Vermächtnis des Ptolemäus

von Shades
GeschichteFantasy, Freundschaft / P12
Bartimäus OC (Own Character)
03.05.2018
01.02.2019
5
10866
3
Alle Kapitel
10 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Das hier ist eine bearbeitete Fassung, da mir die ursprüngliche nicht gefallen hat. Eigentlich hatte ich die FF als abgebrochen eingeordnet, nachdem ich sie aus dem Portal gelöscht hatte. Aber mir geht die Idee nicht aus dem Kopf.
Dies hier ist eine OC Story, die ca. 50 oder vielleicht auch 60 Jahre nach dem letzten Buch, Die Pforte des Magiers, spielt. Stroud hatte einmal in einem Interview erwähnt, dass die Welt, in der die Trilogie spielt, technisch etwa 50 Jahre zurückhängt, da Zauberer England beherrschen und Computer nicht wirklich vonnöten sind. Daher bin ich diese Zeitspanne etwa nach vorn gerückt, sodass die Welt in dieser Hinsicht etwa unserer entspricht.
Die FF ist nicht als Fortsetzung der Trilogie geplant. Es ist einfach nur etwas, das ich gern aufschreiben wollte, weil es mir ständig durch den Kopf ging. Also dann, viel Spaß beim Lesen! Ich hoffe, es ist einigermaßen unterhaltend.

***********************************************

„Vergiss nicht, Dämonen sind hinterhältig. Sie nutzen jede Gelegenheit, dir zu schaden, daher setzt du mit jeder Beschwörung dein Leben aufs Spiel.“
Das hatte Will Bellamy schon oft genug von seiner Meisterin gehört. Und immer, wenn er fragte, wie sie sich so sicher sein konnte, hieß es nur: „Denk an den Makepeace-Skandal vor fünfzig Jahren, als die Dämonen die Herrschaft über unsere Welt erringen wollten. Wäre es John Mandrake nicht gelungen, sie zu besiegen, wärst du jetzt nicht hier, Will. Gib einem Dämon etwas Macht, und er nutzt es schamlos zu seinem Gunsten aus.“ John Mandrake. Sein Name war in aller Munde und hatte mittlerweile Gladstone abgelöst. Er war zweifellos ein Held, dem man nacheifern wollte. Sein Monument vor den Überresten Kristallpalastes, wo er einst den Dämonenfürst Nouda niederrang, erinnerte die Londoner stets an seine Heldentat.
Seitdem wurden Beschwörungen von höheren Dämonen seltener. Die Engländer fürchteten sich mehr denn je vor der Macht dieser Wesenheiten, und wenn sie magische Hilfe aufsuchten, so beschränkten sie sich auf Kobolde oder Foliots mit überschaubarer Kraft.

Seit elf Jahren lebte Will bei seiner Meisterin, einer jungen Zauberin namens Jocelyn Blake, Bibliothekarin in der Londoner Nationalbibliothek, was auch ihrem Lehrling zugute kam. Die Erinnerung an seine Eltern war mittlerweile verschwommen. Was genau mit ihnen geschehen war, wusste er nicht, dafür war er zu klein. Vielleicht war es besser so, wenn er es vergaß, denn er wollte in die Zukunft blicken und nicht der Vergangenheit nachtrauern. Außerdem, so sagte Blake, war dies eine große Gelegenheit für ihn, die Zauberkunst zu erlernen. Seine Vergangenheit hinderte ihn, denn sie machte ihn angreifbar. So gut es ging, befolgte er den Rat seiner Meisterin, nicht mehr an seine Eltern zu denken. Einzig wie seine Mutter ihn einst bei seinem richtigen Namen gerufen hatte, wusste er noch – Teddy. Nur an diese alleinige Erinnerung klammerte er sich, denn vergaß er seinen Geburtsnamen, vergaß er auch sich selbst.
Wie so oft saß der Zauberlehrling im Hydepark, studierte die Natur, fertigte Skizzen an, und immer wenn ihm die verstrichene Zeit sinnlos vorkam, blickte er von seinem schattigen Plätzchen auf zu der großen Statue des jungen Politikers, der London und die ganze Welt vor dem Untergang bewahrt hatte.
Die Sonne schien grell an diesem späten Augusttag. Kinder tollten über die Wiese, versperrten dem Jungen ab und zu die Sicht zum Monument, das er abzuzeichnen versuchte. Er saß abgeschottet vom Treiben um ihn herum und trotzdem mittendrin, blendete alles aus, konzentrierte sich auf seine Skizze und vor allem …
„Ihr träumt schon wieder, Herr“, unterbrach ihn ein kleiner Piepmatz. Für einen Londoner Spatz hatte er ein sehr glänzendes Gefieder und lebendige kleine Kulleraugen.
„Nein, ich war nur in Gedanken woanders“, korrigierte er den Foliot. Was allerdings aufs Gleiche hinauskam.
Seine Lehrerin hatte ihm schon lange nicht mehr zugeschaut. Vorsichtig nahm Teddy die Skizze von der Unterlage und zeigte Pippin die Liste aktiver Dschinn, die er sich erst vor wenigen Tagen zusammengestellt hatte. „Sieh mal, ich bin immer noch nicht sicher, welchen ich wählen soll. Was meinst du, Pippin?“ Er hatte es bereits einmal geschafft, einen Diener zu beschwören, der ihm zur Seite stand, doch so eifrig Pippin ihm bei seinen Studien half, ein Foliot allein konnte niemals alles wissen, was er brauchte.
Der Spatz hüpfte näher und verzog die vogelhaften Gesichtszüge, soweit dies überhaupt möglich war. „Dschinn sind immer so furchtbar stolze Wesen und hacken auf unsereiner meist nur rum, obwohl sie kaum intelligenter sind als Foliots.“
„Bitte nimm es nicht als Kränkung auf, Pippin“, beruhigte Teddy ihn. „Du warst mir bis jetzt wirklich eine sehr große Hilfe, aber jede Wesenheit hat seine Eigenheiten, die von anderen nur schwer zu beurteilen sind. Ich muss immer alles aus erster Quelle erfahren. Schau mal, ich schwanke gerade zwischen den dreien.“ Er zeigte auf die oben aufgezeichneten Namen der Liste.
„Da hast du dir aber ein paar schöne Brocken ausgesucht“, zischte der kleine Spatz überheblich. „Nemuet würde ich sofort ausschließen, der ist viel zu gefährlich. Hat sämtliche Herren bereits ohne Gnade gefressen, der macht auch bei dir keine Ausnahme, egal wie nett du zu ihm bist. Noch dazu ist er unglaublich widerspenstig und faul. Bartimäus ist ein richtiges Großmaul, nichts dahinter. Prahlt immer noch, er hätte mal Uruks Mauern aufgebaut. Sieht man mal, wie gut sein Werk gehalten hat. Zaraziel sagt mir zwar was, aber nicht viel. War wahrscheinlich kein sonderlich tüchtiger Dschinn, mit dem kann man es versuchen.“
„Ich brauche ja keinen tüchtigen Dschinn, sondern nur einen, mit dem ich reden kann.“ Der Spatz blickte skeptisch. „Ich entlasse dich auch, wenn ich einen passenden Partner gefunden hab.“ Der Spatz suchte eifrig nach Namen.
„Afiem wäre eine Gelegenheit. Ist vielleicht nicht ganz so clever, aber sehr redselig.“
Nachdenklich legte Teddy den Bleistift an sein Kinn und betrachtete die Liste. „Er hat aber vermutlich nicht so viel Erfahrung wie die anderen. Ich glaube, seine erste Beschwörung war vor vierhundert Jahren, wenn ich mich recht erinnere. Ist zwar auch eine lange Zeit, aber nichts gegen vier- oder sogar fünftausend Jahre.“
„Die alten Dschinn sind meist die überheblichsten. Ich sags dir, nimm Afiem.“
Teddy seufzte. „Mir wäre normalerweise Rekhyt am liebsten, aber ich habe so gut wie nichts über ihn finden können.“
„Vielleicht ist er tot wie die anderen Diener von Ptolemäus. In der Fußnote stand ja ‚Ableben unbekannt‘.“
„Ja, stimmt … ich glaube, ich entscheide mich für Bartimäus oder Zaraziel. Sie haben beide früher in Ägypten und Umgebung gedient. Vielleicht können sie mir mehr über Ptolemäus‘ Diener verraten oder gar über ihn selbst. Ich hab so wenig über ihn finden können.“
Der Foliot flatterte genervt auf der Stelle.
„Sei mir nicht böse, aber ich glaube kaum, dass du Ptolemäus‘ Werk fortführen kannst. Er galt als Wunderkind seinerzeit. Glaubst du wirklich, ein mickriger Bursche wie du kann es mit ihm aufnehmen?“
„Soweit ich informiert bin, war er auch nicht viel älter als ich“, konterte Teddy. „Ich weiß, er galt als besonders begabt und hatte schon früh die ersten Dschinn beschworen. Selbst wenn es noch zwanzig Jahre dauern würde, irgendwann bin ich vielleicht mit ihm auf einer Stufe. Ist doch egal, wie viel Zeit ich brauche. Ich will sein Werk fortsetzen, irgendwer muss es ihm doch schuldig sein.“
„So jemanden wie dich trifft man wirklich selten. Sein Werk war unbeendet und keinen Zauberer hatte es je interessiert, wie es weitergegangen wäre. Wer weiß schon, was dem Kerlchen damals durch den Kopf ging.“
Der Spatz flog zwitschernd davon, als eine junge, blonde Frau an den Schüler herantrat. „Bist du fertig, Will?“
„Fast.“ Er zeigte ihr die saubere Skizze des jungen Mannes.
„Sehr schön. Aber glaubst du wirklich, dass Mandrakes Nase so groß ist? Schau dir mal genau das schmale Gesicht und die gerade Nase an. Du hast aus ihm ja einen richtigen Bauerntrampel gemacht“, mahnte Blake.
Teddy seufzte tief und steckte seinen Skizzenblock weg, achtete dabei sorgfältig darauf, dass seine anderen Notizen nicht zu sehen waren. „Ich bin furchtbar schlecht im Gesichter Malen.“
„Beim nächsten Mal machst du es besser, und jetzt steh auf! Wir gehen gleich los.“
„Jawohl, Ma‘am.“
Nach dem kurzen Gespräch mit seinem Diener Pippin wusste Teddy, wen er am morgigen Abend beschwören wollte.

Eine Geburtstagsfeier bei Verwandten war das Beste, was Teddy an diesem Samstag passieren konnte. Nicht er wurde eingeladen, sondern der Ehegatte seiner Meisterin. Und wie es Ehepaare zu tun pflegten, gingen sie gemeinsam hin.
„Das Abendessen ist bereits fertig. Du weißt ja, wie die Mikrowelle funktioniert.“
„Ja, Ma’am. Viel Spaß heute Abend.“
„Mach’s gut, mein Schatz.“ Sie verabschiedete Teddy mit einer überschwänglichen Umarmung, ließ aber den Kuss auf die Wange aus, um keinen Lippenstift in seinem Gesicht zu hinterlassen. Mr Blake reichte ihm lediglich die Hand, bevor er ging.
Angespannt wartete der Junge an der Tür, bis der Wagen die Einfahrt verließ. Es war vier Uhr nachmittags. Bis es dunkel wurde, hatte er noch genügend Zeit für die Vorbereitungen, dennoch musste er sich beeilen. Morgen früh durften keine Spuren mehr vorhanden sein, die auch nur im Geringsten an eine Beschwörung erinnerten.
Stundenlang räumte er sein Zimmer, verinnerlichte die Formeln, lungerte auf dem Fußboden und besserte die Bannkreise aus, bis er schließlich die letzte Rune gründlich überprüfte.
Der Geruch von Räucherwerk, mit einer besonderen Note Rosmarin, strömte durch sein karges Zimmer. Die Kerzen loderten matt, die Vorhänge flatterten vor dem offenen Fenster, woraufhin Pippin es schloss.
Es war stickig, Teddy schwitzte. Dunkle Strähnen klebten bereits an seiner Stirn. Er war noch so angespannt, dass er kein bisschen zitterte. Dennoch hätte er vor Nervosität beinahe tot umfallen können. Er hatte bereits zahlreiche Kobolde fehlerfrei beschworen, sogar den Foliot Pippin, der mittlerweile zu seinem Freund geworden war. Irgendwann würde die Zeit kommen, dass er auch einen Dschinn herbeirufen würde.
Der Spatz war noch immer auf der Erde. Obwohl Teddy versprochen hatte, ihn  heute zu entlassen, bestand er darauf, seinem Herrn zur Seite zu stehen. Er war vielleicht keine besonders starke Wesenheit, aber er würde, sollte etwas Unerwartetes geschehen, alles geben, um den jungen Zauberlehrling zu verteidigen.
Teddy schenkte seinem Freund ein zuversichtliches Lächeln, was der Spatz mit einem schief gelegten Kopf und Gefiederschütteln erwiderte, dann stellte er sich in das kleinere Pentagramm.
„Ich werde hier draußen auf dich warten.“ Pippin flatterte hinaus in den Flur, die Tür blieb angelegt. „Wenn du Hilfe brauchst, ruf mich.“
„Danke“, flüsterte Teddy.
Eine Weile blieb er in seinem schützenden Bannkreis stehen und holte tief Luft – erst einmal, dann zweimal. Schließlich richtete er seinen Blick fest auf das gegenüberliegende Pentagramm. Es würde schon nichts passieren. Pippin hatte ihn schnell akzeptiert. Bartimäus, so hoffte Teddy jedenfalls, würde dies ebenfalls tun. Seine Stimme klang leiser, als er vermutet hatte. Angestrengt konzentrierte er sich auf die Formel, die er aufsagte und die Wirkung blieb nicht aus.
Zuerst bildete sich weißer Nebel im Pentagramm. In ihm erschien die schwarze Silhouette eines großgewachsenen, schlanken Mannes, die langsam wie in Zeitlupe Gestalt annahm. Teddy kannte die Tricks und das heimtückische Wesen von Geistern. Er wusste, dass sie die Schrecken erregendsten Gestalten annahmen. Er hatte sich auf alles gefasst gemacht. Doch nicht auf das hier.
Teddy kannte das schmale Gesicht mit der geraden Nase, die kurzen Haare, den selbstbewussten Blick. Erst gestern hatte er kläglich versucht, diese Gesichtszüge nachzuzeichnen.
Wäre es nur John Mandrake gewesen, Teddy hätte sich noch fassen können, aber der Dschinn hatte sich für eine viel schlimmere Gestalt entschieden – John Mandrakes Leiche.
Der Junge stieß einen leisen Schrei aus und kippte nach hinten. Vor lauter Unachtsamkeit hatte er sich mit den Händen abgestützt, als er zu Boden plumpste. Seine Finger verwischten die Kreidelinien seines Pentagrammes, was dem Dschinn keinesfalls entging. Seine Augen blitzten auf.
Teddys Herz blieb für einen Moment stehen. Er hatte eine der wichtigsten Regeln missachtet.
Review schreiben