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36 Grad

OneshotLiebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Ingo "Easy" Winter Richard "Ringo" Beckmann
29.04.2018
29.04.2019
2
7.444
11
Alle Kapitel
15 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
29.04.2019 3.599
 
Ihr Lieben,

es gibt etwas zu feiern! *euch allen lustige Partyhüte aufsetz* Vor etwas über einem Jahr habe ich mich hier auf ff.de angemeldet, ganz frisch im Ringsy-Fandom angekommen und von den Funktionen dieser Seite hoffnungslos überfordert. Bis dahin hatte ich jahrelang fleißig Fanfiction gelesen, aber nie selbst geschrieben, zu groß waren meine Hemmungen und Selbstzweifel. Doch Ringo und Easy haben bei mir derart eingeschlagen, dass ich mir dachte: Da musst du was zu beitragen, auch wenn du keine Ahnung hast, wie der Kram hier funktioniert, und du dich wahrscheinlich schrecklich blamieren wirst.

Doch was soll ich sagen – seitdem ist wahnsinnig viel passiert, und ich möchte mich ganz herzlich bei euch allen bedanken, denn ihr habt dieses Jahr zu etwas ganz Besonderem gemacht, indem ihr mir die Möglichkeit gegeben habt, meiner Kreativität nach Jahren kompletter Inaktivität wieder freien Lauf zu lassen. Als ganz konkretes Dankeschön gibt es ein kleines Revival für meine erste Ringsy-Fic, die exakt heute ihren ersten Geburtstag feiert (hach Kinners, wie die Zeit doch vergeht!).

Dieses Kapitel kann als Stand-Alone gelesen werden, aber zum besseren Verständnis lege ich euch ans Herz, nochmal kurz ins erste Kapitel dieser Geschichte reinzuschnuppern, denn es wird eine kleine Lücke in der ursprünglichen Handlung geschlossen. Die beiden Chaoten befinden sich zum Zeitpunkt dieser Fic in einem frühen Stadium ihrer Beziehung (noch vor dem Camping-Trip), weshalb sie sich einander gegenüber anders verhalten, als sie es heute tun würden. Zudem möchte ich, äh, explizit auf die nach oben korrigierte Altersempfehlung hinweisen. ;)

Auch dieser OS wäre ohne meine Betaleserin in dieser Form nicht möglich gewesen, denn vier Augen sehen immer mehr als zwei, und es ist einfach schön, auf eine unvoreingenommene Meinung zählen zu können. Mein weiterer Dank gilt Kiri, die mir ohne es zu wissen und genau zur richtigen Zeit einen Motivationsschub verpasst hat.

Lange Rede, kurzer Sinn – ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Lesen und bin schon sehr gespannt, wie mein kleiner Vorstoß in für mich neues Terrain bei euch ankommt. :)

Alles Liebe,

eure Lene

***************


„Dein Ernst?“

Easy fixiert das windschiefe Objekt direkt vor ihm mit einem prüfenden Blick und sieht dann auf das Blatt Papier, das er in den Händen hält.

„Echt jetzt?“

Er sieht wieder hoch, leicht ungläubig, dann erneut nach unten, noch ungläubiger. Ein einzelner Schweißtropfen rollt langsam von seinem Haaransatz im Nacken in den Kragen seines T-Shirts, und es ist dieses ekelhafte Gefühl, das für ihn das Fass zum Überlaufen bringt und ihn voller Inbrunst fragen lässt: „Willst du mich eigentlich verarschen?“

Natürlich hat Easy keine Antwort erwartet. Es reicht, dass dieses Ding, das im Moment nur entfernte Ähnlichkeit mit einem Lastenregal aufweist, einfach dasteht und ihn mit seiner Krummheit zu verhöhnen scheint, von der unverständlichen Montageanleitung mit ihren verwirrenden Bildchen ganz zu schweigen. Er hat sich den Verlauf dieses Tages wirklich anders vorgestellt. Da bringt er endlich trotz des Sommerwetters die nötige Energie auf, das Büdchen frühzeitig zu schließen, um sich jenem Regal zu widmen, das bereits seit Wochen in einer Ecke des kleinen Warenlagers sein unausgepacktes Dasein in einem inzwischen ziemlich eingestaubten Karton gefristet hatte, und was ist der Dank? Ein leicht gequetschter Daumen, schmerzende Knie, diverse ganz offensichtlich fehlende – oder vielleicht auch einfach in alle Himmelsrichtungen davongerollte – Schrauben, und die Erkenntnis, dass er im Aufbauen von Möbeln vielleicht doch nicht ganz so talentiert ist, wie er sich bisher stets eingeredet hat. Davon, dass er wahrscheinlich kurz vor einem mittelschweren Hitzschlag steht, ganz zu schweigen, denn anders kann er es sich nicht erklären, dass er nun schon seit gefühlt zwei Stunden zwischen Verpackungsmaterial und Aluminiumstangen auf dem nackten Betonboden kauert und Zwiegespräche mit einem gottverdammten Regal führt.

Easy seufzt. Ja, er bemitleidet sich gerade ein bisschen selbst, denn er findet, dass er das hier nicht verdient hat, schließlich ist er seit sieben Uhr morgens auf den Beinen, hat sich mit defekten Elektrogeräten, schlecht gelaunten Kotzmeistern und Kunden herumgeplagt, die auch dann keine Mittagspause ohne dampfende Bockwürste ertragen können, wenn sie sich selbst mitten in einem überdimensionalen Kochtopf zu befinden scheinen. Er schüttelt den Kopf, über sich selbst und die ganze Situation. Dann wischt er sich mit dem Handrücken über die feuchte Stirn, denn obwohl das Lager nur über schmale Milchglasfenster direkt unter der Decke verfügt, bahnt sich die Sonne unerbittlich ihren Weg in den Raum hinein und heizt ihn gnadenlos auf. Gerade überlegt er, ob er sein schier unendliches Pflichtbewusstsein nicht endlich über Bord werfen und zumindest für den heutigen Tag Regal Regal sein lassen soll, da hört er das unverkennbare Knarren der Eingangstür des Büdchens.

„Ach verdammt“, sagt Easy zu sich selbst, als er realisiert, dass er zwar das „Geschlossen“-Schild von innen in die Tür gehängt, selbige aber nicht verriegelt hat. Er weiß aus leidlicher Erfahrung, dass es immer jemanden gibt, der die Existenz von besagtem Schild bewusst ignoriert und einfach auf gut Glück an der Tür rüttelt, und so ein Jemand steht nun wohl mitten im Büdchen. Easy hat wirklich absolut keine Lust auf langatmige Ja, die Tür war offen, aber nein, ich kann Ihnen jetzt keinen Kaffee kochen-Diskussionen, und so ruft er so laut er kann: „Ich habe geschlossen, bitte morgen wiederkommen!“.

Angestrengt lauscht er in die Stille. Da er weder eine Antwort bekommt noch Schritte zu hören sind, widmet er sich mit einem Schulterzucken der Suche nach jenen Schrauben, von denen angeblich sechzehn Stück vorhanden sein sollen, allerdings gut die Hälfte von ihnen in dem heillosen Chaos verloren gegangen scheint, und wenn er die verfluchten Dinger nicht endlich findet, dann schmeißt er das blöde Regal in seinem halbfertigen Zustand höchstpersönlich auf die Müllkippe und  –

„Bist du dir sicher, dass ich erst morgen wiederkommen soll?“

Obwohl er die Stimme nur zu gut kennt, erschreckt sich Easy derart, dass er instinktiv auf die Füße springt und auf dem Absatz herumwirbelt. „Willst du mich umbringen?“, schleudert er der im Türrahmen lehnenden Person entgegen. Er hätte mit vielem gerechnet, aber nicht hiermit.

Ein süffisantes, leicht triumphierendes Grinsen erhellt Ringos Gesicht, welches so frisch und schweißfrei aussieht, dass es an pure Ungerechtigkeit grenzt. Er vergräbt die Hände in den Taschen seiner blauen Trainingshose und zuckt mit den Schultern. „Konnte doch nicht ahnen, dass du gleich einen halben Herzinfarkt bekommst, nur weil ich nochmal bei dir nach dem Rechten schaue.“ In seinen hellen Augen blitzt Belustigung auf, doch als er Easy eindringlich von oben bis unten mustert, ist da noch etwas Tieferes, das unter der Oberfläche schlummert. Easy vermag es nicht wirklich einzuordnen, zu überrascht ist er noch von Ringos zweitem Spontanbesuch an diesem Tag, und es verwirrt ihn, dass Ringo erneut im Büdchen aufgekreuzt ist, obwohl in der Turnhalle derzeit mehr als genug Arbeit anfällt und er häufig nicht mal eine Pause am Tag einlegen kann, von zweien ganz zu schweigen. Er kann sich nicht helfen – es schwingt eine große Portion Misstrauen in seiner Stimme mit, als er fragt: „Was machst’n du überhaupt schon wieder hier?“

„Das habe ich dir doch schon gesagt.“ Ringo drückt sich mit betonter Lässigkeit aus dem Türrahmen ab und schlendert einen Schritt auf Easy zu. „Ich schaue hier nur nach dem Rechten.“ Noch ein Schritt. „Hast du etwa…“ Ein weiterer Schritt. „... ein Problem damit?“ Ein allerletzter Schritt.

Sie stehen sich nun direkt gegenüber, so nahe, dass sich ihre Schuhspitzen beinahe berühren, und für einen Moment werden Easys Knie zu Pudding. Sein kurzes, nachdrückliches Kopfschütteln dient zugleich als Maßnahme, um sich von dem kurzen Schwindel zu erholen, und als Antwort auf Ringos Frage. „Natürlich nicht. Aber sonst bekommst du doch auch nicht genug von deiner Arbeit, und heute besuchst du mich gleich zweimal?“ Nun ist er es selbst, der grinst – wenn auch nur, um seine eigene Unsicherheit zu überspielen – und hinzufügt: „Komm, spuck’s aus. Wer bist du, und was hast du mit Richard Beckmann gemacht?“

Ringos Reaktion folgt unverzüglich: Ein schiefgelegter Kopf, eine hochgezogene Braue und ein wie auf Knopfdruck aktivierter Röntgenblick, der Easy mühelos zu durchdringen scheint. Er schämt sich insgeheim ein bisschen dafür, dass er in Ringos Gesicht nach Anzeichen für Ärger oder Unehrlichkeit sucht, doch was er findet ist eine Sanftheit in seinen Augen, die für Easy genauso neu ist wie das zarte, emotionale Band zwischen ihnen.

„Ha-ha, wirklich sehr lustig“, sagt Ringo leise, und ein verhaltenes Schmunzeln umspielt seine Mundwinkel. „Vielleicht konnten wir das Software-Problem in der Turnhalle einfach schneller als gedacht beheben, weshalb ich die Wahl hatte, anschließend allein in der WG rumzusitzen und mich zu langweilen, oder meinen Feierabend mit dir zu verbringen. Klingt das plausibel genug für dich, oder glaubst du immernoch, dass ich irgendwas im Schilde führe?“

Easy schluckt. Ringo hat ihn natürlich durchschaut, und er ist zum ersten Mal an diesem Tag dankbar für die eigentlich unerträgliche Witterung, denn noch röter kann er nach eigenem Empfinden sowieso nicht mehr werden. Er befürchtet, sich nun umständlich erklären zu müssen; warum er seinem eigenen Freund noch nicht völlig vertrauen kann und dass er das nicht böse meint und sich sicher ist, dass er ihm gegenüber bald unvoreingenommener sein wird. Umso dankbarer ist er, dass Ringo ohne weitere Diskussionen einen Blick über seine Schulter wirft und meint: „Du hast zwar vorhin irgendwas von ‚Spaß im Lager‘ erzählt, aber wenn ich ehrlich bin, sieht das hier nicht allzu sehr nach Spaß aus, sondern eher nach einer Bombenexplosion.“

Easy zuckt entschuldigend mit den Schultern. „Du kannst mir glauben, dass ich mir das auch anders vorgestellt habe. Ich wollte einfach nur anfangen, die uralten Regale da hinten auszutauschen. Die fallen schon vom Hingucken in sich zusammen. Aber bei der Hitze war das wohl keine gute Idee.“ Er klopft sich verlegen etwas grauen Staub von den Beinen seiner knielangen Cargohose, und Ringo nickt. „Das ist wirklich kein Zustand hier. Das Lager ist sowieso viel zu klein für deine Bedürfnisse. Du bräuchtest ein durchdachtes Ordnungssystem, das den wenigen Platz optimal ausnutzt. Aber für den Anfang reicht auch das dort.“ Er gestikuliert in Richtung des krummen Dinges, das irgendwann einmal ein Lastenregal sein soll. „Zumindest, wenn es korrekt aufgebaut wird. Aber das dürfte kein großes Problem für mich darstellen.“

Mit diesen Worten kickt Ringo entschlossen einige auf dem Boden herumliegende Kartonreste beiseite und greift nach einem ausrangierten Stuhl mit aufgeplatzter Polsterung und verrostetem Gestell, der, aus welchen Gründen auch immer, schon seit Monaten als Ablagefläche für einen Stapel alter Plastiktüten gedient hatte. Mit einer eleganten Bewegung um die eigene Achse stellt Ringo den Stuhl auf dem Stück frisch freigeräumtem Boden ab und lässt sich auf selbigem nieder. Dann macht er eine fordernde Gib her-Handbewegung, und als Easy nicht direkt versteht, was er meint, fügt er hinzu: „Montageanleitung.“

„Ach“, entfährt es Easy triumphierend, „ich dachte, das wird kein großes Problem für dich darstellen?“ Er genießt es, dass Ringo daraufhin defensiv das Kinn in die Höhe reckt und anscheinend keinen guten Konter weiß. Er reckt die Hand mit der Anleitung in die Höhe und setzt nach:  „Nö-öh! Wer so große Töne spuckt, der braucht auch keine Anleitung. Zeig mal, was du kannst, du Experte.“

Ihre Blicke treffen sich erneut, und die Luft zwischen ihnen scheint von der einen Sekunde auf die andere vor Spannung nur so zu flirren. Ringos Gesicht ist gleichzeitig offen und unlesbar, seine Körperhaltung entspannt und wie zum Sprung bereit, und es sind diese in einer einzigen Person vereinten Gegensätze, die Easys Puls endgültig in die Höhe schnellen lässt. Für einen Moment verharren sie beide in ihren jeweiligen Positionen, doch dann geht alles so schnell, dass er nicht mehr reagieren kann: Mit einer flinken Bewegung hakt Ringo einen Fuß in Easys Kniekehle und zieht, vorsichtig aber bestimmt, sodass Easy einen stolpernden, unkoordinierten Schritt nach vorne macht. Ganz automatisch reißt er einen Arm nach oben und stützt sich mit der flachen Hand auf Ringos Schulter ab, um zumindest ein Mindestmaß an Gleichgewicht wieder herzustellen.

Sie sind sich nun nah, so nah, dass Easy die winzigen Sommersprossen auf Ringos Nasenrücken erkennen kann, die derart fein sind, dass selbst Easy sie erst Wochen nach Beginn ihrer Beziehung entdeckt hat. Unübersehbar sind hingegen Ringos Pupillen, die so geweitet sind, dass sie den Großteil seiner Iris verschlucken. Easy spürt Ringos Atem auf seinem Gesicht, und es überrascht ihn selbst, dass sich das alles andere als unangenehm anfühlt. Nur am Rande nimmt er wahr, dass Ringo ohne seinen Blick abzuwenden die kleine Broschüre aus seiner Hand pflückt und sie achtlos neben dem Stuhl zu Boden segeln lässt.

Easy hat keinerlei Zweifel daran, dass er sich der Situation sofort entziehen könnte, sofern er es denn wollte. So ruppig und egoistisch Ringo auch mit anderen Menschen umspringen mag, so aufmerksam und respektvoll ist er Easy gegenüber in ihren intimen Momenten, ausnahmslos. Trotzdem scheint ihm angesichts von Ringos schüchterner Vorsicht das Herz aus der Brust zu springen, als dieser fast tonlos flüstert: „Darf ich?“

Die Muskeln in seinem aufgestützten Arm zittern bereits bedrohlich, doch Easy neigt sich noch ein kleines Stückchen weiter nach vorn und stupst seine Nasenspitze gegen die von Ringo. Dann nickt er, obwohl er im Grunde gar nicht weiß, wofür Ringo da eigentlich um Erlaubnis gebeten hat, doch wenn er ehrlich mit sich selbst ist, dann hat sich spätestens mit Ringos Darf ich? auch noch der letzte Rest seines Misstrauens in Luft aufgelöst. Zwei große Hände legen sich zärtlich auf seine Hüfte und ziehen wieder, dieses Mal ist es jedoch eher ein Dirigieren nach vorn, weiter an Ringo heran, bis Easy sich auf dessen Oberschenkeln sitzend wiederfindet.

Die Zeit um sie herum hat aufgehört zu existieren, zumindest für Easy. Alles ist in orangefarbenes, nachmittägliches Sommerlicht getaucht, das jedes störende Geräusch zu filtern scheint. Ihre Stirnen berühren sich, dann erneut ihre Nasen, dann ihre Lippen, und wenn ihr Kuss vorsichtig ist, dann nur für einen vergänglichen Augenblick. Unter anderen Umständen wäre er zu heftig gewesen, doch in dieser Situation ist er genau richtig; dass ihre Zähne dabei kollidieren ist ihnen ebenso egal wie die Tatsache, dass sie beide nicht genug voneinander bekommen und viel zu unkoordiniert sind, als dass der Kuss mit Finesse vonstatten gehen könnte. Easy vergräbt beide Hände in Ringos Haaren, kratzt mit den Nägeln über seine Kopfhaut, signalisiert ihm: Näher, noch näher, und Ringo versteht ihn zum Glück auch ohne Worte. Die Finger auf Easys Hüften kneten vorsichtig die weiche Haut unter ihnen, dann gleiten sie zur Mitte seines Rückens, wo sie sich ineinander verhaken, um ihre Körper durch sanften Druck so eng es geht aneinander zu pressen, und als Easys Becken nach vorn kippt und dort Kontakt mit dem von Ringo macht, ist es endgültig um sie beide geschehen.

Es fällt ihnen nicht schwer, einen gemeinsamen Rhythmus zu finden. Sie wiegen sich wie Wellen am Meer, die wieder und wieder am feinen Sandstrand lecken; es ist nicht wichtig, dass einer von ihnen die Kontrolle oder die Führung übernimmt, denn was sie haben, ist ein Miteinander, ein Nehmen und Geben, ein Vor und ein Zurück, ein Ganzes. Ihr Kuss ist eine kontinuierliche Berührung ihrer leicht geöffneten Lippen, und was ihm zuvor an Sensualität gefehlt haben mag, das ist nun seine Essenz. Sie sind leise, nicht aus Angst davor, andernfalls bei ihrem Tun erwischt werden zu können, sondern weil das schwere Atmen des anderen, das Rascheln ihrer Kleidung und das Knarren des Stuhls als Geräuschkulisse mehr als ausreichend ist.

Easy kann sich nicht entscheiden, ob er versuchen soll, seine Augen offen zu halten, um weiterhin Ringos schönes, noch jünger als sonst erscheinendes Gesicht betrachten zu können, oder ob er sie nicht doch lieber schließen möchte, damit er sich mit all seinen Sinnen der Anziehungskraft zwischen ihnen hingeben kann, der sie sich beide nicht entziehen können, nicht entziehen wollen. Letztendlich fallen sie dann ganz von allein zu. Es ist nicht so, dass er sich seiner Leidenschaft schämt, schließlich geht es Ringo genau wie ihm, doch das Ausmaß der Intimität zwischen ihnen ist noch neu für Easy. Er ist es nicht gewohnt, derart begehrt zu werden, schon gar nicht, wenn er verschwitzt und seiner Meinung nach alles andere als ansehnlich ist, und so unterbricht er den Kuss und vergräbt sein Gesicht an Ringos Schulter, die Nase unter dem V-Ausschnitt von Ringos T-Shirt. Daraufhin verändert Ringo seine Position leicht, schiebt seine Hände hoch zu Easys Schultern, umschlingt ihn noch enger, und flüstert schließlich in sein Ohr: „Ich wollte in deiner Nähe sein.“

Ein Atemzug, von dem Easy nicht wusste, dass er ihn in sich getragen hat, entweicht ihm. Er gibt einen Laut von sich, der irgendwo zwischen einem Seufzer und einem Glucksen liegt, so überrascht ist er von diesen Worten, die für andere eine Selbstverständlichkeit sein mögen, für Ringo jedoch einen monumentalen Gefühlsausbruch darstellen. Sie reichen, damit Easy den Staub auf seiner Hose vergisst, den Schweiß in seinem Nacken, die Selbstzweifel in seinem Kopf, und das einzige, was noch zählt, ist Ringo vor ihm, unter ihm, bei ihm. Er legt mehr Kraft, mehr Nachdruck in seine Bewegungen und spürt, dass Ringo sie voller Enthusiasmus erwidert. Spitze Zähne schaben sanft über die empfindliche Haut seines Halses, und Easys Finger verkrallen sich als Gegenreaktion in den feinen Haaren in Ringos Nacken. Die in ihm aufkeimende Wärme konzentriert sich mehr und mehr auf seine Körpermitte, und Easy ahnt, dass es nun kein Zurück mehr gibt, kein Anhalten, kein Verschnaufen, und vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben sehnt er sich das Fallen nicht nur herbei, sondern stürzt sich ihm kopfüber entgegen.

„Easy, ich –“ Ringos Stimme klingt fragil und sehr emotional, und Easy weiß instinktiv, was er meint. „Ich auch“, murmelt er wahrheitsgemäß zurück, drückt einen Kuss auf Ringos Schläfe und muss kurz auflachen, denn eigentlich passiert sowas doch nur in der Fiktion, wo es stets als mühelos erreichbar und standardmäßig dazugehörend beschrieben wird, während es im realen Leben eine Ausnahme bleibt. Es ist nur ein flüchtiger Gedanke, der in Easy aufflammt und dann umgehend Platz machen muss für eine Welle aus Endorphinen, die quer durch seinen Körper rollt. Sein Oberkörper krümmt sich ganz ohne sein Zutun nach vorn, während Ringos Hände rastlos und nach Halt suchend über seinen Rücken gleiten, um sich schließlich an einer Faustvoll T-Shirt festzuklammern, und dann braucht es nur noch ein paar mehr dieser gemeinsamen Wellenbewegungen, bis er Ringos Namen zwischen seinen Zähnen hervorpresst und er schließlich von einem durch sämtliche Fasern gehenden Zucken durchflutet wird.

Stille. Easy hat das Gefühl, dass seine Knochen aus Gelee bestehen, und er kann sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal derart tiefenentspannt war. Unter ihm hebt und senkt sich Ringos Brustkorb rapide. Er weiß, dass sie sich in absehbarer Zeit bewegen sollten, denn was im einen Moment wunderschön war, kann im nächsten zu einer unangenehm klebrigen Angelegenheit werden, aber er fühlt sich angenehm schläfrig und hätte nichts dagegen, in dieser eigentlich unbequemen Position für eine Weile wegzudösen, doch dann hört er einen gedämpften Laut und fühlt, dass Ringos Schultern zu zucken beginnen wie bei einem heftigen Schluckauf. „Hey“, fragt er heiser in die Schwüle des Lagers hinein und öffnet mühsam seine Augen, „alles okay?“

Ringos Gesicht ist rosig und von einem dünnen Schweißfilm überzogen, und Easy weiß nicht, ob er seinen Freund jemals zuvor so gelöst erlebt hat. Ein ausgelassenes Kichern bricht aus ihm hinaus, und er schüttelt ungläubig den Kopf, als er Easy fragt: „Haben wir das gerade wirklich gemacht?“ Sein ehrliches Lachen ist so ansteckend, dass Easy einfach mitlachen muss. „Mh“, bringt er zwischen zwei Glucksern hervor, „das haben wir.“ Er ist selbst erstaunt darüber, wie sich die eigentlich so harmlose Situation zwischen ihnen entwickelt hat. „Zum Glück ist mittendrin nicht noch jemand einfach ins Büdchen reingekommen, so wie du vorhin.“

Ringo legt den Kopf in den Nacken und streckt sich, um Easy einen Kuss auf die Wange geben zu können, und meint dann nicht ohne Eigenlob in der Stimme: „Ich weiß, wo du den Zweitschlüssel aufbewahrst, und im Gegensatz zu dir habe ich daran gedacht, abzuschließen.“

Easy kann sich ein Augenrollen gerade so verkneifen. „Natürlich hast du das.“ Es war nur eine Frage der Zeit, bis Ringos unantastbares Selbstbewusstein wieder in den Vordergrund treten würde, doch er hat die leise Hoffnung, dass es sich zukünftig häufiger mit seiner sensiblen, nahbaren Seite abwechseln wird. „Bist nicht nur ‘n Experte im Regalaufbauen, sondern auch im Abschließen von Türen. Was wäre ich nur ohne dich?“ Er streicht Ringo liebevoll eine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn, woraufhin er Easys nicht ganz ernst gemeinte Frage zwar nicht beantwortet, aber ein zufriedenes Seufzen von sich gibt. Dann deutet er mit einem sanften Klaps auf Easys Oberschenkel an, dass dieser von seinem Schoß rutschen soll.

„Wenn wir noch lange so sitzen bleiben, haften wir aneinander fest“, erklärt er seine Geste und rümpft kurz die Nase, und Easy muss ihm zustimmen – sie sollten sich wirklich zumindest notdürftig säubern. Er erhebt sich ein bisschen schwerfällig und ahnt dabei, dass sich das Ziehen in seinen Waden am kommenden Tag in einen denkwürdigen Muskelkater verwandeln wird. „Hast du was da..?“, fragt Ringo beim Aufstehen, vage in Richtung seiner Hüftgegend gestikulierend, und Easy zeigt auf einen Karton in einer Ecke. „Da sind Servietten drin. 500er-Packs.“ Er beobachtet, wie Ringo vor der Box in die Hocke geht, und kann sich nicht anders helfen, als einen anerkennenden Blick auf dessen wohlgeformtes, sich unter seiner Trainingshose abzeichnendes Hinterteil zu werfen. Wenn er die vergangene halbe Stunde so Revue passieren lässt, dann gibt es selbst an derart heißen Tagen wirklich schlechtere Methoden zum Stressabbau. Er grinst leicht verträumt und fügt hinzu: „Damit du ab jetzt Bescheid weißt. Für die nächsten Male.“

Ein präzise geworfener, eingeschweißter Stapel Servietten trifft Easy an der Brust, doch wenn er Ringos verschmitztes Lächeln richtig deutet, dann ist auch er einem nächsten Mal alles andere als abgeneigt.

~fin~
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