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OneshotFamilie, Freundschaft / P12 / Gen
Esmeralda Wetterwachs Nanny Ogg
02.05.2018
02.05.2018
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Der Tag, an dem Lily fortgeht, bleibt Esme als Aneinanderreihung von Vorwürfen, erhobenen Stimmen, zugeschlagenen Türen und Schluchzen in Erinnerung. Das Schluchzen ist am schlimmsten. Es sollte Eltern verboten sein, so zu weinen, aber Esmes Mam hält nicht viel von solchen fundamentalen Regeln kindlicher Weltanschauung.

Esme fragt sich, wieso ihre Mutter so traurig über Lilys Fortgang ist, obwohl sie Lily doch so sehr gehasst hat, dass sie sie weggeschickt hat.

(„Hass ist ein Wort, das wir mit Bedacht verwenden sollten“, sagt Nanny Gripes später. „Eine Hexe, die hasst, ist überhaupt keine richtige Hexe. Ist zumindest meine bescheidene Meinung.“

Nachdenklich runzelt Esme die Stirn. „Aber wenn ich jemanden hasse und einfach sage, dass ich ihn nicht mag, dann ist das nicht so schlimm?“

Nanny Gripes lächelt ein Lächeln, das einen dazu verleitet, zu glauben, die gesammelte Weisheit aller Welten verberge sich dahinter.)


Später erinnert sie sich an die Spuren getrockneter Tränen auf dem Gesicht ihrer Mutter und daran, dass sie selbst Nächte später oft nicht schlafen kann, weil sie das Schluchzen aus dem Nebenraum sogar dann hört, wenn sie sich unter der Bettdecke verkriecht und sich mit aller Kraft die Hände auf die Ohren presst.

Und sie erinnert sich an das Gefühl, etwas verloren zu haben, das sie nie bekennen kann.

~°~


Es ist nicht so, dass Esme ihre Schwester vermisst. Um ehrlich zu sein (und Hexen, das gehört zu ihren ersten Lektionen, sind immer ehrlich, zumindest dann, wenn es ihren Zwecken passt), gab es nicht viel an Lily, das man vermissen könnte. Lily war nicht die Art von großer Schwester, die einem heimlich etwas von ihrem Vorrat an Süßigkeiten abgibt, einem nach Albträumen in ihrem Bett Obdach gewährt und einen vor ungerechtfertigten Anschuldigungen der Eltern beschützt. Stattdessen war sie eine Schwester, die einen den Großteil der Zeit ignorierte und nur zu gerne die Schuld auf einen abwälzte, von ihrer Besessenheit für Spiegel und dem Ärger mit den jungen Männern ganz zu schweigen.

Trotzdem – sie war ein Teil der Familie. Ist ein Teil der Familie, wenn man es genau nehmen will, nur ein so weit entfernter, so sehr entfremdeter, dass die Verwendung des Präteritums durchaus angemessen ist.

Natürlich weiß Esme noch nichts vom Präteritum oder vom Plusquamperfekt oder wieso die Dinge manchmal unerklärlicherweise schieflaufen. Sie weiß nur, dass da ein Loch an der Stelle ist, die Lily beinhalten sollte, dass man Schwestern nicht trennen darf und dass ihre Eltern glauben, sie sei zu jung, um die Bedeutung der Wörter „Enttäusche du uns nicht auch noch“ zu verstehen.

~°~


Sie lernt schnell, dass es sicherer ist, Lily nicht zu erwähnen, also schweigt sie. Sie hört auf, Fragen zu stellen und sie hört sogar auf, sich, wann immer sie unterwegs ist, nach der schlanken Gestalt ihrer Schwester umzuschauen. Sie macht das, was ihre Eltern in einem unausgesprochenen Vertrag von ihr verlangen: Sie tut so, als hätte sie nie eine Schwester gehabt, und sie ist gut darin.

Aber sie vergisst nicht.

~°~


(„Wir können gemeinsam Hexen werden“, sagt Lily. „Hexenschwestern. Niemand könnte uns aufhalten.“

Sie behauptet oft solche Sachen, verloren in romantischen Betrachtungen, die Esme fremd sind. Esme nickt, obwohl ihr kindlicher Instinkt, der älter ist als die Handvoll ihrer Lebensjahre, genau weiß, dass es nie dazu kommen wird. Geschichten verlaufen niemals geradlinig, wenn es auch Umwege gibt.

„Hexenschwestern“, wiederholt Lily träumerisch.

Weil Lily die Ältere von ihnen ist, spielt Esme mit. „Ich will die Böse sein“, sagt sie.

Lily lächelt. „Ganz recht. Weil ich nämlich die Gute bin.“)


~°~


Gytha Ogg ist laut und unverschämt und wenn Esme könnte, würde sie ihr gehörig die Meinung darüber sagen, wie man sich als anständiges Mädchen zu verhalten hat. Anständige Mädchen ziehen ihren Rock nicht bis zum Bauch hoch, um beim Ballspielen mit den Jungs mehr Bewegungsfreiheit zu haben, und anständige Mädchen lachen auch nicht lauthals los, wenn die Mitspielerin vom Ball am Kopf getroffen wird.

Doch, Esme würde ihr ihre Meinung sagen, und zwar sehr unverblümt, wenn die Mitte einer Horde aufgedrehter Kinder nicht ein ungünstiger Ort dafür wäre – besonders, wenn jedes dieser Kinder Gytha Ogg mehr mag als Esme Weatherwax. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als sich den Schmutz von der Schläfe zu wischen, eine würdevolle Miene aufzusetzen und das Spiel aus sicherer Entfernung weiterzuverfolgen. Spiel doch mit den anderen, während ich mit Mr Grey rede, hat ihre Mutter gesagt. Es war mehr ein Befehl als ein Vorschlag und nur deswegen hat Esme sich überhaupt auf diesen Unsinn eingelassen. Es macht bestimmt Spaß.

Ein Prusten vor ihr reißt sie aus ihren düsteren Grübeleien.

„He, das war keine Absicht, wirklich nicht“, behauptet Gytha. Ihre Haare sind zerzaust, ihr Gesicht ist hochrot angelaufen und sie keucht wie Mams altersschwacher Teekessel, und, was am schlimmsten ist, sie sieht aus, als amüsiere sie sich so gut wie in ihrem ganzen Leben noch nicht.

Esme starrt stur durch sie hindurch.

„Du kannst ruhig weiter mitspielen.“

Esme starrt weiterhin ins Leere.

Gytha zieht die Schultern in einer Geste hoch, die ganz vielleicht andeutet, dass es ohnehin kein großer Verlust ist, einen Mitspieler wie Esme zu verlieren.

„Dann eben nicht“, sagt sie, grinst und rennt davon.

Esme beißt die Zähne zusammen und verbringt die kleine Ewigkeit, die vergeht, bis Mam endlich aus dem Geschäft des Schuhmachers tritt, damit, sich einzureden, dass sie keines dieser anderen Kinder braucht, kein einziges.

„Hattest du Spaß?“, fragt Mam auf dem Heimweg.

Esme beschließt, dass es keine Lüge ist, wenn sie einfach gar nichts antwortet.

Ein unverkennbares Johlen irgendwo hinter ihrem Rücken verrät ihr, dass Gythas Mannschaft soeben gewonnen hat.

~°~


„He, du! Wir kennen uns doch? Wie heißt du noch mal? Esmerelda?“

„Esme“, presst Esme zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Sie geht schneller, doch Gytha verfügt nicht nur über eine beängstigende Treffsicherheit mit dem Ball, sondern auch über eine erstaunliche Hartnäckigkeit. Obwohl sie schon wieder besorgniserregend keucht, lässt sie sich nicht abschütteln.

„Ich bin Gytha“, stellt sie sich vor, immer noch so schrecklich fröhlich.

„Ich weiß.“

Esme verwendet mehr Energie, als gerechtfertigt ist, darauf, sie nicht anzusehen.

„Ich hab gehört, dass du von der alten Nanny Gripes lernst“, erzählt Gytha. „Dass du eine Hexe wirst.“

Esme strafft die Schultern.

„Stimmt“, sagt sie. Eine Hexe zu sein, das ist etwas, worauf man stolz sein kann (wenn man es nicht zu sehr zeigt, fügt Nanny Gripes‘ Stimme hinzu); es ist eine Aufgabe, der nur die Besten gewachsen sind, nichts für Leute wie Gytha, und außerdem –

„Dann können wir ja zusammen üben“, meint Gytha, völlig ignorant gegenüber den metaphorischen Gewitterwolken, die sich über Esmes Kopf auftürmen. „Ich werde nämlich auch eine Hexe.“

Esme stolpert über einen Stein.

~°~


„Ich bin nicht gestolpert. Der Boden war bloß uneben.“

„Sicher.“

„Wag es nicht, dich über mich lustig zu machen.“

„Ich mein ja nur, wenn du mir erlaubt hättest, dir nach Hause zu helfen, hättest du nicht mit einem verstauchten Knöchel rumlaufen müssen und es wär nicht so schlimm gewesen.“

„Er war nicht verstaucht. Nur ... ein bisschen ... überdehnt.“

„Leute verstauchen sich eben leicht den Knöchel, wenn sie über einen Stein stolpern. Das ist ganz normal.“

„Ich bin nicht gestolpert!“

~°~


Anfangs will Esme wenigstens einen Vorteil daraus ziehen, dass auch Gytha, ausgerechnet Gytha, eine Hexe wird – und der besteht darin, besser als sie zu sein, was nicht allzu schwer werden dürfte. Der Plan hat nur einen kleinen, aber so elementaren Fehler, dass Esme es schnell wieder aufgibt, mit Gytha konkurrieren zu wollen. Es macht schlichtweg keinen Spaß, jemanden zu übertrumpfen, den es offenbar kein bisschen interessiert, ob er nur der Zweitbeste ist (oder Drittbeste, oder Viertbeste).

Wenn sie keine Rivalen sein können, beschließt Esme, kann es nicht schaden, sich miteinander zu verbünden, natürlich nur zu rein praktischen Zwecken und nicht etwa, weil das Leben leichter zu ertragen ist, wenn man sich ihm gemeinsam mit einer Leidensgenossin stellt.

Irgendwie kommt es dazu, dass sie mehr Zeit miteinander verbringen, als Esme geplant hat. Sie laufen einander ganz zufällig im Dorf über den Weg. Sie besuchen einander, völlig unbeabsichtigt natürlich. Und wann immer sie es einrichten können, gehen sie gemeinsam ihre Aufgaben als angehende Hexen erledigen, allen voran die endlose Suche nach Kräutern – nicht, weil sie Freunde sind, sondern weil es einfach angenehmer ist, nicht auf sich alleine gestellt durch den Wald zu stapfen. Sollte ein Rudel Wölfe zu übermütig werden, besteht immerhin die Chance darauf, dass es sich zuerst auf die Begleiterin stürzt und einem selbst dadurch Zeit zur Flucht verschafft.

Der Umgang mit Gytha, das lernt Esme schnell, ist die Quelle nie versiegender Verwunderung. Wie sie in jeder Lebenslage fröhlich ist, wie jeder sie auf der Straße anlächelt, wie sie kein Problem damit hat, sich von jungen Männern in ein Gespräch verwickeln zu lassen! Und dann ihre Familie – endlos weit verzweigt, ein Netzwerk, das nur durch Streitereien und die kleinen Intrigen des täglichen Lebens zusammengehalten wird, so undurchschaubar und trotz allem so zufrieden damit!

Esme würde niemals zugeben, dass Gythas Familie sie fasziniert.

„Bei meinen Eltern ist es eigentlich immer ziemlich langweilig“, erzählt sie, als die Sprache auf dieses Thema kommt. Mehr will sie nicht über ihre Familie verraten, aber der eine Satz reicht schon aus, um Mitleid über Gythas Miene tropfen zu lassen.

„Kann ich mir vorstellen“, entgegnet sie, „so ganz ohne Geschwister.“

~°~


(Es ist einer dieser Momente, in denen Dad sich vergisst (und was für eine lächerliche Formulierung, denkt Esme – als ob man die eigene Macht auch nur für einen Augenblick vergessen könnte), und sie sitzt am Boden und hält sich die Wange und schwört sich, nicht zu weinen.

„Sie sind alle so dumm“, urteilt Lily später, während sie Salbe auf den Bluterguss streicht. „Sie wissen es einfach nicht besser.“

Es ist beinahe ein Trost.)


~°~


Gythas konstante Fröhlichkeit ist manchmal Fluch und manchmal Segen, aber vor allem ist sie immer dafür gut, alte Probleme kurzzeitig zu vergessen und sich mit neuen konfrontiert zu sehen, zum Beispiel Wie bringe ich Gytha Ogg von dem Versuch ab, mich aufmuntern zu wollen?

Wenn Gytha sich einmal in den Kopf gesetzt hat, jemanden aufmuntern zu wollen, kann nichts und niemand sie davon abbringen, auch nicht eine besonders schlecht gelaunte Esme Weatherwax.

„Gytha, ich wüsste es wirklich zu schätzen, wenn du still sein könntest. Ich muss mich konzentrieren“, knurrt sie, allerdings nicht ganz so giftig, wie es geplant war. Es ist schwer, gemein zu sein, wenn der Geist gerade über unbekannte Pfade wandert, den Spuren eines fast-Gespenstes folgend.

„Was, explodiert sonst dein Kessel, wenn du ihn mal eine Sekunde lang nicht hypnotisierst?“, fragt Gytha unschuldig. Sie wirft eine Handvoll getrockneter Wurzeln in ihren eigenen Kessel, was das Gebräu darin mit einem drohenden Zischen quittiert. „Wenn du mir nicht verraten willst, was los ist ...“

„Nichts ist los, Gytha. Verstehst du? Nichts.

Die ruckartigen Bewegungen, mit denen Esme ihren hoffnungslos ruinierten Trank umrührt (was kein Verlust ist – sie hat den Sinn hinter komplizierten Tränken nie verstanden, wenn man den Leuten einfach einen Becher ihres liebsten alkoholischen Getränks in die Hand drücken und ihnen versichern kann, dass sie sich dadurch viel besser fühlen werden), strafen das Nichts Lügen, aber es ist ihr egal. Sie hat keine Zeit dazu, sich darüber Gedanken zu machen, was Gytha von ihr hält, wenn die Bedeutung dieses Tages ihr gleichzeitig in den Nacken atmet.

„Klar“, sagt Gytha. Kurz zögert sie und dann redet sie einfach unbeirrt weiter, ein Wasserfall an Unbekümmertheit, lebhaft und arglos und beruhigend ignorant.

(Heute wäre Lilys Geburtstag. Ist Lilys Geburtstag.
Lily war nie wirklich fröhlich.)


~°~


„Es ist nur ein Ball, Esme.“

„Da, du sagst es doch selber: nur ein Ball! Überhaupt nicht wichtig! Wieso sollte ich meine Zeit damit verschwenden, hinzugehen und mir den ganzen Abend lang auf die Füße treten zu lassen?“

Esme hat recht verschwommene Vorstellungen von sozialen Veranstaltungen, darunter auch die gefürchteten Bälle, und sie hat nicht vor, diese Annahmen widerlegen zu lassen.

„Weil es Spaß macht und man nette Leute trifft?“

„Bälle sind für normale Leute, nicht für Hexen.“

Gytha zieht die Augenbrauen auf diese Art hoch, die nur Gytha beherrscht und die jedes Mal aufs Neue beweist, dass auch Freundlichkeit eine Waffe sein kann. „Es würde dir bestimmt guttun, mal ein bisschen rauszukommen.“

„Ich komme auch raus, wenn ich Mr Grey seine Rheumamedizin bringe oder Mrs Bashar mal wieder behauptet, von einem Dämon verfolgt zu werden.“

Weil Gytha nun mal Gytha ist, lässt sie sich nicht beirren, noch nicht zumindest, obwohl sie es inzwischen wirklich besser wissen sollte.

„Es sind nette junge Männer da, Esme“, sagt sie in diesem speziellen Tonfall, der in Esme schon immer das Verlangen geweckt hat, jemanden an Ort und Stelle in einen Frosch zu verwandeln. „Bestimmt ist auch einer darunter, der sich von deiner schlechten Laune nicht abschrecken lässt.“

„Wieso sollte es mich interessieren, ob junge Männer da sind?“

Gytha seufzt. „Schau, Esme, es ist doch nur natürlich, selbst für Hexen, dass man sich in unserem Alter ...“

Esme lässt sie den Satz nicht beenden. „Ich sehe die Notwendigkeit dahinter nicht“, erwidert sie eisig und damit ist das Thema für sie beendet. Es ist sicherer so.

Gytha sagt nichts mehr dazu und ganz entgegen ihrer Gewohnheiten verliert sie am nächsten Tag auch kein Wort darüber, wie der Ball gewesen ist.

~°~


Lily geht wahrscheinlich ständig auf Bälle, wo immer sie ist. Es war schon immer die Art von Unterhaltung, die ganz ihrem Geschmack entspricht. Bälle und junge Männer und gebrochene Herzen ... Es ist immer dieselbe Geschichte.

~°~


Es gibt die gute Schwester und es gibt die böse Schwester, das weiß jeder. Was nur Gytha Ogg weiß und was Esme immer wieder zugleich erstaunt und, obwohl sie es sich nicht einmal selbst eingestehen würde, amüsiert, ist, dass es auch noch die Schwester gibt, die sich nicht mit der Frage nach Gut und Böse beschäftigt, sondern lieber mit der Frage, ob man sich noch eine dritte Portion Nachtisch spendieren lassen sollte und ob eine schwarze Katze besser zu einer Hexe passt als eine orange-getigerte.

Und dann gibt es noch die Schwester, die keine ist und die sich dadurch trotzdem nicht davon abhalten lässt, manchmal so zu tun, als sei sie eine.

~°~


Gytha überbringt ihr die Nachricht an einem Tag, an dem das Wetter selbst für die üblichen Verhältnisse der Spitzhornberge übertrieben schlecht ist. Als es klopft, weiß Esme sofort, wer ihre Ruhe stört; es gibt nicht viele Leute, die verrückt genug sind, um sich bei einem derartigen Sturm durch den Wald zu kämpfen und die noch dazu so enthusiastisch gegen die Tür hämmern.

Sobald die Tür auch nur den geringsten Spalt geöffnet ist, quetscht Gytha sich ins trockene Innere.

„Gaah“, macht sie und schüttelt sich wie eine nasse Katze. Esme mag keine Katzen, weder nasse noch andere, und die ungewollte Assoziation sorgt nicht dafür, dass sie erpichter darauf ist, den Grund für diesen Überraschungsbesuch herauszufinden.

„Warum bist du hier?“, fragt sie unverblümt, während Gytha den Boden volltropft. „Sag mir nicht, dass du wieder Hilfe dabei brauchst, jemanden zu verfluchen.“

Eigentlich ist die Frage überflüssig. Esme weiß genau, wieso Gytha hier ist, sie wäre keine Hexe, wenn sie es nicht wüsste; aber wissen und hören wollen sind zwei sehr unterschiedliche Dinge.

Gytha lässt sich auf einen der wackeligen Stühle fallen. „Hast du was zum Trinken? Und ich meine kein Wasser und auch keinen Kräutertee.“

Wortlos gießt Esme ihr etwas von ihrer Spezialmischung ein und wartet, bis Gytha den Becher leegetrunken hat. Sich mit Gytha zu unterhalten, während sie trinkt, begleitet von penetranten Schlürfgeräuschen, ist eine Herausforderung, der sie sich im Moment nicht gewachsen fühlt.

Endlich ist der letzte Tropfen vernichtet und der entscheidende Moment gekommen. Gytha lehnt sich zurück, strahlt die Welt im Allgemeinen an und verkündet theatralisch: „Ich werde heiraten!“

Darauf gibt es nichts zu erwidern; beziehungsweise gäbe es jede Menge zu erwidern, nur nicht, wenn man Esme Weatherwax heißt.

Weil sie spürt, dass trotzdem etwas von ihr erwartet wird, das über ein mattes Zucken der Gesichtsmuskeln hinausgeht, verlegt sie sich auf eine wenig begeisterte Erwiderung: „Oh. Schön für dich.“

„Schön?“, wiederholt Gytha entrüstet. „Natürlich ist es schön!“

Sie hält inne, lehnt sich nach vorne und liefert einen weiteren metaphorischen Dolchstoß ab. „Ich erwarte natürlich, dass du da bist.“

„Wenn ich Zeit habe.“

Es ist eine erbärmliche Bemerkung – jeder weiß, dass eine Hexe immer Zeit für die Dinge findet, die ihr wichtig sind. Esme kann es Gytha nicht einmal verdenken, dass sie mit ungewohnt viel Entrüstung reagiert.

„Es ist meine Hochzeit, Esme! Warum kannst du dich nicht wenigstens ein einziges Mal für mich freuen?“

Weil ich schon mal eine Schwester verloren hab, will Esme sagen und kann es nicht. Stattdessen zögert sie gerade lange genug, dass jemand, der sie gut kennt, es bemerkt.

Gytha durchbohrt sie mit einem stechenden Blick, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie war nie jemand, auf den das Attribut überheblich zutraf, ganz im Gegenteil, aber wenn es jemals einen Moment gäbe, an dem man es mit gewisser Vorsicht doch verwenden könnte, dann wäre das jetzt.

„Hast du denn nichts mehr dazu zu sagen?“, fragt sie.

„Doch.“ Auch Esme verschränkt die Arme. „Dass du es besser wissen solltest.“

Stille senkt sich herab – die Art von Stille, der es völlig egal ist, dass draußen ein Sturm durch die Landschaft marschiert.

Gythas Antwort ist nicht laut und nicht aufgebracht und das macht es nur noch schlimmer. Langsam beugt sie sich noch ein Stück weiter zu Esme heran und sagt sehr ruhig: „Und du solltest überhaupt mal was wissen.“

Esme steht so ruckartig auf, dass nur sehr viel guter Wille die Stuhllehne davor bewahrt, Kontakt mit dem Boden aufzunehmen.

„Gytha Ogg, du bist die schrecklichste Person, die ich je kennenlernen musste!“

Auch Gytha erhebt sich. Es ist ein lächerliches Verhalten für Hexen, aber unter den gegebenen Umständen sehen die beiden nur zu gerne darüber hinweg.

„Und du, Esmerelda Weatherwax, bist die schrecklichste Person, die ich je kennenlernen musste!“

Wütend funkeln sie einander über den Tisch hinweg an. Draußen begibt sich der Sturm in die nächste Runde und über ihren Köpfen erstarren die Mäuse angesichts der eisigen Verachtung, die durch die Holzdielen zu ihnen nach oben dringt.

(Es fühlt sich beinahe richtig an.)

~°~


Natürlich geht sie trotzdem zu Gythas Hochzeit. Gytha grinst sie unter ihrem monströsen – und fürchterlich geschmacklosen, wenn man Esme fragt – Schleier heraus an und Esme muss sich Mühe geben, nicht zurückzulächeln, nicht einmal ein bisschen.

~°~


(Die  Spiegel verschlucken Lily und für einen verräterischen, ebenso schmerzhaften wie zerbrechlichen Moment ist Granny Weatherwax fast erleichtert. Es gibt Türen, die sollten nicht wieder geöffnet werden.)

~°~



Jahrzehnte später, als Lily fort ist, diesmal endgültig, denkt Esme, dass Gytha Ogg vielleicht, ganz vielleicht und trotz allem einen gar nicht mal so schlechten Schwesterersatz abgibt.

Nicht, dass sie das jemals zugeben würde. Es ist nicht nötig.
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