Freiheit

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
Deutschland Germanien Italien OC (Own Character) Preussen Rom
07.05.2018
07.11.2019
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Dunkelheit lag über dem Land, hatte ein Tuch des Schweigens auf die Wälder geworfen und schien das Leben zum Stillstand gebracht zu haben. Hin und wieder bewiesen vereinzelte Rufe der Tiere der Nacht, dass auch die Nacht das Leben nicht vermochte zum Schweigen zu bringen.

Die Schatten der endlos erscheinenden Wand aus Bäumen schien ein Vorbote zu sein, schien vor den Gefahren des wilden Landes warnen zu wollen. Einzig das Mondlicht warf einen silbrigen Schein auf alles unterm Himmelszelt, und doch erreichte es die tiefsten Schatten nicht, als hätte es den Kampf verloren.

Blond und Weiß, beinahe dem Mondlicht gleich, saßen zwei Gestalten, die unterschiedlicher kaum sein konnten, in den unerreichten Schatten, schwiegen, lauschten und beobachten den feurigen Schein nicht weit von ihnen entfernt. Der Eine groß, langes Haar und sich seiner Sache offenbar sehr sicher, der Andere gerade halb so groß wie seine Begleitung, schneeweißes Haar und umso unruhiger, sahen sie gemeinsam über das tote Feld vor ihnen.

Wer auch immer den Horizont in seiner hölzernen Festung erleuchtete, hatte auch die Bäume vor dem Paar geschlagen, hatte ohne Rücksicht auf Verluste den Wald missachtet, die Geister in ihm aufgeschreckt und auf erschreckende Weise demonstriert, welch eine Macht er sich anmaßte über Mutter Natur zu haben.

"Vater?," erhob sich ein zarte Stimme, zitternd vor der Kälte, die sich gemeinsam mit der Nacht über sie gelegt hatte, "Was ist das?" Der Junge an der Seite seines Vaters deutete ängstlich auf die toten Stümpfe vor sich und die Festung in der Ferne.

"Ein Monster," erklärte der Vater, "Niemandem sollte diese Macht über die Natur innewohnen."

"Und was ist das da?," fragte der Weißhaarige mit der ebenso leblos erscheinenden Haut interessiert und gleichzeitig vorsichtig.

"Etwas ebenso Grausames, Gilbert. Eine von einem Monster geschaffene Festung. Halte dich bloß fern von ihr, hast du gehört? Diese Monster sind gefährlich. Sie sind erbarmungsloser, als ein jedes Tier und noch viel blutrünstiger."

Gilberts vor Frost schüttelnder Körper schmiegte sich enger an seinen Vater und erneut erhob sich das zarte Stimmchen: "Werden sie uns finden?"

"Nein," versicherte der Größere, "Sie sind so blind wie sie stark sind. Sie sehen und doch sehen sie nicht. Sie hören und doch hören sie nicht. Sie sind laut wie ein junges Pferd und wandern ebenso ungeschickt durch die Wälder. Doch sei gewarnt, sie sind wie Bären. Ungestüm und laut, wenn du dich ihnen aber näherst, näherst du dich deinem sicheren Ende."

Das Kind verbarg sein Gesicht an der Brust seines Vaters. "Aber hab keine Angst, Gilbert, ich werde dich und Ludwig vor ihnen schützen," beruhigte der Vater seinen Sohn, streichelte ihm sanft und behutsam über das kurze Haar und fragte dann fürsorglich, "Magst du nun zurückkehren?"





Durch die Finsternis, das Dunkel der Nacht hindurch trug der Vater seinen Sohn wieder zu ihrem Dorf, legte ihn neben seinem kleineren Bruder zu Bette und deckte seine Kinder zu. Ein trauriges Lächeln stahl sich auf die Lippen des Mannes als er seine Söhne so friedlich schlafen sah.

Erinnerungen drängten sich in sein Blickfeld, wie Dämonen, die an seiner Seele zerrte. Noch vor einem Jahr hatte er gemeinsam mit Freija, der Mutter seiner Kinder, neben ihnen gelegen, ihre kleine Familie betrachtet und auf ein weiteres Kind gewartet.

Der Tag, an dem sie seine Göttin verloren hatten, lag nun schon beinahe ebenso lange zurück. Seitdem waren seine Söhne alles, das für ihn zählte. Nur aus diesem Grund schob er seine Gedanken zu Seite, erhob sich von dem Fellbett und verließ die lehmene Hütte.





Er würde dem Opfer beiwohnen, sich vergewissern, dass ihnen keine Gefahr drohte, dass sie kein Unheil überfallen würde, wie der späte Frost des Frühlings die nichtsahnenden Blumen.

Er trat zwischen den Hütten der anderen Stammesmitglieder hervor, offenbarte sich den Blicken der anderen Krieger und ließ sich in ihrer Mitte im Schein des Feuers nieder. Um sie herum tanzten ihre Schatten an den farblosen Wänden ihrer Heime, verliehen der Zeremonie einen unheimlichen Schein.

Neben dem Mann regte sich einer der Krieger, wendete seine Aufmerksamkeit vom Stammesältesten an ihrer Spitze ab und sah dem blonden Mann direkt in die eisblauen Augen, die schienen, als hätte man das Eis des Winters aus einem See geschnitten. Flüsternd stellte er fest: "Du bist spät, Torvald."

"Das bin ich, Berwald. Gilbert wollte nicht schlafen," gab der Vater zu, musterte sein Gegenüber.

Der Berg von einem Mann mit dem buschigen braunen Bart und dem ebenso unordentlichen Haupthaar grinste breit: "Mutter Torvald macht das schon, nicht?" Der Blonde verdrehte nur die Augen, der Brünette neben ihm war unverschämt wie immer.

Ein erschrockener Ausruf erinnerte Torvald daran, weshalb er überhaupt die übrigen Krieger ertrug.

Der Dorfälteste, welcher zugleich das Amt des Priesters bekleidete, hatte sich zu ihnen gedreht und verkündete mit tranceartig verdrehten Augen: "Der Dämon kommt in Form eines uns bekannten Monsters. Er wird uns vernichten!" Ein kollektiv ergriffenes Raunen ging durch die Reihen der Männer.

Torvald verhärtete den Griff um seine Arme, fühlte sich zurückversetzt, an den bisher schlimmsten Tag seines Lebens. Das Opfer hatte ihn noch nie belogen! Es hatte ihm vorausgesagt, er würde seine Welt an die Götter verlieren, hatte nicht richtig deuten können und so zu spät erkannt, was geschehen würde.

Dieses Mal konnte er nicht zulassen, dass ihm die Götter die Welt nahmen. Würde er Gilbert verlieren, könnte er keinen Frieden mehr finde, würde es Ludwig treffen, so würde dies einem Todesstoß gleichkommen.

Zwar liebte er beide seiner Kinder bedingungslos, doch glich sein Jüngster Freija so sehr. Verlor er ihn, verlor er seine Hoffnung.

Wieder wurde ihm klar, dass er diese ohnehin verloren hatte. Freija war tot. Seine Söhne hatten keine Mutter, nur ihn. Er mied den Stamm und konnte von ihnen keinen Beistand erwarten. Zu oft hatte er sich dem Gesetz widersetzt, die Sitten nicht geachtet. Ginge es nach seinem Stamm, hätte er bereits wieder heiraten müssen, um seinen Kindern eine Mutter geben zu können.

Eine Träne entwich seinem Augenwinkel, fand ihren Weg über die hohen Wangenknochen und das kantige Kinn, tropfte von diesem herab und verging in seinem Umhang. Zu sehr fürchtete er, was kommen könnte. Mit festem Willen schwor er sich, seine Welt nicht aus den Augen zu lassen!





Auch in den nächsten Tagen war die Warnung vor dem Unheil nicht vergessen. Im Gegenteil, Torvald wagte es nicht erst, alleine das Dorf zu verlassen. Seinen Ältesten an seiner Seite und Ludwig auf dem Rücken drang er tiefer in den Wald ein und suchte nach einem guten Platz um jagen zu können.

Erst als er Ludwig absetzte legte er auch die mitgebrachten Bögen ab. Seinen eigenen Jagdbogen lehnte er an den nächstgelegenen Baum, während er den deutlich Kleineren dem blonden Jungen reichte.

"Gilbert, übe doch schon einmal ein wenig und zeig uns gleich, was du kannst. Vielleicht erlegst du ja sogar einen Hasen?," ermutigte der Vater und richtete seine Aufmerksamkeit daraufhin auf Ludwig, "Und nun zu dir, mein Kleiner. So hältst du den Bogen, das weißt du noch, oder?" Vorsichtig korrigierte er die Haltung des Neunjährigen.

Stolz beobachtete er, wie seine Söhne lernten. Gilbert konnte bereits gut mit dem Bogen umgehen, traf seine Ziele trotz seiner Sehschwäche und wusste sogar seinen Bogen zu reparieren, wenn die Sehne absprang. Ludwig hingegen war nicht sehr begabt mit dem Werkzeug. Nur langsam lernte er und verstand die richtige Haltung, auch das Zielen fiel ihm schwer, und doch gab er sein Bestes.

Würden sie später zusammenarbeiten, wären sie bestimmt ein gutes Team, stellte Torvald fest. Gilbert war äußerst selbstbewusst, war sich für keine Aufgabe zu schade und gab immer sein Bestes und Ludwig war ein sehr schlauer Junge und für seine neun Jahren oft erstaunlich erwachsen.

"Schau, Vater!," begeistert rief der ältere Junge nach Torvald und deutete auf einen am Boden liegenden Vogel, den er getroffen hatte. Seine roten Augen strahlten wie die Sterne am Nachthimmel als er mit kleinen Schritten in Richtung des toten Tieres lief um es zu seinem Vater zu bringen und stolz zu präsentieren. Tatsächlich klopfte Torvalds Herz vor Freude über den Erfolg Gilberts: "Das hast du wunderbar gemacht, mein Junge. Siehst du, Ludwig, eines Tages wirst auch du das schaffen."

Der Kleinere lachte auf und meinte mit seiner hellen Stimme: "Wenn ich groß bin, will ich wie Gilbert sein!" Kurz über seine eigenen Füße stolpertend rannte der Neunjährige zu seinem großen Bruder und umarmte den Größeren fest. Ein rosa Schimmer legte sich auf Gilberts Wangen, doch drückte er den Jüngeren nicht von sich.





Einige Meter entfernt marschierten sechs Männer in Rüstung vorsichtig durch das Unterholz, bewegten sich so leise sie nur konnten. Ein lauter Aufschrei eines Kindes in einer fremden Sprache ließ sie aufhorchen und zu Salzsäulen zu erstarren. Der Mann an ihrer Spitze mit eindrucksvollen Federkamm auf seinem Helm, ein Teil seiner Uniform, deutete den anderen zu schweigen und schlich dem Ort der Stimmen entgegen. Die Männer in Rüstungen warteten geduldig an Ort und Stelle auf ihren Centurio.

Neugierig linste der Mann zwischen dem Gestrüpp hervor, erkannte einen Jungen mit weißem Haar, der mit einem Vogel in der Hand und einem Pfeil in der anderen auf eine große blonde Gestalt, die leider mit dem Rücken zu ihm stand, zulief. Lachend sprach die Gestalt mit dem Jungen und dem anderen Kind an seiner Seite. Die Stimme, so leise sie auch auf der anderen Seite der kleinen Lichtung klang, war eindeutig männlich.

Hinter dem Militär sprang ohne jegliche Vorwarnung ein Reh aus dem Unterholz, über die Lichtung und wieder in den Schutz der Bäume. Einer seiner Männer hatte das Tier wohl aus Versehen aufgeschreckt.

Die blonde Gestalt drehte sich alarmiert in seine Richtung um, wirkte, als wolle sie die Kinder unter den Arm nehmen und dem Reh gleich davon sprinten.

Nun konnte der Militär auch das Gesicht der Person erkennen, die sich so ängstlich umsah. Das Haar war lang und blond, wie es der Centurio nur selten gesehen hatte. In Rom war das Haar nur schwarz oder brünett und auch die Haut war dunkler, als bei dieser Person. Das Gesicht war kantig und die Augen selbst auf diese Entfernung stechend blau.

Es schien, als hätten die Götter diesen Germanen geschickt.

Ob es der Mut oder doch unbedachte Neugierde war, der Mann trat mit erhobenen Händen aus den Büschen heraus und wartete die Reaktion des Germanen ab.







Torvalds Augen weiteten sich panisch. Ein Römer!

Gilbert hingegen schien fasziniert von dem Fremden zu sein und wollte zu ihm laufen, Torvald jedoch hielt ihn wissend zurück. Von diesen fremden Soldaten hörte man nur das Schlimmste und er würde seinen Jungen bestimmt nicht in die Arme eines Monsters laufen lassen.

"Vati, wer ist das?," fragte Ludwig, welcher sich ängstlich hinter seinem Vater versteckt hatte.

Der Blonde drängt Gilbert ebenso hinter sich und rief so bedrohlich es ihm möglich war: "Verschwinde, Fremder! Ich werde keine Gnade walten lassen, solltest du näher kommen!"





Der Römer indes verstand nicht, was der Blonde gesagt hatte. Er klang, als sähe er in ihm eine Gefahr. Übel nehmen konnte er es ihm nicht. Hinter ihm hörte er einen seiner Männer nach ihm rufen: "Julius, was tut ihr?"

Er ignorierte den Mann und versuchte sich an der Kommunikation mit dem Wilden: "Ich möchte dir nichts Böses tun. Du und die Jungen haben mich nicht zu fürchten."

Einer seiner Soldaten trat neben ihn und schien so den Germanen endgültig verschreckt zu haben. Der blonde Mann schulterte zwei unterschiedlich große Bögen und den kleineren Jungen, nahm den anderen an die Hand und verschwand innerhalb eines Augenblicks in den Schatten des Waldes.

"Centurio, sollen wir ihnen hinterher und diese Wilden fangen? Sollen wir sie töten?"

"Marcus, wir werden sie einfach ziehen lassen. Das waren Kinder! Wolltest du, dass deinen Töchtern etwas getan würde?," forderte Julius zu wissen und warf dem Soldaten einen schmerzenden Blick zu.

"Natürlich nicht, Centurio!" "Dann lass dein Schwert sinken und begib dich zurück in die Formation," befahl der Brünette seinem Untergebenen, setzte sich wieder an die Spitze der kleinen Gruppe und führte sie weiter durch den schattigen Wald.







"Ich schwöre bei Frigg, da war einer von ihnen!," regte sich der Blonde auf. Ihm Gegenüber saßen der Dorfälteste und einige Krieger, bei Weitem jedoch nicht alle, und musterten ihn skeptisch.

Der alte grauhaarige Mann fragte erneut: "Bist du dir sicher, dass du nicht von einem Irrlicht heimgesucht wurdest?"

"Das war kein Irrlicht! Sie sind hier! Sie kommen und werden uns zerstören wollen!"

Einer der Krieger erhob sich: "Können wir darauf vertrauen, dass er klaren Verstandes ist?"

"Ihr habt doch die Götter durch das Orakel sprechen hören! Wenn nicht mir, dann glaubt doch euren Schöpfern!"

"Er maßt sich an, den Willen Odins zu deuten!," empörte sich ein anderer Kämpfer und fuhr fort, "Nur der Priester kann ihren Willen deuten und jeder andere hat kein Recht dazu!"

"Das stimmt. Torvald, nur dem Ältesten ist es möglich zu erkennen, was geschehen wird. Nur ihm kommen Zeichen."

"Aber ich habe ihn doch gesehen!," versuchte Torvald die kleine Gemeinde weiterhin zu überzeugen, "Das war ein fremder Soldat! Er kam langsam auf Ludwig, Gilbert und mich zu. Er trug Rüstung und Waffe bei sich! Er sprach unsere Sprache nicht! Er ist so feindlich wie jeder andere von ihnen! Und wo einer ist, da folgen die anderen!" Angst machte sich erneut in ihm breit.

Warum sahen sie die Gefahr nicht? Sahen sie nicht, dass sie sich dem Feind einfach auslieferten?

"Du bist doch nur paranoid! Du bist Mutter! Mütter sorgen sich irrational um ihre Kinder," argumentierte einer von ihnen.

"Bitte was?," Torvald blieben für einen kurzen Moment die Worte weg, "Und wenn ich Mutter wäre, wäre die Sichtung eines feindlichen Soldaten trotzdem nicht weniger beunruhigend! Nur weil mir meine Söhne wichtig sind, macht mich das nicht zu weniger Krieger als jeden von euch und vor allem scheint es mich als Einzigen hier klar denken zu lassen!"





Keiner der Krieger hatte seine Sorgen verstehen können. Es war zwar beschlossen worden, am Abend die Götter erneut zu befragen, jedoch übernahm die Sorge Torvalds Gedanken. Unruhig beobachtete er seinen Jüngsten beim Spielen mit einem Holzpferd.

Der junge Blonde kicherte zwischendurch hell und ließ seinen Vater nicht in dessen dunklen sorgenvollen Gedanken versinken. Die Sonne sank nur langsam hinter die Baumwipfel. Um sie herum herrschte reges Treiben, die Dorfbewohner eilten von Ort zu Ort, unterhielten sich. Gleich neben Torvald saß ein junges Mädchen und arbeitete an einem neuen Gewand, wobei ihr ihre Mutter half.

Langsam näherten sich Hufe und ließen Torvald aufblicken. Gilbert grinste ihn breit vom Rücken des aschgrauen Pferdes an. Wie war er nur auf das große Tier gekommen?

"Guck mal, Vater!," freute sich das Kind und drehte mit dem Tier eine kleine Runde um den Älteren und die Dreiergruppe um ihn herum, "Ich habe von Anselm angeboten bekommen sie hier zu reiten und dir zu zeigen, was ich jetzt kann! Ich kann sogar den Bogen halten, wenn ich reite!"

"Du wirst einmal ein großer Krieger, das kann ich dir versprechen," lachte ein rothaariger Mann neben Gilbert auf, hielt das Pferd an den Zügeln fest und tätschelte der Stute den Hals. "Torvald, dein Sohn ist ein wahres Naturtalent!"

"Ich weiß, er kommt da ganz nach seiner Mutter," lächelte der Vater ausnahmsweise, "Freija hatte, wie Gilbert auch, als Pradedisziplin das Reiten gehabt."

Anselms Lachen schallte kaum einen Augenblick später durch die Siedlung.

"Kein Wort, alter Freund, meine Söhne sind anwesend," schmunzelte der Blonde und räusperte sich dann wieder ernster, "Gilbert soll lernen dürfen, was ihm Spaß macht. So lange er die Reitkunst meistern möchte, soll ich dir dankbar sein, wenn du ihn unterrichtest."

"Ich werde ihn weiter lehren, was ich weiß. Es ist faszinierend, wie schnell er umsetzen kann, was er lernt." Torvald stimmte seinem Kameraden zu.

Die Dunkelheit hatte den Tag wiedereinmal besiegt. Außerhalb seiner kleinen Hütte konnte der Vater die lauten Unterhaltungen von Frauen und Männern der Siedlung gleichermaßen hören. Gilbert und Ludwig saßen mit gekreuzten Beinen nebeneinander und spielten mit den von ihrem Vater geschnitzten Holzfiguren etwas, dem Torvald selbst nicht ganz folgen konnte.

Der Blonde saß neben dem Bett, das er mit seinen Söhnen teilte, und schnitzte an einer weiteren Figur. Ludwigs Geburtstag war schließlich nicht mehr weit entfernt.

Er musste an Ludwigs Geburt zurückdenken. Der Tag war wolkenverhangen gewesen, hatte gewirkt, als wolle es das Böse prophezeien, doch als er der erschöpften Freija das bereits im kalten Wasser gewaschene Kind in seinen Armen gereicht und ihr schönes und erleichtertes Lachen vernommen hatte, war für ihn klar gewesen, nichts würde ihm die Erinnerung an diesen Tag und das damit verbundene Glück nehmen können. Und auch, wenn Freija nicht mehr seinen Weg teilte, so lebte sie doch auf eine Weise in seinem Herzen und seinem Jüngsten weiter.

„Papa?," Ludwig war aufgestanden und zu seinem Vater getapst. Torvald blickte auf, wollte wissen, was sein Sohn fragen wollte und sah ihm in die eisblauen Augen. „Papa, warum schreien die Leute draußen?"

Torvalds Augen wurden groß. Der Nebel verflüchtigte blitzartig aus seinem Verstand und machte Platz für das Grauen, das sich um sie herum auszubreiten schien. Das Schlagen von Eisen auf Eisen, die Schreie Verwunderter und die verzweifelten Schreie verängstigter Kinder und Frauen.

Seinen Söhnen deutend, sich im Hintergrund zu halten warf Torvald einen vorsichtigen Blick aus dem kleinen Heim. Gleich neben ihm, an der Wand seiner Hütte lehnend befand sich eine junge Frau, Minna, deren gurgelnder letzter Atemzug alles war, das der Krieger brauchte, um den Schalter im Geiste umzulegen. Blut tropfte von ihrer aufgeschlitzten Kehle den Hals hinab und durchweichte ihr Gewand, wo dieses begann ihre blasse Haut zu verdecken.

Für einen Augenblick blieb seine Welt stehen, stürzte sich selbst in tiefste Finsternis und schien ihn ins Nichts reißen zu wollen.

Ein zitternder Atemzug.

Sich schwörend, dies würde nicht sein Letzter gewesen sein, drehte sich der Mann um, verschloss die hölzerne Tür hinter sich und kniete sich vor seine Söhne: „Ludwig, Gilbert, ihr müsst mir jetzt gut zuhören. Was auch immer jetzt gleich passiert, vergesst nicht, dass ich euch liebe und ihr im Notfall immer euch beide habt. Gilbert, sollte mir etwas geschehen, will ich, dass du für Ludwig und dich einen sicheren Ort findest, in Ordnung?" Der kleine Albino nickte ängstlich, verstehend, was sein Vater von ihm verlangte, und zog seinen kleinen Bruder näher an sich.

Torvald griff nach seinem Schwert, die zwei hölzernen Figuren, mit denen die Kinder noch wenige Minuten zuvor friedlich gespielt hatten, nahm die Jüngeren an die Hand und späte erneut aus der schweren Tür. Der Kampf schien sich in das Zentrum der Siedlung verlagert zu haben, sodass sich Torvald glaubte, davonstehlen zu können.

Mit leichten Schritten, um bloß keine Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, schlichen die Drei so schnell es ihnen möglich war fort von den Schatten der Häuser, fort vom Lärm der tobenden Schlacht. Die Schreie und Schläge waren nur noch heisere Stimmen in der Ferne als Torvald stoppte und seine Söhne in eine Kuhle zwischen den Wurzeln eines Baumes drängte.

Gilbert hatte den Blick starr auf die Baumkronen gerichtet, hauchte kaum hörbar ein Gebet gen Himmel, bat mit vor Tränen schimmernden Augen um die Hilfe seiner Mutter. Ludwig hingegen zitterte, war noch blasser als zuvor und weinte stumm an der Brust seines Vaters.

Mit beiden Kindern in den Armen konzentrierte sich der blonde Mann, dessen Herz beim Anblick seiner verstörten Söhne endgültig gebrochen war, auf seine Umgebung. Die Rufe einer Eule, die ihn Tage zuvor noch in Sicherheit gewogen hatte, ließ ihn nun Panik bekommen. Jeder ihrer Rufe könnte die heranschleichenden Feinde verstecken, könnte ihr Ende bedeuten.

Der leiseste Windhauch ließ ihn erzittern.

Zwischen den Wipfeln der Bäume über ihnen konnte Torvald die Sterne glitzern sehen. „Lasst uns diese Nacht durchstehen. Wenn nicht um meinetwillen, dann wegen ihnen," flüsterte Torvald tonlos, hoffend, den nächsten Sonnenaufgang noch erleben zu können.
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