Fate // Another Color

von Lacerta
GeschichteAbenteuer, Drama / P16 Slash
OC (Own Character)
01.05.2018
31.08.2019
18
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Jerpoint Abbey, Irland

Dichter Nebel lag über der Ebene, bei jedem Atemzug schien kühler Wasserdampf die Lungen zu füllen. Das Licht war eigentümlich diffus und grünlich, durch die dichte Wolkenschicht und den Nebel selbst gefiltert. Odhran stoppte abrupt und verengte die Augen, versuchte sich zu orientieren. Sein plötzlicher Stopp sorgte dafür, dass der Novize, der seine Ausrüstung schleppte, prompt in ihn hineinrannte. Der Priester sah verärgert über seine Schulter. „Pass gefälligst auf“, fauchte er. „Wenn irgendetwas darin zu Bruch geht“ Er deutete auf die bauchige Ledertasche, die der Novize an seine Brust gedrückt hielt. „Führe ich dir höchstpersönlich vor, was ich in meinen Anatomielektionen gelernt habe.“
„Es tut mir Leid, Hochwürden“, sagte der Novize, der beinahe so blass war wie eine Nebelschwade.
„Das sollte es auch“, brummte Odhran. „Jetzt komm weiter, wir haben nicht ewig Zeit.“ Seine Eile erwies sich als unnötig: keine zwei Wegminuten später begannen sich die Umrisse ihres Zieles aus dem allgegenwärtigen Weiß zu schälen. Die Abtei war nur noch eine Ruine, dennoch atmete der graue, moosüberwucherte Stein immer noch etwas von der Erhabenheit und Seelenruhe, die ihre Erbauer hatten einfangen wollen.
Odhran neigte respektvoll den Kopf, bevor er durch das halbzerstörte Portal schritt. Der Kreuzgang mit seinen Rundbögen war immer noch überraschend gut erhalten und führte sie in die ehemalige Kapelle des Klosters. Modrig riechendes Halbdunkel umfing sie, nur gebrochen von dem Licht, das durch das einzige Fenster fiel. Staubkörnchen tanzten in den vagen Lichtstrahlen, als der Novize, so vorsichtig er konnte, die Tasche auf dem Boden abstellte. Einen Altar gab es nicht mehr, nur noch den brüchigen Steinboden und die uralten Wände. Odhran ließ sich ein Knie sinken und strich mit den Fingerspitzen über eine der Platten. Auf seinem rechten Handrücken leuchtete das Command Seal blutrot wie ein Stigma.
„Ja, hier ist ein guter Ort.“ Er richtete sich auf und strich sein schwarzes Gewand glatt. „Hier sammeln sich mehrere Leylines. Vielleicht hatten die Mönche hier früher einen Magier unter sich, der das Potential erkannt hat. Wie auch immer, für unsere Zwecke ist es perfekt. Welcher Ort wäre passender, einen heiligen Geist zu beschwören, als eine Kapelle?“ Bisher hatte er eher mit dem Raum geredet, doch nun wandte er sich direkt an den Novizen. „Das ist die erste Beschwörung, die du siehst, korrekt?“
„Ja, Hochwürden.“
„Nun, dann hast du Glück.“ Odhran ließ die Verschlüsse der Tasche aufschnappen und förderte eine bauchige Flasche zutage, die er vorher aus mehreren Schichten Watte und Luftpolsterfolie wickeln musste. Quecksilber schwappte hinter dem dicken Glas von einer Seite zur anderen, als er die Flasche prüfend in der Hand wog. „Scheint heil angekommen zu sein.“
Der Novize seufzte erleichtert. „Tatsächlich ist das benötigte Ritual ziemlich simpel wenn man bedenkt, was, oder besser gesagt wen man dabei ruft“, sagte Odhran und entkorkte die Flasche. Er kippte sie seitlich, und das flüssige Metall lief in einem langen, hell glänzenden Strahl zu Boden.
„Die eigentliche Beschwörung wird im Grunde vom Gral übernommen, der Master selbst gibt praktisch nur Starthilfe.“
Der Novize nickte, fasziniert von dem was er hörte. Odhran war im ganzen Orden für seine scharfe Zunge bekannt, und der Novize hatte den bissigen Sarkasmus des Priesters schon einige Male selbst zu spüren bekommen, aber das änderte nichts daran, dass er gut erklären konnte, wenn er in der Stimmung dazu war. In die Quecksilberpfütze kam Bewegung: ihre glatte Oberfläche kräuselte sich, floss an den Kanten der Steinplatten entlang und formte schließlich den Beschwörungskreis.
Odhran bückte sich und zog einen zweiten, dick in eine Bahn Rohseide eingepackten Gegenstand aus der Tasche. Er schlug den Stoff auseinander. Das silberne Reliquiar schimmerte matt im Zwielicht der Kapelle.
„Der Katalysator“, erklärte er. „Damit können wir sicherstellen, dass wir einen bestimmten Heroic Spirit vom Thron der Helden herbeirufen.“ Behutsam legte er die Reliquie neben den Kreis. Ein Schauer lief seinen Rücken hinunter, und er atmete tief ein und aus. „Gleich geschafft“, sagte er, eher zu sich selbst als zu dem Novizen.
„Tritt einen Schritt zurück.“ Die Quecksilberlinien begannen silbern aufzuleuchten und das unhörbare Summen der erwachenden Magie bescherte ihnen Gänsehaut.
Odhran streckte die rechte Hand aus, die grünen Augen funkelnd vor Aufregung und Entschlossenheit. „Auf einer Basis aus Silber und Knochen sei dir der Weg geebnet, auf das mein Ruf durch das Gewebe der Zeit dringt…“


Florenz, Italien

Die Sonne war im Untergehen begriffen: der Salon des Palazzos war von einem düsteren Hochofenglühen erfüllt. Weder Rossa noch ihr Gast hatten sich die Mühe gemacht, eine der Lampen einzuschalten; noch genügte ihnen die natürliche Beleuchtung. Sie saßen an einem Tischchen, dessen Platte aus kunstvoll einander gefügten Keramikscherben bestand. Genau in der Mitte des Mosaiks stand eine hölzerne Schatulle. Rossas Blick huschte immer wieder zu ihr, während sie mit dem Professor sprach.
„Ich hoffe, dir ist klar, worauf du dich da einlässt.“
Der Professor lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte seine Schülerin nachdenklich. Ihr dunkles Haar schimmerte kupferrot im Abendlicht, und ihr Gesicht war ernst und gefasst. „Das ist mir sehr wohl bewusst“, sagte Rossa. „Und ich habe vor, diese Chance nach meinen besten Möglichkeiten zu nutzen.“ Sie rieb unwillkürlich über ihren rechten Handrücken.
Der Professor hob die Augenbrauen. „Deine Chance? Deine Chance, den heiligen Gral zu gewinnen?“
„Die Chance meine Familie, endlich den Platz unter den großen Familien einzunehmen, der ihr seit langem zusteht.“
„Ah. Die Stregallos sollen also die vierte große Familie werden?“
Seine Schülerin schnaubte mit einer Verachtung, die aus dem Wissen um ihre eigenen Fähigkeiten und dem Stolz auf ihre Blutlinie geboren war. „Nein, es wird auch in Zukunft nur drei große Familien geben. Es wird Zeit, dass die Matous ihre Position aufgeben.“
„Wieso sollten sie?“ Dem Professor war deutlich anzumerken, dass ihm seine Unterhaltung mit Rossa großes Vergnügen bereitete.
Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn und antwortete ohne zu zögern: „Sie sind eine Schande für die ganze Zunft der Magi. Ihr Blut ist dünn wie Wasser und ihre Ahnenreihe bis ins Mark verdorben. Ihre Nachkommen haben praktisch kein magisches Talent mehr, sie sind nichts als ein toter Ast am Baum der magischen Familien. Und tote Äste muss man absägen, bevor sie dem gesamten Baum die Kraft aussaugen können. Die Tohsakas und die Einzberns haben unter Beweis gestellt, dass sie ihrer Positionen immer noch würdig sind, doch die Zeit gekommen, dass wortwörtlich frisches Blut in die obersten Ränge aufsteigt.“ Sie hatte sich in Hitze geredet, auf ihren Wangen leuchteten rote Flecken.
Der Professor ließ sich ihre Worte durch den Kopf gehen und nickte dann. „Sehr gut, ein wahrlich flammender Vortrag. Ich denke, du wirst dich im Gralskrieg ausgezeichnet schlagen. Und um sicher zu stellen, dass du deine Fähigkeiten bestmöglich nutzen kannst, habe ich bei der Magierassoziation einen ganz speziellen Katalysator für dich angefordert.“ Er wies mit einer Kopfbewegung auf das Kästchen, das zwischen ihnen stand. „Dieses Relikt dürfte dir einen Servant bescheren, der deinen Ansprüchen voll und ganz genügt.“
Rossa streckte eine Hand nach der Schatulle aus. Kurz bevor ihre Fingerspitzen den geschnitzten Deckel berührten, zögerte sie und sah zum Professor. „Darf ich?“
„Natürlich.“
Sie stellte sich das Kästchen auf den Schoß. Die Scharniere quietschten kaum hörbar, und ein muffiger Geruch stieg aus der offenen Schatulle auf. Mehrere Pergamentfetzen lagen in ihr, verfärbt und stockfleckig vom Alter, die Schrift auf ihnen fast bis zur Unkenntlichkeit verblasst. Ein Kribbeln erfasste ihre Fingerspitzen. Rossa sah auf. „Vielen Dank. Ich werde alles tun, um ihren Erwartungen gerecht zu werden.“
Der Professor schüttelt den Kopf. „Konzentriere dich lieber darauf, diesen Krieg zu überleben und zu gewinnen… In dieser Reihenfolge“, fügte er hinzu und sah sie ernst an.
„Natürlich.“ Sie klappe das Kästchen zu. In dem stillen Salon klang das Klacken von Holz auf Holz sehr laut und seltsam endgültig. Das war anscheinend das Signal für den Professor sich zu verabschieden: er erhob sich und nickte ihr zu. „Ich wünsche dir alles Glück der Welt für diesen Krieg, und denk daran, dass du mich jederzeit kontaktieren kannst.“
„Das werde ich. Und ich danke ihnen für alles, was Sie für mich getan haben. Ich werde Sie nicht enttäuschen.“
„Du warst die beste Schülerin die ich je hatte. Du kannst mich gar nicht enttäuschen.“
Mit diesen Worten schloss er die Tür hinter sich, und Rossa blieb allein im Salon zurück, gedankenverloren die Schatulle auf ihrem Schoß streichelnd, bis der letzte Rest Abendlicht erloschen war.

Der Raum, der ihrer Familie seit Generationen als Labor, Bibliothek und Beschwörungsraum diente, befand sich hinter einer versiegelten Tür im Weinkeller, halb verborgen von einem Flaschenregal. Rossa schob das auf Schienen befestigte Regal zur Seite und bückte sich dann, um das goldene Amulett mit dem Familienwappen darauf zu lösen, dass sie an ihrem Fußkettchen trug. Das Siegel sah aus wie ordinäres rotes Wachs, aber wenn ein Unbefugter versuchte es zu lösen oder die Tür zu öffnen, verpasste es demjenigen einen magischen Schlag.
Rossa drückte ihr Amulett in das Wachs, und die Tür schwang lautlos auf. Sie schnippte mit den Fingern und die von der Decke baumelnden Öllampen flammten auf. Das Zimmer war langgestreckt, aber schmal, und vollgestellt mit Schränken, Regalen, Tischen und allerlei Gerätschaften. Permanente, in Wände, Decke und Boden eingelassene Zauber hielten die Feuchtigkeit fern und die Luft frisch. Rossa hatte den Behälter mit ihrem Katalysator eng an die Brust gepresst, ihr Herz hämmerte gegen die Rippen.
Die aufgeregte Röte zeichnete immer noch ihre Wangen. Im hinteren Bereich des Raumes gab es eine enge Mauernische: ihr Großvater hatte dort einen permanenten Beschwörungskreis in den Marmorboden graviert, in der Hoffnung, dass der heilige Gral entweder ihn oder einen seinen Nachfahren als Master erwählte. Rossa lächelte bei dem Gedanken daran. Es war ein Jammer, dass sie ihn nie hatte kennenlernen können. Ein Tisch voller Mörser, Gläser voller Kräuter und Flaschen mit bunten Essenzen blockierte die Nische, und ihn wegzuschieben kostete Rossa mehrere Minuten und einige Ausdrücke, die ihr in der Öffentlichkeit niemals über die Lippen gekommen wären.
Nachdem sie das Hindernis beseitigt hatte, stellte sie die Schatulle auf den Mauersims über dem Beschwörungskreis und kniete nieder, um mit den Fingerkuppen bedächtig die in den Stein geritzten Linien nachzuziehen. Magie knisterte in der Luft, und sie hatte den Geschmack von Zimt auf der Zunge.
Rossa richtete sich auf. „Im mondlosen Raum, umflochten von den formlosen Schatten der Wurzel, werde ich dir den Weg zeigen…“
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