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Kuriositätenkabinett

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Ingo "Easy" Winter Richard "Ringo" Beckmann
07.05.2018
06.09.2020
15
39.936
24
Alle Kapitel
94 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
21.03.2020 3.228
 
Es ist eine dunkle Zeit, in der wir gerade leben, und vielleicht fragt sich der eine oder andere von euch an dieser Stelle, wieso ich ausgerechnet jetzt eine neue Fanfic veröffentliche. Wer meine Vorworte und Author's notes aufmerksam liest und / oder mir auf meinem Blog folgt, der weiß wahrscheinlich bereits, dass ich hauptsächlich aus zwei Gründen schreibe: Um meine Ängste zu verarbeiten, indem ich sie auf Ringo Beckmann projiziere, oder um vor meinen Ängsten zu flüchten, indem ich Ringo und Easy in eine Welt hineinschreibe, die ich mir für mich selbst wünsche – und da ich meine Ängste im Moment nicht mal mit der Kneifzange anfasse, trifft auf diese kleine Fic Letzteres zu.

Dieses Kapitel spielt im (Spät-)Sommer diesen Jahres, und was in der Serien-Zeit von jetzt bis dann passiert ist, ist eurem Ermessen überlassen – ihr dürft die Lücke ganz nach eurem Belieben füllen. Ob es die ganze Baby-Thematik gegeben hat, spielt für die Handlung keine direkte Rolle. Es ist allerdings anzunehmen, dass die vergangene Zeit für Ringo und Easy nicht einfach war, aus welchen Gründen auch immer. Ich belasse die Ereignisse bewusst vage, nur so viel: Sie sind als Paar an einen Punkt gekommen, an dem eine spontane Flucht aus dem grauen, anstrengenden, vielleicht auch traurigen Alltag dringend vonnöten war.

Wer möchte das gerade nicht, einfach flüchten? Egal wohin? Im realen Leben geht das, wie wir alle leidvoll erfahren, nicht. Aber genau dafür gibt es Geschichten, und ich hoffe, ich kann euch so eine kleine Flucht ermöglichen, auch wenn sie nur in euren Gedanken stattfindet - bitte lasst mich wissen, ob es mir gelungen ist. :)

Für diese Fic gilt: P12-Slash und Fluff, Fluff, Fluff, und in gewisser Hinsicht auch ein bisschen Hurt / Comfort. Wie ich bereits auf meinem tumblr schrieb: Das Leben ist zu kurz für Geschichten ohne Happy End.

Passt gut auf euch und eure Mitmenschen auf!

Eure Lene
* * * * * *

Jetzt oder nie


Langsam, ganz langsam driftet Easy durch die verschiedenen Schichten seines Bewusstseins hindurch zurück an jene Oberfläche, die Traum und Wachsein voneinander trennt. Er nimmt eine diffuse Geräuschkulisse aus Vogelgezwitscher, Blätterrauschen und dem dumpfen Gluckern von Wasser wahr und öffnet träge die Augen. An der Zimmerdecke über ihm tanzen stetig wechselnde Muster aus goldenem Sonnenschein – halt nein, es ist keine Zimmerdecke, zu der er gerade hochschaut, es ist ein Dach. Ein Zeltdach.

Easy blinzelt verschlafen, sein Orientierungssinn noch in einem ganz anderen Universum als er. Er reibt sich über das Gesicht und streckt sich, so gut das in der Enge eines Zeltes eben möglich ist. Abgesehen davon, dass sein Nacken ein bisschen steif ist, fühlt er sich ganz ausgezeichnet. Ausgeruht, zufrieden, und, obwohl er erst wenige Momente zuvor aufgewacht ist, geradezu aufgekratzt fröhlich. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die andere Hälfte seines geräumigen Schlafsacks und somit der Platz neben ihm im Zelt leer ist. Nur ein verwaistes, zweites Kissen und ein grob als menschenförmig erkennbarer Abdruck in der dicken Fleecedecke weisen darauf hin, dass Easy die Nacht nicht allein verbracht hat.

Er setzt sich auf, die Hände hinter sich auf die Luftmatratze gestützt, die in den letzten Stunden einen guten Teil ihrer Füllung verloren hat und sich deshalb ein bisschen anfühlt wie ein Wasserbett, wenn auch mit deutlich weniger Komfort. Easy hat keine Ahnung, wie spät es ist – sein Handy liegt bei den anderen Wertsachen im verschlossenen und ein gutes Stück abseits geparkten Auto –, und jetzt gerade ist ihm kaum etwas weniger wichtig als die exakte Uhrzeit. Er gähnt ausgiebig, um sich dann bedächtig aus dem warmen Kokon aus Decke und Schlafsack zu schälen, was sich angesichts der Tatsache, dass sein Körper anscheinend mehr als gedacht an den Luxus ihres heimischen Bettes gewöhnt ist, als keine sonderlich leichte Aufgabe gestaltet. Doch er hat alle Zeit der Welt, niemand hetzt ihn, und er schafft es irgendwie, sich auf die Knie zu drehen – angesichts seines etwas umständlichen Manövers ist er allerdings froh, dass er dabei unbeobachtet bleibt –, und robbt auf allen Vieren zum Eingang des Zeltes. Der Reißverschluss des Innenzeltes wurde zuvor bereits nach oben gezogen und er muss nur die Klappe nach oben rollen, um ins Freie krabbeln zu können.

Draußen empfängt ihn, wie die flimmernden Muster auf dem Zelt bereits vermuten ließen, Sonnenschein. Die kleine Lichtung, auf der sie am vergangenen Nachmittag ihre temporäre Unterkunft aufgeschlagen hatten, ist in strahlendes Gold getaucht. Das Wiese, die Büsche und die Bäume ringsherum dampfen, während die letzten Überreste des Regenschauers, der in der Nacht auf sie niedergeprasselt war, in der Wärme des anbrechenden Tages verdunsten. Das Gras unter Easys nackten Fußsohlen ist kühl und leicht feucht von Tau und er weiß nicht, wann er sich das letzte Mal so lebendig gefühlt hat. Er fährt sich mit den Fingern durch die Haare, die zumindest dem Gefühl nach einem wahren Lockengestrüpp ähneln dürften, doch sowas gehört wohl mit dazu, wenn man sich von seinem Mann zu einem spontanen Campingtrip in die Eifel entführen lässt.

Wenige Schritte weiter, neben einer kleinen Feuerstelle, die wahrscheinlich noch leicht glimmen würde, wenn es zuvor nicht so heftig geregnet hätte, stecken zwei lange, dünne Äste in der Erde. An ihren Enden, die mit der groben Klinge eines Taschenmesser von ihrer Rinde befreit wurden, kleben Überreste ihres Abendessens – Stockbrot, frisch über den knisternden Flammen geröstet, der Teig angerührt nach einem gut gehüteten Beckmann'schen Familienrezept. Zumindest hatte Ringo das mit todernster und keinerlei Widerspruch duldender Miene behauptet, auch wenn Easy sich insgeheim amüsiert gefragt hatte, was an drei simplen Zutaten in einer Rührschüssel gut gehütet sein kann. Geschmeckt hatte es trotzdem, was Ringo mit unübersehbarem Stolz erfüllt hatte, während er, neben Easy auf einem faltbaren Campingstuhl sitzend, von lange zurückliegenden Urlauben in der Natur mit seiner Familie erzählt hatte, die Wangen rot von der Sonne, die Haare windzerzaust, und Easy hatte in diesem Moment das Gefühl gehabt, jede Sekunde vor lauter Liebe explodieren zu müssen.

Easy schließt die Augen und reckt sein Gesicht in Richtung des Sonnenlichts. Er genießt die Wärme, die trotz ihrer Sanftheit direkt durch seine Haut und in sein Innerstes hinein zu sickern scheint, und wenn es albern aussieht, wie er so zwischen Zelt und Feuerstelle steht – in einem schwarzen T-Shirt und knielangen Cargohosen, die Haare ein gelocktes Desaster, das Gesicht wahrscheinlich ebenso zerknittert wie seine Kleidung –, dann interessiert es ihn nicht. Hier, in diesem einsamen, grünen Paradies mitten im Naturpark, sieht ihn sowieso nur eine Person, und die hat ihn bereits in viel unvorteilhafteren Situationen erlebt.

Er atmet tief ein. Die Luft riecht nach Wildblumen und nasser Erde und so wirklich glauben, dass sie das wirklich gemacht haben, kann er noch nicht. Die vergangenen Wochen, und, wenn er ehrlich zu sich selbst ist, eigentlich die ganzen letzten Monate, waren nicht leicht für sie gewesen – nicht für sie als Individuen, aber vor allem nicht für sie als Ehepaar. Easys generelle Einstellung mag derart positiv und optimistisch sein, dass er von vielen Mitmenschen dafür belächelt wird, aber dass das Leben nichts mit dem sprichwörtlichen Ponyhof gemeinsam hat, das ist ihm natürlich trotzdem durchaus bewusst. Irgendwo ein Stück abwärts ihres Lagerplatzes gluckern die Wellen eines kleinen Sees, wenn sie sich an ihrem Ufer brechen, und Easy lächelt in das Licht hinein, das nun nicht mehr tanzende Muster auf das Zeltdach malt, sondern auf seine Augenlider.

„Jetzt oder nie“, das hatte Ringo ihm am vergangenen Morgen gesagt, wie aus dem Nichts heraus, und in seine übliche nüchterne Sachlichkeit hatte sich ein flehender Unterton gemischt, der Easy derart unvorbereitet getroffen hatte, dass ihm sein Schluck Kaffee schier im Hals steckengeblieben war. Dann hatte Ringo wortlos sein Smartphone über den Küchentisch geschoben, sodass Easy das Display sehen konnte – eine virtuelle Karte, in grüner Schrift auf grünem Untergrund die Buchstaben „Naturpark Hohes Venn-Eifel“. Er hatte von der Karte zurück zu seinem Mann geschaut, die Augenbrauen zu einer verwirrten Linie zusammengezogen, denn nein, im ersten Moment hatte er wirklich nicht verstanden, was das sollte, doch dann hatte er sich an ihren Streit am Abend zuvor erinnert – ein Konflikt in einer langen Reihe von vielen, kleinen Reibereien; einzeln gesehen nicht allzu dramatisch, in ihrer Gesamtheit jedoch ein Keil aus zwischenmenschlicher Distanz, den der Alltag immer weiter zwischen sie getrieben hatte. Am Ende war es das unausgesprochene und dennoch eindringliche Bitte in Ringos Augen gewesen, das Easy hatte verstehen lassen, sowohl im emotionalen, als auch im logischen Sinne, und er hatte genickt und voller Überzeugung geantwortet: „Jetzt.“

Easy öffnet die Augen. In seinem Kopf hallt das Echo seiner eigenen Stimme. Jetzt. Natürlich jetzt, denn schon der Gedanke an eine theoretische Existenz eines nie schnürt ihm die Kehle zu. Er sieht an sich herab und beobachtet, wie sich das Licht auf dem Ring an seiner Hand bricht, ihn glitzern und funkeln lässt. Er berührt die polierte, goldene Oberfläche des Schmuckstücks mit einer Fingerspitze. Es waren keine zwei Stunden vergangen waren, bis sie im Auto gesessen und die Schillerallee mit einem kräftigen Tritt von Ringo auf das Gaspedal hinter sich gelassen hatten, im Kofferraum nur das Nötigste – Kleidung, Proviant, Decken, Luftmatratze, Schlafsack, Campingkocher und natürlich das Zelt, das ihnen bereits bei ihrem ersten Trip in die Eifel überraschend gute Dienste geleistet hatte. Erstaunlich, denkt er sich, wie schnell sich Prioritäten verschieben können.

„Na, du Punk.“

Easy hatte es bereits gehört, das langsam näher kommende, rhythmische Knirschen von Laub und kleinen Zweigen unter Schuhen, und als er von seinem Ring hochsieht, steht er da, einige Meter von ihm entfernt und umrahmt von grünen Zweigen: Sein Mann. Ringo trägt seine blaue Trainingshose und jenes TURNHALLE-Shirt, das er immer dann aus dem Schrank fischt, wenn ihm der Sinn nach ein bisschen Nostalgie steht, und an dessen V-Ausschnitt Ringo seine verspiegelte Sonnenbrille festgeklemmt hat. Er sieht so frisch und ausgeruht aus, als sei er gerade eben erst aufgestanden, und nur sein robustes, nicht ganz der warmen Jahreszeit angemessenes Schuhwerk deutet darauf hin, dass er soeben einen ziemlich langen Marsch quer durch das Waldgebiet hinter sich gebracht hat. In seiner Hand hält er eine braune Papiertüte, bedruckt mit dem Logo einer bekannten Bäckereikette. Er hat den Kopf schiefgelegt und betrachtet Easy mit einem ebenso zärtlichen wie herausforderndem Gesichtsausdruck; seine unfrisierte Stirnlocke ist so lang geworden, dass sie ihm beinahe in die Augen fällt. Easy findet, dass er hinreißend aussieht.

„Was meinst'n du bitte mit 'Punk'?“, entgegnet Easy mit gespielter Entrüstung, die Arme vor der Brust verschränkt. Die Zeiten, in denen er ungeduscht und in muffigen, von Zigarettenqualm durchtränkten Klamotten durch die Gegend geschlurft und sich dabei ziemlich cool vorgekommen ist, sind schon lange vorbei. Aus dieser Phase existieren nur wenige und allesamt obendrein unscharfe Fotos von ihm, und auch generell hat er kaum noch etwas mit seinem damaligen Ich gemeinsam, und trotzdem – Easy ahnt, dass diese Seite von ihm einen gewissen Reiz auf Ringo ausübt. Er fährt sich wie zur Provokation durch sein völlig verwuschelten Haare und lässt dabei seinen Blick von oben nach unten und wieder zurück über Ringos schmale, hochgewachsene Gestalt gleiten; die für seine Verhältnisse ungewöhnlich legere Kleidung ändert nichts daran, dass er ordentlich, ja geradezu adrett wirkt, und angesichts der Tatsache, dass Ringo wohl auch inmitten eines Wirbelsturms wie aus dem Ei gepellt aussehen würde, fügt Easy hinzu: „Du Bonze.“

„Hm.“ Ringo scheint den Konter seines Mannes kurz zu überdenken. Er leckt sich über die Lippen. „So, wie du das sagst, klingt das fast wie ein Kompliment.“ Anschließend macht er eine schnelle, fast beiläufige Bewegung aus dem Handgelenk heraus, und im nächsten Moment segelt die Tüte im hohen Bogen auf Easy zu. Er fängt sie, wenn auch mit etwas Mühe – er muss sie nicht öffnen, um zu wissen, was sie beinhaltet, denn er kann das frische Käsebrötchen durch das dicke Papier hindurch riechen. Ihm läuft das Wasser im Mund zusammen.

„Und?“ Ringo stopft die Hände in die Hosentaschen und sieht sich mit erwartungsvoll hochgezogenen Brauen auf ihrem kleinen, improvisierten Zeltplatz um. „Wann ist der Kaffee fertig?“

Easy widersteht der Versuchung, einen Teil des Käsebrötchens auf der Stelle zu verschlingen. Oh. Anstatt verträumt in der Gegend herumzustehen und seinen Ehering anzustarren, hätte er natürlich schon längst eine Kanne Wasser auf dem kleinen Campingkocher aufsetzen können. Er muss sofort an die vergangenen Wochen denken; Wochen voller Morgen, an denen keiner von ihnen Zeit für ein richtiges Frühstück gehabt hatte, geschweige denn für ein gemeinsames. Stattdessen gab es hastig hinunter gekippten Tee, trockene Toastscheiben auf dem Weg ins Büro, im Stehen gelöffelte Cornflakes, dazu bestenfalls eine kurze Umarmung und einen flüchtig gehauchten Mach's gut-Kuss, meistens jedoch nur ein „Tschüss“ und ein sehnsüchtiges Nicken aus der Entfernung, und plötzlich beschleicht Easy das Gefühl, ein hundsmiserabler Ehemann zu sein, der nur an sich denkt und faul ist und –

„Hey.“

Eine Hand legt sich beruhigend auf Easys Arm. Warm, vertraut, erdend.

„Ist alles gut.“

Ringo steht dicht vor ihm. Aus der Nähe erkennt Easy den leichten Sonnenbrand auf dessen Nasenrücken. Seine Augen sind groß und weich und verletzlich. Die Hand drückt seinen Arm zärtlich, und Easy lehnt die Stirn gegen Ringos Brust.

Alles?“, fragt er leise in das dunkelblaue T-Shirt hinein, und er möchte nichts hinterfragen, wirklich nicht, aber er muss es einfach, auch wenn er es nicht über sein Herz bringt, es weiter auszuformulieren.

Zwei Herzschläge lang hört Easy nur die Geräusche der Natur um sie herum. Dann drücken sich weiche Lippen in das zauselige Chaos auf seinem Kopf, und er fühlt Ringos Stimme mehr, als dass er sie hört – „Naja, fast alles“ –, und da ist eine unerwartete Leichtigkeit in seinem sanften Flüstern, für die Easy in diesem Moment derart dankbar ist, dass ihm kurz die Knie puddingweich werden. „Nichts, was ein starker Kaffee nicht wieder gutmachen könnte“, fügt Ringo anschließend mit normaler Stimmlage hinzu, doch als er sich von Easy löst, entgeht ihm nicht der leicht melancholische Zug, der sich um seinen Mund gelegt hat. Easy verharrt an seinem Platz, so als hätte er plötzlich Wurzeln in der weichen Erde geschlagen, und sieht Ringo dabei zu, wie er sich neben der Feuerstelle ins Gras hockt und mit geübten Bewegungen ihren kleinen Campingkocher aufbaut. Aus dieser Perspektive kann Easy sehen, dass Ringo abgenommen hat – die Schatten unter seinen markanten Wangenknochen sind tiefer und seine Schulterblätter zeichnen sich deutlicher unter dem dünnen Stoff seines Shirts ab als noch vor ein paar Wochen. Easy schluckt, sein Herz plötzlich bis zum Bersten angefüllt mit zärtlicher Zuneigung. „Ich helfe dir“, sagt er voller Bestimmtheit und reißt sich aus seiner Starre.

Gemeinsam bereiten sie ihr Frühstück vor, das unter normalen Umständen alles andere als appetitlich gewesen wäre: Instantkaffee, weißes Toastbrot und lauwarme Nudeln in Tomatensauce. Den Kaffee trinken sie aus robustem Campinggeschirr, für die Nudeln brauchen sie keine Teller, schließlich kommen sie in praktischen Konservendosen daher, aus denen man direkt essen kann; Ringo sitzt, wie üblich, in seinem Campingstuhl, Easy auf dem Boden. Er mag das, mit ausgestreckten Beinen im Gras hocken und die kitzelnden Halme an seinen nackten Waden spüren. Das Käsebrötchen hat er bereits aufgegessen; voller Genuss, ohne Belag, pur. Die Dose mit den Nudeln balanciert er nun auf seinen Oberschenkeln.

„Was meinst du...“

Er sieht zu Ringo hoch, der damit beschäftigt ist, eine Scheibe Toast in kleine Fetzen zu rupfen und sie dann mit der Gabel unter die Nudeln zu mischen. Auf seiner Stirn hat sich eine kleine Denkfalte gebildet.

„... bleiben wir noch eine Nacht hier?“

Ringo fragt das so zaghaft, als hätte er da gerade etwas absolut Unerhörtes ausgesprochen. Easy wirft vor Erstaunen beinahe seinen Becher mit Kaffee um, den er neben sich auf einem Stein abgestellt hatte.

„Also, das müssen wir natürlich nicht“, schiebt Ringo schnell hinterher, den Blick fest auf sein Essen gerichtet, als Easy ihm nicht direkt antwortet, „es war vielleicht auch ein blöder Vorschlag und es ist wohl besser, wenn wir –„

„Gern.“ Easy kann ein verliebtes Lächeln nicht unterdrücken – will es nicht unterdrücken –, zu sehr berührt ihn Ringos Vorschlag. Er nimmt einen Schluck seines gleichzeitig ziemlich abstoßend und genau richtig schmeckenden Kaffees und sieht nicht ohne Zufriedenheit, wie Ringos Ohren eine hübsche, pinke Färbung annehmen. „Wenn du's mit mir so lange aushältst, so ganz allein.“

Ringo sticht seine Gabel in die pastöse Masse aus Nudeln, Brot und Sauce, nimmt einen Bissen, kaut abwägend. „Sicher“, antwortet er, nachdem er geschluckt und mit einer vorsichtigen Handbewegung eine allzu neugierige Biene von seinem Hosenbein verscheucht hat, „schließlich steht mir noch eine Revanche zu.“

Easy weiß sofort, worauf Ringo da anspielt – nun ist er es, der rot anläuft.

„Hast mich gestern einfach ins Wasser geschubst, tzz“, sagt Ringo und schüttelt tadelnd den Kopf, doch seine Augen blitzen schelmisch. Easy beißt sich auf die Unterlippe, während er an ihr kleines, spielerisches Gerangel am flachen Ufer des Sees zurückdenkt, das mit einer Neckerei begonnen und einer leidenschaftlichen Knutscherei geendet hatte, Ringo vollständig bekleidet und patschnass in Easys Armen. Am Ende waren sie beide völlig durchnässt gewesen, denn wie aus dem Nichts hatten sich über ihnen am zuvor noch strahlend blauen Himmel dunkle Wolkenberge aufgetürmt und binnen weniger Augenblicke ihre Schleusen geöffnet; sie waren durch die dichten Schleier aus Regentropfen zurück zu ihrem Zelt geflüchtet, Hand in Hand, ihr Lachen laut und hallend, und sie hatten sich ihrer durchtränkten Kleidung entledigt und waren tropfend und kichernd in ihr kleines, nur leidlich stabiles Domizil gerobbt, wo sie sich notdürftig abgetrocknet hatten und schließlich in ihre dicke, wärmende Decke gewickelt hatten. Einige tiefe Blicke und schüchterne Berührungen hatten letztendlich gereicht, um sie verstummen zu lassen – ihre Lippen hatten sie dann für etwas ganz anderes benötigt.

Easy räuspert sich und leert seinen widerlich leckeren Kaffee mit einem großen Schluck. „Oh“, macht er und legt seine unschuldigste Mine auf, „'ne Revanche? Kannste haben.“

Sie grinsen sich an, verschwörerisch und voller Vorfreude, die kleine Unsicherheit von vorhin längst vergessen. Ringo hatte natürlich recht – manche Dinge können nicht warten, das weiß Easy. Andere jedoch, die zuvor noch so wichtig zu sein schienen, verblassen zu fernen Nichtigkeiten, sobald man sich auf das Wesentliche im Leben konzentriert.

In Easys Fall hat das Wesentliche einen Sonnenbrand und isst voller Zufriedenheit eine Mischung aus Fertignudeln und Weißbrot direkt aus einer Konservendose, und er könnte darüber kaum glücklicher sein.

~ fin ~

Author's notes:

* Ich sage es gern immer wieder: Die Camping-Folge ist eine meiner liebsten UU-Folgen ever. Handlung, Atmosphäre – es stimmt einfach alles, und ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich sie mir bereits angeschaut habe. Sie heitert mich zuverlässig auf, und vielleicht bin ich deshalb darauf gekommen, unsere beiden Chaoten erneut in die Eifel zu schicken. Nun, ich kenne mich in der Eifel überhaupt nicht aus, aber ich wollte einen realen Ort in dieser Gegend finden, an dem Ringo und Easy theoretisch wirklich in der Natur campen könnten, und im Naturpark Hohes Venn-Eifel ist das möglich. Mein absolutes Highlight der Folge ist, dass Ringo freiwillig und ohne vorher darum gebeten worden zu sein drei Kilometer zu einem Bäcker und drei Kilometer zurück zu ihrem Zelt gestapft ist, nur um ein Käsebrötchen für Easy zu kaufen – ich musste das einfach aufgreifen, auch wenn es an dieser Stelle mit dem Realitätsbezug vielleicht ein bisschen hapert, denn die Zahl von Bäckereien in einem Naturpark dürfte wohl gen null gehen, aber wer weiß! Hallo Geschäftsmodell der Zukunft?

* Den Headcanon, dass Easy als Teenie eine äußerst wilde Punkphase hatte, gebe ich nicht wieder her.

* Camping-Essen MUSS ungesund sein. Ohne Dosennudeln mit komischen Beilagen, die man im normalen Leben niemals dazu essen würde, geht es einfach nicht.
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