Children of Eos

GeschichteHumor, Freundschaft / P12
Gladiolus Amicitia Ignis Scientia Noctis Lucis Caelum Prompto Argentum
28.04.2018
27.05.2019
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For the person I truly love


***


Wohlig erstreckte sich das Licht der Sonne über Cleigne und wärmte die Morgenstunden angenehm auf. Seichter Wind fuhr durch die Bäume, streichelte über den Vesperspiegel und trieb somit Wogen über die glitzernde Wasseroberfläche. Eine Riesenkröte hatte es sich nahe des Wassers gemütlich gemacht und beobachtete aus leicht geöffneten Augen die Umgebung. Außer friedlich zwitschernden Vögeln war jedoch weit und breit nichts Auffälliges zu sehen.

Vorausgesetzt man übersah den jungen Mann, der gebeugt im Wasser stand und einer Salzsäule gleich erstarrt war. Wie die Kröte am Ufer, wartete er, dass sich etwas tat. Nur eine einzige, ganz winzige Kleinigkeit... Er öffnete alarmiert die Augen, als er einen Schatten sah, der sich langsam auf ihn zubewegte. Er war nicht sonderlich groß, aber groß genug, um ein schwieriger Fang zu werden.

Jetzt bloß nicht voreilig handeln, dachte er und sah auf seine Hände, die er krallenartig vor sich im Wasser hielt. Er hatte nur einen Versuch. Einen einzigen Versuch das Grollen, das ihm jedes Mal aufs Neue Schauer über den Rücken jagte, ein für alle Mal zu beenden. Knurrende Mägen. Er seufzte innerlich. Ein für alle Mal... Bei so einem kleinen Kerlchen wohl eher nicht.

Natürlich kamen die Ausgewachsenen Fische nicht so nah ans Ufer. Je weiter er ins Wasser ging, desto langsamer konnte er sich bewegen, also musste er sich mit diesem hier zufriedengeben. Je näher das Tier kam, desto sicherer war er, dass es sich um einen sehr jungen Arapaima handelte. Er war nicht mal halb so groß, wie ein Ausgewachsener seiner Art. Er musste nur im rechten Moment einen seiner Langdolche beschwören. Der junge Mann senkte den Kopf etwas, sah über die Ränder seiner Brille hinweg und...

»Hab ich dich!«, knurrte er und packte den Fisch, der sich sofort mit all der ihm zur Verfügung stehenden Macht gegen den Griff wehrte. Ignis hatte zunächst Schwierigkeiten das Tier in Richtung Ufer zu ziehen, doch es war leichter, als er angenommen hatte. Als der Fisch schon keine Möglichkeit mehr hatte davonzuschwimmen, beschwor der junge Berater einen seiner Langdolche und rammte das untere Ende des Griffes auf den Kopf des Arapaimas. Die Bewegungen des Fisches stoppten abrupt, woraufhin Ignis seinen Dolch zum Kiemenschnitt ansetzte. Helle Funken umgaben das Tier für einen Moment und Blut verteilte sich im Wasser. Ignis schnaufte. Jetzt nur noch ausbluten lassen.

Es dauerte eine Weile, bis er durch den schlammigen Boden zurück ans Ufer stapfte, warf der Kröte einen Blick zu, die müde zurücksah. Er hob kurz die Hand und trat dann seinen Rückweg an. Bei den heiligen Sechs! Wieso verabschiede ich mich von einer Riesenkröte?

Schon als er die in den Felsen geschlagenen Stufen erklomm, hörte er Gladio, der sich lauthals über etwas lustig machte oder eher jemanden. Ignis blieb stehen und lauschte dem regen Treiben auf der schützenden Plattform. Die heiligen Runen der Kannagi, die Siecher fernhielten, schimmerten bläulich.

»Komm schon! Du solltest es hinkriegen ein kleines Feuerchen zu machen«, sagte Gladio. Ignis hörte einen Campingstuhl knarren. »Stell dir nur vor... Wir verlieren uns und du hast mich nicht dabei. Kein Feuer für dich.«


»Jaha...«, grummelte Prompto, der den Geräuschen nach zu urteilen vor der Feuerstelle hockte und verzweifelt versuchte die trockenen Äste und Blätter in Brand zu setzen. »Würdest du deinen Schildjob machen? Wegen dem Wind und so?«

»Nö. Wenn du alleine bist, kann ich das auch nicht.« Der Stuhl knarzte wieder. Ignis blickte auf den Fisch und legte den Kopf schief. Wo er Recht hat... Ignis war sich nur nicht sicher, ob Prompto auf diese Weise das Feuermachen lernte. Er nickte sich selbst zu und betrat das Refugium. Er hatte sofort das Gefühl sicher zu sein, den Runen sei Dank. Betrachtete er allerdings das Katastrophen-Duo, bestehend aus Gladio und Prompto, würde er sogar neben der Riesenkröte mehr Ruhe haben, um abgefallene Knöpfe wieder anzunähen.

Prompto sah auf, als der Fisch mit einem lauten Flatsch neben ihm landete und legte den Kopf schief: »Du bist nass, Iggy.«

»Ist mir gar nicht aufgefallen«, gab der Berater zurück und griff nach dem Beutel, den Gladio ihm bereits entgegenhielt. Prompto grinste und piekste mit einem Stock gegen den schuppigen Bauch des Arapaimas. Der war definitiv tot. Er sah zu Ignis, der sich wieder vom Refugium entfernte, blickte dann zu Gladio: »Mit den bloßen Händen! Wie cool!«

Ignis lächelte in sich hinein und begann sein nasses Hemd aufzuknöpfen. Ins Zelt zu gehen wäre ihm natürlich lieber gewesen. Doch so schmutzig, wie seine Hose; trotz dessen, dass er sie hochgekrempelt hatte; und seine Füße waren, hatte er keinen weiteren Gedanken daran verschwendet. Seine Schuhe hatte er schon als er zum "Fischen" rausgegangen war, am Zelt stehen lassen. Es wäre eine Schande gewesen damit ins Wasser zu steigen.

Immerhin... Muss ich nur zwei hungrige Bäuche vollkriegen. Ignis zog seine nassen Klamotten aus und breitete sie über den sonnengewärmten Felsen aus. Solange sie noch am Vesperspiegel waren, konnte er sie getrost dort liegen lassen. Nachdenklich zog er die frischen Klamotten an und steckte das Hemd ordentlich in die Hose. Die Ärmel krempelte er hoch; denn gleich würde er den Fisch zerlegen. Schnell stieg er wieder auf runde Steinplattform und stemmte die Hände in die Hüften. Er war sich nicht sicher, ob es eine außerordentlich gute Idee war Noctis alleine nach Leide fahren zu lassen.

Die Diskussion war ellenlang und hitzig gewesen, bis letztendlich dem der Geduldsfaden gerissen ist, von dem Ignis es am wenigsten erwartete. Prompto hatte eine Phiole in ihr Lagerfeuer geschmissen, deren Inhalt sich als mächtiger Eisrazauber entpuppte und aus allen für einige Minuten bibbernde Eiszapfen machte. Eigentlich dachte er, das Thema wäre damit gegessen.

Der Grund, wieso sie überhaupt so weit im Nordwesten waren, war nicht nur das Königsgrab. Wiz hatte sie angerufen und über einen schwarzen Chocobo berichtet. Prompto war natürlich sofort Feuer und Flamme gewesen. Schwarze Chocobos gab es nur selten. Da sie sowieso in der Gegend waren, sagten sie Wiz ihre Hilfe zu. Ignis hatte das tote Tier gefunden, auf dem Absatz kehrt gemacht und die Gruppe zurückgedrängt. Er wollte dem Jüngsten den Anblick des von Wildtieren gerissenen Reitvogels ersparen. Ein Lichtblick aber war das Ei, dass sie in einem abseits gelegenen Nest gefunden hatten.

Ignis seufzte. Der Gedanke, dass Noctis alleine war, bereitete ihm Bauchschmerzen. Die Tatsache, dass er ungeschützt war, ließ ihn schwer schlucken. Hätte er mich doch nur nicht angelogen... Soviel zu „Ich geh mal schnell in die Büsche“. Murmelnd öffnete er seine Messertasche, die auf dem Tisch neben dem Grill lag und nahm eines heraus.

»Du bist trocken, Iggy«, lachte der Blonde und ließ den Kopf in den Nacken fallen, damit er den Berater ansehen konnte. Ignis hob eine Augenbraue und tat dem Jüngeren den Gefallen und vervollständigte den Witz: »Ist mir gar nicht aufgefallen.« Prompto jubelte und klopfte auf Ignis' Knie. Er nahm wieder seine Arbeit an der Feuerstelle auf. Gladio beobachtete ihn und stand gespannt auf, als er Funken springen sah.

»Geht doch«, grinste der Älteste mit ein bisschen Stolz in der Stimme. Stolz darauf, dem Schützen das Feuermachen beigebracht zu haben. Prompto blickte in die Flammen, die sich langsam ihren Weg durch das zur Pyramide aufgestellte Holz fraßen. Er mochte es, wenn das Holz knisterte. Vor allem würde er den Fisch mögen, den sie gleich darüber grillen würden.

»Bevor ich ans Ufer gegangen bin, habe ich mich um die Chocobos gekümmert«, sprach Ignis, während er den Arapaima zerlegte. Wenn wir gegessen haben, sollten wir uns auf den Weg machen.« Keiner antwortete. Gladio brummte nur, sah zu Prompto, der den Mund verzog und den Kopf zur Seite drehte. Ignis wunderte sich nicht darüber, dass keiner etwas sagen wollte. Sie alle waren ein bisschen traurig, etwas sauer, aber am meisten enttäuscht.

»Was bitte wäre so anders gewesen, wenn wir heute einfach gemeinsam gefahren wären?«, fragte Prompto doch nach einer Weile und sah zu Ignis. Der Berater steckte mehrere kleine Filets auf die Halterung, die er später übers Feuer schieben würde. Er sah über seine Brillengläser hinweg zu Gladio, der sich nachdenklich durch den Bart fuhr und schließlich schulterzuckend schnaubte: »Vielleicht braucht seine königliche Hoheit ein bisschen Zeit für sich.«

»Ja und deshalb begibt er sich in Lebensgefahr und wir sitzen hier und grillen Fisch.« Prompto zupfte an seiner Weste und begann an seiner Unterlippe zu nagen. Das tat er immer dann, wenn er sauer war oder sich unwohl fühlte. »Ich weiß, bis wir mit den Chocobos nachgekommen sind, ist er wieder weg, aber...« Er brach ab und schüttelte den Kopf. »Zwecklos sich aufzuregen!« Mit einem Lächeln im Gesicht stand er auf und deutete mit dem Daumen hinter sich. »Ich geh mal für kleine Promptos.«

»Er ist verdammt sauer«, brummte Gladio, nachdem Prompto sich weit genug entfernt hatte. »Ist doch bekloppt, dass er das in sich reinfrisst.«

»Ich weiß.« Ignis setzte sich auf einen der Stühle und sah zu, wie Gladio ein paar Kohlestücke aus ihrem Vorrat in die Feuerstelle legte. Für den Fisch brauchten sie ausreichend Hitze. »Es war auch reichlich sinnfrei von Noctis und... verantwortungslos von uns.« Der Berater wischte sich die Hände an einem Tuch ab und hängte es dann über die Lehne seines Campingstuhls. »Aber vielleicht zeigt es uns auch, dass Noct kein kleines Kind mehr ist.«

»Das kannst du der fetten Kröte am Ufer erzählen«, brummte Gladio und hob die Hände zu einer resignierenden Geste. »Wir sollten uns einfach so bald wie möglich aufmachen, um nicht noch mehr Zeit zu vertrödeln. Vielleicht sind wir sogar vor ihm da, dann können wir schon mal ein bisschen aufräumen.«

»Aufräumen?«, fragte Prompto ächzend, als er sich mühevoll die Felsen hochzog. Gladio runzelte die Stirn. Wäre ja nicht einfacher gewesen außen herum zu gehen und die Treppe zu nehmen... Er schüttelte den Kopf und sah den Blondschopf an: »Ich meinte im Malmalam-Wald.«

»Eww... Gibt's da nicht Insekten?«, grummelte Prompto und sogleich ergriff ihn ein eiskalter Schauer. »Diese... urgh... Riesigen?« Er streckte seine Arme aus und knickte die Hände leicht ein, um die Größe der Monster näher zu definieren. »Und was ist mit Siechern?«

»Mach dir doch nicht jetzt schon ins Hemd«, lachte der Älteste und warf einen Blick zur Glut. »Die Dinger sind genauso schnell Matsch, wie jede normale Fliege auch und Siecher sind nicht das Problem. Außerdem hast du doch genügend Erfahrungspunkte gesammelt.« Gladio zwinkerte ihm zu und zauberte ein Lächeln in das sommersprossige Gesicht.

Ignis rückte zufrieden das Metall mit dem Fisch übers Feuer und blickte gen Himmel. Sie sind ja ausnahmsweise mal friedlich... Auch wenn mir nicht gefällt, dass es an Nocts überstürzter Entscheidung liegt. Er rückte seine Brille etwas nach oben, sah erst zu Prompto, der sich entschieden hatte an seinem Smartphone zu spielen und dann zu Gladio. Der Blick des Schildes, der auf den Fischfilets lag, war ruhig. Dennoch konnte der Berater die stete Wachsamkeit in den bernsteinfarbenen Augen sehen. Obwohl wir im Refugium sicher sind.

***


»Wer ist ein gutes Mädchen? Jaaaa!« Prompto legte seine Arme um den Hals seines Chocobos und vergrub seine Finger in den weichen Federn. Das Tier gab ein zufriedenes "Kweh!" von sich und senkte den Schnabel auf den Kopf des Schützen. Vergnügt wuschelte er durch die abstehenden Federn und befreite sich aus der "Umarmung". Dunkle, fast schwarze Augen trafen auf ein blaues Paar und ein Stoß mit dem Kopf gegen die Brust des Blonden folgte.

»Wieso heiratet ihr nicht?«, schlug Gladio belustigt vor, als Prompto zu seinen Freunden lief. Er verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf: »Du wärst bestimmt neidisch drauf.«

Ignis blickte auf seine Uhr und seufzte. Vor einigen Minuten hatte er die Nachricht erhalten, dass Noctis erst später eintreffen würde. Immerhin sagt er Bescheid... Er drehte sich zu Gladio, der neckend einen Kussmund formte und die hochoffizielle Melodie der Königshochzeit summte. Prompto trabte grinsend neben ihm her und ließ warnend seine Fingergelenke knacksen.

Der Ritt vom Vesperspiegel bis zum Malmalam-Wald war reibungslos verlaufen. Sie hatten die Campingausrüstung auf alle drei Vögel aufgeteilt. Gladio hatte seinem Chocobo die schwereren Sachen aufgeschwatzt, womit das großgewachsene männliche Reittier kein Problem zu haben schien.

»Zutritt für Jäger verboten.« Prompto verschränkte die Arme und sah zu Ignis. »Sind dann jetzt die Jäger-Jäger gemeint oder wir auch? Weil wir sind ja mehr so die Schatzsucher-Jäger.«

»Wir jagen doch keine Jäger, also nix Jäger-Jäger«, brummte Gladio schulterzuckend und betrachtete das kleine Holzschild. »Und Schätze sind ja wohl auch Fehlanzeige.«

»Gladio, bitte-« Ignis brach ab, als es laut krachte und drehte sich weg. Prompto brüllte vor Lachen, nachdem er erschrocken zur Seite gesprungen war. Gladio stemmte zufrieden die Hände in die Hüften: »Hier gibt's doch gar keine Schilder.«

»Na ja...«, kicherte Prompto und wischte sich Lachtränen aus den Augen.

»Meine Mehrzahl ist Schilde!«

»Noch mehr Gladios? Oder sind das dann Gladiolusse?«

Ignis rieb sich über die Stirn und sah den beiden nach, die schreiend den Berg hochhasteten. Manchmal fand er ihre Kindereien recht albern, aber meistens war es ganz witzig zuzusehen. Außerdem war es ein gutes Gefühl, dass sie manchmal so unbeschwert waren. Als wäre Insomnia nie gefallen.

Ignis betrachtete das hölzerne Schild, das Gladio mit Leichtigkeit niedergetreten hatte. Irgendwas in ihm wünschte sich, dass er es wieder aufstellte. Mit einem Blick zu seinen Freunden, die gerade auf den Boden stürzten, würde er dafür jedoch kaum Zeit haben. Schnaubend verdrehte er die Augen. Die paar Sekunden machen es jetzt auch nicht wett. Schnaubend nahm er das morsche Holz und drückte es neben dem abgebrochenen Teil wieder in den Boden. So ist es gut sichtbar.

Besorgt lief er den - meinen - Quatschköpfen nach. Er sprach sich eine gewisse Verantwortung für sie alle zu. Der Prinz stand, was das anging, natürlich immer auf einem Extrablatt. Nur wenn er manchmal beobachtete, wie Gladio und Prompto sich kabbelten, trieb ihm der Gedanke von Knochenbrüchen Schweiß auf die Stirn.

»Iggy! Hilfe!«, schrie Prompto lachend und fuchtelte Gladios Hände weg, die sich unter lautem Gebrüll in seine Seiten bohrten.

»Ich würde es bevorzugen, wenn ihr euch konzentriert", sagte der Berater ernst und nahm seine Brille ab, um einen Fleck wegzuwischen. Gladio drehte den Kopf zur Seite und starrte Ignis einige Sekunden lang an. Der Brillenträger wich einen Schritt zurück: »Wag es ja nicht, Amicitia!«

»Komm her«, rief der Älteste von ihnen und sprang sofort auf. Bedrohlich schritt er auf Ignis zu, der sich seine Brille wieder aufsetzte und den Kopf schüttelte: »Gladio, wir haben keine Zeit für so viel Unfug.«

»Fnööööt, langweilig!«, rief Prompto und rieb sich die Seiten.

»Ach, er hat ja Recht«, brummte Gladio. Er zuckte mit den Schultern und drehte sich zur Pforte, die in den Wald führte. »Weißt du Prompto... Wir machen das einfach später, wenn er sich sicher fühlt.«

»Au ja!«

»Ich kann euch hören!« Ignis sah zwischen den beiden hin und her. Prompto grinste schief und deutete in einer übertriebenen Geste zum Wald und rannte voraus: »Abenteuerzeit!«

»Besorgt wegen Noctis?«, fragte Gladio mit gedämpfter Stimme und klopfte Ignis auf die Schulter. Er nickte nur und kräuselte die Lippen: »Und um die fehlende Kampfkraft.«

»Uns passiert schon nichts«, grinste der Ältere selbstsicher und deutete mit dem Daumen auf sich selbst. »So schwach sind wir nun auch wieder nicht.«

»So viel ist über den Wald nicht bekannt...«

»Und? Dann schreibst du eben ein Buch darüber, wenn wir wieder draußen sind!« Gladio schnickte einen Käfer von dem Jackett des Brillenträgers und lief dann mit schnellen Schritten in den Wald.

Auf dass die Götter deine Worte erhören, dachte Ignis, der seine Sorge gewiss nicht ablegen konnte und betrat den Malmalam-Wald.

Er hatte das Gefühl, dass alles um ihn herum eigenartig still wurde. Wie Dunkelheit, die das Licht verschluckt. Ignis drehte bei fast jedem Geräusch den Kopf. Er konnte es gut orten und merkte schnell, dass von vielem keine Gefahr ausging.

»Ist ja gar nix los hier«, murmelte Prompto und verzog den Mund. »Ist doch seltsam. Bei Videospielen bedeutet das nie was Gutes. Entweder kommt von irgendwo der Ultraboss oder wenn man wieder rausgehen will kommt der Bösewicht!«

»Du spielst eindeutig zu viel an deinem Handy.« Gladio stieß Prompto, der erst kicherte, dann aber abrupt erstarrte und die Augen aufriss: »Ich hör Wespen...«

Gladio hob seine rechte Hand und von einer auf die andere Sekunde materialisierte sich ein Großschwert aus blauweißen Lichtsplittern. Die sollten nur herkommen, er würde ihre Chitinpanzer einen nach dem anderen brechen.

»Prompto, such dir einen Baum«, sagte Ignis in der Tonlage, die sie alle von ihm kannten, wenn er eine Kampfstrategie entwarf. »Von dort aus kannst du sicher schießen. Die Äste wachsen so dicht, dass keine der Rieseninsekten an dich herankommen.«

»Yessir!«

»Gladio-«

»Ja, ich weiß«, sagte der Älteste und machte sich bereit anzugreifen, als drei der übergroßen Insekten aus den Tiefen des Waldes geschossen kamen. Ignis hielt seine Hände auf und sogleich materialisierte sich eine Lanze aus dem Nichts. Sobald die Monster am Boden lagen, würde er auf seine Langdolche zurückgreifen. Vorausgesetzt Gladios vom Feuer beseelte Brennaere hatte sie bis dahin nicht schon getötet.

Ignis nahm den ersten Schuss aus Promptos Waffe als Startsignal und schickte die Lanze direkt auf das getroffene Insekt hinterher. Seine Waffe dematerialisierte sich und tauchte in seinen Händen wieder auf. Zu seinem Leidwesen gab es zu viel, was er über diese Monster nicht wusste.

Eine seiner Vermutungen war, dass sie unfähig waren Schmerzen zu verspüren. Durch den wuchtigen Stoß wurde das Insekt dennoch für einen kurzen Moment zu Boden befördert. Genug Zeit für Gladio die Flügel zu zerstören.

Eine der Fakten war, dass die Insekten anfällig auf Feuermagie waren, weshalb Gladio sich für die Brennaere entschieden hatte. Sein Nachteil war jedoch, dass er sich in den direkten Nahkampf begeben musste. Er konnte nicht aus der Ferne schießen oder seine Schwerter durch die Gegend schmeißen.

»Gladio!« Prompto versuchte auf eines der Insekten zu zielen, doch sie versprühten alle zum selben Zeitpunkt einen giftig grünen Nebel. Er würde nicht schießen können, solange er nicht genau sah, wo Gladio sich befand. Würden sie nicht mit im Kampf stecken, würde er lachen. Der Älteste rannte in die vollkommen falsche Richtung und schwang sein Schwert durch die Luft, als befände sich direkt vor ihm ein Monster.

»Nach links, Gladio! Nein, das andere Links!«, versuchte er ihm zu helfen, doch es brachte nichts. Murmelnd lud er seinen Revolver nach und schoss auf das am Boden krabbelnde Scheusal. Eins! Zwei! Drei! Und vier! Prompto spitzte zufrieden die Lippen, als das Vieh in sich zusammenklappte und nur eines der Beine ab und zu noch zuckte.

Ignis schüttelte den Kopf. Das ging einfach nicht schnell genug. Eigentlich waren die nur für Notfälle gedacht, aber... Er seufzte. Das ist ein Notfall. Mit einem kurzen Blick zu Gladio, der immer noch damit beschäftigt war die Luft zu verprügeln, materialisierte er eine Phiole in seiner Hand und warf sie geradewegs auf die übrigen Wespen.

Die Grade fielen bis in den Minusbereich. Frost legte sich über die Gräser, die Bäume erstarrten und ein bestialischer Sturm drehte in einem Wirbel um seine Quelle. Ignis hielt sich schützend den Arm vors Gesicht. Mit seiner freien Hand war er immer noch bereit eine Lanze zu beschwören, würde der Eisra-Zauber die Monster nicht töten.

»Verdammt, kannst du mich nicht vorwarnen!?«, bellte Gladio, nachdem sich der kurzlebige Sturm  gelegt hatte und er sicher war, dass die Wespen nicht überlebt hatten. Er rieb sich über die Arme, blies dann in seine kalten Hände.

»Nein.« Ignis sah ihn ernst an. Er versuchte es zu unterdrücken, aber einer seiner Mundwinkel hob sich kurz zu einem belustigen Lächeln. Gladio verdrehte die Augen und griff sich an den Kopf: »Schwummrig...« Brummelnd sah er zu den Bäumen, in denen er Prompto hat verschwinden sehen. Der Blonde winkte ihm zu: »Kann mal jemand helfen?«

»Du wirst doch wohl 'nen Baum wieder runterklettern können«, rief Gladio und taumelte auf den Baum zu, auf dem Prompto hockte.

»Ja... Nee.« Prompto schüttelte den Kopf, wandte den Blick von den Blättern nicht ab. Gladio stemmte die Hände in die Hüften, wankte etwas, als er hochsah: »Was ist denn?«

»Mir wird schlecht, wenn ich runtergucke...«

»Häwa..?« Gladio sah zu Ignis, der ein paar Meter entfernt stand und nur mit den Schultern zuckte. Der Älteste zuckte mit den Schultern: »Dann... sieh nicht runter?«

»Witzig.« Prompto lehnte sich gegen den Stamm und murmelte leise vor sich hin.

»Ich versteh dich nicht, wenn du so in deinen nicht vorhandenen Bart nuschelst«, sagte Gladio mit ernstem Unterton. »Jetzt komm schon runter da oder soll ich dich holen?«

»Nah!« Prompto schüttelte heftig den Kopf und hielt sich an ein paar dünneren Ästen fest, um aufzustehen. Die Kälte des Zaubers saß ihm immer noch in den Knochen. Sein zweites Problem war die Höhe von dem blöden Baum. Hätte er vorhin doch bloß besser darauf geachtet. Er seufzte, ging in die Knie und tastete mit seinem linken Fuß nach dem Ast, der etwas tiefer hing.

»Prompto!« rief Gladio und schnellte nach vorn. Prompto schrie panisch auf, als er den Halt verlor. Er versuchte sich an den dünnen Ästen festzukrallen, doch sie waren zu glatt und sprangen nach oben weg. Nur Bruchteile von Sekunden später hatte er wieder festen Boden unter den Füßen.

Und Gladio.

Immer noch vom Insektengift benebelt, hatte der Dunkelhaarige dennoch schnell genug reagieren können, um den Sturz des Schützen abzufangen. Er grummelte und schubste Prompto von sich runter: »Pass doch auf!«

»Habt ihr's?« Ignis gestikulierte auffordernd.

»Oh man, muss es jetzt regnen?«, brummte Gladio und stand langsam auf.

»Ich glaub ich hab aus Versehen ein Elixier zerbrochen«, warf Prompto ein und zuckte mit den Schultern. Murrend fuhr er sich durch die Haare. »Dabei hab ich sie heute perfekt hinbekommen...«

»Der einzige Ort, an dem es regnet, sind eure Hirne«, sagte Ignis und hob die Hände. »Können wir dann jetzt weiter? Noct ist sicher bald da. Wie wär's, wenn wir einen Wettkampf machen?«

»Du und Wettkämpfe? Glaubst wohl du kannst gewinnen.« Gladio rappelte sich auf und wischte über seine nassen Arme. Wenn es ein Elixier war, würde er wenigstens keine blauen Flecken von Promptos Bruchlandung bekommen.

»Wetten?« Ignis hob herausfordernd eine Augenbraue und trat ein paar Schritte auf seine Freunde zu.

»Da ist sicher aber einer ganz sicher«, grinste der Größere und schlug in die Hand ein, die ihm hingehalten wurde.

»Auf dann.« Ignis wartete, bis Prompto sich erhob und schritt voraus.

»Dann macht ihr mal euren Wettkampf, ich guck lieber zu«, sagte Prompto und betrachtete seine Handflächen, durch die die dünnen Äste gerutscht waren. Vielleicht war es doch keines seiner Elixiere gewesen..? Ihm tat alles weh und er wusste nicht wieso, aber er würde am liebsten auf der Stelle losheulen. Er schluckte. Sonst ist es doch auch nicht so schlimm... Und Iggy läuft so weit vorne... Wieso ist er so weit weg..? Er versuchte seine aufgerissenen Hände zu ignorieren und schneller nachzukommen, aber irgendwas stimmte nicht. Über seine Lippen kam nur ein tonloses ungehörtes Warte, bevor er stolperte und im Gras landete.

Gladio zupfte genervt an seiner Jacke. Er hatte sein Training nicht vernachlässigt, wie passte sie denn nicht mehr richtig? Knurrend schob er seine Hände in die Hosentaschen und folgte Ignis, der in einem gewissen Abstand vor ihm lief. Er würde ihm schon zeigen, wo der Hammer hing. Wettkämpfe waren immerhin sein Metier. Prompto konnte derweil den Schiedsrichter spielen. Ja, das ist ein guter Plan. Gladio nickte sich selbst zu. Vielleicht mogelt er mir ein paar Punkte dazu, wenn ich ihn mit Süßigkeiten besteche.

Gladio fluchte und streckte sich.

Irgendwas stimmte ganz und gar nicht. Er blieb stehen und blickte an sich runter. All seine Klamotten waren ihm auf einen Schlag viel zu groß. Was zur... Schwindel überkam den Dunkelhaarigen und er stürzte auf die Knie. Schwer atmend stützte er sich ab, als unsagbare Schmerzen durch seinen Körper schossen. Er bekam es nur indirekt mit, aber als er seinen Schmerz hinausbrüllte, hörte er auch Prompto schreien. Bis ihm schwarz vor Augen wurde.

Ignis fuhr erschrocken herum. Sein Kopf analysierte das Geschehen, doch seine Augen boten ihm ein Bild, das er nicht einordnen konnte. Es war so unwirklich. Der Berater hatte so etwas noch nie gesehen und es dauerte einen Moment, bis er sich aus seiner Starre lösen konnte. Gehetzt rannte er zurück.

»Das...«, begann er, doch er konnte den Satz nicht beenden. Das ist unmöglich, dachte er stattdessen.

Fassungslos stand er vor seinen bewusstlosen Freunden.

Wie um alles in der Welt... Ignis kniete sich in das weiche Gras und drehte Gladio auf den Rücken oder eher... Der Berater spürte seinen Puls rasen. Es war lange her, dass er nicht wusste, was er machen sollte. Ganz besonders nicht, wenn...

»Verfluchte Scheiße!«

Fakten, Ignis. Fakten, sagte er zu sich selbst und blieb auf den Knien, während er sich zu Prompto bewegte.

»Meine Freunde sind... Kleinkinder.«
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