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Kuriositätenkabinett

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Ingo "Easy" Winter Richard "Ringo" Beckmann
07.05.2018
06.09.2020
15
39.936
24
Alle Kapitel
94 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
06.09.2020 2.078
 
Tja! Da blinzelt man im März und zack, es ist September. Mein Bedürfnis nach Ringsy-Fluff ist weiterhin ungebrochen und da mein größeres Projekt derzeit auf Eis liegt, bot sich ein weiteres Kapitel fürs Kabinett an.

Die Handlung ist im Jetzt der Serie angesiedelt, was in diesem Fall bedeutet, dass sie in ihre gemeinsame Wohnung gezogen sind, aber der Pflegesohn keine Rolle spielt. Ob er in diesem kleinen Paralleluniversum existiert oder nicht, bleibt eurem Geschmack überlassen. Ansonsten: P12-Slash, Fluff und nur eine kaum wahrnehmbare Miniprise Angst.

Mein Dank geht (wie so oft) an MissRingsy – für den gemeinsamen Headcanon, aus dem diese Fic entstanden ist, für die Inspiration, für ihr unermüdliches Feedback und für alles andere auch.

Ich hoffe, ihr habt ein bisschen Spaß beim Lesen - ich freue mich über jedes noch so kleine Review. :) Passt auf euch auf,

eure Lene.

* * * * * * * *


„Ah. Da bist du ja.“

Easy dreht sich nicht zu der Person um, die da gerade zu ihm gesprochen hat, aber das muss er auch nicht, denn er hatte sie bereits zuvor am Klang ihrer Schritte erkannt. Sein Blick bleibt nach oben gerichtet, während ein kleines Lächeln seine Lippen umspielt.

„Bin nach Hause gekommen und die Wohnung war leer. Was machst du hier oben?“ Ringo bleibt neben der großen Wolldecke stehen, auf der Easy es sich bequem gemacht hat. „Versteckst du dich etwa vor mi— oh.“ Sein neckisch begonnener Satz endet voller Erstaunen. Er verharrt kurz in seiner Position und setzt sich dann etwas umständlich neben seinen Mann auf den Boden, die langen Beine vor sich ausgestreckt. Er kommt frisch aus der Dusche; Easy kann sein Shampoo riechen. „Den hab ich eben auf dem Nachhauseweg gar nicht gesehen. Sieht krass aus.“

Easy hatte den Mond beim Abwaschen bemerkt, als sein Licht plötzlich durch die Wolkendecke gebrochen und direkt durch das Küchenfenster über der Spüle gefallen war. Sie betrachten ihn nun beide; groß und voll und leuchtend orange hängt er am Abendhimmel über den Häusern. Es ist kein Blutmond wie einige Wochen zuvor, als sich die Sommerhitze wie eine undurchdringliche Dunstglocke über die ganze Stadt gestülpt und die tiefrote, gespenstisch schimmernde Scheibe über ihnen die Grenzen zwischen Tag und Nacht endgültig verwischt hatte. Der Mond in dieser Nacht wirkt sanfter, irgendwie freundlicher. Statt brütender Wärme herrscht mittlerweile deutlich milderes Wetter - der Herbst steht vor der Tür.

„Die Zeit vergeht so schnell“, sagt Easy leise und spricht damit jenen Gedanken aus, der ihm voller Nachdruck im Kopf umherspukt, seit er beschlossen hatte, den restlichen Abwasch auf später zu verschieben und mit der karierten Picknickdecke unter dem Arm auf die Dachterrasse marschiert war, um sich den Mond genauer ansehen zu können.

Neben ihm macht Ringo „Hm“. Es ist ein kleiner Laut, angesiedelt irgendwo zwischen Frage und Zustimmung, und wenn Easy ehrlich zu sich selbst ist, dann ist er in diesem Moment dankbar, dass darauf kein direktes Nachhaken dahingehend folgt, wie er das gerade genau gemeint hat, sondern – nichts. Es ist eine Eigenschaft, die er an Ringo erst schätzen lernen musste; dieses vorsichtige Abwarten, das man bei oberflächlicher Betrachtung auch als Desinteresse werten könnte und daher schon für so manches Missverständnis zwischen ihnen gesorgt hat. Easy hatte langsam lernen müssen, dass Ringo nichts von dem, was er sagt, egal ist. Auch dann nicht, wenn seine Antwort aus Schweigen besteht.

Natürlich könnte Easy lang und breit erklären, was ihn so beschäftigt – dass seit ihrer Hochzeit gefühlt zwei Stunden und eine Dekade zugleich vergangen sind; dass das Jahr nur so an ihnen vorbeigeflogen ist und er sich in stillen Momenten so fühlt, als ob ihm sein Leben wie Sand zwischen den Fingern zerrinnt; dass er die Welt am liebsten anhalten würde, weil ihn der Lauf der Dinge irgendwann noch ganz schwindelig macht. Aber er tut es nicht, denn manchmal fällt es selbst ihm schwer, die Dinge in präzise Worte zu fassen.

Ringos ruhige Präsenz neben ihm ist wie ein kleiner Rettungsring, an dem er sich festhalten kann, auch wenn sich gerade einzig ihre Ellenbogen leicht berühren. Er seufzt zaghaft in Richtung Herbstmond, das Herz angefüllt mit süßer Melancholie, und meint: „Ist er nicht schön?“, denn das ist er wirklich, und auch die Aussicht auf den Herbst an sich ist schön. Easy mag es, wenn die Welt kein Glutofen mehr ist, sondern er mit seinen schweren Stiefeln durch bunte Laubhaufen stapfen und sich wie ein Kind über das laute Knirschen freuen kann. Er freut sich darauf, dass ihm nicht schon der Gedanke an heißen Tee den Schweiß auf die Stirn treibt, und er kann es kaum erwarten, sich die erste Packung mit Lebkuchen zu kaufen – große, schokoladenüberzogene Sterne, Herze und Brezeln – und zwei Tage lang nichts anderes zu essen, auch wenn er jetzt schon weiß, dass Ringo das nur mit einem amüsierten Kopfschütteln quittieren wird.

„Ja“, hört er dann Ringos Stimme neben sich, die auf einmal irgendwie anders klingt, ganz samtig und weich und gleichzeitig voller Ernsthaftigkeit. „Wunderschön.“

Easy schluckt. Obwohl er weiterhin stur in den Abendhimmel starrt, kann er Ringos Blick spüren. Dieser bestimmte Blick ist fokussiert und darauf ausgerichtet, dass ihm trotz des Halbdunkels kein noch so kleines Detail entgeht. Kribbelnde Wärme steigt in ihm auf, als er begreift: Sein Mann hat nicht den Mond gemeint, sondern ihn.

Zum ersten Mal, seit er es sich auf der Dachterrasse bequem gemacht hat, schließt Easy die Augen. Die Wärme breitet sich weiter in ihm aus, schießt ihm in die Wangen, lässt ihn von innen her so sehr glühen, wie es noch wenige Wochen zuvor die Sommersonne getan hatte. Es gibt sie einfach, diese Dinge, an die er sich vielleicht nie gewöhnen wird – und diese ganz besondere Art der Aufmerksamkeit gehört dazu. Zu Anfang ihrer Beziehung, als sich unter all der frisch entfachten Leidenschaft für einander noch viele Tretminen aus Unsicherheit und Verletzbarkeit verbogen hatten, hatte er Ringo irgendwann irritiert die Frage an den Kopf geworfen, warum er ihn ständig so ansieht, mit dieser ihm bis dahin unbekannten Mischung aus beobachtender Neugier und offenem Begehren. Ringos ebenso erstaunte wie verletzte Antwort hatte gelautet: „Wie könnte ich dich nicht so ansehen?“

In ihm schwappt die Erinnerung an dieses schreckliche, kalte Gefühl hoch, das ihn in seinen früheren Beziehungen oft heimgesucht hatte – entweder nicht richtig oder nicht genug zu sein – und er dreht verschämt den Kopf zur Seite, weg von diesem intensiven Blick, der nach wie vor auf ihm ruht und in seiner offenen Zuneigung in keinem größeren Kontrast zu diesem emotionalen Überbleibsel aus der Vergangenheit stehen könnte.

„Hey.“

Ringos Stimme ist so leise, dass sie fast von der abendlichen Brise davongetragen wird.

Hey.

Ein Finger legt sich sanft unter Easys Kinn. Sein Kopf wird mit sanftestem Nachdruck gedreht, bis seine Nasenspitze gegen eine andere Nasenspitze stupst. Ringos Gesicht ist so nah vor seinem, dass Easy spüren kann, wie sich sein Mund bewegt, als er flüstert: „Ich verstehe vielleicht nicht immer, was gerade in dir vorgeht, aber ich bin trotzdem an deiner Seite, ganz egal, wie schnell die Zeit verfliegt.“

Ein Atemzug, den Easy unbewusst tief in seinen Lungen gehalten hatte, entweicht ihm zusammen mit einem Großteil seiner Anspannung. Ringo kann noch so oft behaupten, dass Kommunikation nicht zu seinen Kernkompetenzen gehört – sein Talent, im entscheidenden Moment genau das Richtige zu sagen, bleibt trotzdem unerreicht, und Easy lacht vor Erleichterung kurz auf und reckt sich dann das winzige Stückchen vor, das es braucht, um seine Lippen auf die von Ringo pressen zu können. Es ist kein eleganter Kuss, aber eine so von Herzen kommende, so echte Liebesbekundung, dass Ringo ein erfreutes, zufriedenes Geräusch macht. Seine Hand legt sich vorsichtig auf Easys Wange; kühle Finger auf erhitzter Haut.

„Ich bin vielleicht nicht so interessant wie der Mond“, murmelt Ringo mit neckischem Unterton, „aber magst du mich vielleicht trotzdem anschauen?“ Seine Fingerspitzen beschreiben kleine Kreise auf den empfindlichen Stellen direkt hinter Easys Ohrläppchen und er hört sich selbst seufzen, die negativen Gedanken von eben komplett vergessen.

Als er Ringos Bitte schließlich nachkommt, sieht er in vertraute, von kleinen Lachfältchen eingerahmte Augen und kann einfach nicht anders, als einen zweiten, allerdings weitaus kürzeren Kuss auf Ringos Mund zu drücken. „Na, Hase“, sagt er anschließend mit leicht belegter Stimme und einem verschmitzten Schmunzeln, „lange nich´ gesehen“, und nach einem Moment brechen sie beide in spontanes, albernes Kichern aus, denn in gewissem Sinne stimmt das sogar – über ein hastig durch die geschlossene Badezimmertür gerufenes „Schatz, ich muss los“ waren sie am Morgen nicht hinausgekommen, und in diesem Moment realisiert Easy, dass er den Tag über deutlich sehnsüchtiger gewesen war als sonst.

Umso schneller schlägt sein Herz nun, als er einen Arm um Ringos Schultern schlingt, wofür er sich aufgrund ihrer etwas verdrehten Sitzposition ein bisschen verrenken muss, doch er  schafft es, seine Hand über eine Kapuze hinweg in die feinen Härchen in Ringos Nacken und dann unter den Halsausschnitt seines schwarzen Pullovers zu schieben. Sie lehnen sich aneinander, und gerade beginnen Easys Augen sich vor Entspannung erneut zu schließen, da fällt ihm ein kleines Detail an seinem Mann auf.

„Schatz.“

Er hebt fragend die Augenbrauen

Schatz.“

Ringos Gesicht ist ein Musterbeispiel für Unschuld.

„Du warst an meinem Kleiderschrank.“

Ringo reckt das Kinn in die Luft. „Du hast keinen Kleiderschrank“, sagt er spitzfindig. „Wir haben einen Kleiderschrank.“

Easy legt den Kopf schief und guckt so missbilligend drein, wie er kann, ohne dabei in Gelächter auszubrechen.

„Ja, okay.“ Ringo streicht mit der flachen Hand über den großflächigen weißen Druck auf dem Oberteil, das er trägt. „Vielleicht war ich an deiner Seite des Schranks. Mein Tag war anstrengend.“

Der kleine Hauch von Rechtfertigung in Ringos Erklärung bleibt Easy nicht verborgen. „Wenn jemand ungefragt mein Honeymoon-Souvenir mopsen darf“, verkündet er deshalb und rückt mit liebevoller Sorgfalt den etwas verdrehten Kragen seines mit der stilisierten Silhouette von New York bedruckten Hoodies zurecht, „dann der Mann, der den Honeymoon mit mir verbracht hat. Aber du hättest dir auch gern selbst so’n Ding kaufen dürfen.“

Ringo, der widerstandslos an sich herumzupfen lässt, entgegnet: „Konnte ja nicht ahnen, dass es an dir so viel besser aussieht als auf dem Bügel im Laden.“ Er überhört Easys liebevolles „Schleimer“ gepflegt und fährt fort: „Dafür habe ich dir jetzt was mitgebracht.“

Easy strahlt. „Echt, haste?“ Auf Ringos bestätigendes Nicken hin hakt er umgehend nach: „Was denn? Zeigen!“

Ringos schielt auf Easys Hände hinunter. „Das würde ich ja gern, aber dafür müsstest du mich kurz loslassen. Fünf Minuten nur. Sechs, wenn ich noch was anderes mitbringen soll.“ Seine rechte Augenbraue zuckt kaum merklich nach oben. „Ist eine laue Nacht, wir könnten also…“

„… Picknick unterm Sternenhimmel machen?“ Easys Grinsen hätte schon aus rein anatomischen Gründen nicht breiter sein können. Sicher, WG-Partys haben sie auf der Dachterrasse bereits zur Genüge gefeiert, auch ein paar Brunches und nächtliche Knutschereien waren dabei, doch an ein zweisames Abendessen kann sich Easy nicht erinnern. „Die Decke haben wir ja schon. Aber bring Kerzen mit. Und Kissen. Und Wein. Und Gläser. Und was von diesem Knabberzeug, das—“

„Schatz.“ Ringo unterbricht Easys begeisterten Redefluss, indem er sanft seine Hände drückt, ehe er ebenso umständlich aufsteht, wie er sich zuvor hingesetzt hatte. „Ich gebe es nur ungern zu, aber ich habe nur zwei Arme“, sagt er, während er pikiert einige weiße, von der Decke stammende Fusseln von seinen Hosenbeinen zupft.

„Okay“, räumt Easy großzügig ein, nachdem er seine Prioritäten überdacht hat, „dann kein Knabberzeug.“ Sein Blick bleibt an Ringo haften, der mit seinem schmalen Oberkörper in dem übergroßen Kapuzenpullover zu versinken droht – ein Anblick, der sein Herz höher schlagen lässt. Er sieht seinem Mann nach, als der etwas steif in Richtung Ausgang stakst, und gerade, als er sich durch den Türrahmen schiebt, fragt er: „Sind es Lebkuchen?“

Ringo verharrt mitten im Schritt über die Schwelle, ein bisschen wie ein Flamingo, der auf einem Bein steht. Er antwortet nicht, schaut Easy über die Schulter hinweg an, und da ist sie wieder, diese brennende Intensität, die Easy direkt unter die Haut geht und die Luft zwischen ihnen flirren lässts; es ist ein Blick, der sagt: Du bist unmöglich, aber ich liebe dich so sehr und zwar genau so, wie du bist. Ein weiches Lächeln umspielt seine Lippen, und dann verschwindet er im unbeleuchteten Treppenhaus.

Easy bleibt auf der Dachterrasse zurück. Er lehnt sich auf seine Ellenbogen, die Fußknöchel entspannt übereinander gelegt. „Es sind Lebkuchen“, sagt er voller Überzeugung zum Herbstmond, seine Stimme plötzlich angefüllt mit Liebe für diese absurde Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint und die trotzdem, daran glaubt er ganz fest, noch viele schöne Überraschungen für ihn bereithalten wird.

~ fin ~
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