versuchte, ihn anzuheben, wurde ihr klar, dass ihr Plan nicht gelingen würde. Sie schaffte es kaum, seinen Oberkörper vom Boden zu heben. Mit aller Kraft versuchte sie, ihn auf Skorpions Rücken zu hieven - wieso war er auch nur so groß und muskulös? Und wieso war sie verdammt nochmal nicht kräftiger? Nach zwei weiteren Versuchen gab sie es auf. Es ging einfach nicht.
Atemlos legte sie Eskel wieder auf dem Boden ab, breitete seine Schlafmatte neben ihm aus und rollte ihn darauf, wickelte anschließend die Decke um ihn, damit er nicht auskühlte.
Was sollte sie nur tun? Einfach hierzubleiben und die Nacht abzuwarten war keine Option. Ihn zurücklassen und mit Skorpions Hilfe allein versuchen, den Weg zu finden? Als letzte Möglichkeit vielleicht, aber was, wenn niemand in der Festung sein sollte, der ihr helfen konnte? Wenn sie sich trotz Skorpion in der Wildnis verirrte? Wenn sie nicht zu Eskel zurückfinden würde? Wenn ihm etwas während ihrer Abwesenheit zustieße, er von wilden Tieren angefallen würde?
Oder wenn er hier allein sterben würde?  Der Gedanke daran schnürte ihr die Kehle zu, deshalb verdrängte sie ihn schnell.
Ihr musste etwas Besseres einfallen …
Sollte dieser Lombard schon in der Festung sein und sich diese wirklich in der unmittelbaren Nähe befinden, musste sie irgendwie seine Aufmerksamkeit erregen. Vielleicht käme er dann, um nach dem Rechten zu sehen … Eine schwache Hoffnung, wie ihr durchaus bewusst war. Aber eine Option, die sie in die Tat umsetzen konnte. Was sie brauchte, war ein Leuchtfeuer. Und kein kleines, schwaches, kurzlebiges, das man leicht übersehen konnte. Es musste so lange und hell brennen, um in weitem Umkreis alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Thalia schöpfte neuen Mut. Eine konkrete Problemstellung, eine Aufgabe, die sie lösen musste - damit konnte sie umgehen.
Sie überlegte, welche Zutaten sie benötigen würde und welche davon ihr zur Verfügung standen. Eskel hatte doch noch einige der Bomben übrig, die er zur Sicherheit vor dem Kampf mit den Krabbspinnen an seinem Gürtel befestigt hatte. Sie durchwühlte seine Satteltaschen auf der Suche nach den handlichen Kugeln. Da, da waren sie. Thalia drehte vorsichtig die Verschlusskappe der Verschalung auf und schnupperte. Salpeter. Äther. Rebis. Und Phosphor, wenn sie sich nicht täuschte. Perfekt. Damit ließe sich etwas anfangen. Es fehlte nur noch ...
In ihrer eigenen Tasche fand sie, was sie gesucht hatte: Die “Feuerarmbrust” und das Fläschchen mit dem Zündpulver. Die darin enthaltene Kohle, das Kaliumnitrat und der Schwefel sollten bei Entzündung mit den Inhaltsstoffen der Bomben reagieren und ein Leuchtfeuer ergeben, das seines gleichen suchte ...
Das Rohr der Feuerwaffe sollte sich als Behältnis eignen, um einen nach oben gerichteten Strahl zu erzeugen.
In einer kleinen Schale mischte sie die Zutaten vorsichtig. Um das Pulver später zu entzünden, entnahm sie den Feuerstein aus der Zündvorrichtung der Waffe.
Es war schon beinahe dunkel geworden. Sie ärgerte sich darüber, dass sie es eben, im letzten Tageslicht, verpasst hatte, Feuerholz zu sammeln. Aber da erst vor kurzem ein Regenguss niedergegangen war, hätte sie wahrscheinlich ohnehin kein trockenes Holz gefunden.
Thalia grub mit bloßen Händen ein kleines Loch in den Boden, in das sie das Rohr steckte und die Erde darum festdrückte.
Sie riss eine Seite aus einem ihrer wertvollen Bücher und formte damit einen provisorischen Trichter, um das Pulver in das Rohr zu füllen. Als sie mit Hilfe des Feuersteins einen Funken erzeugen wollte, um das Papier zu entzünden, glitt ihr dieser aus den Fingern.
Nein, das durfte nicht passiert sein! Hektisch tastete sie den Boden ab - der voller kleiner Steine war! Wie sollte sie nur den Feuerstein unter den Kieseln wiederfinden, ohne Licht?
Tränen schossen ihr in die Augen. Denk nach, Thalia, denk nach… einen zweiten Feuerstein hatte sie nicht. Olbertz und Jonas hatten die weiteren in ihrem Gepäck gehabt. Eskel würde auch keinen in seinen Taschen haben, er konnte ja einfach mit Igni ein Feuer entzünden ...
Thalia riss die Augen auf. Das war die Lösung!
Sie rief sich die Geste in Erinnerung. Eskel hatte ihr die Zeichen doch so geduldig gezeigt ... gestern erst, als sie noch hoffte, alles sei in Ordnung. Sie formte das Zeichen mit der linken Hand und konzentrierte sich. War das so richtig? Es tat sich überhaupt nichts.
Sie versuchte es weiter, immer und immer wieder, schloss die Augen, versuchte, sich einen Funkten vorzustellen, ein Feuer, das kraftvoll loderte.
Und endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, gelang es ihr, einen kleinen Funken zu erzeugen. Lächerlich im Vergleich zum Feuerstrahl, den Eskel so problemlos erschaffen konnte. Aber er reichte aus, um das Papier zu entzünden.
Thalia war so überrascht ob ihres Erfolges, dass sie ein paar Sekunden lang nur auf das brennende Blatt starrte. Dann nahm sie schnell die bereitgelegte Zange und steckte das lodernde Papier in das Rohr. Sofort entzündete sich die Mischung. Ein gleißender Strahl grünlich lumineszierenden Lichts schoss in den Himmel und erhellte die Umgebung.
Thalia entfuhr ein Freudenschrei. Die Erleichterung, dass ihr Plan geglückt war, gab ihr neue Kraft.
Sie blickte zu Eskel hinüber, der in ein paar Schritt Entfernung in Decken eingewickelt lag. Sie ging zu ihm, kniete sich neben ihn und bettet seinen Kopf auf ihrem Schoß. Zärtlich strich sie ihm eine Strähne seines Haars aus der Stirn. Im grünen Schein des Leuchtfeuers wirkte er totenblass. Er stöhnte leise, murmelte ein paar unverständliche Worte. Thalia beugte sich näher zu ihm hinunter.
“…dein Haar leuchtet wie Feuer ... wunderschön …”
Thalia schluckte. Eskel schien zu träumen. Von einer schönen Frau mit rotem Haar. Der Zauberin Merigold wahrscheinlich.
Ob sie es wollte oder nicht, es versetzte ihr einen Stich, sich vorzustellen, dass er sich nach dieser Frau sehnte.
Obwohl ihr bewusst war, dass sie kein Recht dazu hatte. Was hatte sie sich denn vorgestellt? Dass er Gefühle für sie entwickeln würde? Ausgerechnet ein Hexer? Sie war seine Auftraggeberin, natürlich war er nett zu ihr gewesen. Sie schalt sich eine Närrin, dass sie Freundlichkeit mit etwas ... etwas anderem verwechselt zu haben schien.
Aber war es nicht eigentlich auch gleichgültig? Wenn niemand das Leuchtfeuer sah, wäre dies sowieso das Ende.

“Scheiße, was ist DAS denn?” Lambert legte die Axt zur Seite, mit der er eben noch Feuerholz im Hof gehackt hatte. Auch wenn der Winter erst noch bevorstand, war es abends schon bitterkalt in der Festung. Deshalb hatte er einen kleinen Vorrat für die nächsten Tage anlegen wollen.
Doch der grünliche Lichtstrahl, der in den schwarzen, sternenlosen Himmel stach, fesselte seine Aufmerksamkeit.
Einen Moment lang überlegte Lambert, einfach hineinzugehen, sich ans Feuer zu setzen und bei einer Flasche Schnaps den gemütlichen Teil des Abends einzuläuten. Wozu sich die Eier abfrieren für was auch immer …  Aber der Ursprung des Lichts schien in unmittelbarer Nähe zu sein.
Lambert kämpfte noch kurz mit sich. Dann machte er sich auf zum Stall.

In der letzten halben Stunde war es immer kälter geworden. Thalia hatte sich dicht neben Eskel auf der Decke ausgestreckt, um ihn zusätzlich zu wärmen. Von ihrer Euphorie nach der Entzündung des Leuchtfeuers war nichts mehr übrig geblieben. Das Licht war nach und nach blasser geworden, bis es vor ein paar Minuten endgültig verloschen war. Sie musste es sich eingestehen: Es würde keine Hilfe kommen. Eskel würde hier im Wald sterben, sein Zuhause so nah und doch unerreichbar. Und es gab nichts mehr, was sie tun konnte, um ihm zu helfen. Es war alles ihre Schuld.
“Es tut mir leid, Eskel.” Sie versuchte vergebens, ein Schluchzen zu unterdrücken und legte ihre Arme um ihn. “Es tut mir so leid.” Ihre Stimme versagte ihr den Dienst.
“Ach du Scheiße ... Eskel?”
Thalia schreckte auf. Es war stockfinster, in der mondlosen Nacht konnte sie nicht die Hand vor Augen sehen. War da jemand? Hatte gerade jemand in der Nähe gesprochen?  
“Ha… Hallo? Wer seid Ihr?” Keine Antwort. Derjenige, dessen Bewegungen sie leise im Gebüsch hören konnte, schien kein Licht zu benötigen, um sich zu orientieren. War er etwa…
Sie hörte ein Pferd schnauben, ob seines oder eines der ihren konnte sie nicht sagen.
Der Mann, den sie nun vage erkennen konnte, war neben Eskel in die Hocke gegangen.
“Wer seid Ihr? Und wieso liegt Eskel hier bewusstlos am Boden?”
Thalia stieß einen erleichterten Seufzer aus. “Seid Ihr ... seid Ihr Lombard?”
“Lambert. Was ist mit ihm passiert?”
“Wir müssen ihn so schnell wie möglich in die Festung bringen. Eskel wurde von Krabbspinnen vergiftet, er braucht dringend Hilfe.”
“Krabbspinnen? Wie hat der Idiot das denn angestellt? Und wo soll das passiert sein? Hier in der Gegend gibt es keine Krabbspinnen.”
“In der Nähe von Aard Carraigh. Die Vergiftung liegt schon ein paar Tage zurück. Wir sind noch bis Aedd Gynvael gekommen. Von dort aus hat uns ein Zauberer per Portal hierher geschickt.”
Sie hörte ein abfälliges Schnauben.
“Wenn Ihr das sagt ... Dann schaffen wir ihn am besten mal sofort nach Hause.”
Thalia hörte ein schabendes Geräusch, so als würde ein Schwert zurück in seine Halterung geschoben.
Lambert legte sich Eskels Arm über die Schultern und trug ihn zu Skorpion hinüber. Er wuchtete den Bewusstlosen bäuchlings über den Sattel. Was Thalia eben unter großen Anstrengungen nicht gelungen war, schaffte er anscheinend mühelos.
“Nochmal: Wer seid Ihr eigentlich?”
“Ich… Ich bin Thalia van de Wintervoord, Alchemistin aus Oxenfurt.”
“So so, Thalia van de Wintervoord, Alchemistin aus Oxenfurt, Ihr seht wahrscheinlich so gut wie nichts mehr, oder? Hier, gebt mir eure Hand. Hier ist euer Pferd. Nehmt Skorpions Zügel, ich nehme die euren. Wir bilden eine Kette. Es ist nicht weit, in einer Viertelstunde sind wir da. Dann kann sich Merigold ersteinmal um Eskel kümmern.”
Merigold. Die Zauberin war also auch in Kaer Morhen.
In Thalia kämpften unterschiedliche Gefühle. Einerseits schöpfte sie Hoffnung, dass die Zauberin Eskel vielleicht würde helfen können. Andererseits ... Sie unterdrückte diesen Gedanken. Solange Eskel überleben würde, war alles andere egal.
Sie überließ es Lambert, ihnen den Weg zu weisen.
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