Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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11.05.2018 1.555
 
“Komm schon. Jetzt mach es uns beiden doch nicht schwerer, als es sein muss. Du weißt doch, wie das hier enden wird ...”
Der bereits verletzte Wyvern wich ein Stück zurück, nur um mit seinem stachelbewehrten Schwanz zu einem mächtigen Schlag auszuholen. Eskel warf sich mit einer Rolle zu Boden und sprang in sicherer Entfernung sofort wieder auf die Füße. Der Draconide wusste um die Gefahr für seine Brut und verteidigte das Gelege bis zum letzten Atemzug. Doch dem Hexerschwert hatte er nichts entgegenzusetzen. Eskel täuschte einen Angriff von der linken Seite vor, ging dann zu einer blitzschnellen Pirouette über und schlug dem Wyvern das Schwert in die rechte Seite, direkt unterhalb des Flügels. Die Bestie stieß einen schrillen Schrei aus und ging zu Boden. Der Hexer setzte zum Sprung an und versetzte dem Wyvern den Todesstoß.
Als es vorbei war ließ er seinen Atem zur Ruhe kommen und sah sich den Kratzer an seinem linken Arm an. Der Draconide hatte ihn mit seinem Schwanzstachel gestreift. Die Wunde war nur oberflächlich, doch Eskel spürte bereits das Brennen des Giftes unter seiner Haut. Zum Glück hatte er sich vor dem Kampf mit einem Trank, der die Wirkung des Toxins abschwächte, auf die Konfrontation vorbereitet.
Die Saison neigte sich dem Ende zu. Die Auftragslage war in diesem Jahr sogar noch ein wenig schlechter gewesen, als in den Vorjahren. Hauptsächlich hatte Eskel sich um die Beseitigung von Draconiden und Nekrophagen gekümmert. Der spektakulärste Auftrag war die Jagd auf einen Flatterer gewesen, der die Umgebung von Heidfelde unsicher gemacht hatte.
Von Jahr zu Jahr wurden es weniger Ungeheuer und Bestien, die die Menschen und ihr Vieh bedrohten. Und immer öfter nahmen sich beherzte Dorfbewohner selbst der Bedrohung an und zogen mit Forken, Knüppeln und Armbrüsten gegen die weniger gefürchteten der unerwünschten Kreaturen ins Feld.
Zur größten Gefahr für die Menschen war der Mensch selbst geworden. Redanien, Temerien und die nördlichen Königreiche hatten in der letzten Dekade stark unter dem Joch der Kriege gelitten, die die Mächtigen auf dem Rücken der Bewohner austrugen. Doch das war keine Angelegenheit der Hexer.
Eskel nahm eine der letzten zwei verbliebenen Samum-Bomben aus der Tasche. Zum Anfang der Saison waren es 20 Sprengsätze gewesen. In der Winterpause würde er in Kaer Morhen neue anfertigen müssen.
Er entzündete die Zündschnur und warf die handliche Bombe in das Nest des Wyvern. Dann trat er ein paar Schritte zurück und erzeugte mit Hilfe des Zeichens Quen einen Schutzschild, der ihn vor der Druckwelle und möglichen Gesteinssplittern abschirmen würde. Er spürte die Erschütterung des Bodens, die der Detonation folgte. Danach ging er zum Nest zurück, um sich von der Vernichtung des Geleges zu überzeugen. Mit dem Ergebnis zufrieden zog er ein Tuch aus seiner Tasche und reinigte damit die Schneide seines Schwertes vom Blut des Draconiden. Dann wandte er sich ab und rief nach Skorpion, seinem Schlachtross. Es war an der Zeit, die Prämie in Empfang zu nehmen.

“Tja, also, Meister Hexer …” Der Dorfschulze von Maulbeertal kratzte sich verlegen an der Nase. “Das ganze Dorf hat zusammengelegt, aber wir kommen nur auf 42 Kronen. Da beißt keine Maus den Faden ab ...”
“Vereinbart waren aber 50 Kronen.”
“Ja ja, keine Frage, das hatten wir gesagt. Aber wisst ihr, die Kuh vom Bauer Hilbertz ist gestern beim Kalben verreckt und jetzt muss er sich ja eine neue kaufen, wie soll er denn sonst über den Winter kommen? Und deshalb fehlt jetzt sein Anteil. Aber unser Schmied hat euch ein paar gute Nieten für den Schwertgurt oben drauf gelegt. Und einen Wetzstein. Mehr ist bei uns im Moment leider nicht zu holen. Tut mir leid, Meister Hexer.”
Eskel atmete tief durch. Es war also nun schon soweit gekommen, dass er sich in Naturalien auszahlen ließ ... Lambert an seiner Stelle würde nun mit Drohungen und Beschimpfungen reagieren, Geralt mit seiner bedrohlichen Erscheinung vermutlich noch ein paar Kronen herausschlagen. Aber das war nicht seine Art. Und das wusste auch der Schulze von Maulbeertal.
“Im nächsten Frühling komme ich wieder durch euer Dorf und hole mir die restlichen acht Kronen bei euch ab. Und ich rate euch, vor dem nächsten Auftrag eure Finanzen genauer zu prüfen. Sonst verzähle ich mich vielleicht auch bei der Beseitigung der Wyvernnester und lasse aus Versehen eins übrig.”
Der Hexer nahm die Geldkatze entgegen und verstaute sie in seiner Tasche. Nachzählen war nicht nötig, er kannte den Schulzen des Dorfes gut genug um zu wissen, dass dieser zwar immer versuchte, den Preis zu drücken oder Ausreden fand, warum die Belohnung in Raten gezahlt werden müsse, aber die Summe hatte in den vergangenen Jahren stets gestimmt. Und bei Stammkunden drückte Eskel öfters mal ein Auge zu.
Mit einem Nicken verabschiedete sich der Hexer, stieg auf Skorpion und spornte das schwarze Schlachtross zum Trab an. Auf dem Weg durch das Dorf begegneten ihm die Bewohner wie immer mit argwöhnischen Blicken oder schauten schnell in die andere Richtung. Eine herzliche Verabschiedung also im Gegensatz zu den Reaktionen in den meisten anderen Dörfern. Oft spuckte man vor ihm auf die Straße, rief ihm Beschimpfungen zu oder schlug das Zeichen gegen den Bösen Blick. Die tiefe Narbe, die die rechte Seite seines Gesichts durchzog, trug natürlich noch zusätzlich dazu bei, dass ihn die Menschen mit Angst, Abscheu und Misstrauen betrachteten.
Eskel machte sich nach all den Jahren nichts mehr daraus. Wenn Bestien das Dorf bedrohten, Menschen im Wald verschwanden oder das Vieh gerissen wurde, waren sich die Leute nie zu schade dazu, seine Dienste in Anspruch zu nehmen.
Der Sommer hatte sich vor ein paar Wochen verabschiedet und der Herbst trieb stürmische Böen über die Felder. Vielleicht noch ein oder zwei Aufträge, je nach Aufwand. Dann wurde es Zeit, den Weg nach Norden anzutreten, zurück nach Kaer Morhen. Wie fast in jedem Jahr, würde Eskel die Wintermonate wieder in seinem alten Zuhause verbringen – oder zumindest dem, was einem Zuhause am nächsten kam.
Direkt nach Vesemirs Tod vor drei Jahren, als die Wilde Jagd Kaer Morhen angegriffen hatte, wollte Eskel der alten Festung den Rücken kehren und nie mehr dorthin zurückgehen. Sollte die Burg doch zu Staub zerfallen – seit dem Kampf waren die Schäden an den Mauern kaum noch zu zählen. Aber das wäre nicht in Vesemirs Sinn gewesen. Der alte Hexer hatte immer an den Traditionen festgehalten, dem Hexerkodex und der Wolfsschule. Wann immer früher einmal die Rede darauf kam, Kaer Morhen dem Verfall zu überlassen und die Schule aufzugeben, war er außer sich geraten und hatte darauf beharrt, diese letzte Bastion der einst berühmten Wolfsschule zu erhalten.
Also hatte Eskel  seine Meinung nach ein paar Wochen geändert. Wochen, in denen er rast- und ziellos in Kaedwen herumgereist war. Geralt und Lambert begrüßten seine Entscheidung und wollten ihn darin unterstützen, das Andenken an ihren alten Mentor zu ehren, indem sie die Heimstätte ihres Ordens so gut es ging in Stand hielten. Seit Vesemirs Tod hatten die einzigen drei noch verbliebenen Hexer der Wolfsschule wieder mehr Zeit und Mühe aufgewendet, die notwendigsten Sanierungen und Reparaturen in die Tat umzusetzen und die Festung vor dem kompletten Verfall zu bewahren. Auch wenn allen bewusst war, dass die ruhmreichen Tage der Hexerschule lange vorbei waren und die Zukunft der Hexer ungewiss war ...
Eskel freute sich darauf, bald seine Brüder Geralt und Lambert wiederzusehen. Auch wenn dies in Geralts Fall leider die Gesellschaft Yennefer von Vengerbergs mit sich brachte, die die Hexer gern herumkommandierte und ständig mit Lambert aneinandergeriet. Geralt verbrachte nun die meiste Zeit des Jahres auf seinem Weingut in Toussaint, wenngleich er auch jeden Winter für eine kurze Zeit Kaer Morhen besuchte. Er hatte bei seinem letzten Auftrag im Herzogtum wohl genug verdient, um sich zur Ruhe setzen zu können. Jetzt genoss er anscheinend das angenehme Leben dort. Wenn sie sich nicht gerade stritten, lebten er und Yennefer wohl mittlerweile recht einträchtig zusammen. Zumindest wenn man Geralts Erzählungen Glauben schenkte. Aber seine Maßstäbe für eine harmonische Beziehung lagen nach Jahren der Zwistigkeiten und Trennungen wahrscheinlich auch nicht sehr hoch, wie Eskel vermutete.
Zum Glück blieb ihnen in diesem Winter wohl Keira Metz erspart. Nach einem Jahr auf Reisen mit ihr war Lambert anscheinend klar geworden, dass ein Leben an der Seite einer Zauberin hauptsächlich darin zu bestehen schien, ihre Anweisungen auszuführen und ansonsten nicht viel Mitspracherecht zu haben. Kein Wunder, dass dem jungen Hexer seine Freiheit irgendwann wichtiger wurde als ein warmes Bett und die zugegebenermaßen wohl angenehmen Zuwendungen der Zauberin.
Die einzige Vertreterin ihrer Zunft, auf die Eskel sich freute, war Triss Merigold. Obwohl sie ihren Hauptwohnsitz mittlerweile in Kovir hatte, besuchte sie Kaer Morhen um der alten Zeiten willen in jedem Winter. Auch wenn ihm durchaus bewusst war, dass Triss immer noch Gefühle für Geralt hegte und dies wohl auch immer so sein würde, hatte er doch eine Schwäche für die Zauberin.
Bis nach Oxenfurt war es nicht mehr weit. Dort würde Eskel seine Vorräte aufstocken und sich nach einem neuen Auftrag umsehen. Mit etwas Glück hatte vielleicht sogar die Akademie Verwendung für seine Dienste. Die Gelehrten waren zwar oft anspruchsvoll und hatten manches Mal abstruse Vorstellungen von der Jagd auf für die Forschung nützliche Kreaturen – aber sie zahlten für gewöhnlich ordentliche Belohnungen und feilschten nicht um ein paar Kronen. Und die Aussicht auf eine warme Mahlzeit und ein Bett in einer Herberge war nicht wenig verlockend, nach all den kalten Nächten in der Wildnis Velens. Eskel spornte Skorpion zum Galopp an.
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