Nach dem Bifröst ist vor dem Kampf

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
08.05.2018
27.06.2018
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Das also ist Wakanda ... jenes Land, welches so lange ihrer Aufmerksamkeit verborgen blieb, bis sie auf der Suche nach Ultron darauf stießen. Er kann sich noch erinnern, wie er in der Flüchtigkeit der Eile damals den Namen dieses Landes falsch ausgesprochen hat – das wird ihm nun nicht mehr passieren. Wakanda scheint durchaus denkwürdig zu sein, kein Ort, welchen man nur flüchtig betrachten sollte. Offenbar tut dies auch niemand, Steve weiß genau wohin sie fliegen, auch die anderen kennen ihr Ziel und offenbar ebenso den Herrscher dieses Landes, Letzteren vielleicht mehr oder weniger gut, aber: T'Challa ist allen ein Begriff gewesen. Allen bis auf Bruce. Bislang ist es auch weiterhin nur der Name der ihm mitgeteilt wurde, die Person dahinter muss er wohl selbst kennen lernen. Früher waren die Steckbriefe wichtiger Kontaktpersonen irgendwie präziser und allen gleichsam zugänglich... Bruce blickt durch das Fenster ihres Jets hinunter auf die rasch vorbeiziehenden Steppen, die ruhigen Seen, die Weiten der Savanne und das wenige und doch saftige Grün von Grasland und Bäumen ... jedes Foto was man hier macht, könnte man direkt als Postkarte verwenden, ganz bestimmt. Doch sie sind nicht hierher gekommen für einen Urlaubsausflug, ihre Ankunft hat weitaus brisantere Hintergründe – es hängt der Lauf der Welt davon ab, je nachdem wie das Ganze hier ausgeht. Hier wird sich alles entscheiden. Nicht mehr und nicht weniger dramatisch hat es Steve formuliert.

Es ist seltsam gewesen Steve nach zwei Jahren wieder zu sehen, er hat sich verändert, nicht nur optisch. Das trifft auf so ziemlich alle ehemals vertrauten Personen zu, denen Bruce nach seinem Fall durch den Bifröst bislang begegnet ist. Er hat das Gefühl, dass die Welt sich in den letzten Jahren naturgemäß weiter gedreht hat, nur er selbst ist stehen geblieben, Sakaar war wohl wie eine Pausentaste... eine endlose Party, während draußen der Ernst des Lebens passierte. Bruce hätte nie gedacht, dass ihm einmal Thor als nahestehend  erscheinen würde, selbst Loki wirkt für Bruce als Person irgendwie greifbarer. Es ist beschämend, dass selbst dieser "mickrige Gott" im Moment einen höheren Bekanntheitsgrad bei Bruce genießt als seine wahren Freunde im Hier und Jetzt  ...

Die Gruppe, die Bruce in Sokovia verließ ist nicht mehr dieselbe. Es sind zwar noch die gleichen Mitglieder, aber Bruce hat das Gefühl die Avengers, wie er sie kannte, existieren nicht mehr. Kein gemeinsames Shawarma mehr nach einem langen Tag, den alle überlebt haben, keine spontanen Versammlungen in den Gängen des Hauptquartiers, um das weitere Vorgehen zu besprechen – es ist, als kämpfe hier jeder seinen eigenen Kampf und zufällig überschneiden sich die Ziele. Selbst Steve, der zwar auch jetzt noch um Zusammenhalt bemüht ist, wirkt einerseits zuverlässig fokussiert, andererseits geht auch eine ungewohnte Distanz von ihm aus … Er hat sich zwar ehrlich gefreut Bruce wieder zu sehen, doch über die aktuelle Konstellation der Avengers verliert er kaum ein Wort. Bislang erzählen nur wenige, zufällig aufgeschnappte Wortfetzen von dem Warum . Es fielen Worte wie Bucky, Sokovia Abkommen, Wakanda, Hausarrest, Thaddeus Ross… mit Letzterem möchte Bruce so wenig wie möglich zu tun haben, und offenbar teilt er diese Abneigung immerhin mit Steve und Sam. Tony ist vielleicht noch der Einzige, der Bruce nicht nur vertraut erscheint, sondern der es auch ist,  der sich ihm gegenüber nicht so verhält, als hätten ihn die Jahre der Abwesenheit das Recht der Gruppenzugehörigkeit abgesprochen, als hätte er kein Recht darauf zu erfahren was genau passiert ist, und wie es so weit kommen konnte, dass sie nun alle hier zusammen an diesem Punkt der Geschichte stehen. Tony hatte nur leider nicht genug Zeit Bruce den Lauf der Dinge zu erklären, es ging alles so schnell .. und plötzlich war Tony schon wieder verschwunden und mit ihm dieser Spinnenjunge, der so unglaublich flink war ... auch dazu gibt es sicher eine beeindruckende Geschichte, die ihm nur noch niemand erzählen wollte. Bruce vermisst beinahe Tonys Redseligkeit und dessen Hang sich für seine Taten und Ideen feiern zu lassen. Viel zu kurz nur war er Tony begegnet, es reichte lediglich für ein flüchtige aber ehrliche Umarmung, wie Bruce nur Tony umarmen würde, und plötzlich standen so viele Ereignisse und fremde Worte zwischen ihnen, die alles hinweg fegten, als wäre Bruce mitten in eine bereits seit Monaten andauernde Handlung hinein gefallen – entsprechend schlecht fand er sich zurecht. Die Verweigerung des Anderen sich helfend wie rasant in dieses Chaos einzubringen, erschwerte die Orientierung einmal mehr. Und dann zerriss der ohnehin schon sehr vage Handlungsstrang gleich in mehrere Bestandteile: der Zauberer, Tony und der Spinnenjunge verschwanden in jenen unendlichen Weiten aus denen Bruce gerade erst zurück gekehrt war, der andere Zauberer verschwand durch ein Portal ... und Bruce war wieder allein. Mit ihm zurück blieb lediglich Tonys Handy mit Steves eingespeicherter Nummer. Bruce durfte sich selbst einen Reim darauf machen. Der Reim war, dass er den ziemlich überraschten Steve erreichte und nun wieder Teil der Gruppe ist – zumindest auf dem Papier.

Bruce beobachtet den Flusslauf tief unter ihnen, und er fragt sich, ob es vielleicht auch richtig so ist, dass man ihm bisher nur knappe Sätze als Information gegeben hat – wie kann er seinen Freunden auch helfen, wenn der Andere sich verkriecht und bislang keine Anstalten macht in die Ereignisse mit eingreifen zu wollen? Im Grunde ist Bruce damit im wahrsten Sinne des Wortes ein Unbeteiligter, und Unbeteiligte sollten bekanntlich nicht viel wissen. Doch was kann Bruce dafür, dass Thanos dem Anderen dermaßen überlegen war, dass nur der Bifröst ihn retten konnte … irgendwann scheitern auch die Stärksten das erste Mal. Es gibt immer einen noch größeren Fisch  erkannte einst schon Qui-Gon Jinn das Prinzip von Fressen-und-Gefressen-werden in diesem unsäglich schlechten Star Wars Film, zu jener Zeit, als die Welt sich um solche Dinge Gedanken machte und damit im Grunde wenig Sorgen zu haben schien. Man fällt, um wieder aufzustehen,  diesen Spruch hat Bruce mal in irgendeinem abgegriffenen Comic gelesen, das ist lange lange her, doch nicht weniger aktuell. Der Andere sieht das Ganze nicht ganz so locker und hält wenig von Durchhalteparolen dieser Art: Er existiert in einer Mischung aus Scham, Angst und Bockigkeit in Bruce' Unterbewusstsein und lässt ihn erstmals zuverlässig, und selbst in der größten Wut darüber, im Stich. Bruce versucht das zu akzeptieren. Es bleibt bei dem Versuch, es gelingt ihm nicht, denn was bleibt ohne den Anderen von ihm übrig? Was ist er als einfacher Mensch für eine Hilfe in dieser Ansammlung von Superhelden und -agenten? Er kann keine Portale erschaffen wie dieser seltsame Zauberer, vor dem ihn der Andere so blamiert hat, er kann nicht fliegen und die Kräfte des Donners entfesseln wie Thor es mittlerweile auch ohne Mjölnir vermag, er kann keine Gegner auf 500 Meter Entfernung ins Auge treffen wie Clint, er kann keine Dinge entgegen jeglicher physikalischen Gesetze bewegen und manipulieren wie Wanda, er kann nicht einmal clever und listenreich lügen für das Wohl der anderen so wie Loki es sicher könnte aber nur selten tut, er kann ... nichts. Wenn jetzt ein alles entscheidendes Geschoss auf sie zufliegen würde, alle seine Freunde würden diesem förmlich entgegen springen, sie würden es ablenken, wegkicken, zersprengen, bombardieren, fortlasern, in atomare Einzelteile zerlegen – nur er selbst würde in Deckung gehen. Weil er weder kämpfen noch sich verteidigen kann, weil er in seinem momentanen Zustand nur an sich denken muss, was ihm sehr widerstrebt. Und es wäre das schlimmste Szenario für Bruce wäre die eigene Hilflosigkeit Schuld an dem Verlust von auch nur einem seiner Freunde ...

Was also vermag er auszurichten in diesem Kampf um die Existenz aller, die von lediglich sechs kleinen Infinity-Steinen abhängt? Soviel weiß er zumindest bereits, doch haben diese Fakten nur noch mehr Fragezeichen aufgeworfen. Fragezeichen, mit denen er allein da steht. Nicht einmal seine wissenschaftlichen Fähigkeiten sind von Nutzen, er kann Vision nicht helfen, was doch so unglaublich wichtig wäre – dafür sind Visions Anatomie zu komplex und Bruce' eigene Mittel zu beschränkt. Es geht ihm doch nahe, dass er selbst bei der Rettung seiner eigenen Schöpfung versagt und sie nun dafür hier in Wakanda um Hilfe ersuchen müssen, einmal mehr enttäuscht er damit nicht nur sich selbst sondern auch Tony. Da ist er sich sicher: Es wird Tony nicht weniger arg treffen als ihn selbst, sollten sie Vision verlieren, unabhängig von dem Stein. Bruce lehnt sich mit dem Kopf gegen das Fenster und schließt kurz die Augen, ehe er sich in den Weiten der vorbeiziehenden Landschaft verliert – er hat das Alleinsein immer bevorzugt, hat die Einsamkeit zum Wohl aller gesucht, doch so ausgegrenzt und zu Recht unnütz wie jetzt im Umfeld seiner Freunde hat er sich noch nie gefühlt, als würden die zwei Jahre der Trennung für immer zwischen ihnen liegen ...

"Den Blick kenne ich. In welcher Welt bist du gerade?"
Es ist ihre vertraute Stimme die ihn in seinen Gedanken plötzlich irgendwo dort draußen in Wakanda erreicht: Sie spricht leise, etwas rau, aber einfühlsam und ohne jegliche spürbare Distanz. So spricht sie nie in der Gruppe, es hat lange gedauert bis sie mit ihm so sprach, allein nur mit ihm … vor langer Zeit, wie ihm scheint. Für einen kurzen Moment sind die zwei Jahre Abstinenz zwischen ihnen verschwunden, für einen kurzen Moment vertraut er ihr wieder … und er zögert mit der Reaktion auf ihre Worte, weil sie ihn in die Realität zurückholen wird, zurück in den Jet. Dorthin, wo er gerade nicht sein will.
Bruce löst den Blick von der Fensterscheibe und blickt in Natashas entspannte Gesichtszüge, sie hat sich vor ihm halbwegs bequem auf den Boden gesetzt, mit dem Rücken gegen die Seitenwand des Jets gelehnt, das spricht für eine Konversation nicht nur im Vorübergehen. Immerhin. „Was machst du dir für Vorwürfe, hm?“, fragt Natasha leise. Erwischt. Wo fängt man an, wo hört man auf … manchmal will man soviel sagen und bringt ob der vielen Worte doch kein einziges heraus. Bruce fährt sich mit der Hand über die müden Augen und blickt Natasha entschuldigend an. Sie lächelt flüchtig … es ist ein beruhigendes Lächeln, eines von jener Art, mit dem sie ihm damals so oft sagte: Ich kann warten, wir nehmen uns die Zeit die du brauchst.  Doch Bruce weiß, dass sie keine Zeit haben, dieses Mal nicht. Es ist lediglich die Flugdauer die ihnen zwangsläufig Zeit verschafft – und selbst dabei holen Sam und Steve alles aus dem Jet heraus, um so schnell wie möglich Visions Rettung anzugehen. Verständlicherweise.
Bruce blickt sich reflexartig nach den anderen um, Steve und Sam sind vorne im Cockpit, im hinteren Teil des Jets versuchen Wanda, Rhodes und Vision den Flug halbwegs gut zu überstehen  - es ist gut, dass Wanda bei Vision ist, sie kann ihm im Moment wohl mehr helfen als Bruce, allein durch ihre Anwesenheit; es ist schon erstaunlich was man in zwei Jahren alles verpassen kann, auch solche schönen Dinge … Natasha schüttelt kurz den Kopf, zum Zeichen, dass Bruce sich über die anderen keine Gedanken machen soll, was er jedoch ignoriert.

Eine Weile schweigen sie sich an, doch es ist ein anderes Schweigen als jenes in dem ihm noch so unbekannten Hauptquartier, wo sie zum ersten Mal nach Bruce' Verschwinden einander sahen – zugegeben, es war kein ruhmreicher Moment, doch wie soll man sich verhalten, wenn man wie Bruce hier wie dort ständig in bereits laufende Mechanismen hinein fällt … Natasha selbst hatte nicht mit Bruce gerechnet. Ihre Reaktion war Schweigen, was sollte sie auch sagen, wenn ihr die Worte fehlten. Auch jetzt fehlen ihnen die Worte, ihnen beiden, doch immerhin: sie sehen sich an, sie sind für sich, und Natashas Lächeln um die Mundwinkel wirkt zuversichtlich. Bruce blinzelt kurz, er ist verwirrt, er weiß nicht, woher Natasha diese Zuversicht nimmt … und er hat das Gefühl, dass sie hier gerade stark für sie beide sein will, obwohl sie das nicht schaffen kann. Überspielen von Tatsachen durch Vorgabe von falschen Gegebenheiten  – welche Lektion auch immer das in ihrer Agentenausbildung gewesen sein mag, auch diese beherrscht sie. Doch die vergangenen beiden Jahre sind nicht spurlos an ihr vorbei gegangen, Natasha wirkt müde, sie hat vermutlich mehr mitgemacht, als sie Bruce je erzählen wird, … ja, auch Natasha hat sich verändert, er muss das wissen, wieder und wieder hat er ihre abgebrochene Videonachricht im Quinjet abgespielt, um sich zu erinnern und um wieder etwas zu vermissen, was ihm zwei Jahre lang nicht fehlte. Doch bis jetzt kam ihm die abgespeicherte Natasha vertrauter vor als jene, die ihm in der Wirklichkeit begegnet ist. Sie sitzt nun vor ihm, und es sind ihre Stimme und ihr Blick, die ein wenig von dem alten Vertrauen wieder aufleben lassen ...

Bruce fährt sich mit nervösen Fingern durch die verstrubbelten Haare und vergräbt das Gesicht in den Händen. Natasha hat ihn nur einmal angesehen und er ist kurz davor einzubrechen und sich seinen Zweifeln und Selbstvorwürfen zu ergeben. Etwas, was er doch stets vermeidet, auch wenn es im Moment nicht nötig ist, weil es den Anderen nicht kümmert, in welcher Verfassung Bruce sich befindet. Bruce versucht dennoch sein Gesicht zu wahren … er blickt kurz zu Natasha, sie erwidert seinen Blick ruhig und abwartend, er kennt diesen Ausdruck von ihr, sie liest ihn wie ein offenes Buch. Bruce wendet den Blick ab. Diese Frau macht ihn fertig. Da braucht er nicht mal den Anderen dazu. Bruce wäre jetzt doch lieber allein. Er würde gern wieder auf die Pausentaste drücken, er will nicht wissen, wie es weiter geht …  So betrachtet war es doch eigentlich toll auf Sakaar: Thor war eine unterhaltsame Gesellschaft, und selbst Loki war doch ein angenehm zynischer Zeitgenosse, wenn man sich so wenig wie möglich mit ihm abgab, und ---
„Bruce?“, fragt Natasha leise. Er fühlt ihre Hand an seinem Handgelenk, und er ist anständig genug wieder aufzublicken, auch wenn ihm nicht danach ist. Doch warum sollte er Natasha mit seinen Unzulänglichkeiten strafen. „Hm?“ macht er nur, da umfasst Natasha bereits seine Hand und deutet mit einem Nicken neben sich. Auch diese Geste ist wie eine Zeitreise zurück, als sie begannen einander zu vertrauen, als Natasha die Zuversicht aufbaute, dass Bruce nicht allein gegen den Anderen ankämpfen müsste um wieder er selbst zu sein …
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