Reverse Fairy Tale

KurzgeschichteSchmerz/Trost, Übernatürlich / P12 Slash
10.05.2018
10.05.2018
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Diese Geschichte beginnt, wie auch so viele andere Märchen: Mit der Geburt eines Kindes. Seine Eltern sind König und Königin eines großen Reiches und beim Volk sehr beliebt. So freut sich das ganze Land mit seinen Herrschern über die Geburt der kleinen Prinzessin.

Das Mädchen wächst glücklich auf, es hat eine gute Kindheit und wird von seinen Eltern liebevoll zu einem freundlichen, offenherzigen Menschen erzogen. Einige Jahre lebt die Familie sehr glücklich und unter der Herrschaft des Königspaares blühen das Reich und seine Bevölkerung auf. Doch als die Prinzessin gerade zwölf Jahre alt ist, wird ihre Familie von einem tragischen Schicksalsschlag getroffen. Diesmal ist es der König, der stirbt. Es ist nicht wichtig, wie, in den alten Geschichten wird den toten Müttern selten die Ehre einer Erklärung zuteil. Wichtig ist, dass seine Tochter nun keinen Vater mehr hat.

Mit einer verwitweten Königin auf dem Thron wird dieser bald von vielen Nachbarländern bedroht und so heiratet sie bald erneut. Nicht für Liebe oder aus Einsamkeit – vielmehr, um ihrer Tochter, unserer Prinzessin, den Thron zu sichern. Vielleicht hofft sie auch, ihrem Kind trotz des toten Vaters ein zweites Elternteil geben zu können, von dem sie geliebt werden kann. Also heiratet sie einen schönen, jungen Königssohn aus einem der Länder, die ihre Herrschaft bedrohen. Die Heirat sichert für den Moment ihre politische Stellung und die anfängliche Freundlichkeit des neuen Königs schürt ihre Hoffnung auf einen liebenden Stiefvater für ihre Tochter.

Sie wird verraten. Ihr neuer Ehemann, der Stiefvater der Königstochter, erweist sich seiner neuen Aufgaben nicht würdig. Er ist egozentrisch, nachlässig und grausam. Vielleicht überlebt die Königin nicht, oder sie schrumpft zu einem Schatten ihrer Selbst, es muss uns in dieser Geschichte nicht kümmern. Die Mutter des Mädchens ist in jedem Fall fort, auf die eine oder andere Art, und die Prinzessin bleibt mit dem bösen Stiefvater zurück. Auch das ist eine alte Geschichte mit vielen Versionen.

Nun ist die Prinzessin alleine. Unter der Herrschaft ihres Stiefvaters wächst sie heran. Mit jedem Jahr wird sie schöner, ihr seidiges Haar wird länger, ihr Körper wird zu dem einer Frau, und die ebenmäßigen Züge ihres Gesichts sind zu jeder Stunde von der Trauer um ihre Eltern und ihrem eigenen Leid überschattet. Sie leidet, der König quält sie. Er verlangt von ihr, die Dienste einer niederen Magd zu verrichten, verschenkt ihre Kleider an seine Mätressen und gibt ihr nur die Reste aus der Küche zu essen. Dennoch bleibt sie freundlich, sanft, offenherzig. Sie schenkt ihren Umhang einer alten Frau, die vor Kälte blaue Lippen hat, teilt ihre kargen Mahlzeiten mit den bettelnden Kindern, die in Scharen vor den Schlosstoren verhungern.

Kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag beginnt ihr Stiefvater, ihr nachzustellen. Die Königstochter schauert unter den Berührungen seiner grausamen Hände, zittert, wenn sie ihr glänzendes Haar berühren, bebt vor Angst und Abscheu, wenn er ihre Haut streift. Je öfter sie ihn abweist, desto zudringlicher wird er. Das Mädchen fürchtet ihn, es fürchtet seine gierigen Hände und seine Grausamkeit. Es fühlt sich machtlos und ausgeliefert.

Dann die Hexe. Die unkontrollierte Frau, die mächtige Frau, die schreckliche Frau. Sie kommt, und sie bringt Angst und Magie. Die Magie ist Veränderung.

Ich schenke dir etwas, sagt sie, oder anders: Ich verfluche dich. Vielleicht sagt sie Ich verfluche dich zum Stiefvater, doch es ist ein Geschenk für die Tochter. Des einen Fluch ist oft des anderen Segen. Worte können mehr als eines bedeuten; das ist ihre große Macht.

Ich verfluche dich, Mädchen, sagt sie. Wenn du den Kuss deiner wahren Liebe erhältst, wirst du ein Monster werden. Du wirst gewaltig und schrecklich sein, eine Bedrohung für alle. Dein Gesicht wird Schrecken bringen, und deine Hände den Tod.

Und das Mädchen, oh, es hat Angst. Doch das ist nichts Neues. Es hatte jahrelang Angst.

Endlich flieht die verlorene Königstochter in den Wald, voller Furcht vor ihrem Stiefvater und sich selbst. Sie schwört der Gesellschaft von Männern ab. Verloren und hungrig irrt sie umher und denkt, dass sie sterben wird, doch sie wird von einer Bande Frauen gerettet. Frauen mit ungezähmtem Haar und Spitzhacken in eisern behandschuhten Händen. Sie nehmen die Prinzessin mit sich, kümmern sich um sie. Sie ist schwach, fühlt sich noch immer hilflos, doch sie ist dankbar. Sie wäscht die Kleider der Frauen, bereitet ihnen ein Abendessen, wenn sie am Ende eines Tages aus den Minen heimkehren, hält das neue Heim sauber.

Aus Sieben werden Acht. Die Königstochter findet ein Heim bei diesen Frauen. Sie teilt ein Bett bis ihre eigene Koje gebaut werden kann, und als ihr neues Bett errichtet wurde, ist es kaum mehr notwendig. Es ist gefährlich für die verfluchte Königstochter, so zärtlich für eine andere Person zu fühlen. Eine Person, die sie lehrt, die Gefahren des Waldes zu lieben, die jeden Abend ihr Haar bürstet, die sie nachts in den Armen hält, wenn sie aus ihren Alpträumen aufschreckt. Aber es ist kein Mann, den sie zu lieben beginnt, also … Sicherlich ist das gefahrlos, nicht wahr? Sicherlich existiert ein Kuss wahrer Liebe nur zwischen Mann und Frau; das zumindest sagen die alten Geschichten immer. So beginnt das Mädchen, seine Wachsamkeit zu vernachlässigen, die sanften Berührungen zuzulassen. Und eines Tages lässt sie alle Vorsicht fahren und sie küssen sich.

Der Fluch bricht. Der Fluch wird gebrochen. Der Fluch wird gebrochen, denn das tut er immer. Das wird er immer. Veränderung ist unvermeidlich: Das ist das Versprechen dieser Geschichte.

In all der Zeit hatte das Mädchen Angst, ein Monster zu werden. Sie will andere nicht verletzen, wie diese sie verletzt haben. Doch sie wurde verflucht, und jetzt geküsst. Der Fluch ist gebrochen. Sie wächst. Sie wird riesengroß und folglich schrecklich – ist das nicht immer so bei Frauen? Sie ist nicht länger schön. Sie ist nicht länger schwach. Sie ist doppelt so groß wie ihr Stiefvater und fünfmal so stark.

Sie ist mächtig.

Die Voraussagen des Fluches sind wahr. Und wie die Hexe prophezeit hat, bringt ihr Gesicht Schrecken denen, die es ansehen. Wenigstens denen, die es ansehen, wenn sie aufgebracht ist. Eine wütende Riesin ist furchteinflößend für die meisten, doch besonders für die, die ihren Zorn verdient haben. Das einzige, was an dieser Geschichte traurig ist, ist, dass das Mädchen gefährlich gemacht werden musste, bevor ihre Peiniger lernten, sie für ihren Zorn und die Angst zu respektieren.

Meine Güte, was für große Hände du hast, flüstert die Waldfrau, staunend, ihre von der Arbeit in den Minen schwieligen Finger um die des Mädchens geschlungen. Was für starke Arme du hast. Und so lange Beine. Noch nie habe ich ein so wundervolles und einzigartiges Wesen wie dich gesehen! Diese Worte machen der Prinzessin Mut. Sie flieht nicht wieder, wohin sollte sie auch gehen? Sie kann sich nicht mehr verstecken, nie wieder, und jetzt, endlich, will sie es auch nicht mehr.

Sie bleibt im Wald, in der Wildnis, fern der Städte, außerhalb der Gesellschaft. Wälder sind Orte der Macht, des Aufhebens und neu Schaffens, der Störung und Unterbrechung, Orte, an denen die Gefahr teuer ist und Sicherheit eine Illusion, an denen sich Regeln ändern und Seltsames gewöhnlich ist. Alle Geschichten sagen das. Wälder sind Orte, an denen Schrecken und Liebe vereint werden. Wälder sind Orte für Hexen und riesige Frauen und alle anderen Ungeheuer. Wälder sind Orte für Wesen wie sie, die verfluchte Königstochter.

Sie raubt Kinder, flüstern die Leute in der Stadt. Aber die Wahrheit ist, dass es kein Raub ist, wenn verzweifelte Mütter ihre Neugeborenen am Waldrand zurücklassen, gegen die Kälte so gut sie können in Windeln gewickelt, mit Notizen, in denen sie um Schutz flehen. Bitte, kümmere dich um sie. Bitte, hilf ihr, wie du den Alten und bettelnden Kindern geholfen hast. Bitte, gib meiner Kleinen ein Heim. Bitte, ich kann nicht für dieses Kind sorgen. Bitte, er wird sie töten. Bitte, sie ist meine Erstgeborene. Bitte, niemand darf es erfahren.

Sie tötet Jäger!, klagen die Leute in der Stadt. Aber die Wahrheit ist, dass diese Männer Frauen gejagt haben, Flüchtige und verlorene Mädchen, oder Waldfrauen von den Minen; heimatlose Frauen, auf der Flucht vor ihren Vätern, Ehemännern, auf der Flucht vor Angst und Terror. Aus Acht werden Zehn, Vierzehn, Fünfundzwanzig. Das verfluchte Mädchen hat gelernt, eine Spitzhacke zu schwingen, ebenso wie eine Keule von der Größe eines Baums. Sie ist groß und stark und wild und zornig. Sie wird nicht zulassen, dass der neuen Familie, die sie in den Wäldern gefunden hat, irgendein Leid geschieht. Sie beschützt ihre Lieben.  

Sie ist ein Monster!, heulen die Leute in der Stadt. Sie hat harte, raue Haut, wie Schuppen! Sie hat überall Haare! Sie hat eine Hakennase! Sie ist düster, schmutzig, schwarz wie die Nacht! Sie ist lüstern, zornig, sie ist reuelos! Aber die Wahrheit ist, dass all diese Dinge niemanden zu einem Monster machen.

Unsere Prinzessin weiß jetzt, dass der Fluch ein Geschenk ist. Worte können mehr als eines bedeuten; das ist ihre Macht. Worte sind Magie, und Magie ist Veränderung, und Veränderung ist – dem Himmel sei Dank – unvermeidlich.
 
 
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