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Southern Comfort

von Ronsen
GeschichteHumor / P16 / Gen
29.04.2018
15.09.2021
18
29.963
4
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Für etwa zwanzig Minuten hockte Daniel allein und in absoluter Finsternis hinter dem Schreibtisch von Deputy O’Reilly und harrte der Verstärkung. Nach dem unerwarteten Backsteinanschlag auf das Revier fürchtete er das Schlimmste. Er schnappte sich das Telefon und trommelte die Verstärkung an - darunter Deputy Thornton, die Leute von der Nachtschicht und die Spurensicherung aus Jonesboro, immerhin hatten sie es hier mit einem Tatort zu tun. Nur Deirdre wollte er nicht verrückt machen, schließlich hatte sie ein Date. Er setzte sie trotzdem mit einer kurzen SMS in Kenntnis.
„Steinewerfer am Revier. Wachsam bleiben!“
Und sie antwortete nur wenige Sekunden später mit einem knackigen: „WTF Dandy LOL.“
Sie nahm die Sache erwartungsgemäß auf die leichte Schulter, aber Daniel sah dieses Ereignis als Prüfung. So konnte er auch direkt erleben, wie schnell dieses Revier in Alarmbereitschaft reagieren konnte. Doch die Minuten vergingen und er ergriff derweil allerlei Vorsichtsmaßnahmen, falls der mutmaßliche Täter mit noch mehr Steinen oder Schlimmerem zurückkehrte. Er verriegelte den Haupteingang und inspizierte bei der Gelegenheit auch gleich mal den Waffenschrank. Provinzkaff hin oder her, jeder Amerikaner musste Zugang zu einer Feuerwaffe haben, um sein Heim - oder seinen Arbeitsplatz - verteidigen zu können. Und tatsächlich wurde er fündig: ein halbautomatisches Sturmgewehr AR-15 ruhte einsatzbereit im Waffenschrank. Daniel verbarrikadierte sich mit der Waffe und seinem Sandwich hinter Deirdres Schreibtisch und begann mit Stressfuttern.

Irgendwann rüttelte es an der Tür. Er lud das Gewehr durch und richtete den Lauf direkt in Richtung Eingang.
„Halt! Wer da?!“
„Hazel und Ryder“, rief eine tiefe Frauenstimme.
Daniel hatte zum Glück die Mitarbeiterliste studiert und konnte die beiden der Nachtschicht zuordnen. Hazel Jackson und Ryder Knight waren das Unglücksduo, das sich die Nächte im Revier oder auf der Straße um die Ohren schlagen musste. Eine gute Gelegenheit, die beiden persönlich kennenzulernen, auch wenn die Umstände wenig angenehm waren.
Daniel schaltete das Licht an und hielt die beiden mit immer noch gezogener Waffe willkommen.
„Hui, na sie machen keine halben Sachen, was?“, begrüßte ihn zuerst Hazel Jackson. Sie war eine etwas kleinere, dafür kräftig gebaute Afroamerikanerin mittleren Alters, die ihre kurzen Haare unter einem Cappy versteckte. Von der Waffe wenig beeindruck schob sie sich an Daniel vorbei. Direkt hinter ihr her tingelte der wesentlich größere, aber dafür umso krummer auftretende Ryder Knight, dessen Eltern wohl Fans einer besonders populären Krimi-Actionserie mit sprechendem Auto waren, anders konnte sich Daniel die Namenswahl nicht erklären.
„Gut, dass Sie da sind“, Daniel stellte sich und den Ernst der Lage kurz vor. Als er fertig war, lud er die beiden Neuankömmlinge zu einem Kaffee ein und machte es sich wieder halbwegs bequem.
„Fällt Ihnen beiden jemand ein, auf dessen Konto so ein Angriff gehen könnte? Kommt sowas öfter vor?“
„Hier war bis letzte Woche alles ruhig“, brummte Hazel und griff nach ihrer Kaffeetasse. Daniel beobachtete mit vor Staunen geweiteten Augen, wie sie die ganze noch heiße Tasse in einem langen Zug herunterkippte und sich gleich den nächsten eingoss, „Sie wissen schon, bis zu der Sache mit Russell. Meine Güte, seit wann ist der Kaffee so gut?“
„Hab ich mitgebracht“, erwiderte Daniel etwas stolz und sah sich schon bald wieder nach Tuscaloosa fahren, um Nachschub zu holen, „Aber zurück zu dem Angriff…“
„Vielleicht war es jemand aus der Ziegelei“, grätschte Ryder dazwischen.
„Wie bitte? Können Sie das konkretisieren?“, bat Daniel und griff sofort aufgeregt zu Stift und Notizblock.
„Na, vielleicht ist das so eine neue Werbeaktion für Ziegelsteine. Ist der Stein denn ganz geblieben?“
„Ich… ja schon, ganz im Gegensatz zu dem Fenster. Aber was soll das denn für eine Werbeaktion sein? Die können doch nicht einfach Fenster einschmeißen. Das ist eine Straftat! Ich halte das für weit hergeholt“, Daniel hoffte, den Ehrgeiz seines jungen Kollegen damit nicht im Keim zu ersticken, aber es gab brennendere Informationen, die er brauchte, „Kommen wir lieber noch mal auf Sheriff Maynard zu sprechen. Hazel, wissen Sie, ob er namhafte Feinde hatte? Immerhin war der Angriff auf sein Büro gerichtet.“
„Nun, nein. Im Gegenteil. Die Kriminalitätsrate war bis zu seinem Verschwinden sehr gering. Und wenn ich den Zettel richtig verstehe, ist der Angriff eher einem Kerl namens Dandy gerichtet. Sind Sie das nicht?“
„Nein, mein Name ist Daniel“, erwiderte der neue Sheriff mit hochroten Ohren. Aber an Hazels Aussage war etwas dran. Dieser Angriff galt ihm. Es musste jemand sein, mit dem er im Laufe der letzten beiden Tage zu tun hatte. Jemand, der von diesem blöden Spitznamen Wind bekommen hatte. Vielleicht Carlito? Oder Ryan? Deirdre?
„Jetzt hab ich’s, ich weiß, wer es war!“
Ryder Knight klatschte sich auf die hohe Stirn, als wäre es das Offensichtlichste auf der Welt.
„Schießen Sie los!“, feuerte ihn Daniel an.
„Der Glasmacher. Bestimmt will er Ihnen mit dem Stein zeigen, wie unsicher das Revier ist und damit sein neues Panzerglas bewerben.“
„Sie… Sie sind noch nicht lang im Dienst, oder?“, fragte Daniel.
„Vier Jahre, Sir.“
Daniel fiel es schwer, bei Ryders hanebüchenen Vermutungen die Beherrschung zu behalten. Zum Glück klopfte es in diesem Augenblick erneut an der Tür. Das waren die Typen von der Spurensicherung, ein im schwarzen Anzug gekleideter Detective aus Jonesboro, sowie ein Gehilfe im weißen Schutzanzug. Daniel wollte auch diese beiden willkommen heißen. Der Detective war ein kleiner, kahlköpfiger Mann mit einem von Falten zerknautschten Gesicht. Daniel konnte nicht sagen, ob er fünfzig oder siebzig Jahre alt war. Seine Augen waren wachsam, auch wenn sie unter den dichten, schwarzen Augenbrauen kaum zu erkennen waren.
„Sie sind also der neue Sheriff hier?“, säuselte er mit nasaler Stimme.
„Genau, Daniel Knox“, er hielt dem Mann die Hand hin, aber der beließ es bei einem Nicken.
„Junge, Junge, ich war schon seit Jahren nicht mehr an Ihrem Revier. Was ist das runtergekommen…“
„Ich bemühe mich, wieder etwas mehr Ordnung in den Laden zu kriegen, aber ich bin erst seit gestern hier“, sagte Daniel, als ob er sich verteidigen müsste, „Entschuldigung, ich habe Ihren Namen nicht mitbekommen.“
„Das liegt daran, dass ich mich noch gar nicht vorgestellt habe“, gab sein Gegenüber bissig zurück, „Leakee ist mein Name und Sorgfalt mein Beruf. Am besten gehen wir kurz vor die Tür und Sie beantworten mir ein paar Fragen. Derweil wird mein Partner die Spuren sichern.“
„In Ordnung.“
In akribischer und leicht sarkastischer Weise nahm Leakee die Personalien auf und ließ sich Daniels Tagesablauf schildern. Dass er auf Spurensuche nach Russell Maynard war, von dessen ebenfalls verschwundenem Sohn Conrad und Lockenkopf Carlito, wobei er bei Letzterem die Umstände seiner Freilassung nicht im Detail beschrieb. Leakee musste nicht wissen, dass Deirdre einen Elektroschocker eingesetzt hatte.
„Also eins verstehe ich nicht, Knox“, sagte er schließlich und begann derweil, sich eine Zigarette anzuzünden, „Wieso betreiben Sie FBI-Arbeit? Maynard hat sich nach übereinstimmenden Zeugenaussagen nach Mexiko abgesetzt. Sie sind nur für das County zuständig. Vielleicht hat Ihr Vorgesetzter Courie Ihnen das nicht ganz klargemacht.“
„Doch, doch“, sagte Daniel hastig, „Aber die Spurensuche fand ja innerhalb des Counties statt, darum dachte ich, das geht in Ordnung.“
„Sie sollten sich lieber darum kümmern, herauszufinden, welche Irren hier Fenster im Revier einschlagen. Und nicht mich deswegen behelligen.“
„Wir haben hier nur leider keine Spurensicherung, Sir…“
„Schön, ich gebe Ihnen die Nummer meines Assistenten. Den können Sie behelligen, wenn es wirklich nötig ist. Aber das machen wir nicht für lau. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Revier ein bisschen mehr Geld bekommt. Der Bürgermeister von Crumbleton sollte doch genug Geld haben mit seinem Müsli-Imperium.“
„Ja, dazu wollte ich ohnehin einen Antrag stellen…“
„Dann tun Sie das.“
Leakee rauchte seine Zigarette auf und warf den Stummel achtlos auf den Gehweg. Wortlos kehrten sie zum Revier zurück, wo der Assistent von der Spurensicherung seine Arbeit anscheinend bereits beendet hatte.
„Ich habe vier verschiedene Fingerabdrücke im Zimmer genommen“, rief er seinem Boss zu, „Aber auf dem Stein oder dem Zettel war nix.“
„Dann hat der Täter Handschuhe getragen“, sagte Leakee, „Tja, Pech. Wir sind hier fertig.“
„Moment!“, rief Daniel, „Können Sie die anderen Abdrücke nicht trotzdem untersuchen?“
„Die werden von Maynard, Ihnen und den anderen Polizisten sein“, winkte Leakee ab, „Zeitverschwendung.“
„Und wenn nicht? Vielleicht gibt es ja noch jemand anderen. Jemanden, der zum Beispiel mit dem Verschwinden von Maynard zu tun hat.“
„Sie haben Nerven, Knox.“
„Wie viel?“, fragte Daniel prompt.
„Hmpf… Sie lernen schnell“, schnaubte der Kerl und runzelte die faltige Stirn, „Hundert Mäuse und keine weiteren Fragen.“
Auch das bezahlte Daniel erst einmal aus der eigenen Kasse, in der Hoffnung, vielleicht doch noch weitere Hinweise zu kriegen. Zum Glück hatte er auf dem Weg ins Revier noch mal Geld abgehoben, nach der peinlichen Situation in Mables Café. Als Leakee und sein Lakai endlich abgedüst waren, verabschiedete sich Daniel ebenfalls in den Feierabend und orderte Hazel und Ryder an, wachsam zu bleiben. Er selbst wollte nur noch zurück ins Hotel und abschalten. Der Abend war schon weit fortgeschritten und es war wieder ein nervenaufreibender Tag. Da seine Mutter immer noch mit dem Wagen unterwegs war, musste er laufen und tat dies wegen der vorangegangenen Ereignisse nur äußerst ungern und mit der Hand stets am Halfter. Wo war eigentlich Deputy Thornton abgeblieben? Er hätte längst am Revier sein sollen.

Die Antwort bekam er, als er das Country Bumpkin erreichte, denn dort parkte das heruntergekommene Polizeiauto direkt neben Daniels Wagen.
„Oh nein“, brummte Daniel und beschleunigte seine Schritte. Er stürmte regelrecht durch das Hotel und ignorierte in der Eile auch Margret, die ihm am Empfang einen schönen Abend wünschte. Sein Weg führte ihn mit donnerndem Herzen in Richtung seines Zimmers, das er sich mit seiner Mutter teilte. Die Tür war offen und es drang lautes Stöhnen daraus hervor. Männerstöhnen.
„Mom, was ist hier los?“
„Oh Daniel, schon zurück?“, seine Mutter saß auf dem Bett und wirkte zerzaust. Daniels strafender Blick wanderte ins Badezimmer, aus dem gerade sein Deputy Eli Thornton trat - verschwitzt, keuchend und oberkörperfrei! Er wusste ja, dass seine Mutter schamlos war, aber das sprengte wirklich jeden Rahmen. Hatte es Phillis tatsächlich mit seinem Kollegen getrieben?
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