Wolfshaut

von Askaja
GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
27.04.2018
22.06.2018
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W O L F S H A U T

Teil I


Einst, so erzählt man sich schon seit den Tagen, da Harald Schönhaar am Hafrsfjord die Herrschaft über ganz Norwegen errang, lebte ein Mann namens Bjarte Skoglund mit seiner Tochter in den grünen Tälern im Schatten der schneebedeckten Berge des Dovrefjells. Weit über die mächtigen Gipfel hinweg rühmte man ihn in ganz Rondane für seine herrlichen Ziegen, deren Herden im Sommer gleich einem Meer aus weißem Gewölk auf saftigen Weiden zogen. Die edlen Felle der Tiere hatten ihrem Herrn Wohlstand und Ansehen beschert und so thronte Bjartes mit feinstem Schnitzwerk verzierte Hütte denn auch wie die Heimstatt eines mächtigen Jarls über den Behausungen der anderen Bauern und Senner. Manch Reisender hielt andächtig inne, glaubte gar, dort würde ein Drachenschiff dunkel in den Himmel ragen, so eindrucksvoll reckte sich das zweifach gestaffelte Dach in die Höhe.
Doch obgleich Bjarte Skoglund wahrlich ein angenehmes Leben führte und über vielerlei Güter verfügte, war ihm nichts in der Welt so lieb und teuer wie seine einzige Tochter Torid. Grausam hatte das Kindsbettfieber einst Bjarte das treue Eheweib und Torid die Mutter entrissen und so hatte der Vater das Kind alleine großziehen müssen. Mit den Jahren wuchs seine Tochter zu einem schönen jungen Weib heran, deren Lächeln und fröhliche Lieder selbst die düstersten Gedanken und ärgsten Nöte ihres Vaters zu vertreiben wussten. Torid war die Sonne seines Lebens und so wachte Bjarte über sein geliebtes Kleinod mit dem gleichen Argwohn, wie einst den Legenden nach der entsetzliche Fáfnir seinen Hort aus sagenhaften Schätzen behütet hatte. Deshalb wollte er sie auch für keinen Reichtum der Welt an einen der grobschlächtigen Söhne der anderen Bauern und Senner hergeben. Kein Mann erschien ihm gut genug für seine Torid, fand er in ihrem Antlitz doch die Züge seines toten Weibes wieder, in deren goldenes Haar und himmelblaue Augen er sich als junger Mann so innig verliebt hatte. Torids Herz war dem Vater freilich nicht minder zugetan. Wo es ihr möglich war, mühte sie sich, ihm mit Fleiß und Geschick die Mutter in Haus und Hof zu ersetzen. Aber sie war auch freundlich wider jeden Bewohner des Dorfes, grüßte Mann, Frau und Kind gleichermaßen mit sonnigem Lächeln, wann immer sie den kleinen Marktplatz durchschritt.

Es war aber an einem herrlichen Frühlingstage, als Torid die alte Asbirg aufsuchte, die alleine im angrenzenden Wald lebte und sich auf allerlei Kräutertränke und Heilpflanzen verstand. In einem Weidenkorb trug das Mädchen einen duftenden Brotlaib mit sich und ein großes Stück Käse, die sie gegen einen wohltuenden Balsam einzutauschen gedachte. Dieser sollte dem Vater gegen die Schmerzen in seinen Gliedern helfen, die ihn an manchen Tagen so sehr quälten, dass er kaum sein Lager verlassen konnte. Als sie schließlich Asbirgs kleine Hütte erreichte, deren Dach von Moos und Flechten überwuchert wurde und die deshalb mehr an eine Bärenhöhle denn eine menschliche Behausung gemahnte, trat gerade ein Mann über die Schwelle, dem Torid noch nie zuvor begegnet war. So hochgewachsen war der Fremde, dass er sich unter dem Türsturz zusammenkauern musste, damit er sich an dem hölzernen Balken nicht das Haupt stieß. Als er sich dann zu seiner vollen Größe aufrichtete und wilde Augen abschätzend unter ungewöhnlich dunklen Locken hervorspähten, wurde dem Mädchen das Herz ganz bang in der Brust und ihre Beine waren mit einem Male wie im Boden verwurzelt.
Der Fremde glich mehr einem Tier denn einem Menschen, hatte ein graues Wolfsfell über seine breiten Schultern geworfen, das seine nackte Brust jedoch nur schwerlich vor neugierigen Blicken verbarg. In dunkelblauer Farbe rankten sich uralte Zeichen über Muskeln, die sich unter sonnengeküsster Haut spannten. Erst als er sich ihr langsam näherte, ganz so wie ein Wolf, der sein ahnungsloses Opfer zunächst belauerte, bevor er seine messerscharfen Klauen und Zähne in dessen Fleisch hieb, bemerkte sie die Narben, die zahlreich wie ein krudes Muster die kunstvollen Verzierungen seiner Haut in ein wulstiges Gebilde verkehrten. Manche waren längst ausgeblichen, andere wiederum von einem wütenden Rot, so als wären sie erst vor kurzer Zeit verheilt. Selbst über seine linke Wange zog sich eine tiefe Furche, verschwand dann im Schatten eines dunklen Bartes, der den Fremden älter erscheinen ließ, als er womöglich war.
„Hat dir denn niemand beigebracht, dass es von schlechtem Betragen ist, andere anzustarren, Weib?“
Seine tiefe Stimme kam dem Knurren eines Hundes gleich, drohend und gefährlich. Verschreckt richtete Torid den Blick gen Boden, stammelte eine zaghafte Entschuldigung, als er sie wie ein riesenhafter Schatten umschlich. Die Schamesröte brannte heiß auf ihren Wangen, da sie seine dunklen Augen auf sich spürte, die sich beinahe schmerzhaft in ihr Fleisch gruben. Ein letztes abfälliges Schnauben entwich dem Fremden, bevor er schließlich ohne ein weiteres Wort an ihr vorüberging. Erst, da die alte Asbirg mit schlurfenden Schritten aus ihrer Hütte trat und in freundschaftlicher Vertrautheit die knochige Hand auf ihre Schulter legte, erwachte das Mädchen wieder aus seiner Erstarrung.
„Wer war dieser Mann?“, fragte Torid, nachdem ihr armes Herz endlich wieder ein wenig zur Ruhe gefunden hatte und sie auf einem mit Stroh gefüllten Jutesack von der Geborgenheit der Hütte umgeben war.
Dabei blickte sie sich wie bei jedem ihrer Besuche neugierig in dem kleinen Raum um. Die Mitte der Hütte beherrschte eine gemauerte Feuerstelle, über der ein kupferner Kessel hing und deren heller Rauch sich durch eine Öffnung in der Decke ins Freie schlängelte. Allerlei Kräuter baumelten über ihren Köpfen. An den niedrigen Balken zum Trocknen aufgehängt, erfüllten sie die stickige Luft mit einem würzigen Geruch. Nicht zum ersten Mal bewunderte Torid auch die vielen Holztäfelchen, die auf flächserne Fäden aufgezogen und gleichsam an die Decke aufgeknüpft waren. Runen und andere magische Zeichen waren in das Holz geritzt, dienten womöglich als Bann gegen böse Geister und nächtliche Alpträume, aber das Mädchen hatte nie gewagt, nach deren wahrer Bedeutung zu fragen.
„Er nennt sich Eldar“, erwiderte Asbirg schließlich, während sie allerlei Zutaten in eine tönerne Schale gab und mit einem ovalen Stein in kreisenden Bewegungen zerstieß.
„Ich habe ihn hier noch nie gesehen“, sprach das Mädchen mehr zu sich denn zu der Alten, als erneut die große Gestalt des Fremden vor ihrem inneren Auge erschien.
„Das wundert mich nicht, liebes Kind. Eldar lebt allein in den Wäldern, kommt nur von Zeit zu Zeit in eure Siedlung, um Fleisch und Felle gegen andere Waren zu tauschen. Bisweilen sucht er auch mich auf, bringt mir einen Hasen oder spaltet Feuerholz für mich. Im Gegenzug erhält er von mir eine Salbe für seine alten Wunden.“
Bei Asbirgs Rede musste Torid augenblicklich ein weiteres Mal an die vielen grässlichen Narben denken, mit denen der Leib des Mannes übersät gewesen war. Sicherlich schmerzten diese längst verheilten Wunden an manchen Tagen immer noch und allein die Götter mochten wissen, wie der Fremde zu derlei Verletzungen gelangt war. Mitleid regte sich in ihrem Herzen, da es ihr selbst im Leben nie an etwas gemangelt hatte, während Menschen wie Eldar weitaus weniger Glück vergönnt gewesen war. Die Röte kroch erneut auf ihren Wangen, da ihr bewusst wurde, wie sehr ihr neugieriges Staunen den Fremden beleidigt haben musste.
„Verschwende keine weiteren Gedanken an einen wie Eldar.“
Die Stimme der Alten riss Torid aus ihren widerstreitenden Gefühlen. Dürre Finger hielten ein kleines Holzschälchen mit grüner Paste vor ihre Nase und Asbirgs stechender Blick versenkte sich für einen Wimpernschlag in Torids Augen, so als könne die Kräuterfrau dort jede Regung ihres Geistes erahnen.
„Glaub mir, mein gutes Kind“, fuhr sie nach einer Weile fort, „es ist besser, dass er fernab von eurem Dorfe haust. Ich kenne Männer von seinem Schlag. Sie sind nicht für ein Leben unter Menschen geschaffen. Oh, sie sind wahrlich stattlich anzusehen, gleichen in ihrer wilden Schönheit Odins tapferen Einherjar. Doch lass dich nicht täuschen, meine Liebe, denn zugleich tragen sie ihr Inneres wie eine zweite Haut nach außen. Ihre wahre Natur ist aber so entsetzlich, dass du es nie wieder wagen würdest, auch nur einen einzigen Atemzug lang in seine Augen zu blicken, wenn du nur wüsstest, welches Ungeheuer dahinter lauert. Eldar und seinesgleichen bevorzugen es, in Ruhe gelassen zu werden. Die Einsamkeit ist ihre einzige Gefährtin. Ihre Welt ist eine Andere. Die Unsere verwirrt sie nur.“
Torid wurde aus Asbirgs Worten freilich nicht schlau. Artig überreichte sie ihr das Brot und den Käse, nahm ihrerseits den heilenden Balsam in Empfang und verabschiedete sich mit dem Versprechen, ihre Wohltäterin recht bald wieder zu besuchen. Kaum achtete das Mädchen auf all die kleinen und großen Wunder der blühenden Natur, als sie tief in Gedanken versunken dem schmalen Pfad folgte, der sie aus dem Wald zurück zu dem kleinen Dorf führen würde.
Sie bemerkte nicht, dass dunkle Augen unentwegt auf ihr ruhten, dass jede Bewegung ihres jungen Leibes mit verstohlenem Blicke verfolgt wurde. Erst als sie den Rand der kleinen Siedlung erreichte, wandte der heimliche Verfolger ihr den Rücken zu. Wider besseres Wissen hatte Eldar im Verborgenen darauf gewartet, bis das Mädchen die Hütte der Kräuterhexe verlassen hatte. Er konnte sich selbst nicht einmal erklären, was ihn dazu getrieben hatte, ihr an diesem Tage nachzugehen. Zweifellos, sie war ein reizendes Geschöpf, strahlend wie der Morgen mit ihrem Haar wie Sonnenschein, das in zwei züchtigen Zöpfen weit über ihre Schultern fiel, und den hellen blauen Augen, die ihn mit einer Mischung aus Furcht und Neugierde angesehen hatten. Noch immer brannte ihr Blick auf seiner Haut, weckte längst vergessene Sehnsüchte. Es war aber ihr Geruch gewesen, der liebliche einzigartige Duft, der sie gleich einem unsichtbaren Mantel umgab, der sein Blut unerwartet in Wallung gebracht hatte. Doch Eldar war kein Narr. Niemals würde ihm ein Weib wie dieses gehören. Sie war viel zu gut, viel zu schön für eine verdorbene Kreatur wie ihn. Bereits in wenigen Tagen würde sie keinen einzigen Gedanken mehr an den Sonderling verschwenden, der ihr kleines Mädchenherz mit seinen harschen Worten und seinem abstoßenden Äußeren in Angst und Schrecken versetzt haben musste. Er täte gut daran, sie ebenfalls aus seinen Gedanken zu verbannen.
Mit einem schmerzvollen Seufzer begab er sich auf den langen Rückweg zu seiner Behausung tief in der Abgeschiedenheit der Wälder.

So flogen die Tage dahin. Langsam brachte der sanfte Südwind den Sommer nach Rondane, ließ die Weiden in saftigem Grün erstrahlen, auf denen Bjartes Ziegen emsig grasten und vergnügt über Stock und Stein sprangen. Doch die sonnige Zeit war trügerisch, denn ein gefräßiger Troll war dem steinernen Königreich des Dovrefjell entstiegen, um Nacht für Nacht ein Tier aus Bjartes Herde zu rauben. Am Morgen fanden die verängstigten Senner stets nur die knöchernen Überreste der jämmerlichen Beute des Unholdes vor. Riesige Fußabdrücke im Erdreich zeugten von dem ungleichen Kampf und schrecklichen Mahl, neben denen selbst die Tatzen eines Bären wie mickrige Kinderfüße wirkten.
Sorgen plagten Bjarte fortan Tag und Nacht, lasteten wie zentnerschwere Felsblöcke auf seinem Herzen, denn einen erfahrenen Krieger, der im Kampf gegen einen Bergtroll bestehen konnte, suchte er in den Tälern von Rondane vergebens und die jungen Bauernsöhne wagten es schon dreimal nicht, sich dem mordenden Ungeheuer entgegenzustellen. Als der Herbst sich in großen Schritten näherte, hatte er bereits so viele Ziegen verloren, dass er um das Überleben seiner Herde bangte. In seiner Verzweiflung begab er sich eines Tages zu der alten Asbirg, von der man munkelte, dass sie in Wirklichkeit die Nachfahrin einer weissagenden Völva sei und über das zweite Gesicht verfügte. Wenn jemand in seiner Not guten Rat wusste, dann war das die alte Kräuterfrau, so dachte Bjarte bei sich, als er ihre Hexenküche betrat.
„Ein Troll aus dem Geschlecht von Dovre, sagst du?“ Asbirg schüttelte ihr weißes Haar, rührte bedächtig in dem Kräutersud, der in einem Topf über der Feuerstelle brodelte. „Dann bist du wahrlich verloren, ärmster Bjarte, denn kein Mensch vermag ein solches Wesen zu bezwingen.“
„Aber es muss doch jemanden geben, der uns helfen kann!“, jammerte Bjarte und rang die Hände. „Alles, alles würde ich dafür geben, so man uns nur von dieser Plage befreien würde.“
„Gib Acht mit derlei Versprechungen, Bjarte Skoglund!“, zischte die Alte über den dampfenden Kessel hinweg.
Als sie jedoch in das vergrämte Gesicht von Torids Vater blickte, gedachte sie dem lieben Mädchen, das die Sorge um ihren Vater sicherlich ganz krank machte. Da ihr das Kind lieb und teuer war, wandte sie sich nach kurzer Bedenkzeit in versöhnlichem Tone an den Mann.
„Hör mir gut zu. Womöglich gibt es einen, der dir in deiner Not beistehen kann. Sein Name ist Eldar und er lebt allein tief in den Wäldern. Folge stets dem Pfad hinter meinem Haus, bis zu einem alten Baum, den Thors feuriger Hammer vor langer Zeit gespalten hat. Von dort aus ist es nicht mehr weit bis zu Eldars Heimstatt.“
Voll freudigem Tatendrang sprang Bjarte bei ihrer Rede auf seine Beine. Der Feuereifer der Jugend brannte ein weiteres Mal in seinen alten Gliedern, als er sich schon zum Gehen wenden wollte. Wie die Klauen eines Greifen bohrten sich jedoch auf einmal spitze Nägel in seinen Arm, hielten ihn mit einer Kraft zurück, die er der dürren Alten gar nicht zugetraut hatte.
„Sei gewarnt, Bjarte Skoglund!“, raunte Asbirg und stierte ihn dabei aus ihren tiefliegenden schwarzen Augen an, dass er schon meinte, der Wahnsinn spräche aus ihren Worten. „Eldar ist kein gewöhnlicher Mensch. Ein Ehrenwort ist seinesgleichen heilig. Einen Schwur besiegeln sie stets in Blut. Hüte dich davor, ihm für seine Dienste etwas zu versprechen, was du nicht zu halten vermagst.“
Doch Bjarte wollte sich nicht länger die Belehrungen der Alten anhören. Also schüttelte er ihre Hand ab, vergaß jedoch nicht, ihr für den weisen Rat zu danken, bevor er aus der Türe eilte.
Da es noch früh am Morgen war, beschloss er den Weg zu Eldar noch zur selben Stunde anzutreten. Frohen Mutes folgte er dem Pfad, der ihn immer tiefer in die Wälder von Rondane führte. Der Herbst tauchte den Wald in ein Meer aus strahlenden Farben. Golden leuchteten die Blätter der Birken vor dem dunklen Tann der Föhren und immer wieder fiel sein Blick auf allerlei bunte Pilze, die zwischen moosbedeckten Felsen wie Gnome mit gepunkteten Hüten hervorspähten. Eichhörnchen jagten geschäftig schnatternd die Baumstämme empor. Ihr langer buschiger Schwanz wirbelte gleich einem Schweif aus lodernden Flammen durch die Lüfte, ließ Bjarte an Sternschnuppen am nächtlichen Himmelszelt denken, wenn sie vom Ast eines Baumes in das Geäst eines anderen sprangen. Fröhlich besangen die Vögel in den Baumkronen die letzten warmen Tage des Jahres, bevor der Herbst sein schroffes Antlitz zeigen würde und der Regen in dichtem Gewölk die weißen Gipfel der Berge verhüllte.
Dann war auch die Zeit, da die Senner die Ziegen ins Tal trieben und Bjarte betete zu allen Göttern seiner Ahnen, dass mit ihnen nicht zugleich der Troll zu den Behausungen der Menschen gelockt würde. So viele Jahre hatte man diese Unholde nicht mehr gesehen, dass man geglaubt hatte, sie wären der Welt an der Oberfläche längst überdrüssig geworden. Beinahe hätten die Menschen die magischen Wesen vergessen und ins Reich der Sagen verbannt, doch nun musste Bjarte schmerzlich erfahren, dass die alten Mächte noch immer die Berge und Täler seiner Heimat beherrschten.
Hoch stand die Sonne bereits über dem Blätterdach, als Bjarte den alten Baum erreichte, dessen dicker Stamm in der Tat von einem Feuerstoß aus dem Hammer des großen Donnerers zerrissen worden war. Dahinter schlängelte sich der Weg weiter hinab ins Tal und in der Ferne konnten Bjartes noch immer weitsehende Augen das verräterische Glänzen eines Sees zwischen den Blättern der Bäume erkennen. Immer weiter folgte er dem Pfad, bis er schließlich eine Felswand am Rande des Wassers erreichte, in der ein dunkles Loch gleich dem Schlund einer Bestie klaffte. Die Höhle musste bewohnt sein, denn ein hölzerner Verschlag diente als kläglicher Schutz vor den Elementen.
Vor dem Eingang stand ein Mann von hünenhafter Gestalt und spaltete Holz mit einer Axt. Nur in ein langes Beinkleid gehüllt, fiel ihm das schwarze Haar strähnig in die Stirn. Als Bjarte sich bedächtigen Schrittes näherte, sah er auch die dunkelblauen Symbole, die ihn an kunstvolle Holzschnitzereien erinnerten, und sich über die Brust und Arme des Mannes erstreckten. Fast glich der Fremde in seiner wilden Erscheinung dem furchtlosen Kriegsgott Tyr, der es als einziger Ase gewagte hatte, dem grässlichen Fenrir seinen Schwertarm als Pfand darzubieten. Dann fiel Bjartes Blick jedoch auf die vielen Narben, die gleichsam den Leib des Fremden überzogen und so wusste er, dass ihm ein Mensch aus Fleisch und Blut gegenüberstand. Wieder und wieder sauste derweil die Axt durch die Luft, zerteilte mühelos das Holz, so als sei es nichts weiter als zerbrechlicher Tand.
Fürwahr, sollte ein Mann im Kampfe gegen einen Troll bestehen können, dann sicherlich einer wie dieser Fremde.
„Was hast du hier zu suchen?“
Bjarte wich einige Schritte zurück, als der Mann in seiner Arbeit innehielt und ihn aus feindseligen Augen musterte.
„Bist du der, der sich Eldar nennt?“
„Wer will das wissen?“, kam die geknurrte Gegenfrage.
„Bjarte Skoglund ist mein Name. Die alte Asbirg riet mir, dich aufzusuchen, damit ich dich um deine Hilfe bitten kann.“
Der Mann murmelte etwas Unverständliches in seinen dunklen Bart, während er die mächtige Axt mit einer Leichtigkeit über seine Schulter legte, als wöge sie nicht mehr denn eine Feder.
„Bitte, ich will dich für deine Dienste auch reich belohnen“, hob Bjarte an, als der Mann ihn mit gleichgültigem Schweigen bedachte und bereits Anstalten machte, seine Arbeit erneut aufzunehmen.
„Was kann einer wie du mir schon bieten?“
„Oh, ich bin recht wohlhabend. Meine Ziegenfelle sind weit über die Grenzen dieses Tales bekannt. Vielleicht hast du ja schon einmal von mir gehört. Ich wohne gemeinsam mit meiner lieben Tochter im prachtvollsten Haus diesseits der Berge. Sicherlich finden wir in meiner Heimstatt etwas, das einem Mann wie dir gefallen könnte. Kein Preis ist mir zu schade, nur musst du mich von dem grässlichen Troll befreien, der Nacht um Nacht eine Ziege aus meiner Herde raubt.“
„Ich soll also einen Troll für dich erschlagen, Bjarte Skoglund?“ Ein grausames Lachen kam über Eldars Lippen. „Und als Lohn bietest du mir womöglich ein paar Ziegenfelle? Wahrlich, du musst mich für einen schönen Narren halten.“
„Ich gebe dir alles, was du willst! Ich schwöre, alles worauf sich deine Augen in meinem Heim legen und was du mit deinen beiden Händen tragen kannst, soll dir gehören“, entfuhr es da Bjarte und in seinen Augen flackerte Hoffnung auf.
„Alles?“, echote Eldar und langsam sank seine Axt gen Boden.
Mit einem Mal veränderte sich seine gesamte Haltung, glich jener eines lauernden Raubtieres kurz vor dem entscheidenden Sprung, um die Beute zu erlegen.
„Alles!“, rief Bjarte in seiner Verzweiflung. „Alles will ich dir dafür geben!“
Da ließ der Mann plötzlich den Stiel seiner Waffe fahren, zog stattdessen ein Messer hervor und schritt auf Bjarte zu. Diesem gingen die Augen über, als Eldar mit einer langsamen Bewegung die Klinge über seine Handfläche zog. Rot quoll der Lebenssaft hervor, tropfte in das Gras zu ihren Füßen.
„Dann schwöre ich dir, Bjarte Skoglund, beim Blute meiner Ahnen, dass ich dich noch heute Nacht von dem Troll befreien werde.“
Und mit diesen Worten streckte er Bjarte die blutverschmierte Hand entgegen, die dieser nach kurzem Zögern ergriff, um den Pakt zu besiegeln.
„Verrate mir nun, wo geht dieser Unhold um.“
„Oh, das ist einfach“, erklärte Bjarte voller Erleichterung „du musst nur an die saftigen Hänge der Berge ziehen, wo meine Ziegen seit dem Frühjahr grasen. Dort wirst du den gefräßigen Bösewicht bei Anbruch der Nacht ganz sicher finden.“
Eldar nickte ihm mit entschlossener Miene zu und schon wollte Bjarte sich zufrieden zum Gehen wenden, als er die tiefe Stimme des Mannes ein weiteres Mal vernahm.
„Beim Morgengrauen werde ich zu dir kommen, Bjarte Skoglund. Ich werde dir den Kopf des Ungetüms bringen und dann meinen rechtmäßigen Lohn einfordern. Du aber vergiss dein Versprechen nicht, denn es wird Unglück über dich und die Deinen kommen, wenn du unseren heiligen Blutsschwur brichst.“
„So sei es. Ich werde dich erwarten, Eldar, und ich werde zu meinem Wort stehen“, verkündete Bjarte und machte sich voller Glückseligkeit auf den Heimweg.

Eldar blickte dem älteren Mann indes noch lange nach, bis seine Gestalt schließlich von den Baumreihen verschlungen wurde. Dieser Bjarte Skoglund kam ihm seltsam vertraut vor, wenngleich er ihn nie zuvor gesehen oder gesprochen hatte. Das Haar seiner Schläfen ergraute bereits und sein Gang wirkte wie der eines Menschen, der schon viele Monde gesehen hatte. Dennoch sprühte sein Antlitz voll jugendlichem Eifer und er führte unter dem stechenden Gestank der Furcht einen weiteren, kaum wahrnehmbaren Geruch mit sich, der wie der liebliche Duft der blauen Glockenblume Eldars Sinne für einen qualvollen Atemzug gefangen genommen und an eine Begegnung erinnert hatte, die er längst vergessen haben sollte. So schnell, wie der Gedanke geboren war, schüttelte er ihn mit einem kehligen Knurren wieder ab, besann sich stattdessen auf das bevorstehende Unterfangen. Wenn der Mann wahrlich so reich war, wie er behauptete, dann würde Eldar in seinem Haus zweifelsohne eine würdige Entlohnung finden. Sicherlich verfügte dieser Bjarte Skoglund über Hab und Gut, das ihm das Dasein in seiner einfachen Behausung im Winter ein wenig versüßen konnte. Außerdem dürstete es ihn schon seit langem nach einem Kampf, ja, seine Haut juckte ihn gar, wenn er an vergangenes Blutvergießen dachte. Da kam ihm dieser Troll gerade gelegen, immerhin war Dovres widerliche Brut den Seinen von alters her verhasst.
Prüfend richtete er seinen Blick gen Himmel, wo bereits die Umrisse des zunehmenden Mondes im Blau des Tages zu erahnen waren. In den vergangenen Nächten hatte sich die Kraft der silbernen Strahlen stetig vervielfacht und es würde nicht mehr lange dauern, bis die bleiche Nanna in voller Pracht am Himmelszelt erschien. Ein wohliger Schauer rieselte bei dem Gedanken an die hellen Nachtstunden über Eldars Rücken, verbreitete sich von dort als leichtes Zittern bis in seine Fingerspitzen. Mehrmals leckte er sich begierig über die schmalen Lippen, während sein Herz voller Erwartung ungestüm gegen seine Brust hämmerte.

Eine gute Nacht stand ihm bevor. Eine Mondnacht. Eine Wolfsnacht.

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Harald Schönhaar: Harald I., legendärer Herrscher und erster König weiter Teile der norwegischen Küste, der zwischen 852 und 933 n. Chr. gelebt haben soll.
Hafrsfjord: Die Schlacht am Hafrsfjord wird im Jahr 872 n. Chr. datiert. Mit Haralds entscheidendem Sieg begann der Einigungsprozess Norwegens als Königreich.
Dovrefjell: Gebirgsmassiv im Herzen Norwegens und Handlungsort vieler Sagen, heute berühmt für seine wildlebenden Moschusochsen
Rondane: Gebirgslandschaft in Mittelnorwegen
Jarl: nordischer Fürstentitel
Fáfnir: Eine Drachengestalt der nordischen Mythologie, die sowohl in der Liederedda als auch der Völsunga saga überliefert ist und von Sigurd erschlagen wird
Einherjar: Gefallene Krieger, die nach ihrem Tod bei Göttervater Odin in Walhall weilen und ihm bei Ragnarök im Kampf gegen die Riesen beistehen
Völva: Seherin der nordischen Mythologie
Dovre: Sagenhafter Trollkönig, dessen Hallen sich der Legende nach unter dem Dovrefjell befinden sollen
Tyr: Nordischer Gott des Krieges
Asen: Göttergeschlecht der nordischen Mythologie
Fenrir: Riesenhafter Wolf der nordischen Mythologie, Todfeind der Asen und Bruder der Midgardschlange
Nanna: Nordische Göttin des Mondes
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