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Southern Comfort

von Ronsen
GeschichteHumor / P16 / Gen
29.04.2018
15.09.2021
18
29.963
4
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„Willkommen in Crumbleton – Heimat des Crumble-Müslis“

Daniel nahm den Fuß vom Gas und fuhr seinen Ford Focus hinter dem Ortseingangsschild rechts ran. Kein Problem auf dieser Überlandstraße, denn anscheinend war er der einzige Verkehrsteilnehmer. Die Sonne stand fast im Zenit, ein frischer Aprilwind wirbelte erste Gräserpollen auf, es waren die allergenen Vorboten des Sommers.
„Was ist los, warum halten wir an Bubl?“
Phillis McDonald ließ die Klappgläser ihrer Sonnenbrille nach oben schnellen und musterte ihren Sohnemann skeptisch. Die Laune der rüstigen Seniorin verschlechterte sich mit jeder Meile, den sie zurücklegten. Es begann mit Schmerzen in der Leistengegend, die bekam sie immer, wenn sie zu lange sitzen musste. Mit regelmäßigen Pausen zum Beine vertreten konnte sie diesem Problem entgegenwirken. Gegen die trockene Luft im Wagen half nur eine Menge Trinken und gelegentlich ein Eukalyptus-Bonbon. Das führte aber unweigerlich dazu, dass sich ihre Blase füllte und das konnte in einem so abgelegenen Landstrich wie diesem schnell zu einem Problem werden. Denn im Gegensatz zu ihrem Sohn konnte sie nicht einfach mal hintern Busch hüpfen und die letzte Tankstelle lag schon wieder zwanzig Meilen zurück. Sie hatte genug von der stundenlangen Fahrt und wollte endlich ins Hotel.
„Gib mir mal die Karte“, bat Daniel und deutete auf das Handschuhfach.
„Du hast dich verfahren“, konstatierte Phillis mürrisch. Statt der Bitte ihres Sohnes nachzukommen, machte sie sich am Gurt zu Schaffen.
„Hab ich nicht. Mom, die Karte.“
„Du hättest eben doch den Tankwart fragen sollen. Aber nein, das ist dem Herrn Sheriff ja zu peinlich.“
Sie öffnete die Beifahrertür und stieg aus dem Wagen, um die Blutzirkulation in ihren Beinen wieder anzuregen. Und um die weiten Felder und Wälder am Horizont nach einer Stadt abzusuchen. Daniel seufzte und öffnete selbst das Handschuhfach. Seine Glock 17, eine Selbstladepistole, die er für polizeiliche Dienstzwecke mit sich führte, fiel fast auf den Beifahrersitz. Kurz durchfuhr den fünfunddreißigjährigen Hilfssheriff ein Schauer. Wenn die Waffe auf den Schoß seiner Mutter gefallen wäre, hätte er sich wieder was anhören können. So gesehen war es ganz gut, dass sie schon wieder draußen auf der Straße herumstakste und ihre steifen Gelenke dehnte.

Daniel schob die Waffe zurück ins Handschuhfach und griff nach der Landkarte. Sie waren schon ungefähr einhundert Meilen nordöstlich von Little Rock und wenn er sich nicht irrte immer noch in Arkansas. Er hatte sich nur die Abfahrt vom Highway gemerkt, die er nehmen sollte, nicht den Namen des Kaffs, in welchem sich das Revier befand. Er war so vertieft ins Studieren der Karte, dass er das Rattern eines Traktors zu spät wahrnahm. Seine Mutter hatte den Farmer bereits angehalten. Daniel konnte im Rückspiegel erkennen, wie sie ihn bereits zutextete.
„Er hat sich verfahren, aber er schämt sich immer, nach dem Weg zu fragen. Ich frage mich immer, was ich bei seiner Erziehung falsch gemacht habe…“
„Mom, was soll denn das?“, Daniel mühte sich selbst aus dem Auto und nahm seine Mom am Handgelenk, „Komm zurück in den Wagen!“
Der alte Farmer beobachtete die beiden skeptisch und kaute dabei Kautabak. Daniel nickte ihm zu und murmelte eine Entschuldigung.
Der Alte nahm seine Mütze ab und offenbarte eine sonnengebräunte Halbglatze.
„Wo soll’s denn hingehn, Officer?“
Daniel schmunzelte verschmitzt. Es war schon so peinlich genug, nach dem Weg zu fragen, aber jetzt hatte der Kerl ihn doch tatsächlich als Polizeibeamten entlarvt. Tja, das hatte er eben davon, wenn er ständig in Uniform herumrannte. Er war ein stolzer Gesetzeshüter und wollte sich damit den Respekt der Bürger verschaffen. Aber in der Regel fragte er die Leute eher, wie schnell sie gefahren sind oder ob sie ihre Rechte kannten. Er zeigte nur ungern eigene Schwächen auf.
„Das wollte Ich Sie gerade fragen, Sir. Was haben Sie denn geladen?“
„Einen Haufen hochgiftiger Pestizide. Die sprüh ich auf die Felder, um unwillkommenen Schädlingen den Garaus zu machen.“
Er musterte Daniel mit seinem schiefen Blick, als wolle er ihm klar machen, dass es sich bei fremden Schädlingen nicht nur um Insekten handelte.
„Okay, weitermachen…“, Daniel klopfte gegen das große Rad das Traktors und wandte sich ab. Der Kerl war ihm nicht ganz geheuer. Wäre er im Dienst, würde er wohl erst einmal seinem Partner befehlen, die Personalien aufzunehmen. Das ging heute natürlich nicht. Seine Mutter stand mit verschränkten Armen vor dem Wagen und tippte ungeduldig mit ihren Fingern auf dem Oberarm herum.
„Ach ja. Wir äh… wir sind auf dem Weg zum Country Bumpkin Hotel. Liegt das zufällig in Crumbleton?“
„Das können Sie nicht verfehlen. Ist das einzige Hotel im Ort. Einfach die Straße weiter und hinterm Schrottplatz rechts.“
„Nun… vielen Dank.“
Der Farmer spuckte seinen Tabak aus, startete den schweren Dieselmotor seines Traktors und tuckerte auf der Landstraße davon.

Das „Hotel“, in welches man Daniel geladen hatte, glich eher einer Unterkunft für Hilfsarbeiter, als einem touristischen Ausgangspunkt für Stadtbesichtigungen. Die Fassade des zweistöckigen Hauses war zum größten Teil bereits abgeblättert und offenbarte nackte, rotbraune Ziegel. Zahlreiche Löcher im Mauerwerk waren schon notdürftig gekittet worden. Auf Glas in den Fenstern hatte man verzichtet, einfache Fensterläden aus Holz taten schließlich auch ihren Zweck. Und das wahrscheinlich bereits seit den Gründertagen. Auf einem quietschenden Schild am Eingang stand in ausgeblichenen Lettern „Country Bumpkin“, was so viel wie „Landei“ bedeutete.
„Ich nehme an, einen Parkservice gibt es hier nicht“, sagte Phillis mit gerümpfter Nase.
Da Daniel nicht einmal einen ausgeschilderten Parkplatz fand, parkte er seinen Wagen einfach neben einem alten Brunnen im Hinterhof. Beim Aussteigen umgarnte ihn sogleich der derbe Geruch von Landluft. Ein paar Hühner gackerten aufgeregt in ihrem Gehege. Sie hatten von einem Knecht in Latzhose gerade eine Portion Körner zum Mittag bekommen. Der junge Mann, er war vielleicht sechzehn Jahre alt, aber so genau konnte man das aus seinem verschmutzten Erscheinungsbild nicht schließen, schien die Besucher gar nicht wahrzunehmen. Das hielt aber die alte Phillis nicht auf, sich Gehör zu verschaffen.

„Hallo junger Mann! Halloho! Arbeiten Sie hier?“
Wie sich herausstellte, lauschte der Knabe den ohrenbetäubenden Klängen lauter Death-Metal-Musik über seine Kopfhörer. Nachdem die Hühner gefüttert waren, sollte jetzt das fette Hausschwein an der Reihe sein. Doch als Phillis in ihrer rabiaten Art in sein Sichtfeld getreten war, ließ er glatt den großen Futtertrog fallen.
„Shit!“, stöhnte der Bursche.
Eine ganze Schüssel voll Schweinefutter verteilte sich auf dem gepflasterten Hinterhof und auf den Schuhen der alten McDonald. Phillis setzte quiekend einen Schritt zurück, Daniel hielt derweil einen gehörigen Sicherheitsabstand. Er wusste schließlich, wie seine Mutter tickte. Ihre Zündschnur war ziemlich kurz. Doch ehe sie zu einer verbalen Ohrfeige ausholen konnte, war zu hören, wie sich die Hintertür des Hotels öffnete und zwei Gestalten heraustraten.
„Gary, was zum Teufel machst du schon wieder? Ist das die Art, wie wir unsere Gäste begrüßen?“
Eine kleine, pummelige Frau mittleren Alters tapste mit einem Geschirrtuch bewaffnet über den Hof in Richtung der Neuankömmlinge. Sie trug eine schmuddelige Schürze und wurde von dem Duft von Kohleintopf begleitet. Daniels Magen begann zu grummeln.
Sie reichte Phillis das Tuch, damit sie sich die Füße abwischen konnte und langte dann mit ihren kurzen Ärmchen hoch zum Ohrläppchen des Knaben.
„Wie oft hab ich dir gesagt: Keine Musik bei der Arbeit!“
„Maaaan, Mama! Das war doch keine Absicht!“
Der Teenager wandte sich aus dem Griff der kleinen Frau, schnappte sich die Essensreste und verschwand damit schleunigst wieder im Stall. Daniel musste schmunzeln. Was für ein Muttersöhnchen.
„Entschuldigen Sie bitte vielmals. Sie müssen die Familie Knox sein, richtig?“
„Ja, Daniel Knox“, stellte sich der Polizeibeamte vor, „Und das ist meine Mutter Phillis.“
„Wann lernst du endlich, dass die Dame zuerst vorgestellt wird?“, zeterte Phillis, „Und übrigens heiße ich McDonald. Wenn du ein Herz für deine Mutter hättest, würdest du deinen nutzlosen Vater vergessen und endlich meinen Mädchennamen annehmen.“
„Ich heiße schon seit fünfunddreißig Jahren Daniel Knox. Weißt du, was das für eine Papierarbeit wäre, wenn ich meinen Namen auf allen Ausweisen ändern müsste?“
Zum Beweis holte er sein gewaltiges Portemonnaie aus der Gesäßtasche seiner Jeans und entfaltete es.
„Hier! Sehen Sie? Personalausweis: Daniel Knox, Dienstausweis: Daniel Knox, Führerschein: Daniel Knox,…“
„Ich mochte die Koteletten“, Phillis deutete auf das uralte Führerscheinbild ihres Sohnes, „Du sahst ein bisschen aus wie der King.“
„Und es geht weiter. Kreditkarte: Daniel Knox, Blutspendeausweis: Daniel Knox, Blockbuster-Goldkarte…“
„Daniel Knox!“

Der Officer blickte auf. Die zweite Gestalt, die aus dem Hotel getreten war, hatte ihn soeben erkannt. Es war ein großgewachsener Mann Ende Vierzig mit ordentlich gekämmtem, schwarz gefärbtem Haar und spitzer Nase. Daniels Herz machte einen Hüpfer. Das war sein Vorgesetzter: Immanuel Courie.
„Lieutenant Curry!“, erwiderte Daniel und salutierte mechanisch, „Melde mich zum Dienst.“
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