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Gefühlschaos

von Anizo
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12
Nscho-Tschi Old Shatterhand Winnetou
30.04.2018
03.06.2018
4
10.805
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30.04.2018 3.305
 
Vorwort


Als Karl May seine Abenteuerromane schrieb, war es für ihn undenkbar, dass ein Weißer sich in ein Indianermädchen verliebt. Deshalb durfte zwar Winnetous schöne Schwester Nscho-tschi insgeheim für den besten Freund ihres Bruders schwärmen und sich sogar Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft machen, doch sein Old Shatterhand machte deutlich klar, dass eine Ehe mit einer nicht zum Christentum übergetretenen Indianerin für ihn nicht infrage kommt.
In den neuen Filmen „Winnetou - Der Mythos lebt“ nimmt Old Shatterhand die selbstbewusste Nscho-tschi - wenn auch nach einigem Zögern - zur Frau und baut sich mit ihr ein gemeinsames Leben auf. Zugegeben, nicht jeder Karl-May-Fan kann sich mit dieser so völlig vom Original verschiedenen Geschichte anfreunden.
Doch ganz sicher würde Karl May in der heutigen Zeit einer engeren Beziehung zwischen den beiden jungen Leuten etwas aufgeschlossener gegenüberstehen.

Diese Geschichte, zu der mich einige Fotos aus dem alten Streifen „Winnetou I“ inspiriert haben, beschreibt einen Tag im Leben Old Shatterhands, Winnetous und Nscho-tschis. Die darin erwähnten Ereignisse aus Winnetous und Nscho-tschis Kindheit sowie die Namen Ch’agi, Itisha, Tkhlish-Ko und Gosnih habe ich mir aus „Winnetous Testament“ von Reinhard Marheinecke und Jutta Laroche ausgeborgt.
Zudem war es für mich reizvoll, die drei jungen Leute abwechselnd zu Wort kommen zu lassen.


Scharlih

Ich schlug die Augen auf und holte ein paar Mal tief Luft. Die Freiheit fühlte sich so unglaublich gut an. Ja, ich war wieder frei und nicht nur das, wie mir einmal mehr bewusst wurde. Mein Leben hatte sich innerhalb weniger Tage so komplett verändert, dass ich mich noch immer wie in einem Traum wähnte. Einem wunderschönen Traum, aus dem ich so schnell nicht wieder erwachen wollte. Genüsslich räkelte ich mich auf den weichen Fellen, mit denen die fürsorgliche Nscho-tschi mein Zimmer im Pueblo ausgestattet hatte. Ja, ich hatte wahrhaftig einen Raum für mich allein, der mir auch als freier Mann und Gast der Apachen weiterhin zur Verfügung stand.

Als ich das erste Mal in ihm erwacht war, hatte ich mich schwach und völlig hilflos gefühlt. Der Schmerz in meinem Mund war unerträglich gewesen. So als würde ich mit tausend glühenden Nadeln gestochen werden. Meine Kehle war ausgetrocknet gewesen und bei dem Versuch zu sprechen, hatte ich nur ein unverständliches Krächzen von mir gegeben.
Seit jenem ersten Erwachen waren mehrere Wochen vergangen, aber noch immer erschien mir das alles hier so unwirklich. Auch hatte mein Leben eine erstaunliche Wendung genommen. Vom verhassten Feind von einst, dem der Marterpfahl drohte, war ich inzwischen zum Freund der Apachen geworden. Mehr noch als das. Ich war Winnetous Blutsbruder!

Doch jetzt war keine Zeit für eine besinnliche Rückschau. Ich fühlte eine Energie in mir, die mich keine Minute länger mehr in meinem Zimmer ausharren ließ. Energisch sprang ich auf, um im nächsten Moment mit einem Stöhnen wieder auf mein Lager zurückzusinken.
Jeder einzelne Muskel in meinem Körper protestierte heftig gegen derart hastige Bewegungen und mahnte mich eindringlich, es langsamer angehen zu lassen. Winnetous Lehrstunde vom Vortag steckte mir wahrhaft noch in allen Knochen. Zwar war ich körperlich schon längst wieder in sehr guter Form, aber lautloses Anschleichen, und das über Stunden hinweg, war ich ganz und gar nicht gewöhnt.

Wir hatten fast bis zum Sonnenuntergang geübt, bis mein indianischer Freund erkannt hatte, dass ich am Ende meiner Kräfte war. Mit einem entschuldigenden Lächeln hatte er nach meiner Hand gegriffen und mich auf die Füße gezogen. Für einen Moment hatte ich mich auf seiner Schulter abgestützt, bis ich sicher sein konnte, dass meine Beine mich ins Pueblo zurück tragen konnten.

„Scharlih hat heute bewiesen, dass er die Kunst des geräuschlosen Anschleichens an einen Feind in Kürze so vollständig beherrschen wird, dass ihn darin niemand mehr übertreffen kann.“
Ein Lob aus Winnetous Mund! Das war Balsam für meinen geschundenen Körper gewesen, zumal mein Blutsbruder in der Regel damit mehr als sparsam umging. Einen Tadel hatte er allerdings noch niemals ausgesprochen.

Winnetou hatte mich noch in meinen Schlafraum begleitet, wo ein Abendessen auf mich wartete, das ich mir schmecken ließ. Zweifellos hatte Nscho-tschi es für mich bereitgestellt. Ich hatte kurz überlegt, ob ich sie suchen und ihr dafür danken sollte, hatte dieses Vorhaben in Anbetracht meines schmerzenden Körpers aber auf den nächsten Morgen verschoben. Ich hatte nur noch eins im Sinn gehabt: schlafen. Ächzend hatte ich mich entkleidet und mir noch rasch Staub und Schweiß vom Körper gewaschen. Dann hatte ich mich auf den weichen Fellen ausgestreckt und war augenblicklich in einen tiefen, traumlosen Schlaf gesunken…

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Nun war es Morgen und ich fühlte mich ausgeruht, wenn auch noch nicht völlig wiederhergestellt. Doch ein Spaziergang zum Fluss hinunter und eine Runde Schwimmen in dem herrlich klaren Wasser würden die letzten Reste von Müdigkeit und Erschöpfung aus meinem Körper vertreiben. Ich griff nach meinen Sachen, ließ aber nach einigem Zögern das Hemd liegen, denn ich fühlte mit einem Male das dringende Verlangen, die kühle Morgenluft auf meiner Haut zu spüren, bevor diese wieder von der Hitze des Tages verdrängt wurde. Inzwischen hatte ich, nachdem ich durch meine schwere Verwundung fast zum Skelett abgemagert gewesen war, mein früheres Gewicht beinahe wieder erreicht und zudem an Muskeln zugelegt, sodass ich mich für mein Aussehen nicht mehr zu schämen brauchte.

Rasch trank ich daher einen Schluck Wasser und aß die Reste vom Vortag. Dann trat ich hinaus auf die Plattform und blickte auf das unter mir liegende Dorf, das noch in tiefem Schlaf zu liegen schien. Das Pueblo bildete dessen Mittelpunkt und wurde von den vornehmsten Familien des Stammes bewohnt, zu denen auch der oberste Häuptling Intschu tschuna und seine beiden Kinder Winnetou und Nscho-tschi gehörten. Sie bewohnten mehrere Räume, von denen sie mir einen bereitwillig überlassen hatten. Nscho-tschi hatte ihn liebevoll ausgestattet, noch bevor Winnetou sie darum gebeten hatte.

Während ich mir diese Tatsache einmal mehr vergegenwärtigte, ging über dem Fluss die Sonne auf und ich starrte fasziniert auf das auf mich einflutende Licht des anbrechenden Morgens. Da ich die gleißende Helligkeit nach wenigen Sekunden nicht mehr ertragen konnte, schloss ich meine Augen und genoss stattdessen die Wärme auf meiner Haut. Der leichte Wind, der aufgekommen war, liebkoste sie und ich spürte ein nie gekanntes Glück in mir, das mir die Brust zu sprengen drohte. Am liebsten hätte ich meine Arme ausgebreitet und der ganzen Welt zugerufen, wie unendlich froh ich war.

Doch ich besann mich rechtzeitig darauf, dass ein solcher Gefühlsausbruch am frühen Morgen in einem Apachendorf eher unangebracht war, und begab mich stattdessen zum Fluss hinunter.
Ich nutzte lieber die Gunst der frühen Stunde und den Umstand, dass außer mir noch niemand hier war, um ein ausgiebiges Bad zu nehmen. Das kalte Wasser umschmeichelte meine Haut und verscheuchte auch den letzten Rest von Müdigkeit aus mir.

Nachdem ich meine Hose wieder übergezogen hatte, setzte ich mich auf einen der Steine, von denen es am Flussufer mehrere gab, und überließ mich den wärmenden Sonnenstrahlen.
Ich spürte sie, noch ehe ich ihre leisen Schritte im Sand vernahm, und richtete mich rasch auf.
Ja, ich hatte mich nicht getäuscht. Sie war es tatsächlich, die da lächelnd auf mich zukam, Winnetous wunderschöne Schwester Nscho-tschi.
Schon als ich sie das erste Mal zu Gesicht bekommen hatte - damals als ich durch meine Verwundung geschwächt war und kaum die Augen offenhalten konnte - hatte mich ihr Anblick sofort verzaubert. Dabei hatten ihre großen dunklen Augen an jenem Tag alles andere als freundlich auf mir geruht. Hatte sie zu jener Zeit doch noch geglaubt, dass ich um ein Haar ihren Vater und ihren Bruder getötet hatte und deren Rettung nur den eintreffenden Kriegern der Apachen zu verdanken gewesen war.

Es hatte einige Tage gedauert, ehe ich sie vom Gegenteil überzeugen konnte und sie mich nicht mehr in einem ganz so schlechten Licht sah.
Von jenem anfänglichen Misstrauen war jedoch glücklicherweise nichts mehr zurück geblieben. Der Umstand, dass ich tatsächlich ihren Vater und ihren über alles geliebten Bruder aus den Händen der Kiowas befreit hatte, war ausschlaggebend für ihren kompletten Sinneswandel mir gegenüber gewesen. Sie umsorgte mich, las mir praktisch jeden Wunsch von den Augen ab und wurde meine Lehrerin. Die geduldigste, die ich mir nur vorstellen konnte. Auf Winnetous Bitte hin brachte sie mir die Sprache ihres Volkes bei und wurde es nicht müde, meine Aussprache zu berichtigen. So erfuhr ich fast beiläufig mehr über sie und die Mescalero-Apachen, zu denen ich mich sehr schnell hingezogen fühlte, was nicht zuletzt an ihr und Winnetou lag. Der junge Häuptlingssohn hatte schon bei unserer ersten Begegnung einen unauslöschlichen Eindruck bei mir hinterlassen.

„Scharlih ist schon aufgestanden?“, riss mich Nscho-tschi aus meinen Gedanken und ließ ihren Blick kurz auf mir ruhen. Ich musste unwillkürlich schmunzeln. Nur sie und Winnetou sprachen meinen Vornamen auf diese Weise aus. Im Gegensatz zu dem englischen Charly betonten sie ihn auf der zweiten Silbe und sprachen den ersten Laut viel weicher aus.

„Ja, ich konnte einfach nicht länger schlafen“, gestand ich ihr und fuhr mit der Hand durch mein zerzaustes Haar. „Die Herbstsonne lockte mich nach draußen.“
Meine Worte waren nicht gerade geistreich, aber noch beherrschte ich ihre Sprache nicht vollkommen und war daher froh, überhaupt einen fehlerfreien Satz formulieren zu können, der mich nicht wie der letzte Dummkopf dastehen ließ.
„Mein Bruder schläft noch“, erklärte sie mir. „Die Ratsversammlung dauerte bis weit in die Nacht. Es gab noch einen Streit zu schlichten. Er war nicht von großer Bedeutung, aber es bedurfte Winnetous ganzer Beredsamkeit, um eine Lösung herbeizuführen.“

Nscho-tschi war indessen zu mir herangetreten und setzte sich nach einer einladenden Handbewegung neben mich. Sie schloss die Augen, legte ihren Kopf in den Nacken und genoss ebenfalls die Wärme der Sonne. Dieser Umstand gab mir einmal mehr die Gelegenheit, sie eingehender zu betrachten. Und wie schon bei unserer ersten Begegnung konnte ich meinen Blick nicht von ihr lassen. Ihr makelloses Gesicht mit den anmutig geschwungenen Brauen und den fast schelmisch anmutenden Grübchen wurde von zwei dicken schwarzen Zöpfen eingerahmt, die beinahe bis auf den Stein hinabreichten, auf dem wir saßen. Sie trug - wie bei unserer allerersten Begegnung - ein langes hemdartiges Gewand aus weichem Hirschleder und kostbar bestickte Mokassins. Ein ebenfalls mit Perlen bestickter Gürtel, in dem ein Messer steckte, vervollständigte ihre Kleidung. Ihre anmutige, schlanke Gestalt erinnerte mich immer wieder an ihren Bruder Winnetou, nur dass dieser um einiges muskulöser war. Aber beide Geschwister hatten dieselben unergründlichen samtschwarzen Augen, die mich vom ersten Augenblick an in ihren Bann gezogen hatten.

Bevor meine Gedanken endgültig abzuschweifen drohten, erhob ich mich hastig von dem Stein, auf dem wir saßen und - bereute diese Bewegung sofort, da sich meine geschundenen Muskeln schmerzhaft in Erinnerung brachten und ich ein leises Aufstöhnen nicht ganz unterdrücken konnte.
Sofort war Nscho-tschi wieder hellwach und legte besorgt ihre kleine Hand auf meinen Arm.
„Scharlih ist verletzt?“, erkundigte sie sich besorgt.
„Nein, mir fehlt nichts“, erwiderte ich rasch. „Wir haben es gestern nur ein wenig mit dem Anschleichen übertrieben. Dein Bruder ist ein sehr beharrlicher Lehrer.“

Nscho-tschis glockenhelles Lachen jagte mir einen wohligen Schauer über den Rücken.
„Nscho-tschi versteht. Und jetzt hat mein weißer Bruder das Gefühl, jeden einzelnen Muskel in seinem Körper zu spüren.“
Mein Gesichtsausdruck - als ich verlegen nickte - war sicher alles andere als geistreich, denn erneut ertönte Nscho-tschis Lachen, doch dabei beließ sie es nicht. Dazu war sie viel zu praktisch veranlagt. Sie nötigte mich, erneut auf dem Stein Platz zu nehmen, und trat hinter mich.
„In den Schultern ist der Schmerz besonders schlimm?“, vergewisserte sie sich.

Das stimmte, aber warum bekam ich plötzlich auch noch weiche Knie?!

Im nächsten Augenblick begann sie mir Schultern und Nacken kunstgerecht zu massieren. Ich war überrascht, wie viel Kraft in diesen zarten Fingern steckte. Zielgerichtet beseitigte sie eine Verspannung nach der anderen und regte die Durchblutung der tiefer liegenden Hautschichten an, sodass ich spürte, wie angenehme Wärme durch sie strömte. Zum Schluss bearbeitete sie behutsam meine Halswirbelsäule und die obersten Bereiche der Brust.

Als ihre Hände schließlich auf meinen Schultern zu liegen kamen, ergriff ich sie mit den meinen und zog sie sanft an meine Lippen.
„Scharlih sollte sich schnell ein Hemd anziehen“, vernahm ich ihre Stimme an meinem Ohr. „Er hat verkühlt und muss sich unbedingt warmhalten, sonst kommt der Schmerz bald wieder.“
„Ich danke meiner Schwester von ganzem Herzen“, erwiderte ich und erhob mich. "Ich werde ihren Rat sofort befolgen.“

Als Nscho-tschi plötzlich dicht vor mir stand, überlief mich ein erneuter Schauer. Wie in Trance umfasste ich ihre Schultern, zog sie an mich und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. Im nächsten Moment - die Ungeheuerlichkeit meines Tuns begreifend - riss ich mich von ihr los und stürmte in Richtung Pueblo. Nicht nur, um mir dort ein Hemd überzuziehen, sondern auch, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Das, was ich in Nscho-tschis Nähe seit einigen Tagen empfand, erschreckte mich, da ich nicht die leiseste Ahnung hatte, wie ich damit umgehen sollte. Wenn ich nur an sie dachte, begann mein Herz wie wild zu klopfen und ich musste mich immer wieder streng zur Ordnung rufen.


Winnetou

Ich hatte meine Schwester Nscho-tschi lange nicht mehr so heiter und unbeschwert erlebt wie in den letzten Tagen. Nach dem gewaltsamen Tod Klekih-petras waren ihre wunderschönen Augen voller Trauer gewesen und sie hatte sich oft Trost suchend in meine Arme geschmiegt - so wie vor acht Sommern, als weiße Banditen unsere Mutter Itisha ermordet hatten. Damals hatte es sehr lange gedauert, bis wieder ein Lächeln ihre ernsten Züge erhellte.

Doch nun strahlte sie eine solche Lebensfreude aus, dass sogar unser Vater oft verwirrt die Augenbrauen zusammenzog, wenn sie beim Verrichten ihrer gewohnten Arbeiten plötzlich leise zu singen begann. Alles schien ihr mit einem Male viel leichter von der Hand zu gehen und wenn sie uns morgens und abends das Essen vorsetzte, tat sie das mit einer solchen Anmut, dass ihr Lächeln direkt ansteckend wirkte.

Es fiel mir nicht sonderlich schwer, den Grund für ihre Fröhlichkeit zu erraten. Jedes Mal, wenn Scharlih bei uns zu Gast war (und das geschah nahezu jeden Tag), veränderte sich Nscho-tschis Auftreten unmerklich, aber doch für mich, der ich sie genau kannte, sofort erkennbar. Sie wagte ihn oft kaum anzusehen, aber die Art, wie sie ihn manchmal scheinbar zufällig im Vorbeigehen berührte und dann verschämt die Augen niederschlug, ließ mich begreifen, dass aus meiner kleinen Schwester inzwischen eine junge Frau geworden war, in der Gefühle erwachten, die ihr bis dahin fremd gewesen waren. Sie, die nie Interesse an einem meiner Freunde oder einem anderen jungen Krieger gezeigt hatte, schien regelrecht aufzublühen, wenn Scharlih in ihrer Nähe war. Und doch legte sie in meiner Anwesenheit ihm gegenüber eine geradezu rührende Schüchternheit an den Tag, sodass ich innerlich schmunzeln musste.

Natürlich war sie als Mädchen dazu erzogen worden, sich immer bescheiden im Hintergrund zu halten und sich nur dann an unseren Vater zu wenden, wenn er ihr die Erlaubnis zum Sprechen erteilte. Wenn Gäste bei uns weilten, und das war wegen der hohen Stellung meines Vaters keine Seltenheit, verrichtete sie zusammen mit Gosnih, die ihr im Haushalt half, ihre Arbeit still und unauffällig und hob kaum einmal den Blick, wenn sie uns bewirtete.

Nur wenn wir beide allein waren, legte sie diese Zurückhaltung vollständig ab. Dann erkundigte sie sich vor allem nach den Fortschritten, die Old Shatterhand jeden Tag machte. Obwohl ich gewöhnlich nicht viel redete, machte ich in ihrem Fall eine Ausnahme und erstattete ihr ausführlich Bericht. Immer wieder leuchteten ihre Augen voller Stolz, wenn ich ihr erzählen konnte, wie sicher Scharlih inzwischen mit Pfeil und Bogen oder dem Tomahawk umgehen konnte, also mit Waffen, die er bisher nicht gewohnt war. Was das Reiten und Schießen mit Gewehr oder Revolver betraf, so konnte ich ihm nicht mehr viel beibringen und im Faustkampf war er mir sogar überlegen, sodass auch ich von ihm noch lernen konnte.

An diesem Morgen - Intschu tschuna war wegen einer dringenden Angelegenheit ins Ratszelt gebeten worden - bedachte mich Nscho-tschi zu meiner Überraschung mit einem schon fast strafenden Blick, während sie die Reste des Essens zur Seite räumte.
„Was liegt meiner Schwester auf dem Herzen?“, erkundigte ich mich und zog sie neben mich.
„Verlangst du nicht manchmal etwas zu viel von Old Shatterhand?“ kam ihre prompte Antwort, wobei ihre Augen förmlich Blitze zu schleudern schienen.
„Hat er sich etwa beklagt?“
Diese Frage war nicht wirklich ernst gemeint, denn ich wusste, dass mein Blutsbruder das ganz sicher nicht tun würde.

„Natürlich nicht“, erwiderte Nscho-tschi heftig, offensichtlich verstimmt darüber, dass ich auch nur auf einen solchen Gedanken kommen konnte. „Aber als ich ihn vorhin unten am Fluss traf, schmerzte sein ganzer Körper. Er wollte es zunächst nicht zugeben, aber ich bin nicht blind. - Bedenke bitte, Bruder, dass er erst vor kurzem sehr schwer verwundet und dem Tode nahe war.“

„Und deiner aufopfernden Pflege ist es zu verdanken, dass er sich wieder vollständig erholt hat“, erinnerte ich sie sanft und legte den Arm um ihre schmalen Schultern.
„Als du ihn zu uns gebracht hast, da war er mehr tot als lebendig und ich war dir fast böse, dass du von mir verlangt hast, mich um ein Bleichgesicht zu kümmern. Aber trotzdem habe ich sehr schnell gespürt, dass er ein guter Mensch ist.“
„Ja, so ging es mir auch“, musste ich ihr gestehen. „Dass er sich - nur mit einem Messer bewaffnet - einem ausgewachsenen Grauen Bären in den Weg gestellt hat, um die anderen weißen Männer zu retten, beeindruckte mich über alle Maßen. Doch dann die Enttäuschung, als ich zu begreifen begann, dass er zu den Landräubern gehörte und es auch noch den Kiowas ermöglichte, unseren Vater und mich gefangen zu nehmen. Klekih-petra vertraute ihm, aber ich konnte dieses Vertrauen zunächst nicht nachvollziehen, obwohl mich irgendetwas in Old Shatterhands Wesen daran hinderte, ihn wirklich zu hassen. Ich war einfach nur maßlos verbittert, dass ich mich in ihm geirrt hatte.“

„Ich bin sehr froh darüber, dass dein erster Eindruck von ihm richtig war“, erwiderte Nscho-tschi und lehnte sich an meine Schulter. „Lass ihm heute einen Tag zum Ausruhen! Schon bald wird es kühler werden, denn der Winter ist nicht mehr fern.“

„Du möchtest also, dass ich ihn heute deiner Obhut anvertraue“, schlussfolgerte ich.
Ihr strahlendes Lächeln war mir Antwort genug. So überlegte ich nicht lange.
„Wenn Old Shatterhand einverstanden ist, gehört er heute ganz dir.“
Wieder strahlte sie über das ganze Gesicht, schmiegte sich an mich und gab mir einen Kuss auf die Wange. Aus einem Impuls heraus nahm ich ihr Gesicht in meine Hände und zwang sie so, mir direkt in die Augen zu sehen.
„Du hast ihn sehr gern, nicht wahr?“
Nscho-tschi errötete und senkte den Blick. Dann, ganz zaghaft, nickte sie.
„Du weißt, ich wünsche dir alles Glück dieser Welt, shidizhé (Schwester), aber bedenke, er ist trotz allem ein Weißer. Er kommt aus einer völlig anderen Welt und ist gerade erst dabei, die unsere für sich zu entdecken. Erwarte nicht zu viel von ihm! Du könntest enttäuscht sein, wenn er nicht das für dich empfindet, was du für ihn fühlst. Ich möchte nicht, dass er dir weh tut.“

Unwillkürlich musste ich an Ribanna denken, die sich in den einzigen weißen Mann verliebt hatte, für den ich zu jener Zeit, außer für Klekih-petra, Achtung und Zuneigung empfand. Um seinetwillen hatte ich darauf verzichtet, um sie zu kämpfen, aber ich hatte damals geschworen, über sie zu wachen. Nur wenige Jahre später war sie zusammen mit ihrer kleinen Tochter von Parranoh, der sich früher Tim Finnetey genannt hatte, vor meinen Augen erschossen worden. Noch heute wurde ich immer wieder von Alpträumen heimgesucht, in denen ich sie mit durchschossener Brust zu Boden stürzen sah. Denn Ribanna hatte einst meine ganze Liebe gehört, obwohl ich bei der ersten Begegnung mit ihr gerade einmal fünfzehn Sommer gezählt hatte.

Nscho-tschi musste instinktiv erfasst haben, was mir durch den Sinn ging, denn sie schmiegte sich erneut an mich und lehnte ihren Kopf an meine Schulter.
„Wir haben so viel Zeit“, flüsterte sie…
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