Fate // Another Color

von Lacerta
GeschichteAbenteuer, Drama / P16 Slash
OC (Own Character)
01.05.2018
27.03.2020
23
74333
5
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Dieses Kapitel
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WICHTIG:

Diese Version der Geschichte ist eine überarbeitete und editierte Version, in der mehrere Fehler korrigiert, die Reihenfolge einiger Kapitel geändert, einige miteinander kombiniert und Szenen hinzugefügt worden.
Größtenteils ist die Geschichte jedoch immer noch diesselbe.

Die neu eingefügten Szenen in der Story sind in folgenden Kapiteln zu finden:

Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 14

Kapitel 16 ist das erste komplett neue Kapitel.

So, ich hoffe euch gefällt die überarbeitete Version, und über Feedback würde ich mich wie immer freuen!


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Jerpoint Abbey, Irland

Dichter Nebel lag über der Ebene, das Licht war eigentümlich diffus und grünlich, gefiltert durch die dicke Wolkenschicht. Bei jedem Atemzug schien kühler Wasserdampf die Lungen zu füllen. Odhran stoppte abrupt und verengte die Augen, versuchte sich zu orientieren. Sein plötzlicher Stopp sorgte dafür, dass der Novize, der seine Ausrüstung schleppte, prompt in ihn hineinrannte. Der Priester sah verärgert über seine Schulter. „Pass gefälligst auf“, fauchte er. „Wenn irgendetwas da drin kaputt geht, führe ich dir höchstpersönlich vor, was ich in meinen Anatomielektionen gelernt habe.“ Er deutete auf die bauchige Ledertasche, die der Novize an seine Brust gedrückt hielt.
„Es tut mir Leid, Hochwürden“, sagte der Novize, der beinahe so blass war wie die Nebelschwaden.
„Das sollte es auch“, sagte Odhran. „Jetzt komm weiter, wir haben nicht ewig Zeit.“
Seine Eile erwies sich als unnötig: keine zwei Wegminuten später begannen sich die Umrisse ihres Zieles aus dem allgegenwärtigen Weiß zu schälen. Die Abtei war nur noch eine Ruine, dennoch atmete der graue, moosüberwucherte Stein immer noch etwas von der Erhabenheit und Seelenruhe, die ihre Erbauer hatten einfangen wollen.
Odhran neigte respektvoll den Kopf, bevor er durch das halbzerstörte Portal schritt. Der Kreuzgang mit seinen Rundbögen war immer noch überraschend gut erhalten und führte sie in die ehemalige Kapelle des Klosters. Modrig riechendes Halbdunkel umfing sie, nur gebrochen von dem Licht, das durch das einzige Fenster fiel. Staubkörnchen tanzten in den Lichtstrahlen, als der Novize, so vorsichtig er konnte, die Tasche auf dem Boden abstellte. Einen Altar gab es nicht mehr, nur noch den brüchigen Steinboden und die uralten Wände. Odhran ließ sich ein Knie sinken und strich mit den Fingerspitzen über eine der Platten. Auf seinem rechten Handrücken leuchtete das Command Seal blutrot wie ein Stigma.
„Ja, hier ist ein guter Ort.“ Er richtete sich auf und strich sein schwarzes Gewand glatt. „Hier sammeln sich mehrere Leylines. Vielleicht hatten die Mönche hier früher einen Magier unter sich, der das Potential erkannt hat. Wie auch immer, für unsere Zwecke ist es perfekt. Welcher Ort wäre passender, einen heiligen Spirit zu beschwören, als eine Kapelle?“ Bisher hatte er eher mit dem Raum geredet, doch nun wandte er sich direkt an den Novizen. „Das ist die erste Beschwörung, die du siehst, korrekt?“
„Ja, Hochwürden.“
„Nun, dann hast du Glück.“ Odhran ließ die Verschlüsse der Tasche aufschnappen und förderte eine bauchige Flasche zutage, die er vorher aus mehreren Schichten Watte und Luftpolsterfolie wickeln musste. Quecksilber schwappte hinter dem dicken Glas von einer Seite zur anderen, als er die Flasche prüfend in der Hand wog. „Scheint heil angekommen zu sein.“
Der Novize seufzte erleichtert.
„Tatsächlich ist das benötigte Ritual ziemlich simpel, wenn man bedenkt was oder besser wen, man damit ruft“, sagte Odhran und entkorkte die Flasche. Er kippte sie seitlich, und das flüssige Metall lief in einem langen, glänzenden Strahl zu Boden.
„Die eigentliche Beschwörung wird im Grunde vom Gral übernommen, der Master selbst gibt praktisch nur Starthilfe.“
Der Novize nickte, fasziniert von dem, was er hörte. Odhran war außerhalb seiner Predigten normalerweise eher still, aber wenn er ins Erklären kam, war es angenehm ihm zuzuhören.
In die Quecksilberpfütze kam Bewegung: ihre glatte Oberfläche kräuselte sich, floss an den Kanten der Steinplatte entlang und formte schließlich den Beschwörungskreis.
Odhran bückte sich und zog einen zweiten, dick in eine Bahn Rohseide eingepackten Gegenstand aus der Tasche. Er schlug den Stoff auseinander. Das silberne Reliquiar schimmerte matt im Zwielicht der Kapelle.
„Der Katalysator“, erklärte er. „Damit können wir sicherstellen, dass wir einen bestimmten Heroic Spirit vom Thron der Helden herbeirufen.“ Behutsam legte er die Reliquie neben den Kreis. Ein Schauer lief seinen Rücken hinunter, und er atmete tief ein und aus. „Gleich geschafft“, sagte er, eher zu sich selbst als zu dem Novizen. „Tritt einen Schritt zurück.“
Die Quecksilberlinien begannen aufzuleuchten, und das unhörbare Summen der erwachenden Magie bescherte ihnen Gänsehaut.
Odhran streckte die rechte Hand aus, die grünen Augen funkelnd vor Aufregung und Entschlossenheit. „Auf einer Basis aus Silber und Knochen sei dir der Weg geebnet, auf das mein Ruf durch das Gewebe der Zeit dringt…“


Florenz, Italien

Die Sonne war im Untergehen begriffen; der Salon des Palazzos war von einem düsteren Hochofenglühen erfüllt. Weder Rossa noch ihr Gast hatten sich die Mühe gemacht, eine der Lampen einzuschalten; noch genügte ihnen die natürliche Beleuchtung. Sie saßen an einem runden Tischchen: genau in der Mitte stand eine hölzerne Schatulle. Rossas Blick huschte immer wieder zu ihr, während sie mit dem Professor sprach.
Gerade sagte er: „Ich hoffe, dir ist klar, worauf du dich da eingelassen hast.“
Der Professor lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte seine Schülerin nachdenklich. Ihr dunkles Haar schimmerte kupferrot im Abendlicht, und ihr Gesicht war ernst und gefasst.
„Das ist mir sehr wohl bewusst“, sagte Rossa. „Und ich habe vor, diese Chance nach meinen besten Möglichkeiten zu nutzen.“ Sie rieb unwillkürlich über ihren rechten Handrücken.
Der Professor hob eine Augenbraue. „Ja, deine Chance… Deine Chance, den heiligen Gral zu bekommen. Hast du dir schon überlegt, was du mit ihm machst? Wenn du ihn dann bekommen hast?“
Rossa nickte. „Ich will meiner Familie endlich den Platz sichern, der ihr schon so lange zusteht.“
„Ah. Die Stregallos sollen also die vierte große Familie werden?“
Seine Schülerin schnaubte verächtlich. „Ich bezweifle, dass es noch lange Zeit vier Familien sein werden. Die Matous werden ihre Position schon bald abgeben müssen.“
Ihr Professor schmunzelte. „Und wieso sollten sie?“
Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn und antwortete: „Sie sitzen schon eine ganze Weile auf dem absteigenden Ast. Ihr Blut ist dünn wie Wasser, und bald werden sie überhaupt keine magiebegabten Abkömmlinge mehr haben. So eine Familie wird auf Dauer nicht in der Lage sein, ihren Status zu halten. Sie sind schon lange nicht mehr auf einer Ebene mit den Einzberns und den Tohsakas.“
Ihre Wangen hatten sich gerötet und ihre Augen glänzten.
Der Professor ließ sich ihre Worte durch den Kopf gehen und nickte dann. „Sehr gut. Ich denke, du wirst dich im Gralskrieg ausgezeichnet schlagen. Und um sicher zu stellen, dass du deine Fähigkeiten bestmöglich nutzen kannst, habe ich bei der Magierassoziation einen ganz speziellen Katalysator für dich angefordert.“ Er wies mit einer Kopfbewegung auf das Kästchen. „Dieses Relikt dürfte dir einen Servant liefern, der deinen Ansprüchen voll und ganz genügt.“
Rossa streckte eine Hand nach der Schatulle aus. Kurz bevor ihre Fingerspitzen den Deckel berührten, zögerte sie und sah zum Professor. „Darf ich??“
„Natürlich.“
Sie stellte sich das Kästchen auf den Schoß. Die Scharniere quietschten leise, und ein muffiger Geruch stieg aus der offenen Schatulle auf. Mehrere Pergamentfetzen lagen in ihr, verfärbt und stockfleckig vom Alter, die Schrift auf ihnen fast bis zur Unkenntlichkeit verblasst. Ein Kribbeln erfasste ihre Fingerspitzen. Rossa sah auf. „Vielen Dank. Ich werde alles tun, um ihren Erwartungen gerecht zu werden.“
Der Professor schüttelte den Kopf. „Konzentriere dich lieber darauf, diesen Krieg zu überleben und zu gewinnen… In dieser Reihenfolge“, fügte er hinzu und sah sie prüfend an.
„Natürlich.“ Sie klappte das Kästchen zu. In dem stillen Salon klang das Klacken von Holz auf Holz sehr laut. Das war anscheinend das Signal für den Professor sich zu verabschieden. Er erhob sich und nickte ihr zu. „Ich wünsche dir alles Glück der Welt für diesen Krieg, und denke daran, dass du mich jederzeit kontaktieren kannst.“
„Das werde ich. Und ich danke ihnen für alles, was Sie für mich getan haben. Ich werde Sie nicht enttäuschen.“
„Du warst die beste Schülerin, die ich je hatte. Du kannst mich gar nicht enttäuschen.“
Mit diesen Worten schloss er die Tür hinter sich, und Rossa blieb allein im Salon zurück, gedankenverloren die Schatulle auf ihrem Schoß streichelnd, bis der letzte Rest Abendlicht erloschen war.

Der Raum, der ihrer Familie seit Generationen als Labor, Bibliothek und Beschwörungsraum diente, befand sich hinter einer versiegelten Tür im Weinkeller, halb verborgen von einem Flaschenregal. Rossa schob das auf Schienen befestigte Regal zur Seite und bückte sich dann, um das goldene Amulett mit dem Familienwappen zu lösen, dass sie an ihrem Fußkettchen trug. Das Siegel sah aus wie ordinäres rotes Wachs, aber wenn ein Unbefugter versuchte es zu lösen oder die Tür zu öffnen, verpasste es demjenigen einen heftigen magischen Schlag.
Rossa drückte ihr Amulett in das Wachs, und die Tür schwang lautlos auf. Sie schnippte mit den Fingern und die von der Decke baumelnden Öllampen flammten auf. Das Zimmer war langgestreckt, aber schmal, und vollgestellt mit Schränken, Regalen, Tischen und allerlei Gerätschaften. Permanente, in Wände, Decke und Boden eingelassene Zauber hielten die Feuchtigkeit fern und die Luft frisch. Rossa hatte den Behälter mit ihrem Katalysator eng an die Brust gepresst, ihr Herz hämmerte gegen die Rippen.
Die aufgeregte Röte zeichnete immer noch ihre Wangen. Im hinteren Bereich des Raumes gab es eine Mauernische: ihre Großmutter hatte dort einen permanenten Beschwörungskreis in den Marmorboden graviert, in der Hoffnung, dass der heilige Gral entweder sie oder einen ihrer Nachfahren als Master erwählte. Rossa lächelte bei dem Gedanken daran. Es war ein Jammer, dass sie sie nie hatte kennenlernen können. Ein Tisch voller Mörser, Gläser voller Kräuter und Flaschen mit bunten Essenzen blockierte die Nische, und ihn wegzuschieben kostete Rossa mehrere Minuten und einige Ausdrücke, die ihr in der Öffentlichkeit niemals über die Lippen gekommen wären.
Nachdem sie das Hindernis beseitigt hatte, stellte sie die Schatulle auf den Mauersims über dem Beschwörungskreis und kniete nieder, um mit den Fingerkuppen bedächtig die in den Stein geritzten Linien nachzuziehen. Magie knisterte in der Luft, und sie hatte den Geschmack von Zimt auf der Zunge.
Rossa richtete sich auf. „Im mondlosen Raum, umflochten von den formlosen Schatten der Wurzel, werde ich dir den Weg zeigen…“


 Fuyuki City, Japan

Momoki kniete  auf dem lehmigen Boden am Ufer des Sees, einen fast zwei Quadratmeter großen Bogen aus dickem Papier vor sich ausgebreitet. Der Vollmond tauchte alles in ein silbriges, trügerisches Licht, doch es war hell genug, dass er erkennen konnte, was er tat. Seine Finger waren bis zu den Knöcheln schwarz verfärbt von Tusche, selbst sein Command Seal hatte einige Flecken abbekommen.
Er hoffte nur, dass es der Wirksamkeit des Beschwörungskreises keinen Abbruch tat, dass zwischen den präzise gezeichneten Symbolen und Insignien einige kleinere Kleckse prangten. Momoki stand auf und wischte sich die Hände an der Jeans ab, was dunkle Flecken auf dem Stoff hinterließ.
„So, das wäre schon mal geschafft. Jetzt die Daumen drücken, dass ich es nicht in den Sand setze…“


New York City, USA

Es stank nach Blut und Ozon in dem niedrigen Zimmer. Blitze zuckten am Rand des Kreises entlang, schossen hinauf zur Decke und von dort zurück zum Boden. Die magische Energie knisterte und knackte in der verbrauchten Luft. Computermonitore flackerten und erloschen im Einklang mit der Magie des Beschwörungskreises, sodass der Raum endgültig im Dunkeln versank.
Weder das Rascheln von Stoff noch das Geräusch seines Atmens verriet die Anwesenheit des Servants, sondern eher die Veränderung der Atmosphäre; die Gegenwart eines Körpers, der einen Herzschlag zuvor noch nicht da gewesen war.

Er blieb still. Kein Muskel zuckte, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten und er die Konturen des Menschen erkennen konnte, der vor dem Kreis stand.
Der Mensch, der ihn in diese Welt gerufen hatte.
Master. Wieso sagt er denn nichts? Soll ich…?
Einen Augenblick später räusperte er sich.  „Master?“
Wie auf Kommando erwachten die Monitore hinter ihnen wieder zum Leben.
„Genau der bin ich, Assassin.“
Ihre Blicke trafen sich. Sein Master hatte sehr helle, beinahe durchsichtig wirkende Augen ohne erkennbare Pupillen. Langes, silbergraues Haar fiel ihm über die Schultern, nachlässig im Nacken zusammengefasst.
Mein Master.
Assassin lächelte vorsichtig.

Blue musterte seinen Servant im Gegenzug ebenso gründlich. Er kannte die Geschichte seines Servants und hatte sich seinen Katalysator bewusst ausgesucht. Deswegen fiel es ihm schwer zu begreifen, wieso Assassin sich ihm in Gestalt eines zehnjährigen Kindes präsentierte. Assassin hatte die Hände vor dem Körper gefaltet, was das nervöse Zucken seiner Finger nicht vollständig verbergen konnte. Er trug eine kurze weiße Tunika mit einem breiten Ledergürtel, an dem mehrere Messerscheiden hingen. Seine Haar war kurz und schwarz, seine Augen purpurn.
„Gefällt es dir?“ Blue deutete auf den Beschwörungskreis, der immer noch feucht und rot glänzte. „In Anbetracht deiner Geschichte dachte ich, dass dir ein Kreis aus Menschenblut doch gefallen müsste.“
Assassins Lächeln erlosch, und er riss die Augen auf. „Was?“
Endlich kam Bewegung in ihn. Er machte einen Schritt auf ihn zu, die Hände flehend erhoben. „Aber wieso, ich habe doch nicht-“
„Jemanden umgebracht?“, fragte Blue, die Arme vor der Brust verschränkt. „Und wozu sind die dann da?“ Er sah zu der beeindruckenden Kollektion an Messern und Dolchen an Assassins Hüfte und blickte ihn dann direkt an. „Bestimmt nicht zum Äpfel schälen.“
Assassin jaulte auf, als hätte er ihn geschlagen, und fiel auf die Knie. „Ich… Ich wollte nie jemandem wehtun.“ Er schlang sich die Arme um den Oberkörper. „Ich musste es tun, Master, ich MUSSTE!“
Seine schmalen Schultern bebten.  „Ich wollte ihnen helfen… Ich musste sie retten… Alle von ihnen…“
Blue beobachtete das Schauspiel ungerührt. Er ließ seinem Servant einen Moment um sein Elend hinaus zu schreien und schob dann seine eigene Enttäuschung zugunsten seines üblichen Pragmatismus beiseite. Er streckte die Hand aus. Haarfeine, bläulich schimmernde Fäden flossen aus seinen Fingerspitzen, bündelten sich zu einem dickeren Strang und wanden sich um die Oberarme seines Servants. Wie eine Marionette in den Händen eines gedankenlosen Spielers wurde Assassin auf die Füße befördert. Die Fäden lösten sich auf, sobald er in einer aufrechten Position war, und Blue packte seinen Servant an den Schultern. Assassin sah mit feuchten, angsterfüllten Augen zu ihm auf.
Widerwillen regte sich in Blue, doch er atmete tief durch und schluckte ihn herunter. So sehr es ihn auch anwiderte wie erbärmlich sich Assassin benahm, ihm blieb nichts anderes übrig, als das Beste aus dieser Situation zu machen. Dieses verstörte Kind war sein Schlüssel zum heiligen Gral. Deswegen verfiel Blue nun in den sanften, schmeichelnden Tonfall, den er manchen Klienten gegenüber gern anschlug, vorzugsweise jenen die nicht begriffen, dass Seide durchaus Stahl kaschieren konnte. „Assassin, komm wieder zu dir, ja? Es ist alles in Ordnung, ich habe es nicht so gemeint.“
Der Servant wagte es nicht, sich aus seinem Griff zu lösen und starrte ihn einfach nur an. „Wirklich?“, hakte er nach.
„Wirklich“, versicherte ihm Blue. „Und du musst jetzt genau zuhören. Kannst du das?“
„Ja.“
„Wunderbar. Der Krieg um den heiligen Gral steht bald bevor, und wir werden ihn gewinnen, hörst du? Und wenn wir ihn in den Händen halten, dann kannst du dir deinen größten Wunsch erfüllen lassen. Du kannst in Ordnung bringen, was in deiner Zeit, in allen Zeiten, schief gelaufen ist. Aber dafür musst du mir vertrauen und auf mich hören, verstehst du?“
Assassin nickte eifrig. „Das kann ich, Master, versprochen.“
„Sehr gut.“ Blue löste seinen Griff und wollte sich seinen Monitoren zuwenden; ein sachtes Zupfen an seinem Ärmel hielt auf.
„Was ist?“ Wortlos zeigte sein Servant auf den Beschwörungskreis. „Ach das. Keine Sorge, ich habe niemandem umgebracht.“
Er trat ohne viel Schwung gegen einen nahe stehenden Mülleimer, der umkippte und mehrere blutig verschmierte Plastikbeutel auf dem Boden verstreute. „Ich habe schon wesentlich obskurere Sachen bei meinen Lieferanten bestellt, nicht zuletzt den Katalysator mit dem ich dich beschworen habe. Da waren ein Paar Beutel A positiv auch kein Problem.“
Zögernd ließ Assassin seinen Ärmel los. „Ich verstehe.“
„Dessen war ich mir sicher. Du bist schließlich ein schlaues Ding, nicht wahr?“ Blue setzte sich in seinen Bürostuhl. Der Schreibtisch vor ihm war geformt wie ein eckiges U; jede Seite war fünf Meter lang, und jeder Winkel war vollgestellt mit Computern, Notebooks und geheimnisvollen Apparaten, manche technisch, manche magisch.
Assassin war ein stiller Schatten hinter seinem Stuhl, der neugierig die leuchtenden Monitore betrachtete. Blue holte eine Liste auf den zentralen Bildschirm. Es war eine Aufzählung sämtlicher Servants, gespickt mit Querverweisen  und Hinweisen in verschiedenen Farben. „Bisher habe ich Informationen über fast alle anderen Master sammeln können. Seinen Feind zu kennen, ist der erste Schritt zum Sieg“, erklärte er Assassin. „Pass jetzt gut auf, das ist sehr wichtig.“ Er klickte auf den ersten Eintrag. „Odhran Cleary, zweiunddreißig, Spross einer eher unbedeutenden Familie die sich hauptsächlich mit Alchemie und Heilkunde beschäftigt, seit Generationen eng mit der Kirche verbunden. Er selbst ist auch Priester. Ich konnte herausfinden, dass er sich eine Reliquie aus Deutschland hat liefern lassen, aber mehr war nicht rauszukriegen, den Rest haben die Einzberns abgeblockt. Wo wir schon dabei sind, die Einzberns als eine der drei großen Familien mischen natürlich auch mit, aber sie schirmen sich dermaßen ab, sowohl magisch als auch elektronisch gesehen, dass ich kaum etwas herausbekommen konnte. Darum werden wir uns kümmern müssen, wenn der Krieg wirklich losgeht.“ Er warf einen Blick über seine Schulter.
Assassins Augen waren aufmerksam auf den Monitor gerichtet, und er nickte. „Ja, Master.“
„Sehr gut. Weiter. Wir hätte da noch Rossa Stregallo, zweiundzwanzig. Ihre Familie ist einer der wichtigeren Clans in Italien, aber im Großen und Ganzen nicht weiter beachtlich, auch wenn sie in den letzten Jahrzehnten expandiert haben. Matriarchalisch organisiert, als älteste Frau der Hauptlinie ist sie gerade das Oberhaupt des Clans. Ich habe mir ihre Schulakten und Berichte aus der magischen Akademie besorgt, in der sie gelernt hat, und sie war wohl immer eine der Besten wenn nicht die Beste ihre Jahrgangs. Auf sie werden wir achten müssen, ich traue solchen Hexen nicht über den Weg. Ansonsten wäre da noch Momoki Suzuki, dreiundzwanzig, Kunststudent in Fuyuki. Seine Familie ist wohl nur latent magisch, er ist der Erste seit Generationen der etwas mehr Power hat. Allerdings hat er nie eine richtige magische Ausbildung erhalten und ist damit keine Gefahr für uns. Die Tohsakas haben bisher erfolgreich geheim gehalten wer ihr Master ist, doch wenn ich raten müsste würde ich auf Rei Tohsaka tippen, das aktuelle Familienoberhaupt. Die Matous sind anscheinend endgültig degeneriert, sie können dieses Mal keinen Master stellen. Abgesehen vom Familienoberhaupt, Zouken Matou, gibt es nur ein Familienmitglied, und er scheint sich nicht qualifiziert zu haben. Egal, wir müssen uns nicht mit solchem Abfall herumärgern.“
Er öffnete eine andere Datei. „Kommen wir jetzt zum interessanten Part.“ Sein Lächeln glich eher einem Zähnefletschen. „Zu den Servants.“

Jerpoint Abbey, Irland

Der Novize hatte unwillkürlich seine Augen mit den Händen vor dem grellen Licht abgeschirmt, sodass nur Odhran sah, wie sich der Servant vor ihnen materialisierte. Die Nachbilder flimmerten auf seinen Netzhäuten, und er musste ein paar Mal blinzeln, bevor er ihn klar erkennen konnte.
Der Servant war ein junger Mann, ein gutes Stück größer als Odhran, schlaksig und sehnig. Rotbraunes Haar fiel ihm in die Stirn und beschatte müde aussehende Augen. Seine Kleidung war schlicht und in Grün- und Grautönen gehalten. Er trug einen verzierten Köcher mit einem guten Dutzend Pfeilen darin, aber keinen Bogen. Leder knarrte, als er sein Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte und die Arme hinter dem Kopf verschränkte. „Hallo“, sagte er.
Odhran straffte sich. „Archer, ich bin-“
„Mein Master? Hätte ich ja gar nicht erwartet.“ Archer grinste, und Odhran stieg das Blut in die Wangen.
„Ich hätte von einem Heiligen ein respektvolleres Benehmen erwartet“, sagte er.
Das reichte, um Archer das Grinsen von den Lippen zu wischen, stattdessen runzelte er nun die Stirn. „Falls du mich nur beschworen hast, weil ich einen hübschen Titel habe, dann hast du einen Fehler gemacht. Ich hab nicht wirklich Lust auf diesen Krieg. Viel zu anstrengend“, sagte Archer leichthin.
Odhran spürte den angespannten Blick des Novizen auf sich. Er wusste, dass sein Servant gerade seine Autorität testete, aber das war ein Spielchen, auf das er sich nicht einlassen würde. Er hob die rechte Hand, präsentierte ihm seine Command Spells. „Das ist Blödsinn, Sebastian“, sagte er, den richtigen Namen seines Servants benutzend. „Wenn der Ruf des Grals dich erreicht hat, dann musst du auch einen Wunsch an ihn haben. Was dieser Wunsch genau ist, ist mir egal, aber ich kann dir eine Partnerschaft zu unserem beiderseitigen Zweck anbieten.“ Er hielt ihm die Hand hin, wobei er den Blickkontakt nicht einen Moment lang unterbrach.
Etwas Undefinierbares regte sich in Sebastians gelblichen Augen, und er ließ seine Arme sinken. „Gut gesprochen, Master.“ Der spöttische Unterton war aus seiner Stimme verschwunden, und er schüttelte Odhrans Hand. „Dann lass mal hören, was du zu dieser Partnerschaft beitragen kannst.“

Florenz, Italien

Die Öllampen, flackerten, erloschen und erwachten dann zischend und doppelt so hell leuchtend wieder zum Leben. Ein nach alten Büchern und Zimt riechender Wind wehte durch das Labor und ließ die Papiere rascheln und flattern. Rossa stolperte zurück, überwältigt von der schieren Wucht der neuen Präsenz. „Guten Tag!“, begrüßte sie ihr Servant überschwänglich. Er hatte eine angenehme, tiefe Stimme und trug einen weiten roten Umhang, der an Saum und Ärmeln mit goldenen Stickereien versehen war. Er verbeugte sich, schwungvoll und elegant gleichzeitig.
„Dante Aligheri mein Name, ein Servant der Caster-Klasse. Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.“
Ringe glitzerten an jedem seiner Finger, die Edelsteine warfen winzige Splitter aus gebrochenem Licht auf den Boden.
Rossa, die sich inzwischen gefangen hatte, lächelte zurück. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Caster. Ich bin Rossa Stregallo, dein Master.“
Ihr Herz pochte, halb vor Aufregung, halb vor Freude. Dante hatte die Hände in die Hüften gestützt und sah sich um.
Schließlich nickte er. „Mir gefällt, was ich sehe, Maestra. Ich denke, wir werden wunderbar zusammen arbeiten.“

Fuyuki City, Japan

Das magische Leuchten des Beschwörungszirkels tauchte die Umgebung für einen Augenblick in flackerndes Licht, ließ eigenartige Schatten über das Gras und die glatte Oberfläche des Sees tanzen. Momoki fiel vor Überraschung und Schreck prompt auf den Hintern und beobachtete mit vor Erstaunen offen stehendem Mund, wie die ersterbenden Blitze die Gestalt des Servants enthüllten. Sofort sprang Momoki auf und riss die Arme hoch, die Augen glänzend vor Freude. „Ich hab’s geschafft! Ich hab’s wirklich geschafft! Ich hab…!“
Der Servant beobachtete den Freudentanz seines Masters mit skeptisch hochgezogenen Augenbrauen.
„Beschworen von einem unreifen Kind“, murmelte er und schüttelte den Kopf. „Wunderbar.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. Ein langer Mantel wallte von seinen Schultern bis hinunter zu seinen Knöcheln, an der rechten Schulter von einer goldenen Brosche geschlossen. Ein einzelner Saphir funkelte im Mondlicht. „Junge, jetzt beruhige dich!“, rief der Servant im Befehlston.
Sofort hörte Momoki mit seinem Gezappel auf. „Entschuldige, ich war nur etwas… Aufgeregt.“ Verlegen rieb er sich den Nacken.
„Das habe ich gesehen“, bemerkte der Servant trocken. „Nenne mir deinen Namen“, verlangte er.
„Äh… Momoki, Momoki Suzuki.“
„Gut.“
„Und du?“, fragte Momoki. Sein Servant überragte ihn ein gutes Stück; sein langes, dunkles Haar war  von blonden Strähnen durchzogen, und seine Haut hatte die Farbe polierter Bronze. Verärgert runzelte er die Stirn. „Du weißt nicht, wer ich bin?“
„Tut mir Leid! Ich habe meinen Katalysator zugeschickt bekommen, ohne eine Information wem genau er zugeordnet ist. Und aus einem rissigen Stück Leder konnte ich nicht wirklich Rückschlüsse ziehen!“
„Wie nachlässig von denen, die dir mein Artefakt haben zukommen lassen. Ich bin ein Rider, und mein Name, Junge, ist An-Nasir Salah ad-Din Yusuf ibn Ayyub!“
„An-Nasr Sal…“ Momoki versuchte den Namen zu wiederholen, stolperte aber schon bei den ersten Silben.
Rider breitete die Arme aus. Goldene Reife umspannten seine Handgelenke. „Die Jugend von heute“, sagte er, doch es klang nicht wirklich verärgert.  „Du kannst mich Saladin nennen, Junge. Das dürfte dir etwas leichter über die Zunge gehen. Und jetzt würde ich mich gerne an einen etwas gemütlicheren Ort begeben.“ Er trat aus dem Kreis und ging mit schnellen, ausgreifenden Schritten Richtung Waldrand.
Momoki lief ihm hinterher, nachdem er schnell den Rest seiner Ausrüstung zusammen gesammelt hatte.
Als Saladin ihn hinter sich wusste, sah er über seine Schulter. „Während wir unterwegs sind, kannst du mir schon einmal deinen Plan für den Krieg erklären, Junge. Und ich hoffe, er ist gut. Ich habe nämlich vor zu gewinnen.“
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