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Southern Comfort

von Ronsen
Kurzbeschreibung
GeschichteHumor / P16 / Gen
29.04.2018
15.09.2021
18
29.963
4
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Dieses Kapitel
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12.05.2018 1.568
 
Nachdem Courie für beide bezahlt und die noch fast vollen Plastikbecher auf dem Tresen zurückgelassen hatte, stolzierte er mit großen Schritten hinfort. Weg von dem Diner, weg von Crumbleton, weg von Daniel. Zumindest war das sein Plan, aber den hatte er nicht mit dem detailverliebten Neusheriff Knox gemacht, der zwar vom Glanz des siebenzackigen Sterns an seiner Brust entzückt, aber nicht benebelt war. Denn mit dieser Beförderung gingen doch einige Pflichten einher, die Daniel bislang nur aus Büchern oder Serien kannte. Er würde es wirklich begrüßen, noch ein paar Tipps von seinem weisen Mentor mit auf den Weg zu kriegen. Darum trabte er ihm hinterher, was sich bei Couries großen Schritten als ziemliche Anstrengung herausstellte.
„Ich habe noch einige Fragen, Sir“, keuchte Daniel, als sie an einer Kreuzung zum Stehen kamen.
„Schießen Sie los.“
Courie hielt seine Augen nach vorn gerichtet. Sein Wagen, ein schnittiger Mercedes E-Klasse Coupé, wartete nur zwei Häuserreihen entfernt auf ihn. Das reichte vielleicht für zwei oder drei Fragen. Daniel musste sich gut überlegen, wo die Prioritäten lagen. Aber während er darüber nachdachte, verstrich auch wertvolle Zeit. Ja, Courie setzte ihn gerade massiv unter Druck und wenn er eine Schwäche hatte, dann war es, richtige Entscheidungen in kurzer Zeit zu treffen.

„Als Sheriff wird man doch gewählt“, erinnerte sich Daniel, „Wie können Sie mich dann dazu ernennen?“
„Ganz einfach. Sie sind die Vertretung, der Undersheriff. Der muss nicht zwangsweise gewählt werden, sondern kann auch vom Sheriff oder einer höheren Institution bestimmt werden, also von mir. Aber es ist richtig, dass eine Wahl anstehen wird, falls Sie das Amt des Sheriffs langfristig ausführen wollen oder müssen. Sie haben jetzt ein wenig Zeit, sich bei den Leuten in der Stadt bekannt zu machen.“
Daniel grinste schief und schlug sich mit der Faust auf die Handfläche. Ja, das sollte kein Problem sein. Bei der Polizeibehörde in Little Rock hatte er sich auch schnell einen Namen gemacht. Und jetzt war er der erste seines Jahrgangs, der zu einem Sheriff befördert wurde. Darauf konnte er sich eine Menge einbilden.
Sie hatten noch eine Häuserreihe vor sich.
„Können Sie mir etwas über das Sheriff’s Office und das County erzählen? Wie groß ist die Mannschaft? Gibt es etwas, worauf ich besonders achten muss? Sie sprachen immerhin von einer Drogenmafia...“
Ein leichtes Schmunzeln huschte über die Lippen des Hünen.
„Knox… ihre Motivation in allen Ehren, aber bis auf ein paar kleine Straßendealer werden Sie nichts mit der Drogenmafia zu tun haben. Wie ich schon sagte, ist das Angelegenheit des FBI. Sorgen Sie einfach dafür, dass in der Stadt alles mit Recht und Ordnung zugeht. Sie wissen schon… Falschparker abkassieren, Diebstähle aufklären und Betrunkene in die Ausnüchterungszelle bringen.“
Sie hatten Couries Wagen erreicht. Ein leises Biepen ertönte aus der Hosentasche des Lieutenants, die Tür des Mercedes öffnete sich daraufhin automatisch. Daniel wunderte sich, warum sein Boss ausgerechnet hier geparkt hatte, vor einer dieser alten, baufälligen Baracken und nicht direkt beim Gasthaus oder dem Diner. Vermutlich lag es daran, dass auch er fremd in diesem Örtchen war.
„Über alles Weitere klären Sie gerne die Officer Thornton und O’Reilly auf. Ihre Deputies.“
Courie stieg in seinen Wagen, setzte sich eine stylishe Pilotenbrille auf und parkte aus. Doch bevor er abdüste, ließ er noch einmal kurz die Scheibe herunter.
„Ich erwarte Ende nächster Woche einen Statusbericht. Denken Sie daran, ihn schon am Mittwoch fertig zu haben. Die Post braucht eine Weile bis nach Little Rock.“
„Kein Problem Sir“, Daniel nickte zuversichtlich, „Ich schicke Ihnen einfach auch eine E-Mail. Doppelt hält besser.“
„Hmm nun ja… Hauptsache etwas kommt an.“
Courie legte schon die Hände ans Steuer, doch eine letzte Frage hatte Daniel noch.
„Könnten Sie mir vielleicht die Adresse des Office geben?“
„33 Milky Road. Sie stehen direkt davor.“

Und mit diesen Worten sauste Lieutenant Courie über die Pflasterstraße davon und ließ seinen verdutzten Kollegen bestürzt bei der Bretterbude zurück, die tatsächlich das Polizeirevier darstellen sollte.
Daniel seufzte. Jetzt, da er das erste Mal seit seiner Abfahrt in Little Rock einen Moment Ruhe hatte, ließ sich der frischgebackene Sheriff auf eine Parkbank vor ein paar Vorgärten fallen und atmete erst einmal tief durch. Das waren schon eine Menge Eindrücke, die er in kürzester Zeit über seinen anstehenden Job, die Stadt und ihre Bewohner gesammelt hatte. In Daniels analytischem Kopf drehten sich die Zahnrädchen bereits fleißig, auf der Suche nach einer neuen Ordnung, die nur am Horizont absehbar war.
War er hier wirklich richtig? Hatte sein Leben endlich die Richtung eingeschlagen, die er schon immer nehmen wollte? Klar, er würde eine Autoritätsperson sein, da wurde einer seiner ältesten Kindheitsträume wahr. Doch würde er dieser Rolle auch gerecht werden können? Irgendwie schien ihm dieses Städtchen Fremden wie ihm gegenüber nicht gerade einladend. Und wie er auf den Bretterverschlag von einem Polizeirevier starrte und ihn mit dem schicken, klimatisierten Büro aus seiner Fantasie verglich, wurde ihm klar, dass er noch ein ganzes Stück wachsen müsste, ehe er den Luxus genoss, der zum Beispiel jemandem wie dem Lieutenant zuteilwurde. Er hatte gerade den ersten kleinen Schritt auf der Karriereleiter gemacht und durfte dieses Kaff nicht als seine Endstation ansehen, sondern vielmehr als Sprungbrett. Und genau deshalb war er auch so sehr daran interessiert, beim Fall seines verschwundenen Vorgängers Maynard mitzuwirken.
Er betrachtete den Sheriffstern an seiner Weste und dachte an die Werte, für die jede einzelne der sieben Spitzen stand: Charakter, Wissen, Ehre, Höflichkeit, Urteilsvermögen, Loyalität, Integrität.
Integrität, ja, die Integrität war der Schlüssel, der ihn als perfekten Menschen für diesen gewissenhaften Posten auszeichnete. Denn hier konnte er seinen eigenen Werten treu bleiben und zugleich über sich selbst hinauswachsen.

Plötzlich vernahm Daniel hinter sich lautes Hundegebell. Es schien, als habe er die Aufmerksamkeit eines bulligen Rottweilers geweckt, der auf Fremde nicht sonderlich gut zu sprechen war. Das Tier reichte dem Sheriff bestimmt bis zu den Hüften und fletschte wütend die Zähne. Wäre da nicht das schwere Eisentor zwischen dem Vorgarten, den er bewachte und der Straße, dann könnte Daniel glatt Angst bekommen. Er war nicht sonderlich gut auf Hunde zu sprechen, zumindest nicht auf solch wilde Tölen wie diese hier. Ein gut ausgebildeter und gehorsamer Drogenspürhund hingegen war ein wichtiger Bestandteil eines Reviers und wurde von Daniel toleriert.
„Schhht!“, zischte er dem Tier zu, das einfach nicht aufhören wollte zu bellen. Im ersten Moment hatte der Mittdreißiger Angst, aber nach etwa fünf Minuten war er einfach nur noch genervt. Wenn dieses Biest die ganze Zeit über die Nachbarschaft mit seinem Gebell unterhielt, dann konnte das auf dem Revier ja noch heiter werden.

„Nun gut“, seufzte Daniel und erhob sich von der Bank. Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass es gerade halb Zwei war. Da blieb noch genug Zeit, sich zumindest einmal ein Bild von seinem Arbeitsplatz zu machen, ehe er morgen ganz offiziell begann. Er streckte sich, zog die Hosen hoch und marschierte zielstrebig auf die Baracke zu. Doch kaum hatte er die Hand auf den Knauf gelegt, da wurde ihm die Tür schon gegen die Stirn geschlagen. Eine Gestalt drängte sich an ihm vorbei und stürmte hinaus in die Freiheit. Der Sheriff hatte sich kaum gefangen, da knallte die Tür erneut auf, diesmal gegen sein Knie. Er plumpste benommen auf seinen Hintern.
„Bleib stehen du Hund!“, vernahm er eine durchdringende Frauenstimme, deren Tonfall keine Widerrede erlaubte. Verdattert beobachtete Daniel das Szenario. Offensichtlich hatte es einer der Gefangenen geschafft, aus dem Revier zu entkommen. Ein hochgewachsener Mann, anscheinend aus Lateinamerika, mit auffälliger Afrofrisur.
Jetzt flüchtete der Bob Ross für Arme barfuß und vor Schmerzen fluchend über den Kiesweg. Seine Häscherin verkürzte den Abstand mit der Geschwindigkeit einer hungrigen Leopardin. Ihre Schusswaffe ließ sie bewusst im Halfter, denn diesen Kerl würde sie auch mit bloßen Händen überwältigen können. Mit einer schnellen Bewegung stellte sie ihm ein Bein, woraufhin er mit dem Afro voran im Dreck landete. Als er sich wieder aufrappeln wollte, war sie sogleich mit einem Elektroschocker am Start, den sie ihm direkt in den Nacken drückte. Er zappelte kurz, dann verlor er sein Bewusstsein.
„Ach scheiße. War wohl etwas zu stark eingestellt“, knurrte sie kopfschüttelnd. So war das nicht geplant gewesen. Jetzt musste sie den Kerl auch noch eigenständig zurück ins Revier buckeln.

„Hey Dumpfbacke!“
Daniel bemerkte erschrocken, dass die durchdringende Stimme an ihn gerichtet war.
„M-meinen Sie mich, Officer?!“
Der Rotweiler bellte zur Bestätigung. Bis eben war das Tier einfach nur von der vielen Action vor seinem Gartentor überwältigt gewesen. Aber jetzt startete er wieder mit seinem ohrenbetäubenden Gebell.
„Schaut hier noch irgendjemand so dämlich aus der Wäsche? Na los, helfen Sie mir schon, ihn reinzutragen.“
„Einen Augenblick“, Daniel richtete sich auf, streckte seine breite Brust heraus und sorgte dafür, dass sein Sheriffstern für die junge Frau deutlich sichtbar war, „Sie sind nicht zufällig Officer O’Reilly, oder?“
„Unglaublich. Sie können den Namen auf meiner Uniform lesen. Können Sie auch das hier lesen?!“
Sie ließ die Elektroschockpistole in ihrer Hand surren.
„Jetzt reißen Sie sich mal zusammen, Officer!“, schnaubte Daniel empört, „Sie wissen wohl nicht, wen Sie hier vor sich haben! Ich bin zufällig Ihr neuer Sheriff, Daniel Knox!“
Er deutete mit seinem dicken Zeigefinger auf den unverkennbaren Stern an seiner Brusttasche. Die junge Frau mit den steinernen Gesichtszügen und den kurzen rotblonden Haaren hielt kurz inne und musterte ihn vom Scheitel bis zur Sohle.
„Deirdre O’Reilly. Zu Ihren Diensten, Sheriff Dumpfbacke. Jetzt kommen Sie schon und helfen Sie mir!“
„Hmpf, na schön…“
Widerwillig machte sich Daniel an die Arbeit.
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