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Glashausrambo

von Pimiento
Kurzbeschreibung
OneshotHumor, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
28.04.2018
28.04.2018
1
3.368
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28.04.2018 3.368
 
A/N: Ich hab ja eigentlich keine Zeit für sowas, aber manchmal brauch ich solche Abstecher, um den Kopf frei zu bekommen. Also, Bitteschön: Was Leichtes für Zwischendurch und wer auch immer sich hierher verirrt und das liest, dem wünsche ich viel Spaß und hoffe, es gefällt :)

Vorgegebene Sätze:
- Wenn ich doch nur nicht so schüchtern wäre, wäre ich ganz anders
- Doch bevor er den Stein werfen konnte, hielt ich ihn am Arm und küsste ihn
2 Sätze

Wer im Glashaus sitzt, sollte (nicht) mit Steinen werfen


ʘ


Wetten waren etwas Tolles.
Wenn man sie gewann.
Wenn man sie verlor, dann waren sie nicht ganz so toll.
Um nicht zu sagen, ziemlich... bescheiden.
Wobei man das auch wieder relativieren musste.
Ich fand es zum Beispiel wahnsinnig toll, dass ich die Wette verloren hatte und nicht der Einzige war. Noch toller fand ich, dass mein Leidensgenosse kein Anderer als Fabian war. Mein Traummann, mein Schwarm, der Gegenstand meiner schlaflosen Nächte und feuchten Träume. Wie oft ich mir schon vorgestellt hatte, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn er mich mit seinem muskulösen Körper ins Laken drückte und sich über mich hermachte, das ging echt auf keine Kuhhaut. Selbst auf eine Elefantenhaut hätte das schwerlich noch gepasst.
Also ja, man konnte getrost behaupten, dass ich übelst verknallt war. Was dann daran nicht toll war, hier zu sein? Hm, mal überlegen...
„Mann, Alex, jetzt beweg endlich deinen knochigen Hintern hierher und hilf mir dieses verreckte Tor aufzumachen, sonst schleif' ich dich an deinen Elefantenohren hierher.“
Ach ja, stimmt. Das war es. Fabian war ein Arsch vor dem Herrn. Ein Knackarsch zwar, aber ein Arsch.
Und ich? Nun, ich war kein Arsch, aber dafür am Arsch.
Ich fand ihn nämlich immer noch zauberhaft.
So schön, so perfekt, diese vollen Lippen, diese grünen Augen, die schwarzen Haare, seine breiten Schultern, sein höhnisches Grinsen... okay, halt. Streicht das Letzte.
„Sag mal, hast du dir schon die Trommelfelle mit deiner beschissenen Technomucke weggeblasen, oder warum hörst du nicht? Ich sag dir, ich mach den Scheiß hier nicht allein. Glaub nicht, dass ich den anderen nicht sage, was für ein Vollpfosten du bist, wenn wir das hier deinetwegen nicht durchziehen können.“
Ich liebte ihn.
Wirklich.
„Ich... ähm... tut mir leid. Ich war grade mit d-den Gedanken... woanders...“, stammelte ich mir einen ab und musste mich beherrschen meine Augen nicht auf seinen Schritt gleiten zu lassen. Zugegeben, meine Gedanken waren der reinste Pfuhl der Sünde, aber zu meiner Verteidigung: Hatte ich schon erwähnt, dass ich ziemlich untervögelt war? Um nicht zu sagen, ungevögelt.
Jep, ich war nicht nur am Arsch, ich war auch noch erbärmlich.
Tolle Kombi.
Genau das Richtige, um einen Traumtypen wie Fabian für sich zu gewinnen.
Oder auch nicht.
„Du kannst also denken? Wahnsinn, hätt ich nicht für möglich gehalten.“
Hey, Pluspunkt für mich, jetzt wusste er, dass ich denken konnte. Yeeha!
„Kannst du dann jetzt, wo ich deine ungeteilte Aufmerksamkeit habe, dich nützlich machen und mir helfen, das Tor aufzustemmen? Ich kann das nicht allein.“
Das holte mich dann doch ins Hier und Jetzt zurück, da diese Aufforderung bedeutete, dass ich ihm nahe sein könnte. Je näher, desto besser.
Wir machten uns also daran, mit vereinten Kräften das Tor aufzustemmen, das das Gewächshaus fest verschloss. Das war nämlich der Wetteinsatz gewesen. Die Verlierer müssten in eines der Gewächshäuser des Gerlke-Bauern einbrechen, der angeblich giftige Insektizide und Düngemittel verwendete, die regelmäßig über das Bestäubersystem auf die Setzlinge versprüht wurden, und diese Insektizide sollten wir mit Farbe versetzen. Mit Pink angemischter Lackfarbe, die nie wieder runtergehen und die gesamte Ernte ruinieren würde. Jeder von uns trug zu diesem Zweck einen nicht unerheblich großen Kanister im Rucksack mit sich herum, damit wir genug von der Farbe hatten und sie sich nicht zu sehr verdünnte.
Auf wessen Mist, der Wetteinsatz gewachsen war, war wenig überraschend. Wenn es eine Tusse in Fabia... in meiner Clique gab, die ich nicht mochte, dann war das unsere Frau Ist-das-vegan-und-Bio? Auf so eine Aktion konnte nur sie kommen.
War das legal?
Nein, absolut nicht, entsprechend ging mir auch der Arsch auf Grundeis. Was auch so der Hauptpunkt war, warum verlorene Wetten beschissen waren. Aber ich musste zu meiner Schande zugeben, dass ich nicht genug Mut hatte, um dagegen aufzubegehren. Es war mir erst vor zwei Monaten gelungen, die Aufmerksamkeit dieser Gruppe von Menschen, zu denen ich schon immer hatte gehören wollen, zu erregen und irgendwie langsam dazu zu gehören. Was ein wirklich tolles Gefühl war. Ich wurde hin und wieder zwar noch geärgert, was wohl normal war, immerhin war ich immer noch der Neue, aber es war trotzdem wunderbar, wenn man eine Nachricht über Whatsapp bekam, ob man abhängen wollte.
Das war Neuland für mich.
Vorher hatte mir nur immer mein bester Freund Mirko geschrieben. Der fand es ja auch nicht so prickelnd, dass ich jetzt neue Freunde hatte und wollte sie mir schlechtreden, aber da würde er sich die Zähne ausbeißen. Bei dieser Wette hätte ich jedoch vielleicht auf ihn hören sollen. Oder auch nicht.
Ich war immerhin mit Fabian hier!
Mit Fabian!
Mit Mister Auf-meinem-Arsch-kann-man-Nüsse-knacken, Herrgott nochmal!
Die Chancen noch einmal irgendwo mit ihm alleine zu sein, waren in etwas so hoch wie der Durchschnitts-IQ eines Trumpwählers. Ich hatte mir das daher wirklich nicht entgehen lassen können. Echt nicht.
Als wir das Tor endlich offen hatten, wurden wir sofort von diesem typischen Gewächshausgeruch nach Blumenerde und Moder begrüßt. Fabian ging – leider Gottes – wieder auf Abstand und ich sah mich etwas um. Scheinbar gab es keine Alarmanlagen oder Ähnliches, allerdings wunderte mich das jetzt auch nicht unbedingt. Wer brach denn schon in ein Gewächshaus mit Salatköpfen ein?
Eben.
Fabian schien die ganze Sache ziemlich schnell hinter sich bringen zu wollen, da er zielstrebig hinüber zu den Apparaturen lief, die mit den Rohren der Bewässerungsanlage verbunden waren und sich dort mit der mitgebrachten Taschenlampe umsah. Ich blieb wo ich war, mitten vor den ewig langen Reihen an Salatköpfen und trat von einem Bein aufs andere. Jetzt waren wir schon drinnen und bald schon wieder draußen und es war Schwachsinn, aber ich hatte das Gefühl, dass mir die Zeit davon lief. Erst mal wieder draußen, wäre meine Chance vorbei.
Wobei, welche Chance eigentlich?
Fabian war, soweit ich wusste, hetero, aber selbst dann wäre es schön gewesen, ihn etwas näher kennen zu lernen und ihn davon überzeugen zu können, dass ich eigentlich ganz in Ordnung war. Nur, ich war schüchtern wie Sau. Ich bekam ja im Normalfall schon kaum einen geraden Satz heraus, wenn ich mit jemanden sprach den ich nicht gut kannte, wenn derjenige dann aber auch noch aussah wie ein vom Olymp herabgestiegener Sexgott? Ja, da verwandelte sich meine Schüchternheit in ein Biest und stellte sich zähnefletschend vor mich, damit ich auch ja nicht die Möglichkeit erhielt, diesen Sexgott näher kennen zu lernen. Danke auch.
Mirko hatte ja oft versucht mit mir zu trainieren. Wie man andere Menschen ansprach, wie man selbstbewusster wurde und mehr aus sich herausging. Hatte nicht viel gebracht. Kurz versank ich wieder in Gedanken und in die Erinnerung daran und strich mir über die Arme. Obwohl ich einen dicken Pullover trug, fröstelte mich plötzlich.
Vor drei Stunden erst, bevor ich mich mit Fabian getroffen hatte, um unsere Wettschuld einzulösen, da hatte er noch versucht es mir auszureden. Wir hatten uns richtig hoch geschauckelt, in Rage geredet und er hatte mir vorgehalten, dass ich mich für diese Clique vollkommen verleugnen und sogar kriminell werden würde.
Mirkos Blick, als ich ihm schließlich in einem Anflug von Frustration entgegen geschrien hatte: „Was bleibt mir denn sonst übrig? Wenn ich doch nur nicht so schüchtern wäre, wäre ich ganz anders“, war mir wirklich unter die Haut gegangen. Noch mehr jedoch seine Worte, die diesen Blick unterstrichen hatten: „Ja, das befürchte ich auch.“
Diese Worte waren mir nicht nur unter die Haut gekrochen, sie hatten sich in meine Blutbahn gefressen und zirkulierten nun durch mein ganzes Sein. Ich wollte Mirko nicht vor den Kopf stoßen, aber ich wollte auch dazu gehören. Wieso also war er so vehement dagegen? War es denn verkehrt, Freunde zu haben und nicht immer der Komische zu sein, der in der Pause alleine mit seinem nerdigen Freund herumsaß?
War das wirklich so schwer zu verstehen?
Fabian holte mich – wieder einmal – äußerst charmant aus meinen Gedanken.
„Alter, jetzt stehst du schon wieder wie bestellt und nicht abgeholt in der Gegend herum und starrst Löcher in die Luft! Mach hinne! Ich will nicht mehr hier sein, wenn jemand merkt, dass das Tor offen ist.“
Gehorsam trottete ich zu ihm hinüber und nahm den Rucksack ab, um den Kanister mit der Farbe hervor zu holen. „H-hast du...“, setzte ich an, räusperte mich und fuhr dann fort: „Ähm... hast du gefunden, wo man die F-farbe reinfüllen muss?“
„Jep.“
Ich richtete mich wieder auf und stellte den Kanister auf einen Tisch, der in der Nähe des Tanks mit den Pestiziden stand und wandte mich wieder zu Fabian um. Der hantierte an den Rohren herum und schien auch das gefunden zu haben, was er suchte, da er einen Deckel irgendwo aufdrehte und mir winkte. Ich schnappte mir daher den Kanister wieder, brachte ihn zu ihm und gab ihm unsere heiße Ware.
Es ging alles erstaunlich reibungslos. Fabian kümmerte sich darum, dass die Lackfarbe mit Hilfe des mitgebrachten Trichters auch dort landete, wo sie sollte und ich leuchtete ihm mit der Taschenlampe.
Wir waren gerade damit fertig und verstauten die nun leeren Kanister in unseren Rucksäcken, als wir etwas am Eingang hörten. Wir sahen uns kurz erschrocken an und hielten uns komplett still, um keine Geräusche zu verursachen. Da war jemand am Tor.
Schnell warfen wir uns unsere Rucksäcke auf den Rücken, doch eh wir uns versahen, konnten wir nur noch hilflos zusehen, wie jemand von außen das Tor schloss, einen Riegel vorschob und uns damit einsperrte. Wir waren gefangen.
Fabian rastete förmlich aus.
„Was soll das denn für eine verfickte Scheiße sein? Alter!“, fuhr er auf und hastete zum Tor, um daran zu rütteln, aber es bewegte sich keinen Millimeter. Ich stand einfach nur ziemlich belämmert in der Gegend herum und starrte abwechselnd auf meinen tobenden Begleiter und den Tank, den wir gerade mit Lackfarbe versetzt hatten. Wenn wir hier nicht mehr herauskamen und bis morgen früh hier festsaßen, dann würde uns mehr als nur ein Donnerwetter blühen, sobald uns der Bauer finden würde. Das hier war unbefugtes Betreten und wahrscheinlich auch Vandalismus, oder was auch immer. Ich war zwar noch keine achtzehn, Fabian aber schon und so wie ich diesen Bauern einschätzte, würde der bestimmt nicht zögern uns das letzte Hemd vom Körper zu klagen. Selbst nach Jugendstrafrecht würden wir eine gehörige Strafe bekommen und unsere Eltern würden uns dermaßen die Hölle heiß machen, dass wir es selbst in Sibirien noch mollig warm hätten.
Scheiße, Mann.
Mir war plötzlich gar nicht mehr gut, aber so wirklich in meiner niederschmetternden Erkenntnis versinken konnte ich dann auch wieder nicht. Da stand nämlich immer noch ein Gift und Galle spuckender Fabian am Eingang und schien langsam wirklich auszurasten.
„Ähm, Fabian, ich d-d-denke, w-w-wir sollten uns jetzt erstmal b-beruhigen.“, versuchte, ich ihn etwas runter zu bekommen. „L-lass uns lieber überl-l-legen, w-w-wer das war.“
„Es interessiert mich gerade einen Scheißdreck, wer das war!“, fuhr er mich an und drehte sich wutentbrannt zu mir um. Im Reflex zuckte ich zusammen und wich auch ein paar Schritte zurück, als er immer noch fuchsteufelswild auf mich zu kam.
„Diese Arschratten haben uns das eingebrockt, jetzt sitzen wir hier drinnen fest, wir haben nix zum Saufen, nix zum Fressen, nix zum Pennen und außerdem haben wir in ein paar Stunden die Bullerei an der Hacke! Auf so'n Scheiß hab ich echt keinen Bock, Mann! Ich will verdammt nochmal hier raus.“
Er war direkt vor mir stehen geblieben und sah mich mit einer Mischung aus Wut, Panik und Verzweiflung an. Es schien ihm wirklich nicht zu gefallen, dass wir hier feststeckten. Gut, mir gefiel es ja auch nicht. Weshalb ich ihm einen Vorschlag unterbreitete.
„Wir haben d-doch d-die Handys dab-b-bei. Lass uns wen anrufen. Irgendjemand wird uns schon hier rausholen.“
„Ach, wer denn? Unsere Eltern vielleicht? Ich mag zwar achtzehn sein, aber wenn mein Alter von der Aktion hier Wind bekommt, sitz ich in einem Boot Camp in den Staaten, bevor du 'Militärscheiße' sagen kannst.“
„Äh... ne, ich m-mein, w-wir k-können doch d-die Anderen anrufen“, stotterte ich mir ordentlich eingeschüchtert einen ab.
„Die haben uns doch erst in diese Lage gebracht. Oder was meinst du, wer hier mitten in der Nacht rum schleicht außer uns und uns hier einsperrt? Donald Trump vielleicht?“
Als er mir das um die Ohren haute, zuckte ich tatsächlich zurück. War das möglich? Irgendwie konnte ich es nicht glauben, aber andererseits, wieso auch nicht? Er kannte die Leute schon länger als ich und wenn er es für möglich hielt, dann war vielleicht auch was dran.
Ich hätte natürlich Mirko anrufen können, aber der hätte mir wahrscheinlich den Arsch aufgerissen, wenn ich ihn um zwei Uhr morgens angerufen hätte, damit er mich herausholt. Und zwar nicht auf die spaßige Art. Gut, die konnte ich mir bei meinem besten Freund eh nicht vorstellen. Das war wie erotische Gedanken über meinen kleinen Bruder. Ging gar nicht. Das war krank.
Fabian hingegen, der hätte mir gerne in jeder erdenklichen Form den Hintern versohlen dürfen. Und so wie der gerade vor Wut kochte, war das sogar im Rahmen des Möglichen. Ach, was wär das schön...
Ich riss mich jedoch gleich wieder zusammen, als ich sah, dass er plötzlich einen Stein in der Hand hielt. Wo auch immer er den plötzlich her hatte.
Er warf den Stein ein paar Mal hoch und runter und ging damit auf eine der äußeren Scheiben des Gewächshauses zu. Das würde der doch nicht wirklich machen, oder?
Ich lief zu ihm hinüber und stellte mich vor ihn, in der Hoffnung, dass ihn das davon abhalten würde, den Stein wirklich zu werfen. Wenn er das täte, würde garantiert jemand auf uns aufmerksam werden. Naja, oder die Wand war nicht aus Glas, sondern aus Plexi, dann würde der Stein wahrscheinlich postwendend zurückkommen und ihm an die Stirn knallen. Wobei, das wäre möglicherweise gar nicht mal so schlecht. Wenn er erst mal bewusstlos war, würde er sich nicht mehr wehren können...
Pfui! Aus! Böser Alex.
Was dachte ich denn da eigentlich? Gott, ich war langsam echt verzweifelt.
Vielleicht mochte das meine nächste Reaktion erklären, die nur aus einem Zustand geistiger Umnachtung heraus zustande kommen konnte. Er holte nämlich tatsächlich aus, doch bevor er den Stein werfen konnte, hielt ich ihn am Arm und küsste ihn.
Einfach so.
Joa.
Ich war irre. Und tot. So was von.
Fabian würde mich mit dem Stein in seiner Hand sicherlich erschlagen.
Aber Scheiße, fühlte sich das gut an. Seine Lippen waren warm, weich und ein bisschen trocken. Aber nur ein bisschen. Aber vor Allem waren sie vollkommen regungslos.
Der ganze Kuss konnte nicht mehr als eine Sekunde gedauert haben, aber für mich fühlte es sich wie ein ganzes Leben an. Jetzt konnte ich wirklich selig sterben. Und das konnte ich nicht nur, das wollte ich jetzt auch, ganz unbedingt. Sofort bitte.
Wie scheiße peinlich war das denn bitteschön?
Ich hatte verdammt nochmal den heißesten Typen im ganzen Landkreis geküsst. Nachts. Mitten in einem Gewächshaus.
Wo war das Erschießungskommando, wenn man es mal brauchte? Ersatzweise hätte Fabian mir jetzt aber auch einfach den Stein in seiner Hand auf den Kopf deppern können. Mit Glück würde er mir den Schädel zerschmettern. Mit weniger Glück würde ich wenigstens auf jeden Fall K.O. gehen und das wäre schon besser als meine momentane Situation.
Fabian starrte mich nämlich einfach nur an. Aus großen, im spärlichen Licht dunkel wirkenden Augen starrte er mich einfach nur an und schien nicht so recht zu wissen, welcher unheilige Teufel mich da gerade eben geritten hatte. Tja, wenn ich das nur selbst wüsste.
Langsam ließ er seine Hand mit dem Stein sinken und starrte mich immer noch an. Hinter seiner Stirn mussten die Zahnräder gerade nur so rattern oder aber es herrschte gähnende Leere. So wie bei mir. Mein Kopf war gerade ziemlich verwaist.
Ein dumpfes Geräusch ließ mich regelrecht zusammen zucken. Es war der Stein, den Fabian hatte fallen lassen. Wie bei einem rettenden Strohhalm nagelte ich meinen Blick auf diesen Stein und versuchte so seinem Blick auszuweichen.
Warum zum Henker sagte er nichts mehr? Gerade eben hatte er ja noch Gezeter wie ein altes Waschweib. Und jetzt war er so stumm, dass es mir fast unheimlich wurde. Ich war hier allein, eingesperrt, mit einem Kerl, den ich einfach so geküsst hatte und von dem ich nicht wusste, ob er mich gleich auf den Boden werfen und a) vögeln oder b) erwürgen würde. Nur so als Anmerkung: ich war für Option a).
Vielleicht lag es aber auch an mir, etwas zu sagen?
Naja, immerhin war ja ich derjenige, der den Verstand verloren hatte. Vielleicht hatte er ja gerade Angst vor mir? Möglicherweise glaubte er ja, dass ich einer dieser Jungen war, die immer leise und unauffällig waren und dann irgendwann Amok liefen. Was ich mit Sicherheit auch irgendwann getan hätte, wenn ich nicht Mirko und eine wundervolle Familie gehabt hätte. Vielleicht sollte ich also wirklich etwas sagen?
„Ähm... sorry... das war... hm... dumm. Tut mir leid. Ich w-wollte nicht... also...“
„Halt's Maul“, unterbrach Fabian mich und ich zuckte zusammen. Seine Stimme war nicht laut, nicht zornig, nicht angewidert, sie war gar nichts. Sie war vollkommen tonlos und dabei trotzdem dermaßen schneidend, dass ich Gänsehaut bekam. Trotz dicken Pullis.
Aber scheinbar hatten meine Worte, seine Starre gelöst, da er sich nach dem Stein bückte, ihn wieder aufhob und ihn in der Hand wog. Er kam einen Schritt auf mich zu, sah mich mit zusammen gekniffenen Augen an und sorgte dann dafür, dass meine Welt aus den Fugen geriet.
Er vergrub die Finger seiner freien Hand in meinen Haaren, riss meinen Kopf nach hinten und drückte mir seine Lippen grob und fordernd auf den Mund, so dass ich erschrocken keuchte, was er ausnutzte. Er hielt sich nicht lange auf, schob mir seine Zunge in den Hals und ich wusste nicht, ob ich gleich ohnmächtig werden oder kreischend weglaufen sollte. Oder ihm nicht vielleicht doch im nächsten Augenblick um den Hals fiel und ihn anbettelte, mich ins Nirvana zu vögeln. Meinetwegen auch zwischen Salatköpfen.
Bevor allerdings irgendetwas davon geschehen konnte, ließ er mich wieder los und biss mir noch einmal in die Unterlippe, bevor er raunte: „Halt dich lieber von mir fern, Alex. Du weißt nicht, worauf du dich da einlassen würdest. An mir würdest du dir nur die Finger verbrennen, oder noch mehr.“
Mit diesen Worten schob er sich an mir vorbei, holte aus und warf den Stein mit ordentlich Karacho gegen die Scheibe.
Es knirschte und schon rieselten jede Menge kleine Splitter zu Boden.
Also doch Glas. Wer zum Henker baute heutzutage noch Gewächshäuser aus Glas?
Und warum zum Teufel fragte ich mich ausgerechnet das? Ich war gerade eben verdammt nochmal vom heißesten Knackarsch dies und jenseits des Rheins geküsst worden. Scheiß die Wand an, das musste ich Mirko erzählen.
Fabian drehte sich nochmal zu mir um und während er sich rückwärts auf den Weg nach draußen machte, rief er mir noch zu: „Sieh zu, dass du von hier verschwindest, sonst kriegt der Bauer dich ganz allein an den Eiern. Glaub nicht, dass ich für dich aussagen werde.“
Und mit diesen Worten drehte er sich um und lief los.
Zurück blieb ich und konnte ein paar sträflich dumme Minuten einfach nur auf das zersplitterte Glas starren und wie von einer magischen Schnur gezogen, setzte ich mich in Bewegung und verließ das Gewächshaus.
Die Taschenlampe, die ich vorhin hastig in meine Hosentasche geschoben hatte, half mir nun, das zu finden, was ich suchte.
Vorsichtig, um mich nicht an den Scherben zu schneiden, fischte ich diesen unscheinbaren Stein aus dem zersplitterten Glas und sah ihn nachdenklich an. Was ein popeliger Stein so alles bewirken konnte...
Kurzentschlossen steckte ich ihn in die Hosentasche.
Und dann lief ich los.
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