Freiheit

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
Deutschland Germanien Italien OC (Own Character) Preussen Rom
07.05.2018
07.11.2019
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Eine tiefe Stimme rüttelte den Germanen am frühen Morgen wach. Verwirrt öffnete Torvald die blassen Lider, beruhigt seine Söhne in den Armen zu spüren. Die unbekannte Stimme erhob sich erneut, dieses Mal aggressiver, bis der Blonde kaltes Eisen an seinem Hals spürte.

Endlich hob er seinen Blick, sah einem brünetten Mann mit sonnengebräunter Haut entgegen.

Augenblicklich begann er erneut zu zittern. Der fremde Mann ihm Gegenüber trug die selbe Rüstung wie der Mann von der Lichtung, sein Helm jedoch trug keinen Haarkamm und in seinen Augen funkelten Verachtung und Hass.

„Aufstehen!,“ befahl der Mann in aggressivem Ton, allerdings verstand Torvald ihn nicht. Stattdessen weckte er die Jungen mit sanftem Druck an den Armen und versuchte in den Zügen des Soldaten zu lesen.

Außer seiner Abneigung ließ er jedoch nichts erkennen.

„Aufstehen!,“ befahl der Mann erneut, „Sonst werde ich exekutieren lassen!“ Der Ton war bedrohlicher geworden, hatte Ludwig die Tränen erneut in die Augen getrieben.

Neben dem Soldaten hatte sich ein junger Mann hervor gedrängt. Auch er trug offensichtlich römische Kleidung, sein Gesicht war schmal und die Augen wirkten, als habe man alles Leben aus ihnen gerissen, gewaltsam und ohne Gnade.

„Er sagt, du sollst aufstehen,“ erklärt er mit heller, beinahe schon kindlicher Stimme so, dass Torvald ihn verstehen konnte.

„Woher sprichst du meine Sprache?“ „Wie du an meinem Haar siehst,“ der Junge strich sich durch die halblangen blonden Haare, „bin ich Germane. Ich diene ihnen als Übersetzer.“

Torvald akzeptierte diese Antwort, sich schon beinahe sicher, der Junge hatte mehr Folter als die meisten Krieger aushalten müssen, nur um am Leben bleiben zu dürfen, und erhob sich dann.

Ludwig und Gilbert blieben sitzen, hielten sich gegenseitig fest und gaben sich den Halt, den ihr Vater ihnen zuvor gespendet hatte. „Will er uns töten?,“ fragte der Blonde schwer schluckend.

Hinter dem Soldaten und dem Übersetzer konnte er noch weitere Römer, aber auch Gefangene aus seinem Dorf, erkennen.

Ein kurzer Wortwechsel zwischen dem ungleichen Duo vor ihm und er erhielt eine Antwort: „Er sagt, er wolle dich und die Beiden mit ins Lager nehmen und an den Händler verkaufen. Allerdings würde er nicht zögern, sowohl dich als auch die Jungen bei Widerstand unverzüglich zu töten.“

„Welchen Händler?,“ der Vater ignorierte die Todesdrohung geflissentlich,wollte die Kleinen nicht unnötig beunruhigen.

„Den Sklavenhändler,“ antwortete der Übersetzer und drehte sich daraufhin um, nur um zu den übrigen Soldaten zu stoßen.

Der Brünette vor Torvald senkte das Kurzschwert, ließ den aufmerksamen Blick jedoch nicht von den Dreien weichen. Gilbert und Ludwig standen müde auf als ihr Vater es ihnen deutete und folgten ihm.



Für das Wohl seiner Kinder entschied sich Torvald dafür, den Anweisungen des Römers Folge zu leisten, auch wenn das bedeutete, seine Freiheit aufgeben zu müssen. Ihm selbst war der Tod zwar lieber, als die Gefangenschaft, doch traf er in diesem Moment keine Entscheidung nur für sich selbst. Nein, er musste im Sinne seiner Söhne handeln, die noch ihr ganzes Leben vor sich und viele Möglichkeiten zur Flucht hatten.

Mit gesenktem Kopf ließ er sich sein eigenes Schwert abnehmen, atmete ein weiteres Mal tief ein.

Nicht für dich, sondern für sie!





Beinahe ein Stunde lief Torvald hinter einer Reihe verängstigter Frauen, begleitet von den fremden Soldaten, her, an seiner Seite und seiner Hand trottete Gilbert. Ludwig  wurde von seinem Vater getragen, er hatte den Jungen nicht unnötig Kraft verschwenden lassen wollen. Die kommende Zeit würde, besonders für die Kinder, sehr anstrengend werden, da war sich der blonde Gefangene sicher.

Die Frau vor ihm stolperte plötzlich unerwartet über eine Wurzel auf dem Trampelpfad und blieb für einen Moment regungslos liegen. Erst als sie versuchte, sich aufzustemmen erkannte Torvald ihren verdrehten Fuß. Schmerzvolles Keuchen machte auch die Soldaten auf sie aufmerksam.

Eine böse Vorahnung machte sich in Torvald breit und er flüsterte Ludwig zu: „Guck nicht hin!“ Gilbert hielt er seine Hände vor die Augen und drückte ihn näher an sich. Ein kollektiver Aufschrei der übrigen Gefangen und der Germane wusste, seine Vorahnung hatte ihn nicht getäuscht.

Erst als sich die kleine Karawane weiter und über die Leiche der Frau fort bewegte, ließ Torvald seine Söhne wieder sehen. Gilbert warf neugierig einen Blick nach hinten und atmete erschrocken auf: „Vater? Warum?“

„Ich sagte doch, ich lasse nicht zu, dass euch etwas angetan wird, nicht wahr?,“ ob er seine Söhne oder sich selbst zu beruhigen versuchte, war Torvald nicht mehr klar. Er wollte es nicht zugeben, doch konnte er sie wirklich beschützen? Konnte er für ihre Sicherheit garantieren? Konnte er…

Ja, für was konnte er überhaupt noch garantieren?

Mit gespaltenen Gefühlen sah er auf seinen älteren Sohn hinab. War es die richtige Entscheidung gewesen? Natürlich hatte seine Entscheidung sie im Moment alle vor dem sicheren Tod bewahrt, doch war es das wert?

Er hatte einfach so bestimmt, sein Leben in Unfreiheit zu fristen und seine Söhne ebenso in die Sklaverei gestürzt. Schuld kroch in ihm hoch und fraß ihn von Innen heraus auf, nährte sich von seinen Zweifeln.




Gilbert trottete neben seinem Vater her, hielt stets Schritt, trotz seiner schmerzenden Füße. Der Albino hatte gesehen, was passierte, wenn man nicht mithielt.

Er erschauderte. Auch ihn würde man umbringen, wenn er nicht weiterlaufen würde.

Doch seine Füße taten so weh!

Ludwig durfte getragen werden. Der hatte es gut, befand der junge Germane. Zu gerne würde er auch getragen werden. Er würde alles tun, nur um nicht weiterhin so schnell gehen zu müssen.

Die Großen machten so große Schritte! Machte sein Vater Einen, musste Gilbert fast drei Schritte machen.

Das seltsame Schweigen fühlte sich unangenehm an. Die fremden Soldaten wechselten zwar immer wieder ein paar Sätze, aber die konnte Gilbert nicht verstehen. Manchmal wirkte es, als würden sie sich normal unterhalten, manchmal aber hatte er das Gefühl, sie würden über ihn und seine Familie lachen

Bedrückt sah sich der Kleine um. Schon vor einiger Zeit hatten sie den Wald verlassen. Um sie herum breitete sich eine weite Ebene aus, maximal von kleinem Gebüsch durchzogen. Am Horizont erhob sich eine hölzerne Festung und türmte erhaben über der sonst so natürlichen unberührten Landschaft.

Noch nie hatte Gilbert etwas so Großes gesehen, das von einem Menschen gebaut worden war. Als sie das Eingangstor passierten staunte der Zwölfjährige nicht schlecht. Die auf ihm ruhenden Blicke  ignorierend musterte er interessiert, die Angst völlig vergessend, alles um sich herum.

Die fremden Soldaten sahen für ihn alle gleich aus, besonders mit ihren Helmen. Abseits des breiten Weges, auf dem sie liefen, standen viele Zelte. Auch sie waren identisch.





Torvald lief ein kalter Schauer den Rücken hinab.

Gilbert zog an seiner Hand. Ein Blick zu seinem älteren Sohn genügte und dem Blonden war bewusst, wie all dies auf ein Kind wirken musste, dass die Umstände doch noch nicht vollends begriff. Gilbert schien von der neuen Umgebung fasziniert zu sein, Ludwig hingegen schmiegte sich ängstlich an den Rücken seines Vaters.

Durch die hölzerne Festung und die Zeltreihen hindurch führte man sie zu einem großen Zelt, vor welchem bereits mehrere Soldaten und ein Mann in einem langen roten Gewand warteten. Ihre fremde Sprache machte es Torvald unmöglich auch nur ein Wort zu verstehen.

Der Albino jedoch lauschte den Soldaten mit großem Interesse. Zwischendurch legte er den Kopf schief, als hätte er nur die Bedeutung einzelner Worte nicht begriffen.




„Legat Lucius Augustus Antonianus, ich melde gehorsamst die Zerstörung des feindlichen Dorfes. Die Verschonten bestehen aus einigen Frauen und Mädchen, einem Mann und zwei Jungen,“ berichtete der Anführer der Soldaten, die die Gefangenen begleitet hatten. Starr stand er vor dem Legaten und wartete auf dessen Antwort.

„Optio Marcus Cornelius, gute Arbeit. Gebt den Männern ihre Ration und entbindet sie für den nächsten Tag von ihren Pflichten. Bringt mir den weißen Jungen!“

Der Mann trat zu Torvald und entriss ihm Gilbert, der verwirrt und ängstlich nach seinem Vater rief, hoffend, dieser würde ihm helfen können: „Vater? Vater, was tut der Mann? Papa, hilf mir!“

Torvald wollte gerade hinter seinem Sohn her und ihn wieder zu sich holen, ihn beruhigen, als er die kalte todbringende Klinge eines Soldaten am Hals spürte. Kurz hielt er inne. Der Geruch von getrocknetem Blut stieg ihm in die Nase und ein verstohlener Blick auf die Klinge verriet ihm, dass ihn sein Verstand nicht getäuscht hatte. Haut und eine bräunliche Kruste störten die paradoxe Eleganz des schimmernden Schwertes.

Erneut streckte er die Hand nach seinem Sohn aus, nur um einen harten Schlag gegen die Schläfe zu spüren.

Die Welt um ihn herum drehte sich, als er zu Boden sank. Die Stimmen wirkten surreal.




Der Legat begutachtete den Albino interessiert. Die Haut des Jungen war beinahe weiß, schimmerte nur durch das darunter pulsierende Blut rosa, das Haar war farblos, keine blonde Strähne oder Ähnliches war erkennbar, und die Augen schienen ihn erdolchen zu wollen. Die Iris war hellblau und ging an einigen Stellen in ein helles Rot über. Von einiger Entfernung aus wirkte es, als wollen ihn die Augen eines Dämons in die Tiefen der Unterwelt zerren wollen.

„Sprichst du unsere Sprache?,“ fragte der Brünette, sich sicher, der Junge verstünde nicht einmal seine Frage.

Wieder erwartend reagierte der Junge und schüttelte verneinend den Kopf, als wisse er, was gefragt wurde, jedoch nicht die Antwort darauf. Der Offizier begann breit zu grinsen: „Cornelius, Hadrian wird seine liebe Freude an dem Kind haben. Seine Gunst ist mir dann sicher. “

„Ja, Herr Legat!,“ ohne einen weiteren Befehl nahm der Soldat, der Gilbert bereits zuvor geführt hatte, den Jungen grob an die Hand und führte ihn an den übrigen Gefangenen vorbei.


Die Frauen vor Torvald setzten sich wieder in Bewegung.

Er selbst schlurfte nur langsam, nachdem er sich mühsam wieder aufgerappelt hatte, hinter ihnen her. Ludwig auf seinem Rücken flüsterte seinem Vater ins Ohr: „Was machen die Männer mit Gilbert?“

„Ich weiß es nicht, mein Sohn,“ gab der Blonde zu und ließ am Boden zerstört den Kopf hängen.

Es fühlte sich an, als hätte man ihm Herz und Hoffnung aus dem Körper gerissen und vor ihm verbrannt. Vor seinen Augen, ohne dass er es verhindern konnte, zerfiel seine Welt allmählich zu Staub, der schon bald vom Wind der Zeit fortgetragen würde.

Und doch war es leer.

Stolpernd wurde der Vater hinter der kleinen Gruppe Gefangener in eine Art Käfig gestoßen. Eingesperrt von einem Zaun doppelter Mannshöhe und bewacht von schwer bewaffneten Soldaten, schwand auch die Hoffnung auf Flucht, verließ schleichend sein Unterbewusstsein.

Vorsichtig ließ er Ludwig von seinem Rücken rutschen, passte auf, dass der Kleine nicht stolperte und drückte ihn fest an sich.

Sein Halt in dieser Welt brach Stück für Stück weg.






Verschwand der Boden unter seinen Füßen tatsächlich? War die Luft, die er atmete, wirklich so schwer wie Wasser? Ertrank er, oder bildete er sich das nur ein?

Keuchend setzte sich der blonde Mann auf. Die Luft um ihn herum war kalt, seine Haut jedoch spürte den ansetzenden Frost nicht. Auf seinem Bein lastete der Druck seines jüngeren und kleineren Ebenbildes.

Die Stille, die sich wie eine zähflüssige Masse in seine Lungen fraß, lullte ihn in eine gespenstische Sicherheit, als verspotte sie seine Ängste. Die frische Nachtluft brannte wie Feuer, nährte die Schmerzen mit jedem Atemzug.

All der Schmerz, all die stechenden Gedanken, all die an seiner Psyche wie ein wildes Tier kratzenden Erinnerungen vermochten die Leere in Torvald jedoch nicht zu füllen. Wie ein bodenloses Loch verschlang sie ihn von Innen heraus.

Das stetige Rütteln der Wagenräder unter ihm fesselte ihn an das Hier und Jetzt, zerschnitten die Luft und schnürten ihm die Kehle zu.

Es war, als wolle ihm jemand das Leben aus den Lungen drücken. Sein Atem beschleunigte sich, immer tiefer holte er Luft, und doch schien er zu ersticken. Seine Augen brannten und heiße Tränen bahnten sich ihren Weg unter den gepressten Lidern hervor, liefen quälend langsam über Wange und Kinn bis sie schließlich auf das graue Gewand fielen.

Nichteinmal ihre Kleidung hatte man ihnen gelassen, alles am Körper getragene war fort. Noch dazu hatte man sein Haar geschnitten und auch da sletzte Zeichen seiner ehmaligen Freiheit geraubt.

„Ist alles in Ordnung mit dir?,“ eine hohe und doch beruhigende Stimme neben Torvald ließ ihn zusammenfahren, „Natürlich ist es das nicht, aber magst du erzählen, was es ist?“

Misstrauisch beäugte der Blonde die Frau, die ihn soeben angesprochen hatte. Ihre Züge waren hart, gar androgyn, ihr Haar brünett, verfilzt und nur etwa kinnlang. Ihre Augen jedoch glänzten mit Wärme, strahlten eine beinahe mütterliche Fürsorge, jedoch auch das Vertrauen eines Freundes aus.

Ohne auf ihre Frage einzugehen stellte der Vater fest: „Du warst schon einmal gefangen.“

„Woher… Ach ja, mein Haar. Sehr offensichtlich, nicht? Man kann es nun einmal leider nicht ändern, wenn der Gegner überlegen ist. Dir ist ja offensichtlich dasselbe widerfahren.“

„Offensichtlich, ja. Das Antlitz zeigt nur ein Trugbild, verbirgt, was genommen wurde.“

„Darf ich fragen, wer der Kleine ist?“

„Ludwig.“

„Dein Sohn?“

„Einer von ihnen.“

Kurz schwiegen sich die Fremden an.

„Ist der andere der Grund deiner Trauer?,“ die Frau, ihr Alter war in der Dunkelhei nur schwer einzuschätzen.

„Ja. Man hat ihn mir genommen und mit ihm einen Teil von mir.“

Sanft strich der Germane seinem Sohn durch das blonde Haar, versuchte sich selbst zu beruhigen. Doch kroch die Melancholie seines Daseins mit jeder verstreichenden Sekunde eine Sprosse höher und erhob sich langsam aus dem Abgrund.

„Tut mir Leid. Mir hat man vor Langem auch die Familie genommen. Weißt du, wohin man uns bringen wird?,“ sie schien von ihrer Situation deutlich weniger betrübt zu sein, als ihr Gegenüber.

„Mein Name ist übrigens Lioba. Sie bringen uns nach Rom, in ihre Hauptstadt.“

„Bitte?“ „Stell dir vor, wir Germanen lebten unter der Führung eines Mannes. Wo auch immer er regiert, lebt etwa die Hälfte von uns.“

„Aber wie können so viele Menschen in einem Dorf leben?“

„Ihr Reich ist riesig. Die Anzahl der Bewohner Roms lässt die Sterne am Himmel klein erscheinen.“

„Woher weißt du das?,“ Torvald legte den Kopf schief.

„Ich bin vor einiger Zeit von ihnen versklavt  und nach Rom verkauft worden. Mein Herr ist irgendein hochrangiger Soldat gewesen, der mich hierher zurück gebracht hat. Ich bin ihm entkommen und vor wenigen Tagen wieder gefangen worden. Zum Glück hat mich niemand erkannt. Entflohene Sklaven dürfen nämlich getötet werden.“

Schwer schluckend starrte der Mann auf das, was er in der Dunkelheit von seinem Sohn erkennen konnte und flüsterte, mehr zu sich selbst: „Ich fühle mich so leer.“

Ein Arm schlang sich um seine Schultern, gefolgt vom Druck Liobas, die sich an ihn lehnte. „Ich kann und werde dir deshalb auch nicht versprechen, dass sich das ändern wird. Mein Bruder hat sich mit dem Werkzeug auf dem Feld unseres Herren selbst umgebracht, weil er es nicht mehr ausgehalten hat. Es wird immer schlimmer werden, bis zu dem Punkt, an dem du nicht mehr fallen kannst.“

„Sehr hilfreich,“ brummte Torvald.

„Was soll ich denn sagen, du Miesepeter?,“ raunzte Lioba, „Ich habe das hier schon einmal durchlebt. Ich weiß, was passieren kann und wird! Ich weiß, dass auf dem Markt nicht darauf geachtet wird, ob Kinder bei ihren Eltern bleiben. Niemanden interessiert, was mit uns passiert! Wir sind jetzt Ware, man kann mit uns machen, was man will! Wenn du Glück hast, wird dein Sohn von jemandem für den Haushalt gekauft. Du wirst entweder in der Arena, als Ehemannersatz für eine verbitterte Tussie oder auch als Haushaltssklave enden! Wenn du Feldarbeiter wirst, lebst du keine weiteren zehn Jahre und im Bergwerk siehst den nächsten Winter nicht einmal! Was soll ich dir sagen? Dass ich vermutlich in einem Bordell lande, um von Freier zu Freier und Schwangerschaft zu Schwangerschaft zu springen? Diese Welt ist nun einmal scheiße, das ist so!“

Schweigend nahm der Vater hin, was ihm die Frau offenbart hatte.

Er würde von seinem letzten Sohn getrennt.

Man würde ihm auch noch Ludwig nehmen.

Er würde ihn nie wiedersehen.

Die Erkenntnis legte sich schwer wie ein Stein auf seine Brust und presste die Luft aus seinen Lungen.

Schweiß rann ihm über die Stirn, seine Augen rissen er panisch auf. Mit angstverzerrter Miene schnappte der Mann nach Luft, und doch schien er zu ersticken.

Wie ein schwarzes Nichts wusch die Erkenntnis über ihn, drang in ihn ein, übernahm sein Denken.

Ein harter Schlag zog ihn aus seiner Panik. Seine Wange glühte schmerzhaft rot und sein Blick heftete sich an die Ursache seines Schmerzes. Lioba saß mittlerweile an der Seite Ludwigs, welcher noch immer am Bein seines Vater ruhte, und hatte ihren Griff an seinem Kinn verhärtet.

„Hör mir zu, wie auch immer du heißt. Deine Angst ist berechtigt, aber sie bringt dir nichts! Sei stark! Was auch immer sie dir nehmen, bleib standhaft! Und wenn du es nicht für dich tust, dann für Ludwig. Und wenn du ihn nicht mehr hast, dann tu es in seinem Gedenken! Lass dich nicht von ihnen zermalmen!,“ ihre bestimmten Worte standen im Kontrast zu ihrer sanften Stimme wie die Nacht zum Tag.


Kurz schwieg Torvald, strich über das zarte Gesicht Ludwigs. „Hattest du jemals Kinder?,“ fragte er dann neutral.

„Nie. Unser Priester hat gesagt, es wäre ein Fluch, dass ich keine Kinder bekommen kann,“ hauchte die Frau, „Ich habe mir immer eines gewünscht. Ein kleines Mädchen, dem ich alles beibringen könnte, das ich weiß, und sie glücklich spielen zu sehen. Das hat mich eine Zeit lang innerlich zerbrochen.“

„Und nun stell dir vor,“ versuchte Torvald seine Lage zu erklären, „Du hast das. Einen liebenden Partner, zwei wundervolle Söhne und bald ein drittes Kind. Und dann stirbt dein Partner kurz nach der Geburt, das Kind mit ihr. Und innerhalb eines Jahres verlierst du deinen Partner, zwei Kinder, deine Heimat und die Freiheit. Sie hätten mich auch gleich umbringen können.“

„Ich vermisse meine Familie,“ begann Lioba zu schluchzen und klammerte sich Halt suchend an die Schulter des Blonden. Ihr Damm war gebrochen.

Nun konnte der Vater auch das Gesicht der jungen Frau näher erkennen. Sie war vielleicht gerade 15 Jahre alt.

Auch er konnte die Tränen kaum noch zurück halten. Sie war noch so jung, hätte sogar seine Tochter sein können.

Wie konnte man so etwas Grausames Familien und Kindern nur antun?

Der Hass und die Verachtung, die die Römer für ihn übrig hatten, mischte sich zu seiner Verbitterung.



Wie lange sie auf dem Karren gefangen waren, wie lange man sie in ihrem eigenen Dreck hatte ausharren lassen, war unbedeutend. Die Sonne war zu oft hinter dem Horizont verschwunden, als dass es für Torvald noch eine Rolle spielte.

Man ließ sie schon seit Tagen hungern und das Wasser war ein rarer Luxus, den man ihnen nur zu gern verweigert hätte.



Zu ihren Seiten häuften sich Ochsenkarren. Mehr und mehr Menschen gesellten sich auf die gepflasterte Straße. Die Stimmen mischten sich zu einem unangenehmen Schreien, das ihm in den Ohren schmerzte.

Ludwig erhob sich schwach vom Schoß seines Vaters, kniete sich vor das Gitter des Karrens und musterte interessiert die Menschen, die sich im mittlerweile engen Gedränge umher bewegten.

Vor ihnen erhob sich eine riesige Stadt. Die Gebäude waren gigantisch, vier oder fünf Mal so groß wie die Hütten in ihrem Dorf und allein auf der Straße befanden sich mehr Menschen, als er zuvor jemals auf einem Haufen gesehen hatte.

Begeistert grinste Ludwig.

„Papa! Guck mal; So viele Leute!,“ kicherte der kleine Junge.

Torvald öffnete die müden Augen: „Ja, Ludwig. So viele Menschen.“

Lioba musste schmunzeln: „Der Kleine versteht es noch nicht und findet das hier beeindruckend, nicht? Aber du musst zugeben, es ist tatsächlich erstaunlich.“

„Ich behalte meine Meinung über diese Monster lieber für mich selbst.“

„Ist ja gut, alter Mann. Grummel ruhig weiter vor dich hin. Ich bin dann mal bei deinem Sohn und freue mich für ihn, dass er seinen Frohmut nicht verloren hat!,“ stichelte die junge Frau und setzte sich neben den blonden Jungen.

Torvald selbst warf einen verstohlenen Blick hinter sich und wollte am Liebsten würgen. Die Häuser waren schlicht und wirkten zum Teil ruinenartig, die Straßen waren voller Abfall und Fäkalien und stanken abartig.

Nur langsam besserte sich der Anblick und aus den schlichten Häusern wurden prächtige im Licht der Abendsonne glänzende Paläste.

„Lioba, ist das Rom?,“ wollte der Vater wissen und wandte den Blick von dem Fremden.

Sie nickte und zuckte erschrocken zusammen als eine laute Stimme vor dem Karren etwas rief. Torvald verstand kein Wort.


Ein grimmig blickender Mann öffnete die Gittertür und grummelte etwas Unverständliches. Lioba erhob sich aber wissend und folgte dem Mann mit gesenkten Kopf und flüsterte Torvald kurz zu: „Folge ihm einfach, das endet sonst für niemanden gut.“

Wie gefordert folgte der Blonde mit Ludwig an seiner Seite dem seltsamen Mann, welcher bereits in einem kleinen Gebäude verschwand, das schon eher einem schäbigen Stall als einem Haus glich.

Der stechende Geruch von Schweiß und Blut stieg Torvald in die Nase, ließ ihn diese rümpfen und die Mundwinkel angeekelt verziehen.

Man führte sie in einen Raum voller metallener Wannen, gefüllt mit halbwegs sauberem Wasser und starrte sie an.

Was wollten diese Männer von ihnen?

Wieder machte Lioba den ersten Schritt, als hätte sie diese Prozedur bereits einige Male durchgemacht. Sie legte ihre Kleider ab ohne einem der Männer in die Augen zu sehen, vielleicht waren es ja diese Händler, von denen sie gesprochen hatte, und stieg in eine der Wannen. Kurz stieß sie einen erschrockenen Schrei aus und versuchte sich dann die aufsteigende Kälte aus dem Leib zu zittern.

Ein kurzer Blick zu seinem Jungen und Torvald folgte ihrem Beispiel, legte seine Kleidung ab und half Ludwig aus seiner heraus, versuchte ihn möglichst vor den Augen der Fremden abzuschirmen. Zu Zweit stiegen sie in das kalte Wasser und zitterten am ganzen Körper.



Kurze Zeit später zerrte ein weiterer Mann die kleine Familie aus dem Wasser, verweigerte ihnen ihre Kleidung und reihte sie in einem Innenhof nebeneinander auf.

Ludwig zitterte wie Espenlaub, hatte furchtbare Angst vor den fremden Männern und klammerte sich an seinen Vater, welcher ihm sichernd die Arme um die Schultern legte.

Doch auch Torvald fürchtete diese Männer. So sehr, wie er sie hasste.




Ein in ein weißes Gewand gekleideter Mann trat vor die Gefangenen und musterte sie aufmerksam. Mit aller Zeit der Welt im Hinterkopf ließ er sie warten, ließ die Männer und Frauen unter seinen Augen in ihrer Angst zergehen.

Schließlich deutete er auf einige von ihnen, unter anderem Ludwig und Torvald, und ging dann wortlos ab.

„Ihr müsst mit ihm mitgehen“ erklärte Lioba neben Torvald, die sich noch immer nicht traute, ihren Kopf zu heben.

„Und was geschieht mit dir, Tante?,“ fragte Ludwig ängstlich.

„Tante Lioba bleibt hier. Hör einfach immer gut auf deinen Vater, in Ordnung? Versprichst du mir das?“ Ludwig nickte und sah zu Torvald auf, als warte er auf dessen nächsten Schritt.




Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte unermüdlich auf sie hinab. Ihnen waren graue Lendenschurze gegeben, ein mit Kreide beschriebenes Schild um den Hals gehangen und Ketten angelegt worden. Nun mussten sie warten.

Sie saßen mitten auf einem Marktplatz, nur durch die kleine Bühne von den fremden Menschen getrennt, hinter und neben ihnen andere Sklaven, die ebenso in Ketten lagen und sich ihrem Schicksal ergeben mussten.

Der Mann, der sie zuvor ausgewählt hatte rief laut über den Platz, pries sie offensichtlich an und sprach gezielt Menschen aus der Masse an.

„Woher kommt ihr?,“ ertönte eine kratzige Stimme hinter Torvald.

Nur mit großer Mühe konnte er den Kopf drehen: „Nicht von hier. Aus dem Land des Odin. Warum willst du das wissen?“

„Ich bin nur ein Alter aus Griechenland, dem etwas langweilig ist.“

„Griechenland?“

„Du weißt doch wohl, was Griechenland ist? Sag bloß, du kennst die Hochburg des Wissens nicht!,“ empörte sich der Grauhaarige, grinste dabei jedoch, hinter den spröden Lippen die weisheit eines Greises.

„Ich weiß nicht einmal wirklich, wo wir hier gerade sind,“ gab Torvald zu, „Woher kennst du eigentlich meine Sprache? Du siehst nicht aus, wie einer von uns.“

„Mein Freund, ich habe nun schon fünfzig Jahre auf dieser Welt, das ist genügend Zeit, die ein oder andere Sprache zu lernen. Latein war schlimmer!“


Ein Räuspern neben dem Blonden ließ ihn aufschrecken und aufblicken. Der Händler packte ihn grob am Kinn und zwang ihn auf die Beine, löste die Ketten und führte ihn zu einem kleinen Mann mit Spitzbart.

"Sieh dir dieses Prachtexemplar an," pries der Händler, "7000 Sesterzen würde er dich kosten, mein Freund."

"7000? So viel? Was macht ihn denn bitte so teuer?," entrüstete sich der kleine Mann, stemmte empört die Hände in die Hüfte und zog abwartend eine Augenbraue hoch.

"Das ist ein außerordentlich großer Mann, dazu noch ein Germane, du weißt, die kommen besonders im Zirkus gut an, und er würde dir als Gladiator gutes Geld einbringen, das kann ich dir versprechen."

"5000 und wir kommen ins Geschäft." "6000." "1250 Denare und keine Sesterze mehr!" "Gut, 60 Auren. Dafür kommst du aber morgen wieder, dann hab ich ein paar guter Ägypter für dich. Einverstanden?“

Wieder stummes Nicken, ein Säckchen, das zwischen den Männern gereicht wurde und zwei zufriedene Gesichter, die sich nun dem blonden Germanen zuwandten.

Der Händler drückte dem Kleineren die Kette in die Hand und drehte sich von ihm fort, kümmerte sich um einen anderen Kunden.

Rücksichtslos zog der bärtige Mann sein neu erworbenes Eigentum mit sich, achtete nicht auf dessen panische Blicke, seine Bemühungen, ihm zu entkommen. Mit aller Kraft stemmte sich Torvald gegen den Mann, der ihm das letzte bisschen Hoffnung nehmen wollte.

„Nein!,“ schrie er aus tiefster Seele, ignorierte den ziehenden Schmerz an seinem Hals, ignorierte, wie ihm das Atmen immer schwerer fiel, „Du kannst ihn mir nicht nehmen! Du kannst mich nicht von Ludwig trennen! Ludwig, hörst du? Papa wird dich finden! Papa kommt dich holen!“

Tränen der Verzweiflung rannen ihm über das blasse Gesicht.

„Papa?,“ verwirrt rief der kleine Junge seinem Vater nach, „Warum gehst du, Papa?“

Der alte Grieche lehnte sich zu dem Jungen hinunter, nahm ihn in den Arm und versuchte Torvald aufmunternd entgegen zu lächeln, wissend, dass er seinen Sohn vermutlich nie wieder zu Gesicht bekommen würde.

Torvalds Anstrengungen erstarben, als sein Blickfeld langsam vom Schwarz der Bewusstlosigkeit eingerahmt wurde. Niedergeschlagen und nur körperlich anwesend folgte er seinem Besitzer – allein beim Gedanken das Eigentum eines Mannes zu sein, rebellierte sein Innerstes – während seine Gedanken langsam dem Abgrund entgegen liefen.



Nun war er ganz allein, seine Söhne hilflos und unter Fremden.

Nichts mehr, für das es sich zu leben lohnte. Seiner Freiheit und seiner Familie beraubt wusste Torvald nicht, was er noch tun sollte.

Gilbert und Ludwig waren fort. Er hatte ihnen nicht helfen können, obwohl das alles gewesen war, das ihn die letzten Wochen angetrieben hatte.

Ohne den stetigen Zug an seinem Hals, wäre er längst zu Boden gesunken, hätte einfach aufgegeben. Doch der Zug hielt an, ließ einfach nicht nach.

Den Kopf hängen lassend war er sich der Blicke nicht bewusst, die ihm zugeworfen wurden. Wie eine Attraktion starrte man ihn an, wie eine obszöne Kreatur, von der man seinen Freunden erzählen wollte. Irgendwann stachen die Blick in seinem Rücken so sehr, dass sich der Germane zusammenriss und aufblickte.

Mit blinder Wut in den Augen stellte er sich vor, jeden einzelnen der Umherstehenden und Schaulustigen zu erdolchen, in ihrem Blut zu baden und die Götter anzuflehen, ihm seine Söhne zurückzugeben, die ihm diese Monster genommen hatten, ihm aus dem Herz gerissen hatten!

Ängstlich zuckten einige der Menschen um ihn herum zusammen, versuchten seinem Blick auszuweichen. Andere wiederum lehnten sich zu ihren Begleitungen und Freunden und tuschelten, redeten über ihn – da war er sich ganz sicher.

Sein Herr – am liebsten hätte er sich bei diesem Ausdruck übergeben – zerrte ihn weiter mit sich, wohl wissend, was sein Sklave nun gerne tun würde, und ignorierte dessen erneut aufbäumenden Wiederstand.

Es würde ihm ohnehin nichts nützen.


Einige weitere Minuten zu Fuß und viele Blicke, die sich wie Messer in seine Haut bohrten und anstatt ihn zu ängstigen seinen Zorn nährten, wie Öl Feuer lodern ließ. Ihm war bewusst, dass er nichts tun konnte, alle Macht, die er jemals besessen hatte, und sei es nur die Freiheit gewesen, sein eigenes Leben zu bestimmen, hatte er verloren. Er war seinem Herren ausgeliefert.

Verzweiflung mischte sich erneut unter den Zorn, die Wut, die sich nur schwer bändigen ließ.



Vor ihnen tauchte ein riesiges Gebäude auf, kreisrund und aus hellem Stein.

Der kleinere Mann machte eine scharfe Kurve, betrat ein mittelmäßig großes Gebäude. Hinter ihm musste sich Torvald anstrengen, nicht zu husten, unterdrückte den Impuls sich die Hände vor Mund und Nase zu halten.

Der Raum, in welchen sie getreten waren, war dunkel, nur von einer kleinen Laterne erhellt, schließlich gab es keine Fenster, die die warmen Strahlen der Sonne hinein hätten lassen können. Die Luft war stickig, getränkt von Schweiß und dem Geruch von Stroh und Tieren.

Der kleine Mann ließ ihm keine Zeit all diese Eindrücke auf sich wirken zu lassen. Mit Worten, die für Torvald fremd und falsch wirkten, leitete man ihn aus dem Eingangsraum hinaus und auf einen Innenhof, der deutlich größer war, als es die Fassade des Hauses erträumen ließ.

Vor ihnen lag ein kleiner Trainingsplatz und einige Männer, offensichtlich aus den verschiedensten Regionen der bekannten Welt, übten sich im Schwertkampf oder rangen miteinander.

„Kaeso!,“ verlangte der kleinere Mann nach einem der Kämpfer, welcher sogleich sein Holzschwert niederlegte und auf die Neuankömmlinge zu lief.

Sie wechselten einige Worte miteinander, die Torvald wieder nicht verstand. Frustriert beobachtete er die nur leicht bekleideten Kämpfer, welche sich während ihres Trainings locker miteinander zu unterhalten schienen.

„Kaeso mein Name,“ unterbrach der Kämpfer, der zuvor zu ihnen gerufen worden war, während ihr Herr die Ketten von Torvald löste, „Ich soll zeigen, was hier du tun.“ Sein gebrochenes Germanisch wirkte sehr unbeholfen, allerdings leicht zu verstehen. „Ich dir zeigen Raum.“

Bestimmt lief der große Mann voraus, sein brünettes Haar klebte ihm im Nacken und sein freier Oberkörper glänzte im Sonnenlicht. Die breiten Schultern schoben sich durch einen schmalen Türrahmen und in einen ebenso schmalen, jedoch langen Flur. Am Ende des Ganges öffnete der Mann eine der vielen Türen: „Hier Raum von mir. Du auch schlafen hier.“

„Was ist das hier?,“ wollte Torvald wissen und bemühte sich um eine klare Aussprache, sodass der andere ihn verstehen konnte.

„Schule für Kämpfer. Wir sind Gladiatoren. Wir kämpfen für Unterhaltung von freies Volk.“ „Was!“ „Wir kämpfen um Leben. Was ist dein Name?“

„Torvald.“

„Torvald, du jetzt Familie von Kämpfern.
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