(Un-)Schuld

von Jadina
GeschichteDrama / P18
Arlong Fisher Tiger Jimbei OC (Own Character) Okta
27.04.2018
31.01.2019
21
66.594
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27.04.2018 2.297
 
~~ Prolog ~~


Jahr 1488, irgendwo auf der Fischmenscheninsel


In der ganzen Straße waren keine Lichter auszumachen. Es schien fast, als handelte es sich um eine Geisterstadt. Dunkle Schatten bewegten sich zwischen den schmalen Gassen der Häuser. Offen auf dem Bordstein herumzulaufen, traute sich um diese Uhrzeit niemand mehr. Ebenso waren bloß geflüsterte Worte zu vernehmen, die auch vom Strom des Wassers hätten rühren können. Je mehr dieses Viertel den Eindruck erweckte, dass hier niemand lebte, desto sicherer war es für die Bewohner, die es dort in Hülle und Fülle gab. Sie wollten nur bloß nicht gesehen werden und dank jahrelanger Erfahrungen waren sie auch gut darin, sich zu verstecken.

Am Ende der Straße stand ein baufälliges, altes Haus, welches durch das spärliche Licht, das zwischen den Wurzeln der riesigen Mangrovenbäume kaum durchschien, gerade so erkennbar war. Spaziergänger hätten es vermutlich als völlig heruntergekommene Bruchbude beschrieben, deren marode Fensterläden zur Hälfte abgefallen waren. Allerdings sahen Dreiviertel der Häuser in diesem Viertel so aus. Und doch zeichnete sich ausgerechnet dieses Haus in der heutigen Nacht durch etwas Besonderes aus – es war der Ursprung neuen Lebens.

Just in diesem Augenblick drang ein lauter Schrei durch das rechte Zimmer im ersten Stock und der Mann, der die ganze Zeit vor der Tür gewartet und unruhig auf und ab gelaufen war, zögerte keine Sekunde, sondern trat einfach ein. Die zwei langen, dicken Barthaare, die rechts und links an seinem Kinn wuchsen, und die vier kleineren Barthaare unterhalb seines Kinns zitterten freudig, als er sah, wie die Hebamme das schreiende Bündel in ein paar Leinentücher wickelte und es ihm in die Arme drückte.

„Es ist ein Mädchen“, gratulierte die uralte Breitlocken-Meerjungfrau lächelnd. „Sieht aus, als wäre sie gesund. Aber ich schätze, es haben die Gene eurer Vorfahren durchgeschlagen. Sie sieht euch beiden nicht besonders ähnlich.“ Sie sah zu dem einzigen Bett im Raum, in dem die völlig fertige Mutter lag. „Du solltest eine Weile bei ihr bleiben. Ich bin gleich zurück.“

Die Meerjungfrau verließ den Raum, um dem frisch gebackenen Elternpaar Zeit für sich zu geben. Der Mann trat an das Bett seiner Frau heran, setzte sich auf den einzigen Hocker, den die Hebamme zuvor in Beschlag genommen hatte, und legte seiner Frau das Bündel auf die Brust. Das kleine Lebewesen darin hörte sofort auf zu schreien, als es die Körperwärme seiner Mutter spürte. Der Mann gab seiner Frau einen vorsichtigen Kuss auf die Stirn. Es war seltsam, ihre geteilte Flosse so blutverschmiert zu sehen, aber sie war noch immer die schöne Meerjungfrau, der er damals den Ring aus Bronze geschenkt hatte. Nun waren sie Eltern geworden.

„Und?“, fragte die Frau. Ihr heftiger Atem normalisierte sich langsam und sie war heilfroh, dass die Schmerzen endlich ein Ende hatten. „Was ist es? Ist es gesund?“

„Marua sagt, ja. Es ist ein Mädchen“, verkündete ihr Mann überglücklich. „Wollen wir sie ansehen?“

„Ein Mädchen.“ Die Mutter lächelte glückselig. „Ja. Lass sie uns ansehen. Ich weiß schon, dass sie keine Flosse hat. Sie kommt wohl nach dir.“

Der stolze Vater lachte: „Oh nein. Marua hat gesagt, sie sieht keinem von uns beiden ähnlich. Dann wollen wir doch mal sehen, nach wem in der Familie sie schlägt.“ Er hob das Leinentuch an, damit sie ihre Tochter begutachten konnten.

Marua hatte in der Tat recht. Dem Mädchen fehlte die Flosse, die sie als Meerjungfrau ausgezeichnet hätte, aber auch die Ansätze für die Barthaare waren nicht erkennbar, die sie nach ihrem Vater hätten kommen lassen. Sie war also auch kein Welsfischmensch. Doch das war nicht ungewöhnlich. Wenn ein Fischmenschenmann und eine Meerjungfrau ein Kind bekamen, konnte es theoretisch alles werden: Neben einer Miniversion des Vaters oder der Mutter auch eine Fischmenschenfrau oder ein Meermann. Es war kein Kennerblick von Nöten, um zu wissen, dass es sich bei der Kleinen um eine Fischmenschenfrau handelte.

„Sie sieht aus wie Großvater“, lächelte die Mutter und strich ihrem Kind über das schmale Köpfchen. Die schlammbraune Haut war ganz weich und noch ein wenig feucht vom Fruchtwasser.

„Also ich finde ja, dass sie eher nach deiner Tante kommt.“ Der Vater grinste verschmitzt. „Nun, wenn ihr der giftige Rochenstachel wächst, wissen wir ja Bescheid.“

„Sie ist wunderschön.“ Die Meerjungfrau schmiegte ihren Kopf an die Schulter ihres Mannes. „Wir müssen gut auf sie aufpassen. Wenn sie älter ist, wird sie allen Jungs den Kopf verdrehen.“

„Das könnte passieren, ja“, lachte er, umfasste die Hand seiner Frau und gemeinsam legten sie diese sanft auf den Rücken ihrer Tochter.

Eine Weile betrachteten sie das eingeschlafene Bündel wortlos und liebevoll, bis Marua zurückkehrte. Die Hebamme scheuchte den Vater aus dem Raum, um die Nachsorge bei Mutter und Kind vorzunehmen.

An diesem Tag war alles in Ordnung. Aber es sollte nicht für immer so bleiben.

Die ersten drei Monate waren eine Wonne. Der stolze Vater zeigte jedem seiner Freunde seine Tochter und die Mutter bekam von allen Seiten Glückwünsche, was für ein gesundes, hübsches Kind sie doch bekommen hätten.

Stets rätselten alle, was für eine Sorte Fischmensch das Mädchen denn nun war. Binnen der ersten zwei Wochen war ihr kein Rochenstachel gewachsen, was des Vaters Theorie zerschlagen hatte, aber sie hatte auch nicht die dunkelblauen Flecken auf dem Rücken bekommen, die für den Großvater mütterlicherseits so typisch waren.

Die Hautfarbe der Kleinen hatte sich verändert. Sie changierte nun je nach Lichteinfall in einem zarten graubraun, mal etwas heller, mal etwas dunkler. Wenn es Gene aus der Familie waren, die sich durchgesetzt hatten, lagen diese sehr weit im Stammbaum zurück. Glücklicherweise waren die Eltern ein so inniges Paar, dass niemals der Gedanke aufkam, sie könnte von einem anderen Mann gezeugt sein. Es war auch Unsinn, die Meerjungfrau war ihrem Mann immer treu gewesen.

Die Eltern sollten nie erfahren, was für eine wundervolle Sorte ihre Tochter war, denn länger als diese drei Monate würden sie sie nicht begleiten.

Es war der letzte Tag des dritten Monats. Sie hatten Marua gegen ein kleines Trinkgeld angeheuert, um auf die Kleine aufzupassen, damit sie endlich wieder einmal zu zweit ausgehen konnten. Nach der Geburt seiner Tochter hatte der Mann eine Gehaltserhöhung erhalten und sie waren in ein anderes Viertel gezogen, in eine hübsche, helle und große Wohnung.

Noch während die Eltern unterwegs waren, spürte Marua, dass dort draußen etwas vor sich ging. Sie war schon ziemlich alt, ihre Flosse seit Jahrzehnten gespalten, doch hatte sie nie Kinder bekommen. Trotzdem besaß sie diese ungute Vorahnung, wenn ein kleines Geschöpf der Meere in Gefahr war. Und die Gefahr war so deutlich, dass sie sie beinahe auf der Zunge schmecken konnte.

Nervös spähte sie in die Mitte des Raumes, wo das Kind in einer Wiege lag und friedlich schlief. Dieser Anblick beruhigte sie etwas, doch konnte sie sich von ihren Gedanken nicht losreißen. Was ging da draußen vor sich? War es etwa wieder so weit?

Mit einem Mal wurde Marua übel und sie zog einen Stuhl zum Fenster heran, um sich zu setzen und gleichzeitig nach draußen schauen zu können. Sie war sich sicher, dass ihr schlimmster Albtraum gerade vonstattenging, und sie hoffte inständig, heute verschont zu werden.

Keine Viertelstunde später schwamm ein Meermann eilig durch das Viertel. Er hatte die Hände zum Trichter geformt und schrie herum: „Versteckt euch! Sie kommen! Sie kommen!“

Auf seine Worte hin stoben die Leute auf der Straße auseinander, verschwanden in den Häusern und Seitengassen, wohin sie nur konnten.

Die Warnung war keine Sekunde zu früh erfolgt. Kurz darauf, nachdem sie die Vorhänge zugezogen und das Licht gelöscht hatte, beobachtete Marua durch den zarten Gardinenstoff, wie ein Trupp Menschen die Straße heruntergelaufen kam. Es waren Piraten, der vermeintliche Kapitän ging vorneweg, den Säbel erhoben. Hinter ihm wurde ein großer Wagen gezogen und mit dem bitteren Geschmack von Galle im Mund erkannte Marua, dass es in Ketten gelegte Fischmenschen waren, welche die Sklavenarbeit verrichteten. In dem vergitterten Käfig darauf saß eine gefesselte Meerjungfrau. Sie weinte bitterlich und rief um Hilfe, doch das war vergebene Mühe. Niemand würde sich trauen, aus seinem Haus hervorzukommen und ihr zu helfen. Die Fischmenschen waren nicht dumm. Sie wussten genau, was mit jenen passierte, die so etwas taten. Wenn es nur darum ging, getötet zu werden, hätte es vielleicht noch jemand versucht. Aber die Piraten töteten die Fischmenschen nicht. Sie verschleppten sie hinauf an die Oberfläche, wo sie sie als Sklaven verkauften. Tot brachte ihnen ein Fischmensch kein Geld mehr. Lebendig schon. Und ein Leben in Sklaverei war schlimmer als der Tod.

In diesem Augenblick begann das kleine Mädchen, leise zu wimmern. Marua stand schnell auf und eilte hinüber, nahm das Kind auf den Arm und wiegte es sanft hin und her. Zum Glück beruhigte es sich schnell, gluckste zufrieden und strahlte sie an. Es hatte ein rundes Gesicht mit süßen Grübchen an den Wangen und Augen in der seltenen, faszinierenden Farbe von Töpferlehm. Auch die alte Breitlocken-Meerjungfrau hatte keinen blassen Schimmer, was für eine Sorte Fischmensch dieses Kind war, aber aufgrund der schuppenfreien, glatten Haut tippte sie in Richtung Aal. Sie würde es jedenfalls leichter haben und konnte froh sein, nicht als Meerjungfrau geboren worden zu sein. Piraten verdienten das meiste Geld an Meerjungfrauen. Vielleicht würden sie das Kind eher in Ruhe lassen.

Als Marua mit dem Mädchen auf dem Arm zum Fenster ging und erneut nach draußen spähte, entdeckte sie, dass die Nachbarin von gegenüber es ihr gleichtat. Der Piratentrupp war indessen verschwunden und hatte keine größeren Schäden in der Straße angerichtet.

Nach und nach kamen wieder Fischmenschen aus den Häusern und zwischen den Gassen hervor und eilig wurden Neuigkeiten darüber getauscht, ob jemand zu Schaden gekommen oder ob jemand Weiteres gefangen genommen worden war.

Marua, die nichts dergleichen befürchtete, wandte sich vom Fenster ab und nahm das Kind mit ins Badezimmer, um die Windel zu wechseln, bevor sie in die Küche ging, um das Abendessen vorzubereiten. Es gab keinen Grund, den Alltag nicht fortzuführen. Darin, wieder schnell zurück in den ursprünglichen Trott zu finden, waren die Fischmenschen gut.

Es gab Algenbrei, etwas, das die Kleine nicht ganz so gerne aß. Fischmenschen mussten nur sehr kurz gestillt werden und deshalb bekam das Mädchen schon andere Nahrung. Sie sortierte jedoch sehr gerne aus, was sie aß und was nicht. Ja, die Kleine war clever.

Marua las ihr eine Geschichte vor, während sie sich ihr eigenes Abendessen kochte. Anschließend brachte sie die Kleine wieder in die Wiege und schaukelte sie in den Schlaf, bevor sie dazu überging, an ihrer neuen Tischdecke zu stricken.

Während die Uhr weiter tickte und bald Mitternacht schlug, begann Marua, sich langsam Sorgen zu machen. Die Eltern hatten ursprünglich mit ihr vereinbart, ihr Mädchen gegen Elf wieder abzuholen. Nun gut, vielleicht war ihnen etwas dazwischen gekommen oder sie hatten vor lauter Rumknutschen die Zeit vergessen.

Kurz nach ein Uhr wurde die Breitlocken-Meerjungfrau langsam unruhig. Es war weder Adinas noch Setos Art, zu spät zu kommen. Beide hielten sich immer an die Absprachen. Irgendetwas stimmte da nicht.

An den Aufzug der Piraten dachte Marua natürlich nicht. Warum auch? Es hatte keine Neuigkeiten fernab der entführten Meerjungfrau gegeben. Oder zumindest waren keine solchen Neuigkeiten bis in ihr Wohnviertel vorgedrungen.

Um Drei ging Marua schließlich selbst zu Bett, nahm die Wiege mit zu sich ins Zimmer. Sie würde die Türklingel schon hören, wenn die Eltern endlich auftauchten.

Als der Morgen anbrach, ohne dass das Mädchen abgeholt worden war, wurde der alten Meerjungfrau so langsam bewusst, dass dies auch nicht mehr passieren würde.

Mit der Morgenzeitung erreichten sie die Neuigkeiten, dass neben der jungen Meerjungfrau auch eine ältere Meerjungfrau und deren Fischmenschenmann gekidnappt worden waren, weil sie wohl versucht hatten, der Jüngeren zu helfen.

Ein Blick auf die Wiege und mit dem folgenden Stich im Herzen wusste Marua, was geschehen war. Es waren die Eltern des Mädchens gewesen. Wieder war ein junges Geschöpf Waise geworden, weil die Menschen waren, wie sie nun mal waren. Grausam und schuldig.

Marua kümmerte sich noch elf Monate um das Mädchen. Dann verstarb sie und das Kind landete im Waisenhaus im Fischmenschenviertel, wo es nun auf sich alleine gestellt war.

Woher ich das so genau weiß? Nun, der Name des Mädchens lautet Atheiana. Es ist mein Name. Das ist meine Geschichte über Schuld und Unschuld...


~~*~~*~~


Anmerkungen


Hallo an alle, die sich für mein Projekt interessieren :)

Lange war es angekündigt und nun ist der Tag endlich gekommen. Ich hoffe, der Einstieg hat euch angesprochen.

Diese Geschichte spielt mit der Frage nach Schuld und Unschuld. Sie wird keine Antworten hinsichtlich Gerechtigkeit liefern; es obliegt nicht mir, zu entscheiden, ob Arlongs Rachefeldzug durch den East Blue gerechtfertig war oder nicht, ob er ein Tyrann ist oder lediglich ein Opfer seiner Umstände.

In einer Zeit, in der Themen wie Herkunft, Hass und Fanatismus aktuell sind und viel diskutiert werden, obliegt es alleine euch, zu entscheiden, welche Position ihr beziehen wollt. Im wahren Leben wie auch hinsichtlich dieser Geschichte. Ich für meinen Teil wollte versuchen, aus der Perspektive einer Betroffenen zu erzählen, um über die Grundlagen, die wir im Manga/Anime größtenteils von Jimbei erfahren, hinausgehen zu können.

Es sind keine einfachen Themen, aber gerade das hat den Reiz für mich ausgemacht. Die Rassismusthematik ist auch der Grund, warum ich P18 geratet habe.

Ich habe viel recherchiert und diese Geschichte zwecks Überblick mit Jahreszahlen gestaltet, wo es nötig war. Diese richten sich nach dem Zeitstrahl des deutschsprachigen One Piece-Wikipedias, da das englischsprachige Wikipedia bezüglich der Zeitangaben in den Biografien der Charaktere Widersprüche aufweist.

Sollten irgendwo Aspekte auftreten, die neu für euch sind, sind sie entweder meine Interpretation oder ich wusste es einfach nicht besser. Für 'seriöse' Quellenangaben, sollte mir tatsächlich in der Recherche ein Fehler unterlaufen sein, bin ich dankbar.

Mein größter Dank geht jedoch an Thistledown, die mir mit ihren Anmerkungen zur Seite gestanden hat. Ein kleines Dankeschön in Form eines One Shots folgt.

Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Verfolgen von Atheianas Geschichte!
Jadina
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