EXO - BISs ZUM MORGENGRAUEN

von LuLatsch
GeschichteDrama, Übernatürlich / P16
27.04.2018
09.12.2018
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Ich saß in meinem Zimmer und versuchte, mich auf den dritten Akt von Macbeth zu konzentrieren, aber eigentlich lauerte ich auf das dröhnende Motorengeräusch meines Transporters. Ich hätte gedacht, dass es selbst bei prasselndem Regen nicht zu überhören sein dürfte. Doch als ich zum wiederholten Male aus dem Fenster sah, stand er plötzlich da.


Ich freute mich nicht gerade auf Freitag und sollte mit meinen schlechten Erwartungen mehr als Recht behalten. Zunächst mal waren da die unvermeidlichen Kommentare zu meinem Kollaps in Bio. Besonders Mark schien es einen Riesenspaß zu bereiten, die Geschichte auszuwalzen. Zum Glück hatte Jackson seine Klappe gehalten - offensichtlich wusste niemand etwas
von Kris Rolle bei der Sache. Dafür hatte Mark jede Menge
Fragen zum Mittagessen vom Vortag.


»Und, was wollte Kris Wu gestern?«, fragte er in
Mathe.


»Weiß nicht«, antwortete ich wahrheitsgemäß. »Er kam nicht so richtig zum Punkt.«


»Du hast irgendwie wütend ausgesehen«, sagte er tastend.


»Wirklich?« Ich verzog keine Miene.
»Schon komisch, das Ganze - ich hab ihn noch nie mit jemandem außer seinen Geschwistern zusammensitzen sehen.«

»Ja, komisch«, stimmte ich zu. Er schien verärgert zu sein,
jedenfalls fuhr er seine Haare ungeduldig nach hinten.
Wahrscheinlich hatte er auf eine gute Geschichte zum
Weitererzählen spekuliert.


Das Schlimmste am Freitag war, dass ich trotz allem gehofft hatte, er würde da sein. Als ich mit Mark und Jackson in die Cafeteria kam, schaute ich immer wieder zu seinem Tisch rüber, an dem Luhan, Baekhyun und Chanyeol die Köpfe zusammensteckten.


Und ich konnte nicht verhindern, dass es mich bedrückte, nicht zu wissen, wann ich ihn wiedersehen würde.
An meinem Tisch waren alle damit beschäftigt, den nächsten Tag zu planen. Jackson hatte seine Lebhaftigkeit wiedergefunden und setzte sein ganzes Vertrauen in die regionale Wettervorhersage, die für den Samstag Sonnenschein ankündigte. Mir fiel es schwer, daran zu glauben - ich würde es erst mit eigenen Augen
sehen müssen. Aber immerhin, es war wärmer geworden heute, über fünfzehn Grad. Vielleicht würde der Ausflug ja doch nicht ganz so deprimierend werden.

»... keine Ahnung, warum sich Tao nicht gleich ganz zu den Wu’s setzt«, sagte ein Mädchen vor mir leise und verächtlich zu Jackson. Mir war bislang gar nicht aufgefallen, was für eine unangenehme, nasale
Stimme das Mädchen hatte, und mich überraschte die Missgunst, die darin mitschwang. Wir kannten uns kaum oder jedenfalls nicht so gut, dass sie eine Abneigung gegen mich hätte entwickeln können hatte ich zumindest gedacht.

»Wir sind befreundet, und er sitzt bei uns«, flüsterte Jackson zurück - loyal, aber auch ein wenig besitzergreifend. Ich blieb stehen und ließ Mark und Chen vorgehen. Ich hatte keine Lust, mehr zu hören.


Abends beim Essen war Lee ganz begeistert von meinem
Ausflug nach La Push am nächsten Tag. Ich glaube, er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er mich an den Wochenenden allein ließ, doch seine Gewohnheiten hatten sich über zu viele Jahre eingeschliffen, als dass er sie jetzt einfach hätte ändern können.


Natürlich kannte er die Namen von allen, die mitfuhren, und die Namen ihrer Eltern, und wahrscheinlich auch noch die der Großeltern. Er schien einverstanden zu sein mit meinem Umgang. Ich fragte mich, ob er genauso einverstanden wäre, wenn ich ihm von meinem Plan erzählen würde, mit Kris Wu nach Seattle zu fahren. Nicht, dass ich das vorhatte.


»Dad, kennst du eine Gegend namens Goat Rocks oder so? Irgendwo südlich von Mount Rainier?«, fragte ich beiläufig.


»Ja - warum?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Ein paar aus der Schule haben darüber geredet, dort zu zelten.«


»Das ist kein guter Ort zum Zelten.« Er klang überrascht.
»Zu viele Bären. Die meisten fahren dort nur zur Jagdsaison hin.«


»Ach«, murmelte ich. »Na, vielleicht hab ich was falsch verstanden.«


Eigentlich hatte ich vorgehabt, lange zu schlafen, aber ich
wurde von einer ungewöhnlichen Helligkeit geweckt. Ich öffnete meine Augen und sah, dass helles Licht in mein Zimmer strömte. Unglaublich. Ich sprang auf, ging zum Fenster und sah tatsächlich blauen Himmel. Am Horizont zogen Wolken auf, aber über mir war alles frei. Ich rannte runter, zum Küchenfenster, und da war sie: die Sonne. Sie stand an der falschen Stelle am Himmel, viel zu tief, und kam mir weiter weg vor, als ich das in Erinnerung hatte, aber es war definitiv die Sonne. Aus lauter Angst, sie könnte wieder verschwinden, wenn ich nicht mehr hinschaute, blieb ich so lange wie möglich am
Fenster stehen.


Das Geschäft von Mr Wang, Olympic Outfitters, befand sich ein kleines Stück jenseits des nördlichen Stadtrands. Ich war schon öfter vorbeigefahren, aber nie hineingegangen - ich hatte keinen Bedarf an Ausrüstung für längere Aufenthalte im Freien.


Auf dem Parkplatz standen Jackson Chevy Suburban und Kyungsoo’s Nissan Sentra. Ich parkte neben ihnen ein und guckte, wer sich am Suburban versammelt hatte: Xiumin war da, dazu zwei andere Jungen, die ich aus dem Unterricht kannte; ich war mir ziemlich sicher, dass sie Ben und Conner hießen. Mark war da, flankiert von Chen. Dann standen da noch drei weitere Mädchen, darunter eines, über das ich am Freitag im Sportunterricht gestolpert war.

Sie schaute mich böse an, als ich aus dem
Transporter stieg, und flüsterte dem einen Mädchen etwas zu. Das Mädchen schüttelte ihre seidigen Haare und musterte mich geringschätzig. Mir stand also einer dieser Tage bevor. Wenigstens Jackson war froh, mich zu sehen.


»Tao, das ist ja super!«, rief er voller Freude und ein wenig
überrascht. »Und - hab ich nicht gesagt, dass heute die Sonne scheint?«


»Ich hab doch versprochen, dass ich komme«, erinnerte ich ihn.


»Wir warten nur noch auf Hiro und Samantha ... Es sei denn, du hast noch jemanden eingeladen«, fügte er hinzu.


»Nö«, log ich drauflos und hoffte, nicht ertappt zu werden.

Zugleich wünschte ich mir, dass ein Wunder passieren und
Kris doch noch auftauchen würde.
Jackson sah zufrieden aus.


»Fährst du bei mir mit? Ansonsten gibt's noch einen Platz im Minivan von Hiro’s Mom.«
»Klar.«


Er lächelte selig. Es war so einfach, Jackson glücklich zu machen.


»Du kannst vorne sitzen«, versprach er. Ich ließ mir meinen Verdruss nicht anmerken. Jackson und Mark gleichzeitig glücklich zu machen, war nicht ganz so einfach. Ich sah, wie er uns finstere Blicke zuwarf.


Doch ich hatte Glück. Hiro brachte noch zwei Freunde mit,
und plötzlich wurden die Plätze knapp. Ich konnte es so einrichten, dass Mark vorne zwischen mir und Jackson saß. Er hätte es ein wenig freundlicher aufnehmen können, aber wenigstens wirkte Mark beschwichtigt.


Es waren nur fünfzehn Meilen von Forks nach La Push; ein
großer Teil der Strecke wurde von wunderschönen, dichten grünen Wäldern gesäumt, und zweimal schlängelte sich der breite Quillayute River unter uns hindurch. Ich war froh, außen zu sitzen. Wir hatten die Fenster heruntergekurbelt - mit neun Passagieren im Suburban wurde einem etwas klaustrophobisch zu Mute -, und ich versuchte, so viel Sonnenlicht wie möglich abzubekommen.


In meinen Ferien in Forks war ich mit Lee oft an den
Stränden von La Push gewesen, die lange Sichel von First Beach war mir also vertraut. Trotzdem - der Anblick war immer wieder atemberaubend. Selbst an einem sonnigen Tag wie diesem war das Wasser dunkelgrau, die Wellen hatten weiße Kämme und wogten schwer gegen die raue, steinige Küste. Inseln erhoben sich steil und kantig aus dem stahlfarbenen Wasser, hinauf zu zerklüfteten Kuppen, auf denen hoch aufragende, schroffe Tannen standen. Nur ein kleiner Streifen Strand unmittelbar am Wasser war sandig, weiter oben bestand er aus Millionen großer,
glatter Steine, die von fern gleichförmig grau wirkten, aus der Nähe jedochjeden denkbaren Farbton aufwiesen: Terrakotta-Braun, meeresgrün, Die Flutmarke wurde von riesigen Gerippen aus Treibholz gesäumt, das die salzigen Wellen ausgebleicht hatten; manche türmten sich am Rande des Waldstreifens auf, andere lagen vereinzelt ge¬
rade außerhalb der Reichweite des Wassers.


Von den Wellen her kam kühl und salzig ein kräftiger Wind.
Pelikane trieben auf der Dünung, über ihnen zogen Möwen und vereinzelt auch Adler ihre Kreise. Die Wolken türmten sich weiter am Horizont auf und drohten den Himmel jeden Augenblick zuzuziehen, doch fürs Erste schien die Sonne weiterhin tapfer aus ihrem blauen Rund.


Wir bahnten uns einen Weg hinunter zum Strand; Jackson ging vorneweg und führte uns zu einem Rondell aus Treibholzstämmen, das offenbar schon für andere Partys dieser Art genutzt worden war. Es gab eine Feuerstelle voller schwarzer Asche.


Xiumin und der Junge, von dem ich glaubte, dass er Ben hieß, sammelten Treibholzäste von den trockneren Haufen am Rand des Waldes ein und stellten sie im Handumdrehen kegelförmig über den verkohlten Resten zusammen.


»Hast du schon mal ein Treibholzfeuer gesehen?«, fragte
mich Jackson. Ich saß auf einer der knochenfarbenen, hölzernen Bänke, umgeben von den anderen Mädchen, die ihre Köpfe zusammensteckten und angeregt schnatterten. Jackson hockte am Feuer und zündete ein kleineres Holzstück an.


»Nein«, sagte ich, während er das brennende Scheit behutsam gegen die aufgestellten Äste lehnte.

»Es wird dir gefallen - pass mal auf die Farben auf.« Er entzündete einen weiteren kleinen Ast und legte ihn an den ersten. Schnell züngelten die Flammen am trockenen Holz empor.


»Das ist ja blau!«, sagte ich überrascht.
»Wegen dem Salz. Hübsch, oder?« Er zündete noch ein
Stück an, platzierte es so, dass die restlichen Stämme Feuer fingen, und setzte sich zu mir. Zum Glück saß Mark auf seiner anderen Seite - er drehte sich zu ihm und redete auf ihn ein. Ich versenkte mich in den Anblick der blauen und grünen Flammen, die knisternd zum Himmel züngelten.


Nach einer halben Stunde hatten einige der Jungs genug vom Herumsitzen und wollten zu den Gezeitenbecken wandern, die sich in der Nähe befanden. Ich war hin- und hergerissen. Einerseits liebte ich diese Meerwasserteiche.

Sie hatten mich schon als Kind fasziniert und gehörten zu den wenigen Dingen, auf die ich mich freute, wenn ich nach Forks fuhr. Andererseits war ich regelmäßig in einen von ihnen hineingeplumpst - kein Problem, wenn man sieben Jahre alt und mit seinem Vater unterwegs ist.


Außerdem musste ich an Kris Bitte denken, nicht ins Meer
zu fallen. Das Mädchen was mich nicht mochte nahm mir die Entscheidung ab. Sie hatte keine Lust auf einen Fußmarsch und auch eindeutig die falschen Schuhe dafür
an. Außer Mark und mir wollten ein paar andere am Strand bleiben. Ich wartete, bis sich Kyungsoo und Xiumin bereit erklärt hatten, ihnen Gesellschaft zu leisten, dann stand ich auf und schloss mich der Exkursion an. Jackson schenkte mir ein strahlendes Lächeln.


Der Weg führte durch den Wald; wir mussten nicht sehr weit laufen, trotzdem vermisste ich schmerzlich den Himmel über mir. Das grüne Licht, das durch die Blätter fiel, bildete einen eigenartigen Kontrast zum unbeschwerten Gelächter um mich herum; es war zu trüb und zu abgründig, um im Einklang mit den sorglosen Späßen zu stehen. Ich achtete auf jeden meiner
Schritte, wich mit den Füßen den Wurzeln und mit dem Kopf den niedrigen Ästen aus und blieb schnell ein Stück hinter den anderen zurück. Schließlich trat ich aus der smaragdgrünen Enge des Waldes ins Freie und fand mich erneut an der felsigen Küste wieder.

Es war Ebbe, und vor uns floss ein Flutwasserbach
zurück ins Meer. Sein Kieselufer wurde von flachen Becken gesäumt, aus denen das Wasser nie vollständig ablief; darin wimmelte es von Leben.


Ich gab darauf Acht, mich nicht zu weit über die kleinen
Meerwasserteiche zu beugen. Die anderen waren wagemutiger, sprangen von Stein zu Stein und ließen sich bedenklich nahe an den Rändern nieder. Ich fand einen sehr solide wirkenden Felsen an einem der größten Becken, auf den ich mich vorsichtig setzte, fasziniert vom Anblick des natürlichen Aquariums zu meinen Füßen.

Büschel von Seeanemonen wiegten sich unaufhörlich in der unsichtbaren Strömung, spiralförmige Muscheln
huschten an den Rändern entlang und verbargen die Krabben in ihrem Innern, Seesterne hingen bewegungslos an Steinen oder aneinander, ein kleiner schwarzer Aal mit weißen Streifen schlängelte sich durch leuchtend grüne Algen und wartete auf die Rückkehr des Meeres. Ich war völlig versunken, nur ein kleiner Teil meines Gehirns war beständig mit der Frage beschäftigt, was Kris wohl gerade machte und was er sagen würde, wenn er hier bei mir wäre.


Irgendwann bekamen die Jungs Hunger, und ich erhob mich mit steifen Gliedern, um mit ihnen den Rückweg anzutreten.


Dieses Mal versuchte ich Schritt zu halten und fiel natürlich
prompt einige Male hin. Meine Handflächen waren ein bisschen aufgeschürft, und meine Jeans waren an den Knien grün gefleckt, aber es hätte schlimmer kommen können.

Als wir zurück zum Strand kamen, hatte die Gruppe Zuwachs erhalten. Schon aus einiger Entfernung sahen wir die glänzenden, glatten schwarzen Haare und die kupferfarbene Haut der Neuankömmlinge - Teenager aus dem Reservat, die gekommen waren, um uns Gesellschaft zu leisten. Das Essen wurde bereits herumgereicht, und die Jungs beeilten sich, um nicht zu kurz zu kommen; währenddessen stellte Xiumin uns vor. Ich war die Letzte,
die an die Feuerstelle trat, und als Xiumin meinen Namen nannte, bemerkte ich einen Jungen, der etwas jünger aussah als der Rest; er saß auf einem Stein neben dem Feuer und schaute interessiert zu mir hoch. Ich setzte mich zu Chen, Jackson brachte uns Sandwiches und eine Auswahl an Getränken, und der offensichtlich
älteste der Neuankömmlinge ratterte die Namen seiner sieben Begleiter herunter.

Ich bekam nur mit, dass unter ihnen ebenfalls ein Mark war und dass der Junge, der mich angeschaut hatte, Kai hieß.
Es war angenehm, neben Chen zu sitzen; er hatte so eine ruhige Art und musste nicht jeden Moment der Stille mit Geplauder füllen. Wir aßen, und ich konnte meinen Gedanken nachhängen. Ich dachte darüber nach, wie unterschiedlich schnell hier in Forks die Zeit verstrich - mal verschwammen ganze Wochen in meiner Wahrnehmung, und nur einzelne Bilder traten klar aus ihnen hervor, mal war jede Sekunde wichtig und brannte sich in mein Gedächtnis ein. Den Grund dafür kannte ich ganz genau, und er beunruhigte mich.

Während des Essens zogen allmählich die Wolken vom Horizont herauf; sie schwebten vor dem blauen Himmel heran, schoben sich zeitweise vor die Sonne, warfen lange Schatten auf den Strand und verdunkelten die Wellen. Als alle gegessen hatten, zerstreute sich die Gruppe - man fand sich zu zweit oder zu dritt zusammen und ging seiner Wege. Einige liefen zum Wasser hinunter und versuchten Steine über die Wellen hüpfen zu lassen. Andere versammelten sich, um ihrerseits zu den Gezeitenbecken
zu gehen. Jackson machte sich - mit Mark als seinem
Schatten - auf den Weg zum einzigen Laden, den es im Dorf gab.

Einige der Einheimischen gingen mit ihm, andere schlossen sich der Expedition zu den Becken an. Als schließlich alle unterwegs waren, saß ich allein auf meinem Stück Treibholz, während das eine Mädchen und Kyungsoo sich mit dem CD-Player beschäftigten,
den irgendjemand mitgebracht hatte. Drei Teenager aus
dem Reservat saßen mit im Kreis, unter ihnen der Junge, der Kai hieß, und der Älteste, der als ihr Wortführer aufgetreten war.


Ein paar Minuten nachdem Chen mit zu den Gezeitenbecken aufgebrochen war, schlenderte Kai zu mir rüber und setzte sich auf ihren Platz. Er sah aus wie vierzehn, vielleicht auch fünfzehn, und hatte lange Haare, die im Nacken von einem Gummiband zusammengehalten wurden. Seine Haut war schön - glatt und rostbraun; die Augen waren dunkel und saßen oberhalb der hohen Backenknochen tief in ihren Höhlen.


Seine Kinnpartie hatte ihre kindlichen Rundungen noch nicht völlig abgestreift. Insgesamt ein sehr hübsches Gesicht. Dann allerdings machte er mit seiner ersten Frage den ganzen positiven Eindruck mit einem Schlag zunichte.


»Du bist Zitao Huang, oder?«
Es war, als ginge der erste Schultag noch einmal von vorne los.


»Tao«, seufzte ich.
»Ich bin Kai«, sagte er und reichte mir freundschaftlich seine Hand.

»Dein Transporter hat vorher meinem Dad gehört.«
»Oh«, sagte ich erleichtert und schüttelte seine schmale Hand. »Du bist Billys Sohn. Wahrscheinlich sollte ich mich an dich erinnern.«


»Nein, ich bin der Jüngste in der Familie - du erinnerst dich
wahrscheinlich eher an meine älteren Schwestern.«


»Rachel und Rebecca!« Plötzlich war die Erinnerung wieder da. Lee und Billy hatten uns drei bei meinen Besuchen in Forks oft zusammengebracht, damit wir uns nicht langweilten und sie in Ruhe angeln konnten. Wir waren aber zu schüchtern, um uns richtig anzufreunden. Und als ich dann elf war, hatte ich oft genug schlechte Stimmung verbreitet - und das war das Ende der Angelausflüge.


»Sind sie auch hier?« Ich schaute zu den Mädchen unten am Wasser hinüber und fragte mich, ob ich sie erkennen würde.


»Nein.« Jacob schüttelte den Kopf. »Rachel hat ein Stipendium von der Washington State bekommen, und Rebecca hat einen samoanischen Surfer geheiratet und lebt jetzt auf Hawaii.«


»Verheiratet. Wow.« Damit hatte ich nicht gerechnet. Die
Zwillinge waren gerade mal ein gutes Jahr älter als ich.


»Und, gefällt dir der Transporter?«, fragte er.
»Ich find ihn großartig. Er läuft super.«
»Schon, aber er ist echt langsam«, erwiderte er lachend.

»Ich war heilfroh, als Lee ihn gekauft hat. Mein Dad hat mir
nämlich nicht erlaubt, an einem anderen Auto zu basteln, solange eins vor der Tür stand, an dem es seiner Meinung nach rein gar nichts auszusetzen gab.«


»So langsam ist er nun auch nicht«, warf ich ein.
»Hast du schon mal versucht, schneller als sechzig Meilen pro Stunde zu fahren?«


»Das nicht«, gab ich zu.
»Ist auch besser so.« Er grinste.

Ich musste auch grinsen. »Er ist prima bei Unfällen«, verteidigte ich den Transporter.


»Das auf jeden Fall - ich glaub, selbst ein Panzer könnte ihn nicht plattmachen«, stimmte er lachend zu.


»Und du baust selber Autos zusammen?«, fragte ich beeindruckt.
»Wenn ich Zeit habe. Und die nötigen Ersatzteile. Du weißt
nicht zufällig, wo ich einen Hauptbremszylinder für einen 86er VW Käfer kriegen kann?«, fügte er spaßeshalber hinzu. Er hatte eine angenehm raue Stimme.


»Tut mir leid«, sagte ich lachend, »in letzter Zeit hab ich
keinen gesehen, aber ich halt die Augen offen.« Als ob ich
wüsste, wie so etwas aussah. Es war unheimlich leicht, sich mit ihm zu unterhalten.


Er schenkte mir ein strahlendes Lächeln und musterte mich auf diese bewundernde Art, die mir langsam vertraut wurde. Ich war nicht die Einzige, der das auffiel.


»Du kennst Tao, Kai?«, fragte das Mädchen, was mich nicht mochte, ich glaube sie heißt Mei- in einem, wie ich fand, überheblichen Tonfall - von der anderen Seite des Feuers.


»Eigentlich kennen wir uns, seit ich geboren wurde«, erwiderte er gutgelaunt und lächelte mich erneut an.


»Wie schön.« Sie klang, als ob sie das alles andere als schön fand, und kniff ihre blassen, trüben Augen zusammen.


»Tao«, fuhr sie fort und beobachtete aufmerksam mein Gesicht. »Kyungsoo und ich dachten gerade, dass es eigentlich schade ist, dass niemand von den Wu’s heute dabei ist. Warum ist eigentlich keiner auf die Idee gekommen, sie einzuladen?«, fragte sie, doch es klang verlogen.


»Du meinst die Familie von Dr. Carlisle Wu?«, fragte sehr
zu Mei’s Verdruss - der ältere Junge, noch bevor ich etwas erwidern konnte. Er war fast schon erwachsen, und seine
Stimme war sehr tief.


»Ja, kennst du sie?«, fragte sie herablassend und wandte sich ihm halb zu.


Er ignorierte ihre Frage. »Die Wu’s kommen nicht hierher«, sagte er in einem Ton, der das Thema beendete.
Um Mei’s Aufmerksamkeit wiederzugewinnen, fragte Kyungsoo sie nach ihrer Meinung zu einer CD, die er in der Hand hielt.
Das lenkte sie ab.


Überrascht musterte ich den Jungen mit der tiefen Stimme,
doch sein Blick war auf den Wald in unserem Rücken gerichtet.

Er hatte gesagt, dass die Wu’s nicht hierherkamen, doch sein Ton hatte noch etwas anderes zum Ausdruck gebracht - dass sie nicht durften, dass es ihnen nicht gestattet war hierherzukommen. Sein Auftreten hinterließ ein komisches Gefühl bei mir, das ich zu ignorieren versuchte, doch ohne Erfolg.


»Und, treibt dich Forks schon in den Wahnsinn?«, fragte Kai und holte mich aus meiner Versunkenheit.


»Oh, ich würde sagen, das ist noch untertrieben.« Ich verzog mein Gesicht, und er grinste mitfühlend.


Die Bemerkung über die Wu’s ging mir nicht aus dem
Sinn, und plötzlich hatte ich eine Idee. Eine ziemlich blöde
Idee, aber was Besseres fiel mir nicht ein. Ich hoffte, dass Kai noch zu unerfahren mit anderen Jungs wie mich war, um meinen ganz sicher erbarmungswürdigen Flirt-Versuch zu durchschauen.


»Wollen wir ein bisschen am Strand spazieren gehen?«,
fragte ich und versuchte, Kris Verführerblick - aus gesenkten Augen nach oben blinzeln - zu imitieren. Er konnte unmöglich auch nur annähernd dieselbe Wirkung haben, aber immerhin sprang Kai bereitwillig auf.


Während wir über die vielfarbigen Steine in nördlicher Richtung liefen, auf den Uferdamm aus Treibholz zu, zogen sich über uns die Wolken endgültig zu einer geschlossenen Decke zusammen. Das Meer verdunkelte sich, die Temperatur sank, und ich schob meine Hände tief in die Taschen meiner Jacke.


»Wie alt bist du eigentlich - so sechzehn?«, fragte ich. Ich
versuchte, meine Augenlider so flattern zu lassen, wie ich das bei Mädchen im Fernsehen gesehen hatte, und dabei keinen allzu dämlichen Anblick abzugeben.


»Ich bin gerade fünfzehn geworden«, erwiderte er geschmeichelt.


»Ehrlich?«, fragte ich mit gespielter Überraschung. »Ich
hätte gedacht, du bist älter.«


»Ich bin groß für mein Alter«, erklärte er.
»Bist du öfter mal in Forks?«, fragte ich, als hoffte ich auf
eine positive Antwort. Ich kam mir idiotisch vor und rechnete jeden Augenblick damit, dass er mich durchschaute und wütend von dannen zog. Vorerst jedoch schien er geschmeichelt zu sein.


»Leider nicht«, erwiderte er geknickt. »Aber wenn mein Auto erst mal fertig ist, kann ich so oft kommen, wie ich will. Das heißt, sobald ich meinen Führerschein hab.«


»Wer ist eigentlich der andere Junge, mit dem Mei gesprochen hat? Er kam mir schon ein bisschen zu alt vor, um mit uns rumzuhängen.« Ich sortierte mich absichtlich bei den Jüngeren ein.


»Das ist Sam, der ist neunzehn«, erklärte er.
»Ich hab das gar nicht so richtig mitbekommen - was hat er
noch mal über die Wu’s gesagt?«, fragte ich beiläufig.


»Die Wu’s? Sie sind nicht erwünscht im Reservat«, bestätigte er, was ich auf Grund von Sams Tonfall bereits vermutet hatte. Während er sprach, wandte er seinen Blick ab und schaute aufs Meer hinaus, in Richtung James Island.


»Warum denn nicht?«
Er blickte mich wieder an und biss sich auf die Lippe. »Ich
weiß nicht - eigentlich darf ich darüber nicht reden.«


»Ich erzähl's nicht weiter, ich bin bloß neugierig.« Ich versuchte mich an einem verführerischen Lächeln und hoffte, dass ich nicht zu dick auftrug.


Doch er erwiderte mein Lächeln - es sah aus, als hätte er angebissen. Er zog eine Augenbraue hoch und ließ seine Stimme noch etwas rauer klingen als zuvor.


»Stehst du auf Schauergeschichten?«, fragte er raunend.
»Und wie!«, sagte ich und strahlte ihn an.


Kai ging zu einem Treibholzbaum, dessen Wurzeln wie die
hageren Beine einer riesenhaften, bleichen Spinne abstanden.

Er lehnte sich gegen eine der bizarr geformten Wurzeln, ich setzte mich vor ihm auf den Baumstamm. Er starrte auf die Steine zu seinen Füßen; um seine Lippen spielte ein Lächeln.


Ich sah ihm an, dass er sich Mühe geben würde mit seiner
Geschichte, und konzentrierte mich darauf, mir mein enormes Interesse nicht anmerken zu lassen.


»Kennst du dich ein bisschen aus mit unseren alten Geschichten, über unsere Herkunft und so - also die der Quileute?«, begann er.


»Nicht so richtig«, gestand ich.
»Also, da gibt's jede Menge Legenden, manche stammen angeblich noch aus der Zeit der Sintflut. Es heißt, die alten Quileute hätten ihre Kanus auf den Berg gebracht und an den Gipfeln der höchsten Bäume befestigt und auf diese Weise überlebt wie Noah mit seiner Arche.« Er lächelte, um mir zu zeigen, wie wenig er auf diese Geschichten gab.

»Einer anderen Legende zufolge stammen wir von den Wölfen ab und sind noch immer mit ihnen verbrüdert. Die Stammesgesetze verbieten es, sie zu töten.«


Er senkte seine Stimme. »Und dann gibt es die Geschichten über die kalten Wesen.«
»Die kalten Wesen?«, fragte ich mit nunmehr echter Neugierde.


»Genau. Die meisten Geschichten über die kalten Wesen
stammen aus der Zeit der Wolfslegenden, aber es gibt auch einige, die sind noch gar nicht so alt. Einer Legende zufolge kannte mein Urgroßvater ein paar von ihnen. Er war es, der mit ihnen das Abkommen traf, nach dem sie sich von unserem Land fernzuhalten haben.« Er verdrehte seine Augen.


»Dein Urgroßvater?«, fragte ich, um ihm mehr zu entlocken.


»Er war Stammesältester, genau wie mein Vater. Die kalten
Wesen sind die natürlichen Feinde des Wolfes, verstehst du also, eigentlich nicht des Wolfes an sich, sondern der Wölfe, die sich in Menschen verwandeln, so wie meine Vorfahren. Werwölfe, wie ihr sie nennt.«


»Werwölfe haben Feinde?«
»Nur diesen einen.«


Ich blickte ihn mit ernstem Gesicht an und hoffte, dass er
meine Ungeduld für Bewunderung hielt.


»Die kalten Wesen«, fuhr Kai fort, »sind also traditionell
unsere Feinde. Aber der Clan, der während der Zeit meines Urgroßvaters auf unser Territorium kam, war anders. Sie jagten nicht so wie der Rest ihrer Art und galten als ungefährlich für den Stamm. Also schloss mein Urgroßvater einen Waffenstillstand mit ihnen - sie versprachen, unserem Land fernzubleiben, und im Gegenzug würden wir sie nicht an die Bleichgesichter verraten.« Er zwinkerte mir zu.


»Aber wenn sie nicht gefährlich waren, warum ...?« Ich bemühte mich, seine Gespenstergeschichte zu verstehen, und versuchte gleichzeitig, mir nicht anmerken zu lassen, wie ernst ich sie nahm.


»Kalte Wesen stellen für Menschen immer ein Risiko dar,
selbst wenn sie zivilisiert sind wie dieser spezielle Clan. Man weiß nie, ob sie nicht doch irgendwann zu hungrig werden, um ihrer Natur zu widerstehen.« Er verlieh seiner Stimme einen bedrohlichen Klang.


»Was meinst du mit zivilisiert?«
»Sie behaupteten, keine Jagd auf Menschen zu machen.
Offenbar waren sie in der Lage, stattdessen Tiere zu jagen.«


»Und was hat das jetzt mit den Wu’s zu tun?«, fragte ich so
beiläufig wie möglich. »Sind sie auch wie diese kalten Wesen, die dein Urgroßvater kannte?«


»Nein.« Er machte eine dramatische Pause. »Es sind dieselben.«


Er musste glauben, dass mein ängstlicher Gesichtsausdruck auf seine Erzählkünste zurückzuführen war. Zufrieden lächelnd sprach er weiter.

»Die Gruppe ist seitdem größer geworden, eine Frau und ein Mann sind dazu gestoßen, aber ansonsten sind es dieselben. Schon vor der Zeit meines Urgroßvaters kannte man ihren Anführer, Carlisle. Als dein Volk hier ankam, war er bereits wieder verschwunden.«
Er versuchte ein Lächeln zu unterdrücken.


»Und was sind das für Wesen?«, fragte ich schließlich. »Die kalten Wesen - was sind sie?«
Er lächelte düster.


»Bluttrinker«, erwiderte er mit frostiger Stimme. »Bei euch
nennt man sie Vampire.«


Ich blickte starr auf die schäumende Brandung - ich hatte
keine Ahnung, wie viel mein Gesicht preisgab.

»Du hast ja Gänsehaut«, sagte er entzückt und lachte.
»Du kannst eben gut erzählen«, sagte ich, ohne meinen Blick von den Wellen abzuwenden.


»Ziemlich abgefahren, oder? Kein Wunder, dass mein Dad
nicht will, dass wir darüber reden.«


Ich hatte meinen Gesichtsausdruck immer noch nicht so weit unter Kontrolle, dass ich ihn anschauen konnte.

»Keine Sorge, ich verrat dich nicht.«
»Ich schätz mal, ich hab grad das Abkommen gebrochen«,
lachte er.


»Ich nehm das Geheimnis mit ins Grab«, versprach ich und erschauderte auf einmal.


»Ganz im Ernst, erzähl Lee lieber nichts davon. Er war
schon sauer genug auf meinen Dad, als er hörte, dass ein paar von uns sich nicht mehr im Krankenhaus behandeln lassen, seit Dr. Wu dort arbeitet.«


»Keine Sorge.«
»Und, hältst du uns jetzt für einen Haufen abergläubischer
Eingeborener, oder was?«, fragte er scherzhaft, doch es lag auch eine Spur von Besorgnis in seiner Stimme. Mein Blick war weiterhin auf das Meer gerichtet.
Ich drehte mich zu ihm um, lächelte und versuchte, so normal wie möglich zu wirken.


»Quatsch. Aber ich halte dich für einen ziemlich guten Geschichtenerzähler. Hier - ich hab immer noch Gänsehaut.« Ich zeigte ihm meinen Arm.

»Cool.« Er lächelte.
Dann hörten wir Steine knirschen - jemand kam. Gleichzeitig schossen unsere Köpfe hoch, und wir sahen in einiger Entfernung Jackson und Mark, die auf uns zuliefen.


»Da bist du ja, Tao«, rief Jackson erleichtert und winkte.

»Ist das dein Freund?«, fragte Kai, dem der eifersüchtige
Unterton in Jacksons Stimme nicht entgangen war. Ich war erstaunt, dass es derart offensichtlich war.


»Ganz bestimmt nicht«, flüsterte ich. Ich war Kai wahnsinnig dankbar und wollte ihn nicht enttäuschen. Ich zwinkerte ihm zu, achtete aber darauf, dass Jackson es nicht sehen konnte. Er lächelte - meine alberne Koketterie hatte ihn in Hochstimmung versetzt.

»Also, sobald ich meinen Führerschein hab ...«, setzte er an.
»Dann musst du mich besuchen. Wir können mal zusammen was machen.« Ich hatte ein schlechtes Gewissen, als ich das sagte; mir war bewusst, dass ich ihn benutzt hatte. Andererseits mochte ich Kai tatsächlich. Er war jemand, mit dem ich mir gut vorstellen konnte, befreundet zu sein.

Jacksin hatte uns inzwischen erreicht, Mark war ein paar Meter hinter ihm. Ich sah, wie er Kai musterte und mit sichtlicher Befriedigung registrierte, dass er jünger war als wir.


»Wo treibst du dich denn rum?«, fragte er überflüssigerweise.
»Kai hat mir ein paar Geschichten aus der Gegend hier
erzählt«, beeilte ich mich zu sagen. »Es war echt interessant.«


Ich schenkte Kai ein breites Lächeln, er grinste zurück.
Jackson stutzte, als er merkte, wie vertraut wir miteinander waren. »Wir packen zusammen«, sagte er dann. »Es sieht nach Regen aus.«

Wir schauten alle zum Himmel, der sich immer mehr verfinsterte. Es sah tatsächlich nach Regen aus.

»Okay.« Ich sprang auf. »Ich komme.«
»War schön, dich mal wiederzusehen«, sagte Kai, und ich
wusste, dass sich darin ein kleiner Seitenhieb gegen Jackson verbarg.


»Fand ich auch. Wenn Lee das nächste Mal Billy besucht,
komm ich mit«, versprach ich.

Sein Grinsen wurde noch breiter. »Das wäre toll!«
»Und danke«, fügte ich ernsthaft hinzu.


Wir stapften zum Parkplatz; ich zog mir die Kapuze über den Kopf. Die ersten Tropfen fielen und hinterließen schwarze Flecken auf den Steinen. Als wir beim Suburban ankamen, waren die anderen schon beim Einladen. Ich verkündete, dass ich schon auf dem Hinweg vorne gesessen hatte, und schlüpfte zu Chen und Kyungsoo auf den Rücksitz. Chen schaute hinaus in den anschwellenden Sturm, und Mei, die vorne in der Mitte saß, drehte sich zu uns um und nahm Kyungsoo in Beschlag - ich konnte also in Ruhe meinen Kopf an den Sitz lehnen, meine Augen
schließen und mich mit aller Kraft darauf konzentrieren, nicht nachzudenken.
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