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[Projekt] Farben

von Raininmay
OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
26.04.2018
26.04.2018
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Denn an Tagen, Abenden wie heute, da trifft es „vermissen“ nicht ein Mal im Geringsten. Da sind Wörter wie „Wut“ oder „Trauer“ nicht das Wahre und „Verlust“ nur ein Euphemismus für die eigentlichen Gefühle, die Tief in meinem Inneren brodeln. Wie im Chemieunterricht, die Flüssigkeit droht aus dem Reagenzglas überzulaufen, bloß weil die Flamme des Bunsenbrenners nicht die perfekte Temperatur hat und man schon wieder vergessen hat „immer schön gleichmäßig zu schütteln, aber ja nicht zu fest!“.

An solchen Abenden, da spüre ich solche Dinge nicht. Da spüre ich wohl pure Leere, welche mit meinen Verlustängsten Liebe gemacht hat und dabei etwas gezeugt hat, das keinen Namen trägt und dabei würde dieses namenlose Etwas eigentlich doch perfekt meine Gefühlslage beschreiben. Nur entweder hatte das vor mir noch niemand oder unser perfektes, deutsches Hochdeutsch ist noch nicht im Besitz eines solchen Wortes. Sollte mal jemand bei den Konferenzen für die neuen Dudenauflagen auf die Tagesordnung setzen. 1. Punkt – ein Wort für etwas finden, dass irgend so ein Mädchen nicht mal selbst beschreiben kann. Ja gut. Verwerfen wir das wieder.

Das Ganze hier ist wohl ein trauriger Versuch meinerseits über einen Tod hinwegzukommen, aber wie ich zu deinen Lebzeiten schon nicht über Probleme reden konnte, so kann ich jetzt nicht über dich reden. Und du sagtest immer so schön „Darüber sollten wir uns mal unterhalten“, aber irgendwie kamen diese Unterhaltungen nie. Wieso ich anfange zu weinen und das wieder und wieder und wieder ohne wirklichen Grund zu haben oder wie ich es eigentlich schaffe nicht „leer“ zu gehen. Aber weißt du, nach deinem Tod frage ich mich das auch. Wie ich da noch nicht leer geworden bin.

Denn mittlerweile, da habe ich einen Grund leer zu sein und zu weinen. Mittlerweile hat das Übel einen Namen und wenn ich am helllichten Tag einfach so anfange zu weinen, dann weiß zumindest ich, dass es sich schon seit ein paar Jahren nicht mehr nur um ein „weiteres Problem“ von mir handelt.

Du bist kein Problem. Du könntest nie ein Problem sein. Du bist das letzte, was ich als eine Problematik ansehen würde, denn ohne dich wäre mein ganzes Leben ein reinstes Problem. Stattdessen hast du mein Leben auf eine unvermeidbare und eine unveränderbare Tatsache reduziert – nämlich deinen Tod zu akzeptieren.
Und des Öfteren frage ich mich, wie lange du das eigentlich wusstest. Wie lange du deinen Tod schon im Voraus geplant hattest und wenn du denn vor hattest mich in deine Pläne einzuweihen. Hm – wahrscheinlich schwer mit einem Mund voller Pillen, oder?

Verdammt, ich weiche schon wieder in dieses unterschwellige, verurteilende ab, doch das wollte ich gar nicht. Zum ersten Mal wollte ich doch nur sagen, dass du mir fehlst und das ich echt nichts dagegen hätte, wenn das alles bloß ein schlechter Witz wäre. Ein Traum. Eine Fata Morgana. Einfach nur irgendwas Surreales, was mir mein innerliches Dilemma mit der „Tod-Überwindung“ erleichtern würde. Aber nein, du bist real. Oder nein – du bist halt eben nicht mehr real. Du warst es. Oder bist es, weil du ja existiert hast und nur tot bist... Ich habe das mit dem Tod nie so wirklich verstanden.

Und deswegen fand ich das auch immer sehr faszinierend, wie du darüber reden konntest und die perfekte Vorstellung von dem hattest, was da eigentlich danach alles auf uns zukommt. Du konntest erzählen, schwärmen, fantasieren, dir Dinge ausdenken und dabei so weit abschweifen, aber auch mit deinen Worten und der deutschen Sprache umgehen – und das so gut, dass du jedes Mal, wenn du geredet hast ein lyrisches Meisterwerk gezeichnet hast.

Du warst die Perfektion eines Menschen – ein Mensch in seiner puren Perfektion. Aber selbst du, der doch stehts mit sich im Reinen schien, konnte die Welt nicht überleben. Ich dachte immer du würdest zumindest mich überleben, obwohl du doch so viel älter warst als ich, aber nun bin ich älter als du damals und nun habe ich dich überrundet. Ich lasse dich jung aussehen.

Mir ist bewusst, dass ich nun wirklich nichts mehr an der ganzen Sache ändern kann. Und mir ist auch bewusst, dass an der Redewendung „man weiß erst, was man hat, wenn es weg ist“ etwas dran ist, aber manchmal wünsche ich mir eben, dass du doch noch da wärst und ich mir über solche Dinge überhaupt erst nicht Gedanken machen müsste. Dass du einfach da wärst, jetzt neben mir im Bett liegen würdest und mir über die Schulter gucken würdest, wie ich etwas anderes schreibe... und eben nicht über meine Gefühle für dich, nachdem du nicht mehr da bist.

Ich denke nämlich, wenn du jetzt neben mir liegen würdest, dann würdest du mich ablenken. Aber ein schönes Ablenken. Eben dieses „Ja meine Kleine, ich weiß, dass du jetzt das und das machen musst oder willst, aber weißt du, deinen Hals zu küssen ist halt eben schon irgendwie schöner“. Oder vielleicht auch dieses „Na komm, tu den Laptop weg, diesen Prachtkörper willst du doch jetzt sofort auf dir spüren“. Man beachte dabei seinen imaginären sarkastischen Ton, denn... Naja. Um es nett auszudrücken: Sarkasmus war dann doch nicht so seine Stärke.
Mir wären alle Möglichkeiten der Ablenkung recht. Mir wäre auch recht, wenn du einfach nur seelenruhig atmend neben mir liegen würdest. Mir wäre alles recht. Hauptsache du wärst halt jetzt eben mit mir in diesem Bett und nicht meterweit unter der Erde.


Denn seit du weg bist ist alles sehr farblos geworden.
Ich wüsste gerne mal wieder, wie strahlend hell eigentlich Farben sein können.
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