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Southern Comfort

von Ronsen
GeschichteHumor / P16 / Gen
29.04.2018
15.09.2021
18
29.963
4
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23.12.2020 1.603
 
Kaum hatte Daniel die Hand auf den Türknauf zum Krankenzimmer von Ryan Morris gelegt, da vernahm er eine hysterische Frauenstimme von der anderen Seite. Er hielt mitten in der Bewegung inne und hielt für einen Augenblick den Atem an. Was tat er da? Lauschen gehörte nicht zur Ausbildung eines Polizisten. Aber er war so schrecklich neugierig. Wenn er doch nicht ständig diese Krimis mit seiner Mutter schauen würde! Er ließ den Blick kurz durch den Korridor huschen. Niemand da. Gut. Dann legte er sein Ohr an die Tür.
„… weil ich es satthabe, darum!“, schimpfte die Frauenstimme, „Dreihundert Dollar, das ist doch Wucher. Wollen sie ihm davon auch noch den Arsch abwischen?“
„Linda, deine Wortwahl“, kam es von einer brüchigen Männerstimme.
„Ach sei still! Ich bin es doch, die das Geld heranschleppt. Ich habe alles Recht, mich aufzuregen. Der Herr wird’s mir vergeben. Ihr seid die schlimmeren Sünder.“
„Ich hab‘ überhaupt nichts getrunken, ich schwöre!“, war eine dritte Stimme zu vernehmen. Hörte sich an wie ein junger Mann. Vermutlich Ryan.
„Ich bin nur in eine Glasscherbe gelaufen. Sag’s ihr Vicky!“
Wer war Vicky? Wenn die Tür doch nur ein Schlüsselloch hätte! Doch statt einer fremden Person antwortete die mürrische Frauenstimme.
„Kein Wort mehr! Letzten Monat hast du versucht mir weiszumachen, diese Nadelstiche hättest du von einer Impfung. Du schwänzt die Schule, du trinkst in der Öffentlichkeit, du lügst uns an, das Maß ist endgültig voll! Das war die letzte Krankenhausrechnung, die ich für dich zahle.“
Frau Morris wollte das Zimmer verlassen. Was für ein filmreicher Abgang! Daniel trat einen Schritt zurück. Er hatte erst heute Morgen am Revier eine Tür ins Gesicht bekommen. Diesmal war er vorbereitet.
Die Tür schwang in seine Richtung auf und Linda Morris stapfte wütenden Schrittes heraus. Daniel hatte sich in die Schattenseite der Tür bewegt, sie hatte ihn gar nicht wahrgenommen. Eine gute Gelegenheit, sich jetzt an den Rest der Familie zu wenden. Nach dieser Standpauke waren sie vermutlich reumütig. Es würde keine Herausforderung sein, Ryan zu einem Geständnis zu bringen. Daniel trat vor die Tür - und bekam sie direkt vor den Kopf.
„Linda, so warte doch! Oh, Entschuldigung.“
Herr Morris Senior blickte nur kurz zu Daniel, der sich stöhnend die Stirn hielt. Doch er entschied sich dafür, seiner Frau hinterherzuwieseln. Daniel stellte ihn nicht mal zur Rede. Denn jetzt bot sich ihm sogar die Chance, allein mit Ryan zu sprechen. Das war ihm sogar eine kleine Beule wert.

„Ryan Morris? Ich bin Sheriff Knox vom CrumPD. Ich hätte da ein paar Fragen an dich…“
Der verdächtige Teenager saß mit einem verbundenen Fuß auf dem Krankenbett und vergrub sich die Hände im Gesicht. An seiner Seite saß ein hübsches Mädchen von vielleicht fünfzehn Jahren, mit auffälligem Bobschnitt und strahlend pinken Strähnchen in ihrem blonden Haar. Beide blickten erschrocken auf, als sie den Polizisten wahrnahmen.
„Scheiße, Mann. Nicht das noch…“, stöhnte Ryan. Er wischte sich mit der Hand die langen, schwarzen Haare aus dem Gesicht. Sein Teint war aschfahl, ein gutes Zeichen.
„Sagt dir der Name Sid Turner etwas?“
Die beiden Teenager tauschten verunsicherte Blicke aus. Ryan schluckte und setzte zu einer Antwort an, aber das Mädchen kam ihm zuvor.
„Muss das jetzt wirklich sein? Sehen Sie nicht, dass er verletzt ist und Ruhe braucht?“
„Ehrlich gesagt macht er mir einen sehr munteren Eindruck“, antwortete Daniel ruhig, „Seine Ärztin hat mir versichert, dass er ein paar einfache Fragen mühelos beantworten kann. Und du bist…?“
„Vicky.“
„Okay Vicky. Ich würde gern ein paar Minuten mit Ryan allein reden. Würdest du bitte draußen vor der Tür warten?“
Sie zupfte sich nervös am Ärmel ihres Flanellhemdes.
„Ist okay“, sagte Ryan, „Geh schon mal zum Wagen, ich komm dann nach. Die Ärztin hat gesagt, ich kann gehen, sobald die Bezahlung abgewickelt ist. Meine Eltern kümmern sich da gerade drum.“
Er reichte ihr einen Autoschlüssel und sie verließ eilig den Raum. Daniel schnappte sich stattdessen einen Rollhocker und setzte sich zwischen Ryan und die Tür. Andere Patienten befanden sich glücklicherweise auch nicht im Raum. Er hatte den Verdächtigen ganz für sich.

„Was fährst du für einen Wagen, Ryan? Einen Dodge?“
„Einen Dodge Caravan, 95er Baujahr.“
„Das ist ein Minivan“, wusste Daniel, „Arbeitest du als Lieferfahrer?“
„Ich bin in ‘ner Band. Ich transportiere damit die Instrumente.“
„Was ist das für eine Band?“, wollte Daniel wissen, „Ich bin neu in der Stadt. Vielleicht kann ich mir ja einen eurer Auftritte mal anschauen.“
Er wollte natürlich nur testen, wie stichhaltig Ryans Aussagen waren.
„Wir sind die Crap Baskets. Ich bin der Drummer.“
Crap Baskets? Nun, das klang tatsächlich nicht nach der Art von Musik, auf die Daniel abfuhr. Bei ihm musste es schon Kansas oder REM sein.
„Und die Wunde am Fuß hast du dir sicher auf einer Party zugezogen. Bist barfuß in die betrunkene Meute gesprungen und dabei voll in eine Flaschenscherbe gelaufen, was?“
„So ähnlich war es gewesen. Nur dass wir auf einem Parkplatz waren.“
„Wir?“
„Vicky und ich… und ein paar andere. Die haben getrunken, ich nicht. Ich bin nur in eine der Scherben gelatscht.“
Daniel erblickte Ryans Schuhe. Dreckige Sneaker mit flachem Profil.
„Du hast ziemlich große Füße, was? Größe Zwölf?“
„Zwölfeinhalb.“
Daniel drehte die Schuhe herum. In einer der Sohlen fand er ein blutverschmiertes Loch von der Dicke eines Bleistifts. Oder eines Krähenfußes. Daniel machte ein weiteres Foto mit seinem Klapphandy und verglich es mit den bereits geschossenen Bildern. Hier gab es keinen Zweifel.
„Lass mich dir etwas zeigen, Ryan.“
Er nahm die Tupperdose aus seiner Tasche und ließ den jungen Mann einen Blick auf den Krähenfuß werfen.
„Ist das vielleicht deine ‚Glasscherbe‘, hm? Nein. Das hier ist ein Krähenfuß. Solche verteilt der Farmer Sid Turner auf seinem Hof, um sich vor Einbrechern zu schützen. Dieses blutverschmierte Exemplar habe ich am Feldrand gefunden. Und daneben Fußspuren, die genau deine Größe haben. Mister Turner vermisst zwei große Säcke Dünger. Du hast sie geklaut, habe ich nicht Recht?“
„N-nein. Was sollte ich denn mit verkacktem Dünger?“
„Was wolltest du dann auf dem Hof, hm?“
Ryan ließ sich auf das Bett fallen, vergrub wieder die Hände im Gesicht.
„Ich hab nur Vicky abgeholt. Der alte Turner ist ihr Vater, okay? Wenn Sie jemanden verknacken wollen, dann vielleicht ihn. Der Kerl ist völlig irre.“
„Sag mir einfach, wo der Dünger ist. Kooperiere jetzt oder du kannst die Nacht im Revier verbringen.“
Langes Schweigen. Daniel seufzte und zückte seine Handschellen.
„Handschellen und ein verletzter Fuß vertragen sich nicht gut, aber wenn du es unbedingt mal ausprobieren willst…“
„In meinem Van“, brachte er schließlich hervor, „Die beiden Säcke sind im Van. Und das war gar kein Diebstahl. Vicky hat schließlich einen Schlüssel zur Scheune.“
Daniel grinste und steckte die Handschellen weg.
„Geht doch. Dann schauen wir doch mal, ob du diesmal die Wahrheit sagst. Los, zieh dich an und bring mich zu deinem Wagen.“

Beim Rausgehen kreuzte sich ihr Weg mit dem von Doktor Phoenix, die Daniel einen Daumen nach oben zeigte. Er lächelte verschmitzt und scheuchte Ryan weiter vor sich her. Ein gutes Gefühl, gleich am ersten Tag einen Fall gelöst zu haben und ein noch besseres, wenn jemand ihn dafür sogar lobte.
Der junge Mann führte ihn zum Parkplatz, aber vom Minivan fehlte jede Spur.
„Scheiße, sie ist weggefahren“, rief Ryan, „Vielleicht fährt sie das Zeug ja zu ihrem Vater zurück.“
„Was hattet ihr überhaupt damit vor?“, wollte Daniel wissen.
„Keine Ahnung.“
Daniel seufzte. Jetzt gab er sich ja nicht mal mehr Mühe. Aber für ihn war der Fall gegessen. Er würde Mister Turner anrufen und über die Situation aufklären. Wenn Vicky mit dem Dünger zu ihm zurückkehrte, war ja alles gut.

„Ryan! Jetzt auch noch die Polizei?!“
Zu allem Überfluss hatte Frau Morris von der Angelegenheit Wind bekommen. Die Mutter des Langfingers kam eiligen Schrittes auf sie zu.
„Was hast du jetzt schon wieder angestellt?! Wenn du denkst, ich zahle für dich auch noch eine Kaution, dann bist du schief gewickelt!“
„Sie sind die Mutter…?“, fragte Daniel. Eine rhetorische Frage, aber alles musste seine Ordnung haben.
„Ja. Es tut mir schrecklich leid, Officer. Ich habe nichts als Ärger mit dem Bengel.“
Auch Ryans Vater gesellte sich stillschweigend und mit hängenden Schultern dazu. Daniel erzählte den Eltern, was vorgefallen war und dass vermutlich alles bereits aufgeklärt war.
„Sie können nach Hause gehen. Ich melde mich dann bei Ihnen, wenn der Van wieder auftaucht. Ryan sollte sich bis dahin nicht zu weit von Zuhause entfernen. Aber da mache ich mir bei dem Fuß ja keine Sorgen.“
„Haben Sie ihn mal pusten lassen?“, fragte Frau Morris völlig unvermittelt.
„Wie bitte?“
„Die Ärztin hat gesagt, er hatte vor der Behandlung 0,8 Promille in der Blutbahn.“
„Boah du bist so eine Schlampe, Mutter! Musst du mich jetzt auch noch weiter reinreiten?“
Linda Morris hielt sich die Ohren zu.
„Hören Sie das? So geht das jeden Tag. Ich halte es nicht mehr aus. Nehmen Sie ihn mit, bitte!“
„Nun, er ist ja wohl kaum selbst gefahren mit der Verletzung, nicht wahr?“, sagte Daniel.
„Sie sind nicht von hier, oder Officer?“
Er verneinte.
„Crumbleton gehört zu den Dry Counties!“, erklärte sie, „Der Genuss von Alkohol ist hier streng untersagt, Jesus sei Dank. Bitte helfen Sie mir, ihm das auszutreiben!“
Daniel kratzte sich den Kopf. Was Jesus jetzt genau mit dem Alkoholverbot in manchen Gegenden der Südstaaten zu tun hatte, würde er nie verstehen. Für ihn war er immer der Typ, der Wasser zu Wein macht.
„Du hast deine Mutter gehört“, gab Daniel nach, „Ich habe ohnehin noch ein paar Fragen an dich. Das klären wir am besten im Revier.“
Womöglich war eine Nacht in der Zelle wirklich eine geeignete Maßnahme, um den Konflikt der Familie Morris etwas abzukühlen.
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