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Kuriositätenkabinett

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Ingo "Easy" Winter Richard "Ringo" Beckmann
07.05.2018
06.09.2020
15
39.936
24
Alle Kapitel
94 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
16.01.2020 4.529
 
Dieser Oneshot geht auf ein Prompt zurück, das ich vor längerer Zeit erhalten habe und das sich mit Ringo und seiner Vergangenheitsbewältigung beschäftigen sollte, insbesondere hinsichtlich des frühen Verlusts seiner Eltern. Schon damals habe ich prognostiziert, dass ich die Umsetzung dieses Prompts nicht werde planen können, denn die Thematik geht mir auf persönlichem Level sehr nahe. Ich wusste von Anfang an, dass sich das Schreiben irgendwann plötzlich seinen Weg bahnen wird und ich mich dann einfach kreativ treiben lassen werde – mit dieser Vermutung lag ich letztendlich richtig, nur bis zur Vollendung hat es leider eine ganze Weile gedauert, da ich quasi genau in der Mitte mit Karacho gegen eine Schreibblockade gerannt bin.

Wie bereits angedeutet – für mich ist das hier eine sehr persönliche Angelegenheit. Jeder hat seine eigene Art, mit Trauer umzugehen. Meine besteht darin, meine Ängste auf meinen liebsten fiktiven Charakter zu projizieren und ihn dabei anzuschreien: „Da! Die gehören jetzt dir! Sieh zu, wie du damit klarkommst! Ist nicht mehr mein Problem!“. Sorry dafür, Ringo!

Kleine Randnotiz: In diesem Oneshot haben die beiden noch ihr altes Zimmer im Erdgeschoss. Der Einfachheit halber und auch aus Prinzip.

Rating: Vorsichtshalber P12 Slash, wegen des etwas ernsteren Themas.

Ich hoffe, euch gefällt das Endergebnis,
eure Lene

* * * * * *

Time to let go


The seas fall
Their love is to each other / It completes awe
Give thanks to the season / As the weeks fall
No rhyme nor reasons / It's time to let go


Ringo mag Fakten. Sie üben eine beruhigende Wirkung auf ihn aus, geben ihm Sicherheit, helfen ihm bei seiner manchmal noch etwas unbeholfenen Orientierung in einem wahren Dschungel aus Emotionen, mit denen er nicht immer so souverän umgehen kann, wie er gern würde.

Trotzdem. Der Fakt, dass er damit nicht allein auf dieser Welt ist – mit diesen hartnäckigen, bohrenden, tiefschwarzen Gedanken –, macht es für ihn nicht besser. Nicht im Geringsten. Er starrt die blaue Schachtel vor sich auf dem Bett nun schon eine ganze Weile so grimmig an wie er nur kann. Es grenzt an ein Wunder, dass sie sich noch nicht spontan selbst entzündet hat.

Er hasst sie zutiefst, diese Tage, an denen eigentlich alles in Ordnung ist und sich seine Welt dennoch anfühlt, als wäre in einem unbeobachteten Moment alles um ihn herum einen Zentimeter nach links gerückt worden, sodass er sich bei jeder Bewegung ein Körperteil stößt. Zudem wird seine Position auf dem Bett zunehmend unbequemer, und obwohl Ringo weiß, dass er nur seine Beine aus dem Schneidersitz lösen und sich ein bisschen strecken müsste, um Abhilfe zu schaffen, fehlt ihm dafür die nötige Energie.

Ein seltsames Gefühl rumort in seinem Magen. Er fühlt sich gleichzeitig hohl und übervoll, doch mit Hunger oder Sattsein hat das alles rein gar nichts zu tun. Ringo schnaubt mit morbider Belustigung, denn er würde viel dafür geben, dass die Ursache dafür derart simpel zu beheben wäre. Und ihm ist kalt, obwohl er einen dicken, schwarzen Kapuzenpullover trägt, dessen Saum irgendwo auf Höhe seines Bauchnabels endet, während die Ärmelbündchen lose um seine knochigen Handgelenke schlackern. Diese rein objektiven Mängel machen ihn rein subjektiv aber nicht weniger perfekt für diese Situation. Ringo malt mit einer Fingerspitze abstrakte Muster auf den Stoff, ohne dabei den Blick von der Schachtel abzuwenden.

Ringo hat diese Schachtel schon seit Jahren nicht mehr geöffnet, aber das muss er auch nicht. Man könnte ihn nachts ohne Warnung aus dem Tiefschlaf rütteln und er wäre in der Lage, ihren Inhalt spontan und lückenlos aufzählen. Normalerweise dient die Schachtel als unauffällige und mittelmäßig dekorative Stütze für die paar Bücher, die Ringo besitzt. Es besteht kein Grund dazu, die Schachtel zu verstecken – in ihr befindet sich nichts Geheimnisvolles oder gar Anstößiges, und Easy hat sie schon dutzende Male gesehen, ja sogar selbst in den Händen gehalten, und nie nachgefragt oder Anstalten gemacht, einen Blick hineinzuwerfen.

Ringo misst die Zeit, die zwischen solchen Tagen vergeht, nicht in kalendarischen Einheiten, sondern in der Dicke der Staubschicht, die sich auf dem Schachteldeckel angesammelt hat, wenn er sie wieder aus dem Regal nimmt. Manchmal lässt sie sich mühelos wegpusten, manchmal benötigt er ein Tuch, um sie zu entfernen. Mit den Jahren ist es zu einer Art Ritual geworden, dieses Anstarren. Ohne, dass eine besondere Absicht dahinter stecken würde. Früher, ganz früher, als alles noch frisch und unerträglich war, wäre er lieber fünfmal hintereinander die große Runde durch den Stadtpark gelaufen, als ihre bloße Existenz überhaupt anzuerkennen; er hatte ihren Inhalt kurz nach dem Unfall hastig und tränenblind in sie hineingestopft und die Schachtel selbst dann tief im Keller zwischen aussortierter Kleidung in einem alten Koffer vergraben wie einen verfluchten Piratenschatz. Nicht einmal Kira hatte er davon erzählt. Und nein, die Zeit, die seitdem vergangen ist, hat gewiss nicht jenen heilenden Effekt, der ihr so gern zugeschrieben wird, doch Ringo kann nicht verleugnen, dass er nach und nach innerlich abgestumpft ist. Zumindest so weit, dass er trotzdem weitermachen konnte. Irgendwie.

Dann hört Ringo Stimmen und Schritte vor der Zimmertür. Er weiß instinktiv, dass sich selbige gleich öffnen wird, und dennoch verharrt er in seiner nur leidlich bequemen Haltung. Jetzt noch schnell die Schachtel unter dem Kopfkissen zu verstecken und so zu tun, als würde er ganz entspannt seinen freien Nachmittag genießen, würde an Slapstick grenzen. Außerdem: Von der mehr als unguten Angewohnheit, Dinge vor seinem Ehemann zu verheimlichen, hat er sich mittlerweile verabschiedet.

„Schatz, Paco fragt, ob wir mit zum Griechen kommen. Er ist in Spendierlaune und schmeißt 'ne Runde Gyros mit doppelt Za –“

Easy verharrt sowohl mitten im Türrahmen als auch mitten in der Bewegung, die Hand auf der Türklinke. Er trägt robuste Boots und seinen Wintermantel, fertig zum Aufbruch. Hinter ihm scherzen Leni und Paco gut gelaunt über irgendeine Belanglosigkeit, die Ringo gerade noch weniger als wenig interessiert, und schon der Klang ihrer Stimmen strapaziert sein Nervenkostüm wie das schrille Quietschen von Fingernägeln auf einer Schultafel.

„Scha–? Oh.“

Ringo hat seinen Blick nach wie vor nicht von der Schachtel abgewendet. Er hört, wie Easy über seine Schulter hinweg sagt: „Geht schon mal ohne uns, wir kommen vielleicht nach“, und schließt schamvoll die Augen. Sein Nacken prickelt unangenehm. Genau das hatte er eigentlich vermeiden wollen. Er hasst es, wenn sich Easy seinetwegen einschränkt. Er ist ein erwachsener Mann und braucht kein Mitleid. Er will auch nicht in Watte gepackt werden. Er hat das immer mit sich allein ausgemacht und er kann es auch weiterhin. Er –

Die Tür klickt leise. Ein Stückchen von ihm entfernt raschelt die Bettdecke, als sich jemand setzt. Dann, Stille.

An diese Art der Stille hat Ringo sich noch nicht völlig gewöhnen können. Vor Easy hätte er gar nicht erst gedacht, dass es überhaupt unterschiedliche Varianten von Stille gibt. Früher, ohne Easy, existierte nur diese eine für ihn, die so still war, dass sie in seinen Ohren dröhnte und dadurch seinen Kopf fast zum Platzen zu bringen schien. Jetzt, mit Easy, gibt es viele verschiedene, und keine von ihnen ist unangenehm. Es gibt die Jeder-arbeitet-für-sich-aber-im-selben-Raum-Stille, die Nach-einem-langen-Tag-in-einem-erschöpften-Haufen-auf-dem-Sofa-liegen-Stille, die Mit-120-über-die-Autobahn-schießen-und-dabei-Musik-hören-Stille, die Als-Löffelchen-im-Bett-liegen-und-zu-müde-zum-Reden-aber-zu-wach-zum-Schlafen-sein-Stille und noch viele andere, für die Ringo erst noch passende Namen finden muss. So auch für diese. Aber wie alle anderen ist auch sie, sehr zu seiner eigenen Überraschung, nicht unangenehm.

„Du hättest mitgehen sollen“, presst er dann zwischen trockenen Lippen hervor, voller Trotz, weil sich ein fieses, stachelbewehrtes Etwas in ihm aufplustert, das sich weigert zu akzeptieren, dass er auch damit nicht mehr allein ist. Dass da jetzt jemand ist, der sich um ihn sorgt, obwohl er sich nicht sicher ist, womit er das überhaupt verdient hat.

Einen halben Meter neben ihm seufzt Easy, aber es klingt weder genervt noch verärgert. Easy ist der einzige Mensch, den Ringo kennt, der liebevoll seufzen kann. „Klar“, sagt er, seine dunkle Stimme das genaue Gegenteil von Fingernägeln auf einer Schultafel, „und dich hier allein lassen, nachdem du meinen Kleiderschrank geräubert hast. Am Ende klaust du dir auch noch eine Hose von mir, und wir wissen beide, dass das ziemlich katastrophal aussehen würde.“

Ringo versucht gar nicht erst, sein kleines Grinsen zu unterdrücken. Die Wärme in Easys Stimme geht ihm einfach jedes Mal unter die Haut, auf eine angenehme Art und Weise. Er friert direkt ein bisschen weniger. Seine Augen hält er allerdings weiterhin geschlossen, auch wenn es dafür keinen bestimmten Grund gibt. Die Schachtel hat sich nicht auf magische Weise in Luft aufgelöst; sie liegt weiterhin irgendwo zwischen ihnen auf der verwaschenen, karierten Bettwäsche, die Ringo schon längst diskret entsorgt hätte, wenn Easy nicht aus ihm unbekannten Gründen so sehr an ihr hängen würde.

Dann bewegt sich die Matratze erneut und Ringo merkt direkt, dass neben ihm etwas – jemand – fehlt. Er runzelt die Stirn und das stachelige Etwas in seiner Brustgegend bäumt sich auf, um siegesgewiss zu kreischen, dass Easy es sich doch anders überlegt hat und lieber gemeinsam mit den anderen Gyros-mit-doppelt-Zaziki essen möchte, als zusammen mit seinem offensichtlich deprimierten Ehemann im heimischen Schlafzimmer zu hocken und Trübsal zu blasen, aber dann hört er etwas leise rumpeln und obwohl er die Augen wieder geöffnet hat und sieht, wie Easy mit vorgebeugtem Oberkörper in den Untiefen ihres Kleiderschranks verschwindet, fragt er: „Was machst du da?“

Easy antwortet ihm nicht, zumindest nicht mit Worten. Dafür dreht er sich kurz darauf, nachdem er mehrere Paar Schuhe, einen Rucksack und einen Stapel Magazine aus dem Schrank hinausbefördert und achtlos neben sich auf dem Boden abgelegt hat, mit einer quadratischen Tasche in den Händen zu Ringo um.

„Deine alte Foto-Ausrüstung?“ Ringo versteht nicht wirklich, was Easy ihm damit sagen möchte. Der nickt und steigt unbeirrt über das kleine Chaos zu seinen Füßen hinweg, um zurück auf seinen Platz neben Ringo zu krabbeln, dabei darauf bedacht, die Schachtel nicht zu berühren. Das Material der Tasche ist an den verstärkten Ecken abgewetzt und zeugt von Jahren intensiver Benutzung. Damals, als Easy voller Stolz mit dieser Tasche und der darin enthaltenen, aus heutiger Sicht hoffnungslos veralteten und mit viel Mühe zumindest als nostalgisch wertvoll zu bezeichnenden Kamera durch die Gegend gezogen war und quasi jeden Quadratmeter der Schillerallee auf Fotopapier festgehalten hatte, waren sie nicht mehr als flüchtige Bekannte gewesen, die sich kaum eines Blickes gewürdigt hatten. Der Gedanke daran, wie viel Zeit seitdem vergangen ist und wie sehr sich alles seit damals verändert hat, lässt kurz Ringos Sicht verschwimmen. Er blinzelt mehrmals und konzentriert sich darauf, wie Easy mit geschickten Bewegungen den doppelten Reißverschluss der Tasche öffnet, dann aber nicht die Kamera oder eines der Objektive zu Tage fördert, sondern in ein weiteres, ins Futter eingenähtes Fach greift.

„Ah“, macht Easy, als er offensichtlich gefunden hat, wonach er gesucht hatte. Er lächelt ein seltsam melancholisch wirkendes Lächeln und zieht ein kleines, rechteckiges Stück Papier aus der Tasche. Er hält es so vorsichtig in den Händen, dass es für ihn ganz offensichtlich von unschätzbarem ideellen Wert sein muss. Nachdem er es einige Sekunden lang betrachtet hat, legt er es sorgfältig neben die Schachtel auf die Bettdecke, sodass Ringo es gut sehen kann: Es ist ein Foto. Seine Ränder sind geknickt, das Papier ist an mehreren Stellen eingerissen, und die Farben sind zu pastelligen Schlieren verblichen, doch das Motiv ist trotzdem noch erkennbar – eine junge Frau mit langen, gewellten Haaren und dunklen Augen, die ein geblümtes Sommerkleid trägt und unter einem Baum auf einer Parkbank sitzt. Sie hält ein Baby auf dem Arm, das sie verzückt anlächelt.

Ringo lässt das Motiv auf sich wirken und schluckt. „Ist das..?“, fragt er zaghaft, ohne seinen Satz zu Ende zu bringen. Seine Augenwinkel brennen plötzlich unangenehm.

Easy nickt ein zweites Mal. Sein Lächeln ist nun nicht mehr melancholisch, sondern wieder angefüllt mit seiner üblichen Wärme. Es ähnelt dem Lächeln der Frau auf dem Foto frappierend.

„Ist das einzige Foto, das ich noch von ihr hab'. Keine Ahnung, wie alt ich damals war. Ich war wohl 'n ziemlich großes Baby, deshalb ist es schwierig, das genau zu sagen. Früher stand das Datum hinten drauf, aber das kann man nicht mehr lesen. Das“, erklärt er und tippt mit dem Finger auf den Baum, „war im Park in unserem Viertel, da hat sich jeder rumgetrieben, selbst wenn's arschkalt draußen war. Niemand wollte drinnen in den hässlichen Wohnungen hocken. Naja, niemand außer meinem Vater.“ Easy rollt mit den Augen und nicht zum ersten Mal wünscht sich Ringo, diesen Mann, den er noch nie in seinem Leben getroffen hat, am Kragen packen und ordentlich durchschütteln zu können. Er ignoriert den in ihm aufkochenden Zorn jedoch, denn dafür ist jetzt absolut nicht der geeignete Zeitpunkt.

„Woher wusstest du, dass in der Schachtel Bilder von –“, beginnt Ringo und muss dann kurz innehalten, denn er befürchtet, den Satz andernfalls nicht ohne ein verräterisches Zittern in der Stimme vollenden zu können, „von meinen Eltern sind?“ Das Wort fühlt sich merkwürdig fremd auf seiner Zunge an; zu lange ist eine Welt ohne Eltern nun schon seine tagtägliche Realität. Er stellt diese Frage ohne jeden Argwohn, sondern voller ehrlicher Neugier. Easys feines Gespür für Emotionen und seine Fähigkeit, daraus intuitiv den korrekten Schluss zu ziehen, erstaunt ihn wieder und wieder.

Easy zuckt mit den Schultern. „Ich weiß das nicht, hab' ja nie reingeguckt. Aber ich kenn' diesen Gesichtsausdruck, den du vorhin drauf hattest. Von damals.“ Easy muss das nicht weiter ausführen, damit Ringo versteht, welche Zeit er mit damals meint. „Und manchmal guckst du auch heute noch so. Dann redest du nicht, sondern starrst nur Löcher in die Luft. Und du trägst meine uralten Hoodies nur, wenn es dir richtig mies geht.“

Nun ist es Ringo, der mit den Augen rollt, allerdings über sich selbst und seine eigene Sentimentalität, die ihm nach wie vor ein bisschen auf die Nerven geht, aber Easy fixiert ihn mit einem durchdringenden Blick: „Ich find' das nicht lächerlich oder so. Damit du das weißt.“ Er mustert Ringo von oben bis unten, und seine Mundwinkel zucken dabei leicht. „Steht dir irgendwie“, sagt er dann mit zärtlicher Ernsthaftigkeit. „Vielleicht sollte ich dir mal einen schenken.“

Ringo zieht den Hals ein, sodass er kurz mit der Nasenspitze unter dem Ausschnitt verschwinden kann. „Wär' nicht das gleiche“, murmelt er in den dicken Stoff hinein, der nach Weichspüler und seinem rechtmäßigen Besitzer riecht und ihm ein Gefühl von Sicherheit vermittelt, von dem Ringo vor Easy nicht wusste, dass es überhaupt existiert.

„Stimmt auch wieder. Dann sollte ich mir demnächst wohl ein paar mehr davon bestellen, damit du ein bisschen Auswahl hast.“

Ringo brummt zustimmend, denn was könnte er dagegen haben, seinen Mann häufiger in kuscheligen Kapuzenpullovern zu sehen und letztendlich auch selbst davon zu profitieren? Für eine Weile sitzen sie dann kameradschaftlich schweigend auf dem Bett – Easy, der auf der Kante hockt, eine Hand flach auf die Matratze gestützt, und so gedankenverloren auf das Foto schaut, dass er völlig vergessen hat, dass er noch seinen Mantel trägt, und Ringo, nach wie vor im Schneidersitz, den Rücken gegen das Kopfteil gelehnt, der wiederum Easy betrachtet, während ihn das Gefühl beschleicht, dass er sich niemals an ihm wird sattsehen können. Es ist eine neue Art der Stille zwischen ihnen, die Ringo später vielleicht, vielleicht auch nicht, unter Sich-gemeinsam-an-Dinge-erinnern-von-denen-man-nicht-weiß-wie-man-sie-aussprechen-soll-Stille katalogisieren wird.

Vor dem Fenster weht der Januarwind Schneeregen gegen die Scheiben und Ringo überlegt gerade, ob er Easy fragen soll, ob der nicht endlich seinen Mantel und die Stiefel ausziehen möchte, damit sie sich ein bisschen ins Bett kuscheln können – nur für ein paar Minuten, aneinander geschmiegt, sein Kopf auf Easys Brust, Easys Herzschlag direkt unter seinem Ohr –, da liegt ihm plötzlich eine Kombination von Worten auf der Zunge, nach welcher er schon lange gesucht und vor deren Existenz er sich dennoch gefürchtet hatte. Er weiß aus Erfahrung, dass es einfacher ist, gewisse Gedanken diffus und unausgesprochen zu lassen, doch sein Instinkt gibt ihm eindringlich zu verstehen, dass er es genau deshalb aussprechen muss, und zwar jetzt.

„Ich hatte immer gehofft, dass es irgendwann weggeht.“

Easy hebt ruckartig den Kopf und sieht ihn mit einem Blick an, den Ringo nicht richtig deuten kann. Seine Worte hallen in seinen eigenen Ohren nach und für ihn klingt es schrecklich; jammernd und verzerrt, wie eine Parodie seiner normalen Stimme. Einen Augenblick lang befürchtet er, dass Easy ihn auslachen und darauf hinweisen könnte, dass er gefälligst nicht so naiv sein soll, doch natürlich tut sein Mann nichts von alldem.

Stattdessen nickt Easy verstehend und ergänzt leise: „Aber das tut es nicht.“

Er nimmt wieder das Foto an sich, so vorsichtig, als müsse er befürchten, dass es bei unsachgemäßer Berührung zu Staub zerfallen könnte. „Das Loch in einem drin, das bleibt.“ Er streicht mit dem Daumen über die zerkratzte Oberfläche des Papierstücks und fügt voller Bitterkeit hinzu: „Egal, was man auch versucht.“

Ringo schluckt um einen dicken Klumpen in seinem Hals herum. Die Bestimmtheit, mit der Easy das sagt, ist niederschmetternd. „Was hast du versucht?“ Seine Stimme klingt seltsam, tonlos und blechern, so als ob sie gar nicht zu ihm gehört.

„Party“, sagt Easy nüchtern und zuckt mit den Schultern. „Wochenlang, ohne Pause. Hab' auch einiges eingeworfen.“ Etwas in Ringo zieht sich angesichts dieser Aussage schmerzhaft zusammen. „Aber die einzige Person, die's wirklich gekümmert hätte, wie's mir geht, war ja tot, also hat mich niemand davon abgehalten.“

Tot. Ringo hasst dieses Wort wegen seiner Endgültigkeit und mag es nicht einmal denken, weshalb er Easy für seinen grenzenlosen Mut, es auszusprechen, heimlich bewundert. Vor seinem inneren Auge drängen sich ihm unwillkürlich bruchstückhafte Bilder auf – endlose Laufeinheiten, der dröhnende Bass in seinen Ohren gibt den Takt vor und nicht der in seinem ganzen Körper hämmernde Puls, seine Schuhe schlammverkrustet, in seinem Mund ein stechend metallischer Geschmack; Männer und Frauen, in seinem Bett, wahl- und gesichtslos, keine Details, nicht mal Namen, Fühlen ohne Gefühle, mechanisch und nur oberflächlich befriedigend; nächtelanges Lernen im fahlen Schein seiner Schreibtischlampe, seine Finger eingefärbt von Textmarkern, seine Augen müde und trocken, sein Herz leer, sein Rücken krumm, das Streben nach Erfolg und Anerkennung der einzige Motor, der ihn antreibt; ein endloses Hangeln von Adrenalinkick zu Adrenalinkick.

„Da hat wohl jeder so seine Strategien.“

Ringo schreckt aus seinen Gedanken hoch. Easy sieht ihn mit leicht schief gelegtem Kopf an, interessiert aber nicht neugierig, und gleichzeitig so wissend, dass sein Fluchtinstinkt getriggert wird – ganz kurz nur, aber so intensiv, dass ein Ruck durch seinen sitzenden Körper geht. Easy ist weder blind noch taub und obendrein alles andere als dumm – natürlich hat er zumindest Spuren von Ringos eigenen, destruktiven Verdrängungsmechanismen mitbekommen: Akribisch geführte und mit Magneten außen am Kühlschrank angebrachte, täglich aktualisierte Laufprotokolle; fremde Menschen, die häufig mitten in der Nacht und selten auch im Morgengrauen mehr oder weniger unauffällig aus seinem Zimmer verschwunden waren; sündhaft teure, kartonweise aus Japan importierte Nahrungsergänzungsmittel, die angeblich die Gehirnleistung unterstützen sollten und ihm am Ende ironischerweise nichts als Kopfschmerzen eingebracht hatten.

„Und das ist auch okay so. Wir sind alle nur Menschen.“

Dass Easy sich nicht nur nicht über ihn lustig macht, sondern es obendrein schafft, Plattitüden so auszusprechen, dass sie zur Wahrheit werden, lässt Ringo eine kleine Grimasse schneiden. Manchmal ist sein Mann einfach zu gut für diese Welt. Natürlich nervt ihn das nicht wirklich, schließlich liebt er ihn nicht trotz, sondern wegen seines durch und durch guten Herzens und seines schier grenzenlosen Verständnisses für andere, doch so einfach, wie Easy es klingen lässt, ist es natürlich nicht.

„Aber das Loch, das kann nichts und niemand füllen.“

Mit einem letzten Blick auf das Foto schiebt Easy es zurück in das Innenfach seiner Tasche, dabei darauf bedacht, ihm keine weiteren Knicke zuzufügen.

„Ich denk' mir oft: Ich hab' ein schönes Dach über dem Kopf, ich hab' tolle Freunde, ich hab' zwei Jobs, die ich mag, und sogar einen Ehemann, den ich liebe“, zählt er auf, während er den Reißverschluss mit einer Bewegung schließt, die keine Zweifel daran lässt, dass er ihn für lange Zeit nicht erneut öffnen wird. „Früher hatte ich nichts von alldem, wie kann ich dann manchmal trotzdem so traurig sein, dass ich das Gefühl hab', es nicht ertragen zu können?“

Easy faltet nachdenklich die Hände im Schoß. Draußen ist der Schneeregen endgültig in Schnee übergegangen; Ringo beobachtet, wie die Flocken träge und nass am Fensterglas hinunterrutschen. Er streckt seine Beine von sich, endlich. Er spürt, wie das Blut langsam und kribbelnd in seinen Füßen zirkuliert. Er schweigt, nimmt sich zurück.

„Weil“, fährt Easy schließlich fort, „nichts von alldem meine Mutter zurückbringt. Deshalb bin ich traurig. Und deshalb geht es auch nicht weg. Da kannste nix machen. Und deshalb kannst du da auch nix machen, weil nichts deine Eltern zurückbringt.“

Ringo atmet tief durch. Ihm ist leicht schwindelig, obwohl er sitzt. Er hatte gehofft, dass Easy ihm etwas Tröstliches sagen oder notfalls auch hanebüchene Lügen auftischen würde, die zumindest kurzzeitig dafür sorgen, dass er sich besser fühlt. Er verspürt das dringende Bedürfnis, sich zurückzuziehen und wieder mit der Nasenspitze unter den Kragen von seinem – von Easys – Pullover zu rutschen, da spürt er den sanften, warmen Druck einer vertrauten Hand auf seinem Knie.

„Hase, du darfst jetzt ein Mal mit den Augen rollen.“

Ringo runzelt verwundert die Stirn. „Warum sollte ich das tun?“, fragt er ernsthaft verwirrt, denn er kann Easy gerade nicht folgen. Der macht ein entschuldigendes Gesicht. „Naja, weil ich gleich was schrecklich Kitschiges sagen werde und du kannst Kitsch bekanntlich nicht ausstehen.“

„Das hast du auch von Weihnachten behauptet“, entgegnet Ringo leicht pikiert, „und wer hat am Ende ohne zu meckern deine beleuchtete Mütze getragen?“ Er streckt sich ein bisschen, um seine Hand auf die von Easy legen zu können, und bekommt als Antwort auf seine rhetorische Frage ein kleines Lächeln. „Eben. Und jetzt sag' schon.“

Easys Mund macht eine komplizierte Bewegung und durchläuft binnen einer Sekunde diverse unterschiedliche Emotionen. Er zögert kurz, spreizt dann seine Finger auf Ringos Bein, sodass ihre Hände wie miteinander verwoben aussehen. „Naja, wir beide sind jetzt eine Familie.“

Ringo rollt nicht mit den Augen.

„Das bringt weder meine Mutter noch deine Eltern zurück, und wenn ich ehrlich bin, ist das jetzt nicht so'n Thema, über das ich sonderlich gern rede, aber wir können auch zusammen schweigen. Und vielleicht irgendwann gemeinsam Fotos angucken.“

Ringo presst seine Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Sein Blick fällt zurück auf die Schachtel, und als erste Reaktion verflucht er die Tatsache, dass er sie überhaupt jemals aus dem ihrem Versteck im blöden Koffer im gottverdammten Keller geholt hat. Es ist ein defensiver Reflex, antrainiert aus purem Selbstschutz und Verletzlichkeit; ein Messer, dessen Klinge auf Knopfdruck ausfährt. Er versucht, sich auszumalen, wie es wäre, Easy die Fotos zu zeigen – Kindergeburtstage, Weihnachtsfeiern, Urlaube auf dem Campingplatz, Alltagsschnappschüsse. Die Vorstellung bleibt vage und verschwommen, aber die Tatsache, dass er sie überhaupt zulassen kann, erstaunt ihn.

Dann zieht eine Bewegung seine Aufmerksamkeit auf sich – Easy beginnt, seine Hand langsam unter der von Ringo wegzuziehen, auf seinem Gesicht ein schiefes, unechtes Lächeln, seine Augen voller Zweifel, und nein, nein, genau das wollte er natürlich nicht, und er drückt schnell Easys Finger, nicht fest, nur so sehr, dass er aufhört, sich zurückzuziehen.

Reden gehört nicht zu Ringos Kernkompetenzen. Das hat er Easy schon vor Monaten gesagt, und daran hat sich bis zum heutigen Tag nicht viel geändert. Er hat durchaus gelernt, ehrlicher und offener mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren, doch das macht die Sache an sich nicht leichter für ihn. Er wird seinen Emotionen auf verbalem Weg wahrscheinlich nie so Ausdruck verleihen können, wie Easy es scheinbar voller Leichtigkeit tut, aber das ändert nichts an dem Fakt, dass er nie zuvor so viel für einen anderen Menschen empfunden hat wie für den Mann, der da gerade neben ihm auf dem Bett hockt. Ringo mag Fakten, aber Ringo liebt Easy, und es gibt für ihn keine andere Option, als seinen weiteren Weg gemeinsam mit ihm zu beschreiten.

Dann drückt er die Finger seines Mannes erneut, und diesmal legt er so viel Gefühl in diese Geste, wie er nur kann; ein unausgesprochenes Danke, ich komme auf dein Angebot zurück. Was er stattdessen sagt, ist: „Schatz, du hast wirklich eine komische Definition von Kitsch.“ Mit einer entschlossenen, allerdings nicht sonderlich eleganten Bewegung rutscht Ringo dann zur Bettkante und greift gleichzeitig nach der Schachtel. Easy sieht ihn dabei interessiert an, sein Blick nun frei von jeder Unsicherheit. Er steht auf – dass sein Schultergelenk dabei ein Geräusch macht, das an das morsche Knacken eines trockenen Zweigs erinnert, ignoriert er gekonnt – und stellt die Schachtel zurück an ihren angestammten Platz in das Regal, neben seine Bücher. Er rückt sie liebevoll zurecht, bis sie exakt gerade steht, und streicht über ihren Deckel, um letzte Staubkörner zu entfernen. So viel Zeit muss sein.

Als er sich zu Easy umdreht, grinst der ihn voller Verschmitztheit an.

„Was?“, fragt Ringo, nicht unhöflich.

Easy antwortet nicht, sondern mustert ihn genüsslich von Kopf bis Fuß, während sich seine Wangen dezent pink färben. Schließlich sieht Ringo an sich hinunter.

„Oh.“ Ja, da war noch was. „Also falls wir gleich doch noch Gyros mit den anderen essen wollen, sollte ich mir vorher definitiv etwas anderes anziehen.“ Die überlangen Ärmel von Easys Kapuzenpullover baumeln links und rechts von ihm – nicht einmal seine Fingerspitzen schauen aus ihnen hervor –, und zwischen dem Saum und seinem Hosenbund klafft eine beachtliche Lücke.

„Wir können auch hier was essen“, sagt Easy und schält sich wie zur Demonstration aus seinem Mantel. „Hätte ich nix gegen.“

Ringo würde es nicht offen zugeben, aber er ist froh über Easys Idee. Trotzdem hakt er nach: „Sicher?“, und kaum, dass er es ausgesprochen hat, steht Easy auch schon direkt vor ihm. Die geflüsterte Bestätigung – „Dann musst du dich auch nicht umziehen“ – ist mehr ein warmer Hauch auf seinen Lippen denn ein richtiger Satz, und dann umarmen sie sich, halten sich, Easys Arme um Ringos nackten Bauch geschlungen, Ringos Nase in Easys Haartolle gedrückt.

Während sich draußen eine feine Schneeschicht auf die Sprosse des Fensters legt, verharren sie umschlungen, bewegungslos bis auf das sanfte Schwanken ihrer Körper, und plötzlich wird Ringo eine Sache klar: Den Mann in seinen Armen wird er festhalten, doch es ist die Zeit gekommen, andere Dinge loszulassen.

~ fin ~


Author's notes:

* Meine Interpretation von Easys Vergangenheit ist eine wilde Mischung aus eigenen Mutmaßungen und dem, was wir bereits aus der Serie wissen: Unglückliche Kindheit in sozial schwierigen Verhältnissen, verantwortungsloser Vater, Mutter früh gestorben, Easy haut als Jugendlicher ab und irrlichtert in jeder Hinsicht orientierungslos in der Weltgeschichte herum, bis er irgendwann in Köln landet. Ich würde mir sehr wünschen, dass wir dahingehend in der Serie mehr erfahren würden, denn da liegt meiner Meinung nach viel Potenzial. Daher...

* … paging Nino de Angelo! Was würde ich für ein weiteres Gastspiel von ihm geben... oh, die Plot-Möglichkeiten! Intriganter Vater! Verletzlicher Easy! Ringo im Beschützermodus! Drama, Drama, Drama (ganz ohne Baby *hust*)!

* Ich erinnere nur ungern daran, aber: Bitte denkt daran, Feedback zu hinterlassen. :) Reviews sind der Motor, der mich antreibt und meine Kreativität am Laufen hält.
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