Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Der letzte Augenblick

von Pru
OneshotDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Brianna Mo Resa Roxane Staubfinger
30.04.2018
30.04.2018
1
2.288
2
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
 
30.04.2018 2.288
 
Die untergehende Sonne ließ den Himmel in ein gelboranges Meer versinken, das durchzogen war mit roten und purpurnen Linien. Die Dunkelheit der Nacht streckte ihre Finger aus und bedeckte die Erde mit einem fröstelnden Schleier. Staubfinger liebte diesen Moment, wenn ein heißer Sommertag langsam zu Ende ging und die Kälte der Nacht zu spüren war. Seine kleine Tochter Brianna mochte diese Momente nicht. Sie liebte die Wärme, sie liebte die Sonne und sie liebte diesen vierten Sommer, der in ihr Leben gezogen war. Mehr als noch alles andere liebte sie ihren Vater, und sie liebte es, wie er mit dem Feuer umgehen konnte. Brianna schmiegte sich an ihn. Wie fast jeden Abend, seit er von seinem Treffen mit dem Schwarzen Prinzen zurückgekehrt war, saßen sie unter der knorrigen Eiche im Garten. Roxane, seine Frau, diejenige, die für immer sein Herz in ihren Händen halten würde, war in seiner Abwesenheit mit der kleinen Brianna in einen kleinen Hof bestehend aus einem Haus, einem Garten und einer kleiner Vorratsscheune gezogen. Die knorrige Eiche würde im Winter gutes Feuerholz geben. Würde er, Staubfinger, dieses Holz hacken oder musste Roxane selbst für den Winter vorsorgen? Er wusste es nicht. Er konnte nicht sagen, wann ihn die Flammen wieder hinausrufen würden. Er hoffte nur, dass es noch nicht bald sein würde. Roxane brauchte seine Hilfe, jetzt mehr den je, denn sie würde bald ihr zweites Kind auf die Welt bringen. Staubfinger hoffte auf einen Sohn. Jemandem, dem er das Handwerk eines Feuerspuckers lehren konnte. Doch Roxane war sich sicher, dass es ein zweites Mädchen werden. Hoffentlich würde sie dann genauso schön aussehen, wie ihre Mutter.

Brianna legte ihre kleine Hand auf seine.Erwartungsvoll sah sie ihn mit ihren großen Augen an. Das kleine Mädchen brauchte keine Worte, um ihren Vater zu bitten die Flammen aus seinen Fingern zu rufen. Er strich ihr liebevoll durch ihr orangenes Haar, dass seinem so ähnlich sah und küsste sie sanft auf die Haare. Langsam drehte er seine Hand, so dass Brianna seine Handinnenfläche sehen konnte.
Zärtlich flüsternd entlockte er seinen Fingerspitzen ein Flämmchen, ein kleines Flämmchen nur, das er mit seiner Stimme langsam zu einer Flamme wachsen ließ. Es tänzelte wie eine kleine Biene um seine Handfläche, unsicher wo es Nahrung finden sollte. Brianna beobachtete die Flamme, sie hatte Ehrfurcht vor dem Feuer, sie wusste, dass sie sich daran ihre kleinen Finger verbrennen konnte, doch sie hatte niemals Angst davor, nicht so wie viele andere. Die Flamme tänzelte schneller auf Staubfingers Handfläche, bis sie plötzlich stehen blieb, so als ob sie das gefunden hatte, wonach sie gesucht hatte. Das kleine Mädchen klatschte vor Freude in die Hände. Auf Staubfingers Gesicht huschte ein Lächeln. Das erste seit einer langen Zeit. Es gab schlimme Gerüchte von der Nachtburg, Spielleute, buntes Volk, Herumtreiber, aufgehängt an den silbernen Zinnen. Staubfinger versuchte all das für einen Moment zu vergessen. Hier gab es nur ihn, Brianna und die Flamme auf seiner Hand. Er schloss seine Hand zur Faust, flüsterte leise und öffnete sie wieder. Das Feuer hatte sich zu einer kleinen, orangenen Blüte verwandelt, durch deren Blütenblätter rote Feuerfäden pulsierten. Brianna sah erfreut die kleine Blume. Langsam, ganz langsam bewegte sie ihre Finger darauf zu. Sie bemerkte die Wärme, die vom Feuer ausging, doch sie zögerte nicht, und berührte mit ihrem Zeigefinger den Blütenkopf. Sofort zog sie ihren Finger zurück und steckte ihn in den Mund. Mit vorwurfsvollem Blick sah sie ihren Vater an, so als ob sie sagen wollte, dass er schuld an ihrer Neugier war. Staubfingers Worte nährten die Feuerblüte und nach und nach verlor sie ihre Blätter wie die Äpfelblüten im Sommer. Die kleinen Funken wurden vom Wind mitgenommen und verblassten sobald sie über die Grenze des Gartens hinweggeweht wurden. Das orangene Meer am Himmel versickerte langsam im dunklen Schwarz der Nacht. Brianna legte ihren Arm um ihn, so als ob sie ihn nie wieder loslassen wollte. Ja, er war viel zu lange fort gewesen, doch er musste bald wieder gehen. Das kleine Mädchen kuschelte sich vertrauensvoll an seine Brust und schloss müde die Augen.

Staubfinger hob sie hoch und ging hinüber in das steinerne Haus. Seine Tochter war in seinen Armen eingeschlafen, so wie sie es früher tat, als sie noch ein Baby war. Er strich ihr sanft über den Rücken und merkte wie sie langsam ein und ausatmete. Sie war so ruhig, so friedlich, so unschuldig. Was wusste sie schon von den dunklen Wolken, die sich über ihrer Welt zusammenbrauten? Für sie gab es nur diese Welt hier. Das Haus, den Garten, ihre Mutter, ihr Vater, und natürlich Gwin. Gwin, der Marder, war bissig wie ein wütender Drache gegenüber allen, außer gegenüber Staubfinger und Brianna. Bei ihr war er das bravste Getier, das es um Ombra herum gab. Nicht ein einziges Mal hatte er sie bisher gebissen und Staubfinger hoffte, dass es auch so bleiben würde. Denn Roxane würde das elende Vieh sofort wegjagen, wenn es ihrem Kind auch nur einen kleinen Kratzer zufügen würde. Doch jetzt, bei Dämmerung, musste sie sich nicht um das Wohl ihres Kindes führten. Der Marder mochte diese Zeit ebenso gern wie Staubfinger. Seine Gründe waren andere. Er liebte es im Zwielicht zu jagen.

Staubfinger betrat das kleine Haus, das so sehr nach kalten, feuchten Steinen roch. Drei Kerzen standen auf dem Tisch in der Mitte und tauchten den Raum in ein warmes, ruhiges Licht. Die kleine Brianna auf seinem Arm blinzelte kurz, als er sie auf das Heu legte und sie mit einer grauen zerfransten Decke umhüllte. Er strich ihr die wilden, orangen Haare zur Seite und küsste sie auf die Stirn.
"Sie hat dich sehr vermisst.", flüsterte Roxane leise und stellte sich neben ihn. Staubfinger spürte ihre zarte Hand an seinem Rücken. Ach, Roxane, du weißt gar nicht wie sehr ich dich vermisst habe, dachte er bei sich, doch er sprach es nicht aus. Es würde ihren Abschied nur noch schlimmer machen, und er wusste, dass es bald wieder soweit war. Staubfinger spürte es in den Flammen, es war nur ein Wispern gewesen, als er sie an diesem Abend gerufen hatte, doch er wusste, dass ihre Stimmen lauter werden würden. Lauter und bedrohlicher, genauso wie die dunkeln Wolken, die sich bald über ihren Köpfen zusammenbrauen würden. All das war vergessen, wenn er nur Roxane betrachtete. Ihre langen, schwarzen Haare legten sich wie ein schützender Mantel um ihn, ihr Lächeln vertrieb alle bösen Geister und allein ihre Anwesenheit brachte die Fröhlichkeit in seinen Körper zurück. Wie glücklich er doch war, sie und ihre Liebe an seiner Seite zu wissen.
"Ich werde immer bei ihr sein.", flüsterte Staubfinger, "und wenn nicht, dann werde ich immer einen Weg zurück finden zu ihr..." Er sah seiner Frau direkt in ihre tiefbraunen Augen, "und auch zu dir."
Roxane lächelte. Sie strich sich mit ihren Fingern durch ihre langen, offenen, schwarzen Haare, und küsste ihn auf den Mund. Ihre weichen Lippen schmeckten wie süßer Honig an einem Sommertag.
"Verspreche es mir.", flüsterte sie leise. Staubfinger nickte. Er würde ihr alles versprechen, ja sogar sein Leben würde er für sie geben und das wusste sie.
"Ich verspreche es dir.", sagte er mit fester Stimme, "Selbst wenn ich bei den weißen Frauen bin, würde ich einen Weg zu dir zurück finden."
"Noch bist du nicht bei ihnen, und das wird auch eine Weile so bleiben.", sagte sie leise und umarmte ihn, so als ob sie Angst hätte, dass ihn die weißen Frauen mit ihren kalten Fingern mit sich nahmen. Er atmete den Duft ihrer Haare ein, süßlich-herb wie Tannen an einem regnerischen Morgen. Langsam strich er mit seiner Hand über die große Wölbung unter Roxanes Herzen.
"Das Kind wird bald kommen. Ich spüre seine Bewegungen jeden Tag. Vielleicht noch bis zum nächsten Vollmond." Sie sah ihn an, erwartungsvoll und mit voller Hoffnung. Staubfinger kannte diesen Blick. Sie wollte, dass er hier bei ihr blieb, hier bei ihrer kleinen Tochter und bei ihrem ungeborenem Kind. Innerlich wusste er, dass er sie enttäuschen musste. Irgendwann musste er gehen, nicht heute, vielleicht auch nicht morgen, vielleicht auch erst, wenn das Ungeborene seinen ersten Winter erlebt hatte. Aber eines war sicher: Sie würden ihn rufen.
"Ich kann es kaum erwarten unseren Sohn in dieser Welt willkommen zu heißen.", Staubfingers Hand blieb auf ihrem Bauch liegen. Er versuchte die Bewegungen des Ungeborenen zu fühlen, doch er spürte nichts.
"Oder unsere Tochter." Roxane legte ihre Hand auf die seine.
"Oder unsere Tochter.", wiederholte er.

Plötzlich raschelte es draußen in den Büschen und wenige Sekunden später huschte der Marder an Staubfingers Beinen vorbei. Er keckerte vergnügt. Die Jagd war erfolgreich gewesen. Kleine, weiße Hühnerfedern zierten sein Fell. An seinen langen Eckzähnen hing Blut, das der Marder rasch mit seiner Zunge verschwinden ließ. Er putzte sich mit seinen Pfoten über seine kleinen, schwarzen Hörner und wischte dann an seinem Fell entlang. Die weißen Federn fielen zu Boden. Roxane sah den Marder ermahnend an, doch dieser bemerkte ihren Blick nicht. Zufrieden und gesättigt machte er es sich in dem alten Rucksack bequem, den Staubfinger immer auf seinen Reisen mitnahm.

Staubfinger löschte die Kerzen. Er ließ eine nach der anderen immer kleiner werden bis sie nur noch kleine gelbe Punkte waren, die sich in Nichts auflösten. Einzig das Licht des Mondes und der Sterne fiel durch die Fenster herein. Roxane nahm seine Hand und führte ihn mit sich. Sie legte sich in das frische Heu, und deutete ihm an sich neben sie zu betten.
"Gute Nacht.", flüsterte sie leise, dann legte sie ihre Hand auf seine Wange und küsste ihn. Er zog sie näher an sich heran, um ihre Nähe und Wärme zu spüren. Es war schön wieder jemanden neben sich zu wissen. All die Nächte, die er draußen verbrachte hatte, war er allein gewesen. Gwin war keine gute Gesellschaft gewesen. Er verkroch sich in dem alten, schäbigen Rucksack, oder, wenn er in der Dämmerung nichts gefangen hatte, ging er erneut auf die Jagd. Diese Nacht würde er nicht auf die Jagd gehen müssen. Sein Bauch war gefüllt, was man von Staubfinger nicht sagen konnte, doch er hatte etwas viel besseres als einen vollen Magen. In seinen Armen hielt er die Liebe seines Lebens und die Mauern, die ihm umgaben, waren sein zu Hause. Hier würde er sicherlich besser in die Traumwelt hinübergleiten können, als in den dunklen Verstecken des weglosen Waldes. Seine Augenlider wurden immer schwerer, seine Atem immer langsamer und allmählich umgab ihn eine ruhige, gelassene Dunkelheit.

Staubfingers Worte wirbelten das Feuer in heißen Ringen um ihn herum. Die Bewohner von Ombra sahen ihm mit erstaunten Mündern zu. Sogar die Allerkleinsten konnten sich nicht sattsehen an seinen Flammenkünsten. Sie nannten ihn Feuertänzer und das war er auch. Er ließ die Feuerringe in die Luft aufsteigen, wo sie zu einem lodernen Ball verschmolzen und langsam wie eine kleine Sonne herunterglitt. Er flüsterte dem Feuer zu, zähmte die Flammen, zeigte ihnen den Weg. Der Feuerball teilte sich in zwei gleich große Hälften, die wie Orangen in seinen Händen lagen. Staubfinger lächelte. Jetzt war es gleich soweit. Jetzt würde er seinen Zuschauern das große Finale zeigen. Er umwarb die Flammen wie ein Verliebter seine Auserwählte. Das Feuer gehorchte, wand sich wie Schlangen um seine Arme und legte sich wie eine große Goldkette um seinen Hals. Er war der Gott des Feuers. Die Flammen züngelten an seiner Haut, wie die Finger einer Geliebten. Sie streichelten über seine Arme, seine Brust, seinen Hals. Die Menge jubelte. "Feuertänzer, Feuertänzer, Feuertänzer." Sie klatschten, schrieen vor Begeisterung, warfen ihm Geldstücke vor die Füße. Er stand triumphierend da und lächelte. Seine Augen suchten Roxane, schöne, schlaue Roxane. Sie lachte und in ihrem Gesicht konnte er sehen, dass sie sehr stolz auf ihn war. In diesem Moment spürte Staubfinger es, es war in der Luft, es war im Boden, es war im Feuer. Von einer Sekunde auf die andere löschte er die Flammen, um diesem Gefühl nach zu gehen. Die Menge um ihn herum schien es nicht zu bemerken. Sie jubelten immer noch, auch Roxane lachte vor Freude und Stolz, doch er stand da, wie eine langgezogener Eiszapfen an einem Sommertag. Die Geräusche um ihn herum wurden dumpfer, die Menschen schienen einer nach dem anderen zu verschwinden, selbst Roxane war verschwunden, und auch die hölzerne Bühne war plötzlich weg. Staubfinger fühlte sich, als ob er allein und einsam durch den weglosen Wald wandern würde, doch das hier war anders als der Weglose Wald. Es roch anders. Es fühlte sich anders an. Und vor allem... es sah anders aus.

Staubfinger öffnete langsam die Augen. Das erste, was er wahr nahm, war ein Licht. Ein helles, weißes Licht, das so ganz im Gegensatz zu den gelblichen, ruhigen Flammen stand. Er spürte das Gras unter seinen Händen. Es war anderes Gras, als er vom weglosen Wald kannte. Dieses Gras war dunkler, fester und kleiner, und es wuchs, Staubfinger sah sich um, es wuchs ungewöhnlicherweise überall. Er war also nicht im weglosen Wald. Gwin huschte ihm um die Beine und kletterte an seinem Körper hinauf auf seine Schulter. "Wo sind wir hier?", flüsterte Staubfinger zögerlich und zugleich neugierig. Sein Blick wanderte hinüber zu dem weißen, unwirklichen Licht, das hinter den Fenstern brannte und alle Dunkelheit von den umliegenden Büschen und Bäumen verjagte.

Er konnte einen Mann sehen, der ein Buch in der Hand hielt, und entgeistert auf die bunte Decke am Boden starrte. "Resa?", fragte er ungläubig und sah sich suchend. "Resa?" Er stand auf, seine Hände zitterten, seine Beine hielten ihn kaum aufrecht, in seinem Blick zeichnete sich das blanke Entsetzen. "RESA!", schrie er verzweifelt in die hellerleuchtete Nacht. "RESA!"
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast