Fate // Another Color

von Lacerta
GeschichteAbenteuer, Drama / P16 Slash
OC (Own Character)
01.05.2018
27.03.2020
23
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Fuyuki City, Japan

„Was soll das heißen, wir nehmen nicht am Gralskrieg teil?“ Haku hatte es sein ganzes Leben lang nicht gewagt, die Stimme seinem Großvater gegenüber zu erheben. Die Mischung aus Angst und Respekt, die das all die Jahre verhindert hatte, war tief genug in  ihn eingebrannt, dass er selbst in diesem Moment eher laut zu flüstern schien.
Zouken musterte ihn abschätzig aus schwarz verfärbten Augen. „Es heißt genau das. Was hast du erwartet? Du bist der letzte Magus, den unsere Familie hervorgebracht hat, und mit deinen verkümmerten Circuits ist es schon fast eine Schande, dich überhaupt einen Magier zu nennen. Schau auf deine Hände. Siehst du da irgendwo ein Command Seal?“
Haku schlug die Augen nieder und zog die Schultern hoch.
„Und was würdest du überhaupt mit dem Gral wollen, selbst wenn du ihn bekommen könntest?“ Als sein Enkel darauf nicht antwortete, lachte Zouken meckernd. „Wie ich es mir gedacht hatte.“
„Ich könnte...“
„Was könntest du?“, unterbrach ihn Zouken. „Unsere Familie wiederherstellen? Das hat dein Nichtsnutz von Vater auch versucht. Ich habe ihm extra eine Frau gesucht, die ein wunderbares Potential hatte, Kinder mit starken Magic Circuits hervorzubringen, und was passiert? Drei Totgeburten, und am Ende du. Selbst als Wurmfutter hat sie nicht viel getaugt.“ Haku schluckte. Diese Geschichte hatte er oft genug gehört, dass sie ihren Biss verloren hatte, doch angenehm war es dennoch nicht. Doch das, was Zouken als nächstes sagte, war neu. „Dein Vater hatte diese blödsinnige Idee selbst ein großer Magier zu werden, und das obwohl er nicht einen funktionierenden Circuit im Leibe hatte. Hat sich im Dachboden eine Werkstatt eingerichtet und haufenweise Kram angehäuft, Bücher, Tränke, Relikte, alles Mögliche. Hat nichts davon verstanden, konnte nichts davon vernünftig benutzen, hat es trotzdem jedes Mal angeschleppt, wie eine Elster Silberlöffel. Was für eine Verschwendung von Blut.“
„Und diese Werkstatt? Existiert sie noch?“, fragte Haku, wobei sich seine Stimme vor Aufregung beinahe überschlug.
„Was interessiert es dich?“, fragte Zouken zurück. „Willst du die Arbeit deines Vaters weiterführen und unter dem Deckmantel der Forschung nutzlos sein?“
Haku war blass, seine Lippen blutleer. „Existiert diese Werkstatt noch?“, fragte er abermals. Sein Großvater knurrte leise. „Ja, es gibt sie noch.“ Er zog einen Schlüssel hervor und warf ihn Haku zu, der ihn gerade noch fangen konnte, bevor er ihm gegen die Stirn klatschen konnte. „Geh ruhig da oben spielen, wenn du unbedingt willst. Wenn ich Glück habe findest du ja irgendetwas, dass dich umbringt.“
Haku hielt den Schlüssel so fest in der Hand, dass sich die Kanten in sein Fleisch bohrten und nickte einfach. „Danke.“ Er floh geradezu aus dem Zimmer, fort vom meckernden Lachen seines Großvaters und seinen schwarzen Augen.
Die Werkstatt war direkt unter dem Dach und erfüllt von hellem Nachmittagslicht. Die Luft war warm und abgestanden, und Haku musste wegen dem vielen Staub unwillkürlich niesen. Die Regale und Kommoden waren alle niedrig, um sich an die Neigung der Dachschrägen anzupassen, und vollgestopft mit Büchern und Behältnissen aus Karton, Holz und Glas. Langsam verstand Haku, was Zouken gemeint hatte. Er sah sich um, seufzte und krempelte seine Ärmel hoch. Irgendwo musste er wohl anfangen.
Tage später kniete er auf dem abgewetzten Holzboden, umgeben von Stapeln alter Bücher, und blätterte in einem ledergebundenen Folianten. Viele der Texte konnte er gar nicht erst lesen, da sie entweder in fremden Sprachen geschrieben oder auf geheimnisvolle Art und Weise kodiert waren. Die komplexen Diagramme und Zeichnungen sagten ihm nichts, und mit jeder unverständlichen Seite die er umblätterte, spürte er seinen Frust wachsen. Haku klappte das Buch mit mehr Schwung zu als nötig und stand auf, wobei seine Knie hörbar knackten.
Das brachte alles nichts. Wenn er so weitermachte, trieb ihn das höchstens in den Wahnsinn, ohne das er seinem Ziel auch nur einen Deut näher gekommen war. Er verengte die Augen zu schmalen Schlitzen und betrachtete die Regale und Kommoden. Sein Vater hatte kein magisches Talent gehabt, wenn Zouken in der Hinsicht die Wahrheit gesagt hatte, und trotzdem hatte er diese Dinge gesammelt. In der Hoffnung sie später benutzen zu können? Oder hatte er es seinem Kind hinterlassen wollen…?
Haku schluckte und schob den Gedanken an seine Eltern hastig beiseite. Egal welche von den beiden Möglichkeiten die Wahrscheinlichere war, es bestand die Chance, dass er hier etwas fand, dass er auch mit seinen praktisch nichtexistenten Fähigkeiten benutzen konnte.
Aber was soll ich dann damit?
Wieder ein Gedanke, den er wegschieben musste.
Nicht wichtig. Konzentrier dich auf das, was gerade wichtig ist. Finde etwas, dass dir helfen kann. Großvater wird es nämlich sicher nicht tun.
Das ist vielleicht deine einzige Chance.

Mit seinem neuen Ziel vor Augen machte sich Haku auf die Suche, die Zähne tief in seiner Unterlippe vergraben.

Sein dunkelblaues Haar war grau bepudert von all dem Staub den er aufgewirbelt hatte, und er hatte sich bereits zwei Splitter aus den Fingern ziehen müssen. Die Werkstatt sah aus wie ein Schlachtfeld. In seiner verzweifelten Suche hatte er praktisch alles aus den Regalen gezerrt, kurz untersucht und dann entweder auf den Boden oder einen der Tische gelegt, sodass es jetzt entschieden schwieriger war, sich überhaupt in dem Raum zu bewegen, ohne auf Bücher oder Papiere zu treten. „Komm schon, es muss hier doch etwas geben… Irgendetwas…“, murmelte Haku, während er die Türen des nächsten Schrankes öffnete. „Bitte, gib mir nur etwas, mit dem ich etwas anfangen kann…“
Anscheinend hatte die namenlose, höhere Macht die er mit seinen leisen Stoßgebeten angerufen hatte, endlich Mitleid mit ihm: hinter einer weiteren Reihe Bücher ertastete er kühles Metall. Es war ein rechteckiger, stumpfgrauer Kasten, und Haku war erstaunt von seinem Gewicht; er musste aus Blei sein, so schwer wie er war. Haku hob die Schatulle vorsichtig aus dem Schrank und stellte sie auf dem Boden ab.
Er klappte sie auf, und sein Herz begann spontan schneller zu schlagen. Vor ihm lag ein schlanker Flakon auf einem Bett aus Watte, verschlossen von einem versiegelten Korken. Haku hob das Fläschchen hoch und drehte es fasziniert im Gegenlicht hin und her. Die Flüssigkeit schwappte gegen die gläsernen Wände ihres Behältnisses. Obwohl sie klar war wie Wasser konnte Haku in ihrem Inneren flüchtige, regenbogenartige Schimmer erkennen, wie eine Ölspur auf einer Pfütze.
Er legte den Flakon auf seinen Schoß und griff nach dem zusammengefalteten Stück Papier, das unter der Flasche gelegen hatte. Haku strich es glatt und sandte ein weiteres Stoßgebet gen Himmel, dass es nicht auch auf Latein, Sumerisch oder Altägyptisch verfasst war. Zum zweiten Mal an diesem Tag hatte er Glück, was wahrscheinlich ein neuer Rekord war.
Der Zettel war eine Art Beschreibung und Gebrauchsanweisung des Trankes, und je mehr er las, desto röter färbten sich Hakus Wangen. Er hatte dieses Mal wirklich den Jackpot geknackt. „Mixtur zur Öffnung geschwächter magischer Kreisläufe“, las er halblaut. „Sowie zur Reaktivierung vorhandener, ausgebrannter Kreisläufe. Lösung zur oralen Einnahme. Nicht geeignet für Schwangere, Menschen mit Herzproblemen oder Hormonstörungen. Anwendung auf eigene Gefahr. Da die Mixtur körpereigene Reserven zur Aktivierung nutzt, bis zu vierundzwanzig Stunden nach Einnahme keine fordernden Zauber wirken, um die Gefahr eines erneuten Ausbrennens zu vermindern.“
Er ließ den Zettel sinken und betrachtete die Flasche. Ein verschlungenes, über die Jahrzehnte etwas abgeblättertes P war in das weiße Wachs des Siegels  geprägt.
Wenn der Gral mich nicht von sich aus erwählt, dann werde ich eben dazu zwingen.
Haku stand auf, den Flakon immer noch in den Händen.

Er fand Zouken im Wohnzimmer, dessen große Fenster den Garten überblickten. Sein Großvater sah nicht von seiner Zeitung auf, als er ihn hereinkommen hörte; erst als sich Haku direkt vor seinem Sessel aufbaute, hob er den Kopf. „Und, hast du etwas Nützliches gefunden unter all dem Gerümpel?“
„Ich denke schon.“ Haku spürte, wie sich Zoukens Blick geradezu in seine Seele bohrte. Unwillkürlich packte er das Fläschchen fester, hielt sich daran fest.
„Schön, schön. Und jetzt? Was ist dein Plan?“ Zouken grinste, offensichtlich amüsiert von Hakus Auftritt.
„Ich brauche einen Katalysator“, sagte Haku.
„Ach?“ Skeptisch runzelte Zouken die Stirn. „Und was soll das bringen?“
„Ich werde einen Servant beschwören.“ Haku faltete die Hände vor dem Körper. „Oder es zumindest versuchen“, fügte er leise hinzu.
„Aha. Und dafür soll ich dir einen Katalysator besorgen? Für einen Versuch, der von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist?“
„Lass es mich wenigstens versuchen“, bat Haku. „Ich bin mir sicher, dass ich es schaffen kann. Ich brauche nur eine Chance.“
Zouken sah ihn scharf an, und zum ersten Mal seit Jahren wich sein Enkel seinem Blick nicht aus, auch wenn es ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Es war still in dem dämmrigen Zimmer, abgesehen vom gleichmäßigen Ticken der Uhr. „Komm morgen wieder“, sagte Zouken schließlich. „Dann habe ich einen Katalysator für dich. Es wird wahrscheinlich eine absolute Verschwendung sein, aber was solls. Dann kann ich mich wenigstens an deinem Scheitern erfreuen. Und jetzt verschwinde.“
Das musste er Haku nicht zweimal sagen. Er drehte sich auf dem Absatz um und lief aus dem Wohnzimmer, die Treppe hinauf und in sein eigenes Zimmer, wo er sich auf den Stuhl am Schreibtisch fallen ließ. Den Flakon so fest gegen seine Brust gepresst, dass es schmerzte, atmete er tief ein und aus, versuchte sein rasendes Herz zu beruhigen. „Ich kann das, ich kann das, ich werde ein Master, ich werde…“
Wieder und wieder sagte er sich diese Worte vor, ein regelrechtes Mantra, bis er sein Blut nicht mehr in den Ohren rauschen hörte. Seufzend legte er das Fläschchen auf seinen Schreibtisch. Aus dem Augenwinkel sah er sich selbst im Spiegel und bemerkte den grauen Staubschleier auf seinem Haar und seiner Haut.
Die letzten Tage hatte er praktisch nur in der Werkstatt verbracht, war von der Schule jeden Tag sofort in sie zurückgekehrt; nicht einmal geschlafen hatte er in seinem eigenen Zimmer. Eine Dusche und eine Nacht in einem richtigen Bett klangen nach einer guten Idee. Doch selbst als das heiße Wasser auf ihn niederprasselte, waren seine Gedanken immer noch bei dem Flakon auf seinem Tisch.

Am nächsten Morgen fand er einen kleinen Korb auf dem Sims im Wohnzimmer, ausgeschlagen mit hellblauem Papier. Ein Geschenkkorb, dachte Haku nicht ohne leise Ironie. Auf einem Samtkissen in der Mitte lag ein Stück Holz, etwa so groß wie seine Hand, an den Rändern gesplittert und altersdunkel.
„Ein Stück der Tafelrunde.“
Erschrocken drehte sich Haku um. Er hatte nicht mitbekommen, dass Zouken auf einmal hinter ihm stand.
Sein Großvater sah an ihm vorbei zum Korb. „Als Katalysator ist es mit mehreren Heroic Spirits verbunden, König Arthur, Tristan, Gallahad, Bedivere, Mordred oder sogar…“ Sein Mundwinkel zuckte; Haku war sich nicht sicher ob aus Amüsement oder aus Ekel. „…Lancelot“, schloss Zouken. „Der Gral wird, falls er sich erbarmt ein Würstchen wie dich überhaupt als Master zuzulassen, dir denjenigen Ritter zur Verfügung stellen, der am besten zu dir passt. Also los-“ Er verpasste Haku mit seinem Gehstock einen unsanften Schlag gegen die Waden. „-beschwör dir deinen Ritter in strahlender Rüstung.“
Haku griff nach dem Korb. „Danke für den Katalysator“, sagte er leise. Zouken brummte nur und verschwand im angrenzenden Zimmer.
Offenbar hatte er nicht vor, seinem Enkel bei seinem Beschwörungsversuch zuzusehen, ein Umstand, mit dem Haku durchaus leben konnte.

Haku räumte die Werkstatt auf so gut er konnte und schob alles, was ihm später im Weg sein konnte, an die Wand. Nachdem er so eine freie Fläche in der Mitte des Raumes geschaffen hatte, kniete er sich hin und schlug eines der Bücher auf, das sich bei seiner ersten Sichtung des Bestandes als interessant erwiesen hatte. Er studierte konzentriert das Bild des Beschwörungskreises und die Anmerkungen und Hinweise die dazugehörten. Im Grunde schien es nicht allzu kompliziert zu sein. Auf ein echtes Problem stieß er erst, als er die Hinweise für das Ziehen des Kreises las.
„Um das Potential des Zirkels zu aktivieren, muss ein Medium genutzt werden, welches in hohem Maße magisch leitfähig ist. Empfohlen werden Blut, sowohl menschliches als auch tierisches, Quecksilber oder andere, mit Magie geladene Flüssigkeiten.“
Sein Blick blieb an dem Wort „Blut“ hängen. „Oh, verdammt“, flüsterte er. „Das wird unangenehm.“ Er rieb sich über die Arme. Unangenehm oder nicht, ihm blieb nicht wirklich eine Wahl.
Haku holte sich ein scharfes Messer aus der Küche und den Erste-Hilfe-Kasten aus dem Badezimmer, kniff die Augen so fest er konnte zusammen, und zog die Klinge über seinen linken Unterarm. Rote Tropfen quollen aus dem Schnitt und Haku biss sich auf die Zunge, um nicht vor Schmerzen aufzuschreiben. Das war eine Befriedigung, die er seinem Großvater nicht gönnen würde. Stattdessen tauchte er seinen zitternden rechten Zeigefinger in das Blut und begann die mühevolle Aufgabe, den Beschwörungskreis auf die hellen Dielen zu malen. Noch zweimal musste er das Messer ansetzen, bis er genug zusammen hatte, und als er endlich fertig war, war sein linker Arm bedeckt von einer Schicht aus geronnenem Blut, die seine Haut jucken ließ. Haku säuberte und verband die Schnitte und betrachtete dann sein Werk.
Die Linien des Kreises waren nicht an allen Stellen gleich dick, und auch die Farbe variierte von blassrot zu fast schwarz, je nachdem wie viel Blut noch an seiner Fingerspitze geklebt hatte, doch er hatte es geschafft. Zumindest diesen Teil.
Er stellte das Körbchen mit dem Holzstück in die Mitte des Zirkels und zog dann den Flakon aus seiner Tasche. Blieb ihm nur noch zu hoffen, dass es auch wirklich funktionierte, und er nicht nur hundert Jahre altes Parfüm trank. Haku brach das Siegel und zog den Korken aus der Flasche. Sofort breitete sich ein vage chemischer Geruch im Raum aus. In Erwartung eines widerlichen Geschmacks hielt Haku die Luft an, setzte den Flakon an seine Lippen und kippte die Flüssigkeit in einem einzigen Schuck hinunter. Sie schmeckte nach nichts bestimmten, lediglich leicht bitter, und Haku wusste nicht, ob das bedeutete, dass sie vielleicht schon gar nicht mehr wirkte.
Das war der letzte bewusste Gedanke, der ihm kam, bevor die Tinktur geradezu in seinem Magen explodierte. Hitze breitete sich in seinem Körper aus, schoss von seinem Herzen ausgehend durch die Adern in seine Gliedmaßen, steckte alle seine Zellen in Brand. Haku schrie auf, seine Knie gaben nach und er stürzte zu Boden, unfähig sich vorher abzufangen. Er schlug hart auf dem Holz auf, und die Erschütterung sandte eine neue Welle des Schmerzes durch ihn.
Seine Wirbelsäule war ein Eiszapfen in seinem Rücken, seine Nerven sirrten wie angeschlagene Harfenseiten. Seit seiner Geburt ungenutzte Circuits öffneten sich, ruckartig und gewaltsam. Magische Energie wälzte sich durch sie wie eine Sturmflut. Es fühlte sich an, als würde ihm jemand das Mark aus den Knochen saugen, so sehr schmerzte es.
Vor seinen Augen tanzten schwarze Flecken, und Haku streckte verzweifelt die Hand aus, tastete nach etwas, er wusste selbst nicht nach was, in der Hoffnung, dass die Schmerzen endlich verschwänden. Dabei berührte er versehentlich die äußerste Linie des Beschwörungskreises.
Die Magie, die in seinem Körper Amok lief, war froh, endlich einen Ausgang gefunden zu haben und strömte bereitwillig in den blutigen Kreis. Latente, seit Jahrhunderten in dem Stück der Tafelrunde schlummernde Magie erwachte und reagierte mit ihm; ein Silberbogen spannte sich zwischen dem Holz und Hakus Herz.
Die Welt ihm ihn herum zerriss wie feuchtes Seidenpapier und klappte an den Seiten weg, reines Weiß füllte sein Sichtfeld, und für eine Weile verschwand alles andere.
Der Duft war das Erste, das Haku registrierte, als er wieder zu sich kam. Blumenduft, so stark, dass er schon beinahe unangenehm war. Seine Lider waren schwer wie Blei, sie zu heben kam einem heroischen Akt gleich.
Über ihm erstreckte sich nur der Himmel, blassblau und mit weißen Wolken betupft. Verwirrt setzte sich Haku auf, wobei jeder Muskel in seinem Körper protestierte und ächzte. Er saß in einem Blumenfeld, das sich endlos in alle Richtungen zu erstrecken schien. Die Blütenblätter und das Gras waren weich wie Samt an seiner geschundenen Haut. Zu seiner Rechten konnte er einen silbernen Turm erkennen, der sich hoch in den Himmel bohrte, gekrönt von einer goldenen Spitze.
„Wo zur Hölle bin ich…?“, fragte er halblaut, während er sich aufrappelte und langsam in Richtung Turm ging. Es war das einzige Gebäude, dass er inmitten all dieser Blumen sehen konnte.
Die Luft war warm und frisch, dennoch schmerzte jeder Atemzug tief in seiner Lunge, als hätte er eine schlimme Bronchitis.
Egal, entschied Haku. Ich muss zu diesem dummen Turm…
Wie lange er für diesen Weg brauchte, hätte er im Nachhinein nicht sagen können; die Welt verschwamm ab und an vor seinen Augen, sodass er die Orientierung verlor und kurz pausieren musste, um seinen Kurs zu korrigieren, und auch insgesamt war sein Tempo nicht gerade beeindruckend. „Einfach einen Fuß vor den anderen setzen, einfach weitergehen…“, murmelte Haku. Er konzentrierte sich so sehr darauf, dass er den Turm erst bemerkte, als er schon beinahe dagegen stieß.
Die Mauer des Turmes wirkte so glatt, als wäre sie nicht aus Steinen zusammengesetzt, sondern aus einem Stück gegossen worden. Weit über ihm konnte Haku eine Reihe Fenster erkennen und darüber ein offenes, von Säulen umgebenes Stockwerk. Eine warme Flüssigkeit lief aus seinem Auge über seine Wange, und er griff sich verwundert ins Gesicht. Eine Träne? Aber wieso sollte er jetzt weinen…? Doch als er seine Hand zurückzog, waren seine Fingerspitzen leuchtend rot.
„Oh.“ Dieser leise Laut der Überraschung war alles, was ihm dazu einfiel. Die Fähigkeit, sich über irgendetwas Sorgen zu machen, war wohl mit einem der roten Tropfen aus ihm herausgelaufen. Er drehte sich um und sah die blutige Spur, die er auf den hellen Blüten hinterlassen hatte.
Die Blumen raschelten leise, und dann, als wäre er selbst aus dem Boden gewachsen, stand ein junger Mann neben Haku. Erschrocken machte er einen Schritt zurück. Seine Knie gaben nach, nicht glücklich mit dieser plötzlichen Bewegung, und er landete unsanft in einer blühenden Staude.
Er wollte sich das Blut aus den Augen wischen, verschmierte es aber nur. Der junge Mann kam näher und legte fragend den Kopf schief. Langes, weißes Haar fiel über seine Schultern fast bis zu seinen Knöcheln. Er ging vor Haku in die Hocke, schien ihn etwas zu fragen; zumindest konnte Haku sehen, dass sich seine Lippen bewegten.
„Tut mir Leid, aber ich verstehe dich nicht“, sagte er, und fragte sich im selben Moment, ob sein Gegenüber dasselbe Problem hatte wie er. Die Antwort war anscheinend ja, denn der junge Mann runzelte die Stirn und streckte die Hand nach ihm aus. Schmerzen zuckten durch Hakus Arm, seine Schulter hinauf und bis in seinen Kopf, doch er hob trotzdem die Hand um ihm entgegen zu kommen. Der junge Mann wurde unscharf, kam wieder in seinen Fokus und verschwamm erneut; Kälte kroch durch Hakus Körper, und ihm wurde übel.
Die Hände des jungen Mannes waren warm, und er umschloss Hakus zitternde Finger sanft mit ihnen. Haku blinzelte durch den Blutschleier, der sich über seine Augen gelegt hatte, und sah den Himmel über ihnen aufreißen.
Grelles, weißes Licht strömte durch den Riss, und ertränkte alles andere, löschte den Turm und das Blumenfeld aus und verschluckte schließlich auch Haku und seinen Gefährten.

Merlin blinzelte. Es dauerte einen Augenblick, bis er registrierte, dass er nicht mehr im Garten von Avalon saß, sondern auf einem zerkratzten Holzboden. Vorsichtig, von der Angst erfüllt, dass es sich nur um eine Illusion handelte, sah er sich um. Ein leises Wimmern erregte seine Aufmerksamkeit. Der Junge, der auf einmal in Avalon aufgetaucht war, lag vor ihm. Seine Haut war leichenblass an den Stellen, wo sie nicht mit getrocknetem Blut verkrustet war, seine Augen halb geschlossen und blank wie Glasmurmeln.
Merlin schnalzte mit der Zunge. „Armes Ding… Lebst du noch?“
Er packte ihn behutsam an den Schultern und stützte den Oberkörper des Jungen an seinem Schoß ab. Zum Glück atmete der Junge noch, doch es war flach und erzeugte ein hässliches Rasseln tief in seiner Brust. Merlins Hände leuchteten blassgrün auf, als er seine Magie in sie strömen ließ.
Der Zustand des Jungen gefiel ihm überhaupt nicht. Sein Herz flatterte, er hatte mehr Blut verloren als gut für ihn sein konnte, und jeder einzelne seiner Circuits war ausgebrannt und trocken. Das machte Merlin am meisten Sorgen; bevor er sich nicht darum gekümmert hatte, war jeder Versuch, seinen Körper zu heilen, zum Scheitern verurteilt. „Tja, da kann man wohl nichts machen. Verzweifelte Zeiten…“
Er beugte sich hinunter und presste seine Lippen sacht auf die des Jungen, schmeckte Blut und das saure Aroma verbrauchter Magie. Mana flutete in die ausgedörrten Circuits, schockte ihn geradezu ins Leben zurück. Der Junge schrie auf und öffnete mit einem Ruck seine Augen. „Na, na, nicht so hastig.“ Merlin tippte ihm mit dem Zeigefinger gegen die Stirn, versetzte ihn zurück in seine Bewusstlosigkeit. Das war im Moment sicherer für ihn, außerdem wollte er möglichst verhindern, dass er Schmerzen hatte, während er sich um ihn kümmerte. Merlin ließ seine Knöchel knacken. Er hatte schon lange keine Heilmagie mehr benutzt; hoffentlich konnte er es noch.

Dieses Mal war Hakus Erwachen nicht so abrupt wie beim letzten Mal; es glich eher einem Auftauchen aus tiefem Wasser. Er hörte jemanden leise summen, eine Melodie die immer deutlicher zu hören war, je näher er der Oberfläche seines Bewusstseins kam. Haku schlug die Augen auf und war erleichtert, als er die Decke der Werkstatt sah, und keinen fremden Himmel.
Vorsichtig stützte er sich auf die Ellenbogen. Immer noch fühlte sich alles in ihm wund und überstrapaziert an, wie bei einem bösen Muskelkater, aber es war kein Vergleich zum letzten Mal.  Er sah sich um und entdeckte den jungen Mann aus dem Blumenfeld auf dem Fenstersims. Offenbar hatte er noch nicht bemerkt, dass er wach war; er saß mit dem Rücken zu ihm und betrachtete den Garten. Auf seiner weißen Robe waren einige dunkelrote Spritzer zu sehen.
„Ähm…?“ Verlegen räusperte sich Haku.
„Oh!“ Der junge Mann sprang auf, eilte durch den Raum und kniete sich neben ihn. „Wie geht es dir? Alles in Ordnung? Keine Schmerzen mehr?“
„N-Nein“, stotterte Haku, etwas überwältigt von der Flut an Fragen.
„Was nein? Nein, nicht alles in Ordnung?“
„Nein, ich habe keine Schmerzen mehr“, stellte er klar und versuchte aufzustehen, doch der junge Mann drückte ihn sacht zurück auf den Boden.
„Bleib lieber erstmal liegen. Ich habe dir eine ordentliche Portion Mana transferiert, aber dein Körper braucht noch Zeit um es zu verarbeiten.“ Er lächelte Haku an, der unsicher zurück lächelte.
„Bist du… Bist du mein Servant?“, fragte Haku schließlich.
Konnte es sein? Hatte er es tatsächlich geschafft?
Fragend legte der junge Mann den Kopf schief. „Servant?“
„Ja. Für den Krieg um den heiligen Gral…?“
Hakus Hoffnung erlosch so schnell wie sie aufgekommen war, doch die Augen des jungen Mannes leuchteten auf und er griff nach Hakus Händen. „Doch, genau der bin ich! Deswegen bin ich hier. Ich bin dein Servant, und du hast mich beschworen… Master“, fügte er hinzu.
„Tatsächlich? Ich habe es tatsächlich geschafft?“
Sein Servant kicherte. „Offensichtlich, sonst wäre ich nicht hier. Verrätst du mir deinen Namen, Master?“
„Haku. Haku Matou. Und du bist? Nichts gegen dich, aber ich hatte einen Ritter der Tafelrunde erwartet…“
Der Servant drehte sich um und betrachtete das Stück Holz, dass immer noch in der Mitte des Beschwörungskreises lag. „So war das also… Interessant. Nein, ein Ritter bin ich nicht, aber ich denke, ich kann dir dennoch nützlich sein. Ich bin ein Caster, und du dürftest mich unter dem Namen Merlin kennen.“
Haku nickte und blickte auf seine Hände. „Ich habe trotzdem kein Command Seal…“, sagte er.
„Hm.“ Merlin legte sich einen Finger an die Lippen. „Ich denke, es braucht einfach noch ein bisschen Zeit, bis es sich zeigt. Du bekommst schon noch eines, Master. Und bis dahin…“
Er stand auf und zog seinen Master mit auf die Füße. „Wie wäre es, wenn du mir ein bisschen die moderne Welt zeigst? Es war verdammt langweilig in Avalon.“
Haku, der immer noch reichlich wacklig auf den Beinen war und sich vorsichtshalber an den Caster lehnte, sah ihn fragend an. „Avalon? Ich dachte, alle Heroic Spirits kämen vom Thron der Helden.“
Merlin winkte ab, als wäre das ein unwichtiges Detail. „Thron der Helden, Avalon, ist doch im Grunde alles dieselbe Grütze. Auf jeden Fall war es dort sehr öde. Eure Welt ist viel spannender!“
Sein Enthusiasmus war ansteckend, und Haku ließ sich bereitwillig mitziehen. Ihm kam ein Gedanke. „Caster?“
„Ja?“
„Bevor ich dir unsere Welt zeige… Würde ich dir gerne jemanden vorstellen.“
Merlin zuckte mit den Schultern. „Gerne, Master.“
Haku lächelte. Sein Großvater würde Augen machen.
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