Wellenbewegungen im Frühling

OneshotAllgemein / P12
10.05.2018
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Wellenbewegungen im Frühling


Es ist lange her, dass ich am Meer gestanden habe. Sechs Jahre, um genau zu sein. Und doch fühle ich mich genau in diesem Moment, als wäre ich wieder dort. Es ist, als könne ich das ewige Rauschen des Ozeans hören und das Salz schmecken, das durch die Luft getragen wird.
Ich schließe die Augen und gebe mich ganz dieser Illusion hin. Ein Film läuft vor meinem inneren Auge und ich sehe, wie wir damals den Strand entlangliefen, wobei meine Fußsohlen verbrannten, da der Sand sich in der gleißenden Helligkeit der italienischen Sonne erhitzt hatte.
Sie war erbarmungslos, diese Sonne. Es war die Art von Sonne, die einen überdenken ließ, ob man es wagt auch nur für eine Sekunde ohne Sonnenschutz aus dem Schatten zu treten. Man weiß, dass man zurück in der Heimat an einem schlimmen Sonnenbrand leiden wird, aber man wirft die Bedenken trotzdem über Bord.
Heute ist kein solcher Tag. Heute ist ein bewölkter und eigentlich auch sehr kalter Tag, an dem ich morgens mit der Tram zur Arbeit fahre und wie immer aus dem Fenster blicke. Wir fahren dieselben Wege, wie ich sie seit fast fünf Jahren jeden Tag fahre, und doch ist etwas anders.
Es sind diese Wellen, die der Wind auf einer Wiese zeichnet. Das Gras ist sicher fast kniehoch und es ist tiefgrün. So grün ist normalerweise nur der Urwald und den habe ich noch nie gesehen. Ich frage mich unwillkürlich, ob es überhaupt noch Urwälder gibt.
Wenn ja, dann wird die Menschheit es schon bald geschafft haben, auch ihn dem ewigen Tod zu überlassen. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass wir etwas ausrotten.
Aber diese Wellen. Sie sind sachte, beinahe schon zart und gleichzeitig brachial. Die Kraft, die Wind erzeugen kann, ist enorm. Ich erinnere mich an Nachrichten-Fotos, die zerstörte Häuser und verwüstete Straßen zeigen, wenn es mal wieder gestürmt hat.
Auf dieser Wiese sieht der Wind gar nicht so gefährlich aus, eher wie ein unsichtbarer Tänzer gleitet er über die grüne Oberfläche und wiegt sie sanft hin und her. So sanft, dass es etwas Einschläferndes an sich hat und ich die Augen schließen möchte.
Meine Lider sinken hinab und ich erinnere mich an die italienische Sonne und das Meer, an dem die Wellen laut und aufdringlich immerzu den Strand nach oben klettern, ohne jemals ihr Ziel zu erreichen. Haben diese Wellen überhaupt ein Ziel?
Es sieht aus, als würden sie pausenlos versuchen den urbanen Lebensraum der Menschen zu erobern, um alles unter sich zu begraben, doch bleiben sie ewig gezähmt. Der Mond behält sie im Griff, wie ich mich vage zu erinnern glaube.
Ein stetiges Auf und Ab.
Eine Wellenbewegung, so wie die Wiese, die sich unter den dunklen Regenwolken windet und sich vor ihnen zu verstecken versucht. Ob die Grashalme wohl auch wissen, dass es heute noch stark regnen soll?
Sie haben keine Möglichkeit sich vor diesem Regen zu schützen. Ich habe eine und doch habe ich sie nicht wahrgenommen. Wider besseren Wissens habe ich den Schirm und die Regenjacke heute zu Hause gelassen.
Ich frage mich, ob es schon immer so gewesen ist. Auf und Ab. Gab es mal konstante Zeiten, in denen sich nichts bewegte, sich nichts veränderte? Gab es mal Zeiten ohne Wellenbewegungen, ohne den Zwang zur Bewegung?
Hat das Meer jemals stillgestanden?
Vermutlich nicht. Vermutlich bin ich nur ein Mensch, der nachts zu wenig geschlafen hat und sich nun in solchen Gedanken verliert, nur um dann beinahe die Station zu verpassen, an der er aussteigen muss.
Auch das gehört zu den Wellenbewegungen in meinem Leben; mal bin ich pünktlich und alles läuft reibungslos – mal eben nicht. Es ist nicht so, als würde ich mich nicht bemühen, doch manchmal macht mir das Universum einen Strich durch die Rechnung.
Vielleicht bin ich es aber auch nur selbst und muss leider damit leben, dass ich ein unsteter Mensch bin, genau wie das Meer unter der italienischen Sonne, das ewig gegen die Gezeiten kämpfen wird, nur um am Ende zu verlieren.
Wie Wellen, die sich auf einer grünen Wiese im Frühling zeigen, wenn der Wind zaghaft darüberstreicht, um ein verträumtes Bild zu erzeugen. Er will beweisen, dass er nicht nur zerstören kann, sondern auch malen.
Er malt Wellen auf das Grün, zeichnet Wellen auf das Meer und hackt Wellen in das Leben jeglicher Existenz, wenn er sich dazu entscheidet nicht mehr zu streicheln, sondern zu zerstören. Ich weiß nicht, ob ich die Wellen der Wiese schöner finde als einen umgerissenen Baum.
Die Wiese zeigt, dass der Wind malen kann.
Aber der Baum zeigt, dass der Wind stärker ist als die meisten vermuten würden. Versteckte Härte, ein Wolf im Schafspelz. So wie mein Weg zur Arbeit, der gesäumt ist von Bildern, Assoziationen und absoluter Kontingenz.
So wie die Wellen, die sich auf der Erdoberfläche zeigen. Sie können ruhig sein, schön, den Betrachter verzaubern. Im nächsten Moment aber reißen sie ihre Mäuler auf und verschlingen alles um sie herum. Schönheit und Zerstörung.
Schöne Zerstörung.
Schöne, zerstörende Wellenbewegungen.

Anmerkung: Hier geht es zu Teil 2 - Schallschutzmauern im Sommer, Teil 3 - Massensterben im Herbst und Teil 4 - Wasseroberflächen im Winter.



Diesen Text gibt es auch zum Anhören auf YouTube.
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