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Southern Comfort

von Ronsen
GeschichteHumor / P16 / Gen
29.04.2018
15.09.2021
18
29.963
4
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07.02.2021 1.834
 
Obwohl Daniel sich den Wecker auf 6 Uhr in der Früh gestellt hatte, war es seine Mutter Phillis, die den frischgebackenen Sheriff eine halbe Stunde früher weckte. Ihre Blase war nicht die stärkste und dementsprechend häufig musste sie sich aus ihrem laut quietschenden Bett schälen und ins Badezimmer schleichen. Die beiden teilten sich ein Hotelzimmer mit zwei Betten, denn das war günstig und daher bestand Phillis darauf. Privatsphäre wurde im Haushalt Knox/McDonald nicht gerade großgeschrieben. In ihrer Wohnung in Little Rock störte Daniel das nicht sonderlich. Da hatte er schließlich sein eigenes Zimmer und einen Hobbykeller. Doch hier vermisste er diese Rückzugsorte.
„Es ist ja nur für ein paar Wochen…“, seufzte er und knipste die altmodische Lampe auf dem Beistelltisch an. Draußen war es noch dunkel, aber schon jetzt waren einige der tierischen Bewohner des Country Bumpkin wach. Zu dem Hotel gehörte ein großer Hof mit einem Schweinestall, ein paar Hühnern und sogar Gänsen. Die Hausmannskost wurde hier vermutlich auch noch selbst geschlachtet. Doch bislang hatte er davon noch nicht viel bemerkt - mit Ausnahme der Gänsefedern, die ihm stellenweise durch das Kopfkissen piksten.
„Mom, dauert es noch lange?“, rief Daniel aus dem Bett heraus.
Doch Phillis ignorierte ihn. Vielleicht hörte sie ihn auch gar nicht. Er hingegen konnte hören, dass die Dusche lief. Dann konnte Daniel ja getrost noch eine Viertelstunde die Augen zumachen. Seine Mutter neigte dazu, lang und ausgiebig zu duschen - wenn es im Preis inbegriffen war. Gerade wollte Daniel das Licht löschen, da fiel sein Blick auf die Fernbedienung. Gestern Abend hatten Mutter und Sohn noch bis Mitternacht alte Folgen vom Glücksrad geschaut. Die Senderauswahl war beachtlich für ein Nest wie Crumbleton. Aber das lag wohl daran, dass Fernsehen in den Staaten vielerorts als ein ungeschriebenes Grundrecht für die Bürger angesehen wurde.
Daniel zappte ein wenig durch das Programm und blieb schließlich bei einem Lokalsender hängen: CrumTV. Es lief Werbung für einen Angelwettbewerb, der diese Woche am White River stattfand. Die Fische wurden gefangen, gemessen und wieder freigelassen. Punkte wurden verteilt für die Menge, das Gewicht und die Anzahl unterschiedlicher Arten. Präsentiert wurde das Ganze wenig überraschend von Crumble Müsli. Die hatten hier anscheinend überall ihre Finger drin. Die Werbung erinnerte Daniel an seinen Vater. Er war ein leidenschaftlicher Angler, der schon unzählige Wochenenden mit seinen Freunden am See verbracht hatte. Ein einziges Mal hatte er Daniel mitgenommen, danach hieß es immer nur, der Junge verschrecke die Fische. Das nahm Daniel seinem alten Herrn noch immer übel.
Ein schrilles Quieken war aus dem Badezimmer zu vernehmen.
„Mom? Alles in Ordnung?“
Eine Suggestivfrage, wenn man Phillis kannte, denn wenn etwas nicht in Ordnung war, dann ließ sie das einen wissen. Gerne auch mehrfach und mit Nachdruck.
„Das Wasser ist kalt!“, mit diesen Worten und nicht mehr als einem Handtuch um die Hüften platzte sie aus dem Badezimmer. Auf den Anblick hätte Daniel an diesem Morgen verzichten können. Der würde ihn für den Rest des Tages nicht mehr aus dem Kopf gehen. Und auf eine schöne heiße Dusche musste er jetzt auch verzichten.

Zum Frühstück gab es Eier frisch vom Hof, mit Tomaten und Schinken zu einem deftigen Rührei verquirlt. Wesentlich schmackhafter, als das Rührei beim Diner. Trotzdem musste Daniel ein wenig auf seinen Cholesterinspiegel achten. Bevor er bei der Polizei anfing, hatte er Übergewicht und war im ersten Anlauf beim Fitnesstest durchgefallen. Das spornte ihm zum Abnehmen an, doch nun, da er schon einige Jahre im Dienst war, fiel er allmählich wieder in die alte Form zurück.
„Ist mein Lunchpaket schon fertig? Ich hab’s ein bisschen eilig.“
„Ja, aber ich muss dich warnen. Es gab bei Harps keinen Pimento-Käse. Ich habe dir Mozzarella auf dein Sandwich gelegt.“
„Okay…“
„Und ich habe dir einen Apfel dazugelegt, weil du ja gesünder essen willst.“
Daniels Mundwinkel fielen nach unten. Das hatte er sich selbst eingebrockt. Er wollte lieber schnell das Thema wechseln.
„Kommst du heute klar, so ganz ohne Auto?“
Phillis ließ ihre rot gerahmte Halbmondbrille auf die Nasenspitze herabsinken und blickte ihren Sohnemann scharf an.
„Davon war nie die Rede. Ich habe mich bereits mit Margret zum Shoppen verabredet. Wir fahren rüber nach Batesville.“
Daniel war immer wieder erstaunt darüber, wie schnell seine Mutter neue Freundschaften schließen konnte. Oder zumindest Zweckgemeinschaften.
„Könnt ihr nicht ihr Auto nehmen?“
„Nein, das braucht ihr Sohn.“
„Ja und ich bin dein Sohn und ich brauche ebenfalls das Auto! Wie soll ich denn auf Arbeit kommen?“
„Na du könntest laufen“, kam es blitzschnell von Phillis, „Das hat doch gestern auch gut geklappt.“
Darauf konnte der lauffaule Daniel nur mit einem Grummeln reagieren.
„Oder du wartest noch eine halbe Stunde und wir setzen dich am Revier ab.“
Missmutig nahm Daniel einen Schluck Kaffee. Was hatte er für eine Wahl? Zehn Minuten mit der ganzen Ausrüstung laufen oder sich von der eigenen Mutter zum Polizeirevier kutschieren lassen?
„Sag Margret, sie soll sich beeilen. Ich muss in spätestens einer Viertelstunde los.“

Zwanzig Minuten später setzte ihn seine Mutter am Revier ab. Auf eine Umarmung zum Abschied verzichtete Daniel ausnahmsweise einmal. Stattdessen bat er sie darum, sich nach einem Besteckset für das Revier umzuschauen. Phillis düste schließlich davon und Daniel sah sich prompt dem nächsten Ärger entgegen. Denn Deputy Deirdre O’Reilly hatte seine Ankunft mitbekommen und hielt ihm bereits breit grinsend die Eingangstür auf.
Daniel versuchte einen neutralen Gesichtsausdruck aufzulegen.
„Guten Morgen Deputy O’Reilly.“
„Namby-Pamby Sheriff Dandy.“
„Okay, nein. Das hört jetzt sofort auf“, Daniels Geduldsfaden war viel zu schnell gerissen, „Ich bin ab sofort offiziell im Dienst und das bedeutet: Keine Spitznamen mehr oder ich ordne Ihnen Doppelschichten auf bis Ihnen der Kaffee aus den Ohren läuft!“
„Na schau mal einer an, Sie haben ja richtig Feuer. Verstehen aber leider keinen Spaß.“
„Ich verstehe sehr wohl Spaß, aber nicht zwangsläufig auf Kosten anderer. Und jetzt genug davon. Bringen Sie mich bitte auf den neusten Stand.“
Deirdre ließ sich gelangweilt auf ihren Stuhl fallen und blätterte durch einen vollgekritzelten Notizblock. Bei genauerem Hinsehen erkannte Daniel, dass sie dutzende nackte Menschen gezeichnet hatte. Was ging nur in ihr vor?
„Sid Turner hat angerufen und gemeldet, dass seine Tochter wieder daheim ist. Den verschwundenen Dünger hatte sie allerdings nicht dabei.“
„Hauptsache, das Mädchen ist wieder da“, sagte Daniel und war dabei ehrlich erleichtert. Er hatte schon befürchtet, es an seinem ersten Arbeitstag direkt mit einer Vermisstenmeldung zu tun zu bekommen.
„Und die Sache mit dem Dünger werden sie ja wohl privat klären können“, fuhr er fort.
„Das war mir von Anfang an klar“, fügte Deirdre besserwisserisch an und kaute dabei auf dem Ende ihres Bleistifts herum. Daniel fuhr ein kalter Schauer über den Rücken. Das war so unhygienisch! Ihr Schreibtisch, nein, das gesamte Büro war ein Saustall. Daniel musste sich von dem Drang zum Aufräumen ablenken.
„Was ist mit unserem Übernachtungsgast Ryan?“
„Schläft wie ein Stein. Wofür sitzt der überhaupt ein?“
„Seine Mutter wollte ihn eine Nacht aus dem Haus haben.“
Deirdre blickte stirnrunzelnd zu Daniel auf.
„Aha? Mir war nicht klar, dass wir inzwischen ein Hotel sind. Aber wenn das so ist, lade ich demnächst auch mal ein paar Freundinnen ein.“
‚Kann mir nicht vorstellen, dass das viele sind‘, dachte Daniel bei sich und seufzte, „Sonst noch was?“
Der Seufzer blieb nicht unbemerkt, doch Deirdre beließ es bei einem kalten Blick und blätterte weiter durch ihren Notizblock.
„Ja, es gibt noch was. Officer Reynolds aus Jonesboro hat angerufen. Er lässt ausrichten, dass Sie ihn zurückrufen sollen. Das wäre alles.“
„Prima.“
Deirdre erhob sich wieder und zog sich ihre Jeansjacke über.
„Mit Eurer Erlaubnis, Hochwohlgeboren, würde ich jetzt gern die Pferde füttern gehen. Sie haben doch sicher ein Auge auf unsere Insassen, oder?“
„Nur zu“, brummte Daniel und ließ Deirdre ziehen. Ein Moment Ruhe würde ihm guttun, um sich und seine Aufgaben zu organisieren. Denn die paar Sachen auf Deirdres Liste waren längst nicht alles, um was er sich kümmern musste. Sie waren auf dem Land und er hatte einen ganzen Saustall zu säubern. Hier wurde schließlich noch nicht digital gearbeitet und der Aktenberg im Büro von Maynard war völlig unsortiert. Aber das Wichtigste zuerst.
„Ordentlicher Kaffee!“
Heute hatte er vorsorglich sein eigenes Kaffeepulver und Tasse mitgebracht. Das war kein gewöhnlicher Supermarktkaffee, das war der gute „Dark and Delicious“ aus Tuscaloosa, Alabama. Dort hatte Daniels Großeltern mütterlicherseits gelebt. Daniel hatte sich angewöhnt, wenigstens einmal im Jahr nach Tuscaloosa zu fahren und sich dort mit einem Jahresvorrat Kaffee einzudecken.
Er reinigte die Kaffeemaschine gründlich und setzte eine große Kanne auf. Nicht lange und das ganze Revier wurde vom verführerischen Duft der dunklen Röstung verzaubert. In der Zwischenzeit versuchte er im Revier von Jonesboro durchzukommen, doch die Leitung war besetzt. Stattdessen erbat ein anderer seine Aufmerksamkeit.
„Yo Sheriff!“
Er horchte auf. Einer der Insassen rief nach ihm. Es war Carlito, er saß immer noch ein. Stimmt, den wollte Daniel sich ohnehin mal vorknöpfen. Gestern hatte er schließlich versucht auszubrechen.
„Wunderschönen guten Morgen die Herren“, Daniels Laune war schon wieder viel besser. Carlito und Ryan saßen gemeinsam in der großen Zelle. Der Afroträger war zusätzlich mit dem Fußgelenk am Bettgestell festgeschnallt.
„Na Ryan, gut geschlafen?“
Der Teenager sah völlig verstrubbelt aus. Sein langes, schwarzes Haar war fettig und kringelte sich schon.
Er stöhnte: „Ich hab‘ mich geirrt. Zuhause ist es doch besser.“
„Das will ich meinen. Na komm, ich lass dich raus.“
Daniel schloss dem Jungen auf, behielt dabei aber den echten Verbrecher nicht aus den Augen.
„Ich finde es zuhause auch besser!“, witzelte Carlito, „Lass mich gehen, Officer.“
„Netter Versuch, aber wir unterhalten uns erstmal.“
„Ich unterhalte mich am liebsten bei einem warmen Frühstück und Kaffee.“
„Das glaube ich gern“, Daniel blickte sich unschlüssig im Raum um, „Ich bin erst seit gestern hier. Was haben Sie gestern zu essen bekommen?“
Carlito fuhr sich nachdenklich durch den strubbeligen Kinnbart.
„Sie meinen, außer einem schmackhaften Stromstoß? Nun, der Alte mit dem Schnauzer hat mir einen seiner Donuts gegeben.“
Daniel seufzte. Es konnte doch nicht sein, dass die Insassen nichts Anderes als Donuts bekamen. Es musste eine Kasse für ihre Verpflegung geben oder einen Kantinenservice. Bis Daniel das in Erfahrung gebracht hatte, gab er Carlito den Apfel, den seine Mutter ihm eingepackt hatte.
„Überaus großzügig“, hauchte der Afroträger.
„Ich gebe Ihnen Kaffee, wenn Sie mir ein paar Fragen beantworten, wie wäre das?“
„Fair schätze ich. Eine Hand wäscht die andere.“
„So ist es.“
Daniel fand, dass man mit dem Kerl doch ziemlich vernünftig reden konnte.

„Ähem“, räusperte sich Ryan, „Kann ich jetzt einfach gehen oder…?“
„Geh nur. Und gute Besserung.“
Die Verletzung am Fuß war sicherlich Strafe genug für ihn. Und die Nacht in der Zelle würde ihm hoffentlich eine Lehre sein, nicht weiter auf der schiefen Bahn zu wandeln.
„Na dann, ciao Carli.“
„Ciao Bruder!“
Die beiden gaben sich noch durch die Gitterstäbe einen Fistbump zum Abschied. Sie machten einen vertrauten Eindruck. Daniel wusste, dass die Verbrecherbanden hierzulande gut vernetzt waren. Die Bekanntschaft dieser beiden war vielleicht ein kleines, aber feines Detail, das bei der Lösung eines größeren Falls hilfreich werden könnte.
Daniel goss sich und Carlito ein.
„Also schön. Reden wir.“
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