Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Findet Boo

von Naschi
Kurzbeschreibung
OneshotAbenteuer, Humor / P12 / Gen
Alanta Boo Galger Zeck Zino
26.04.2018
26.04.2018
1
4.046
2
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
26.04.2018 4.046
 
Diese Wichtelgeschichte ist für - Leela - , die sich im Offen für Neues-Wichteln einen Oneshot zwischen Galger und Zino gewünscht hat. Da der ursprüngliche Wichtel abgesagt hat, bin ich eingesprungen.
Ich hoffe die Geschichte gefällt und ich konnte Zino und Galger OC darstellen :) Und ich hoffe man merkt mir nicht zu sehr an, welcher der Schnurks mir der Liebste ist^^
Viel Spaß beim Lesen.

__________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________

Zino war nicht blöd. Vielleicht nicht so schlau wie Boo – okay definitiv nicht so schlau wie sein bester Freund – aber er war auch nicht auf den Kopf gefallen. Deshalb kam ihm die ungewohnte Stille in Boos Werkstatt, die er einen Tag vor dem großen Rennen gerade aufgesucht hatte, merkwürdig vor.
Die Sonne war gerade erst aufgegangen, die meisten Gayaner schliefen noch, dennoch war Boo jemand, der unermüdlich an seinen Dingen bastelte und oft die Zeit darüber vergaß. Wenn Zino nicht wäre, würde sein Freund nie groß unter Leute kommen. Was auch daran lag, dass er sich sein Haus weit ab, oben auf einen der Felsen, auf einem schmalen Vorsprung gebaut hatte. Zino kam nur mit seinem Fluggerät dorthin.
Staubpartikel tanzten im Sonnenlicht, das die Werkstatt sanft illuminierte. Es sah alles so aus wie immer: chaotisch und doch mit dem Grad Ordnung, dass Boo alles wiederfand was er brauchte. Doch ohne ihn wirkte der Raum einsam und verlassen.
„Boo?“, rief Zino in die drückende Stille hinein. Gestern Abend hatte Boo noch an irgendeinem Ding gearbeitet, ziemlich emsig und konzentriert. Irgendein Ruckizuckirucksack. Oder war es eine Schnickschnackzwille? Zino hatte es schon wieder vergessen und wenn er ehrlich war verstand er nicht viel von diesen Dingen.
Sein Freund antwortete nicht und er war auch nicht in der angrenzenden Kammer, in der er für gewöhnlich schlief. So chaotisch er an seinen Dingen arbeitete, er behielt immer einen gewissen Tagesablauf bei.
Boo repräsentierte für Zino Beständigkeit. Er konnte sich immer auf ihn und sein Talent verlassen. Keinen anderen ließ er an seinen Flitzer und das Boo einen Tag vor dem wichtigsten Rennen Gayas verschwunden war machte Zino stutzig. Es passte einfach nicht zu ihm.
Vorsichtshalber und um ganz sicher zu gehen ging Zino nach draußen und sah bei dem Plumpsklo vorbei, bei dem sich aber nur garstige Fliegen tummelte. Beim Anblick des kleinen Holzhäuschens erinnerte Zino sich an einen Vorfall, nachdem Boo wegen einer missglückten Erfindung irgendwas Falsches gegessen hatte und einen halben Tag mit Brechdurchfall dort drin verbracht hatte.
Am Tag danach war er in seiner Werkstatt verschwunden und hatte bitterernst an irgendeinem System gearbeitet, das Wasser transportieren konnte. Dabei hatte er was von Hyteme – oder war es Hygiene? – gemurmelt. Letztendlich hatte er einsehen müssen, dass sein Haus zu hoch lag und sich damit abgefunden, dass er seine Toilette nicht nachbessern konnte. Der Gestank blieb also.

Ein wenig später strampelte Zino auf dem Fluggerät, während die Landschaft Gayas unter ihm dahinrauschte. Er dachte nach, grübelte, was ein wenig dauerte.
Eines war ihm klar geworden: Boo musste etwas passiert sein. Und wenn etwas passierte steckten für gewöhnlich die Schnurks dahinter Zino sah es als Nationalheld und als Boos Freund als Pflicht an, dem nachzugehen.
„Rettung naht!“

Es war ein offenes Geheimnis, dass die Schnurks sich im hässlichsten Teil Gayas niedergelassen hatten: den Drümpfen. Eine Mischung aus Dreck und Sümpfen. Mit seinem Flitzer war es zu gefährlich durch dieses Gebiet zu fahren, weswegen er kurzerhand sein Fluggerät in die richtige Richtung lenkte und das Heim der Schnurks aufsuchte.
Die Räder der Flugmaschine versanken schmatzend im Matsch, aus dem ein fauliger Geruch aufstieg. Zerklüftete Felsen und dichte Bäume machten es der Sonne schwer ihre Strahlen bis zum Grund der Drümpfe zu schicken. Die Umgebung war in ein dämmriges Licht getaucht, Grillen zirpten und ab und an zerplatze irgendwo eine Blase und der grauenvolle Geruch verteilte sich überall. Zino rümpfte sie Nase und zog seine Stiefel aus dem Dreck. Die konnte er vergessen, das würde er nie wieder abbekommen.
Die Flitzer der Schnurks, die auch im schlimmsten Matsch fahren konnten, standen unweit eines riesigen, hohlen Baumes. Kohlrabenschwarz streckte er sich dem Himmel entgegen und wirkte genauso tot wie die ganze Gegend.
Zino schritt auf die schiefe Tür zu, die im Stamm des verkrüppelten Gewächses eingelassen war. Sie hing mehr schlecht als recht in den Angeln und wirkte verwittert.
Bevor er jedoch klopfen konnte, wurde sie aufgerissen und der blauhaarige Zeck steckte den Kopf heraus. Verdattert sahen sich beide an. Zeck rührte sich zuerst.
„Chef?“, rief er ins Innere des Baumes, aus dem Rumpeln und Gefluche drang.
„Was denn? Ist es etwa so schwer, mir den Werkzeugkasten zu holen, damit wir die Dreckskarre dieses aufgeblasenen, dumpfbackigen, ach-so-gerne-Nationalheld von–“, während er sprach war Galger immer nähergekommen und als er Zino erblickt hatte, war er mitten im Satz gestoppt.
Zino starrte den Anführer der Schnurks mit hochgezogenen Augenbrauen an, dann entsann er sich, weswegen er diesen Ort überhaupt aufgesucht hatte.
„Wo ist Boo?“
„Was?“
„Häh?“, fragte auch Zeck und aus dem Hintergrund tauchte der dritte im Bunde, Brampf, auf.
„Mein Freund Boo“, half Zino ihnen auf die Sprünge. „Ihr habt ihn entführt und ich bin hier um ihn zu retten.“
Galger lachte meckernd auf.
„Was sollen wir mit dem kleinen Tüftler denn anfangen? Der nützt uns doch gar nichts.“
Zino betrachtete Galger, der seine Arme in die Hüften stemmte und ihn anfunkelte. Er dachte nach.
„Na ihr Schnurks, ihr macht doch immer euer Ding. Jeder weiß das!“
Jeder Gayaner, schon kleine Kinder wussten, wie die Schnurks waren und dass man sich am besten von ihnen fernhielt. Es sei denn man hieß Zino und war der Nationalheld Gayas.
„Unser Ding?“, hakte Galger grinsend nach. Seine Mundwinkel waren hämisch verzogen.
„Na ihr be…“ Zino suchte nach dem richtigen Wort.
„Bescheißen?“, half Zeck ihm auf die Sprünge.
„Genau! Ihr bescheißt. Schnurks schummeln immer.“
Galger warf Zeck einen bösen Blick zu und trat dann mit stolz geschwellter Brust vor.
„Das wäre uns zu plump. Wir gehen raffinierter vor. Dein Freund ist nicht hier.“ Er wollte Zino die Tür vor der Nase zuknallen, doch dieser stellte eilig seinen Fuß auf die Schwelle.
Skeptisch sah er alle drei Schnurks der Reihe nach an.
„Ihr heckt doch irgendwas aus.“
„Wir sind ganz unschuldig. Da lebt man gesetzestreu vor sich hin, genießt den wunderschönen Morgen und dann wird man so dreist beschuldigt.“ Theatralisch griff Galger sich an die Brust. Zeck und Brampf nickten eilig.
„Das tut weh, Zino. Dieses ständige Misstrauen, das uns entgegengebracht wird. Aber weißt du was? Um unseren guten Willen und unsere Unschuld zu beweisen, werden wir dir bei der Suche nach deinem Freund helfen. In einer Stunde bei der Weggabelung der drei Eichen. Mit unseren Flitzern.“
Zino zögerte. Die Schnurks boten nie ihre Hilfe an, jedenfalls ihm nicht. Doch dann nickte er. Besser die drei Chaoten waren in seiner Nähe, dann konnte er sie im Auge behalten.
„Abgemacht.“
Er stapfte zu seinem Fluggerät zurück (die Schuhe waren nun wirklich im Eimer) und machte sich auf den Weg um seinen Flitzer zu holen.

„Werden wir ihm wirklich helfen?“, fragte Zeck unsicher nach. Er verfolgte den immer kleiner werdenden Punkt am Horizont und sah dann zu seinem Anführer.
„Natürlich nicht“, grollte Galger und fügte dann hinzu: „Aber eine bessere Gelegenheit um an den Rennwagen von Zino zu schrauben gibt es nicht. Dieses Mal gewinnen wir das Rennen. Schnurks schummeln immer.“
Gemeinsam steckten sie die Köpfe zusammen und tüftelten einen Plan aus, bei dem kaputte Bremsen, Stacheldraht, Rauchbomben, Explosionen und eine Kuchenbombe eine Rolle spielten.

Der von Galger vorgeschlagene Ort lag leicht erhöht auf einem Plateau und war ein Teil der morgigen Rennstrecke. Nicht weit entfernt auf einem großen Felsen befand sich das Zentrum und das Heiligtum Gayas. Der Dalamit leuchtete überirdisch schön und schickte sein Licht über die gesamte Landschaft.
„So, da wären wir“, murrte Galger geschäftsmäßig und stierte zu Zinos Flitzer herüber. Der Wagen war sein ganzer stolz und es gab nur einen, den Zino an sein Baby ließ: Boo.
Galgers Flitzer hingegen wirkte durch die gesamte Panzerung schwerfällig und plump. Wenig elegant und windschnittig. Kein Vergleich mit seinem Wagen.
„Wir sollten uns zunächst an die Rennroute halten und alle möglichen Orte absuchen, die Boo aufsuchen würde.“ Was nicht viele waren. So klug und gewitzt sein Freund war, Mut gehörte nicht zu seinen Stärken. „Fangen wir beim Hain der Kirschblüten an und von dort aus–“
„Moment mal“, unterbrach ihn Galger grollend.
„Wer sagt denn, dass du das Kommando hast?“
Zino beugte sich aus seinem Flitzer zu Galger herüber.
„Weil ich ein Held bin und Gaya wie meine Westentasche kenne. Ebenso wie ich Boo kenne.“
Galger lachte meckernd auf und Brampf und Zeck tauschten einen amüsierten Blick, der vor allem Zustimmung in allem versprach, was Galger von sich gab.
„Wenn du ihn so gut kennst, hättest du ihn doch längst gefunden, du Held. Du hast keine Ahnung wo er ist. Das Kommando übernehme ich.“
„Nein, ich!“
„Das denkst auch nur du. Ich habe mehr Grips, also bestimme ich die Routen.“
Mit zornesfunkelnden Augen sahen sie sich beide grimmig an.
Das Gezänk ging noch eine Weile so weiter, bis Zeck schließlich schüchtern einwarf, dass man doch eine Münze werfen könnte. Galger starrte ihn dumpf an und Zeck schrumpfte unter seinem Blick förmlich zusammen.
„Na schön“, knurrte Galger jedoch und sah Zino auffordernd an.
„Was?“
„Ich habe kein Geld dabei, du Genie. Du weißt schon: Schnurks sind immer pleite.“ Oder hatten das gezinkte Geld in ihrem Zuhause vergessen…
Umständlich zerrte Zino eine Münze hervor, die in der Mittagssonne golden schimmerte. Als er sie gerade werfen wollte, hielt Galger ihn auf.
„Lass Zeck das machen, dann weiß ich, dass du nicht bescheisst.“
„Das würde mir nie einfallen, ich spiele immer fair.“ Empört sah Zino auf die Münze, gab sie aber schließlich Zeck, nachdem Galger ihn mit einem finsteren Gesicht angestarrt hatte.
„Kopf“, zischte Galger.
„Zahl“, murrte Zino.
Zeck warf die Münze hoch in die Luft. Statt sie aber aufzufangen fiel sie auf den Boden, wo sie aufsprang, umherkullerte – und dann schließlich auf der Kante stehen blieb.
Ungläubig starrten alle vier auf das Geldstück. Stille senkte sich über sie. Das durfte doch nicht wahr sein! Wie hoch stand die Chance, dass so etwas passierte? Zino war noch nie gut in Wahrscheinlichkeitsrechnung gewesen und verwarf diesen Gedanken sofort wieder.
„Okay“, sagte er langsam.
„Dann eben Schnick-Schnack-Schnuck.“ Was konnte da schon schiefgehen? So einiges. Galger, der schummelte und ständig neue und sehr kreative, wie Zino zugeben musste, Figuren erfand, die stets besser als die waren, die Zino sich wiederrum ausdachte.
Um nicht noch mehr Zeit zu vergeuden, einigten sie sich schließlich darauf die Rennstrecke abzufahren und an allen Orten anzuhalten, bei denen es möglich war, dass es Boo dorthin verschlagen hatte.

„Da ist eine Höhle“, rief Zeck nach einiger Zeit. Sie hatten gerade zwei Felsen überquert, die mittels einer Hängebrücke verbunden waren und befanden sich nun in den Ausläufern des Gebirges, das Gaya wie einen Ring umgab und eine natürliche Grenze bildete.
In der Nähe donnerte ein Wasserfall herab, das Dröhnen der Massen konnte Zino bis in seine Fußspitzen fühlen.
„Da würde Boo nie reingehen.“ Er würde seinen Freund nicht unbedingt als feige bezeichnen, sondern eher als sehr vorsichtig und umsichtig. Nicht die schlechtesten Charaktereigenschaften.
„Das kannst du nicht wissen. Geh halt rein und sie nach.“ Galger war aus seinem Flitzer gestiegen und stierte zur Höhle hinüber.
„Na los zu Held. Du weißt schon: Schnurks sind immer feige.“ Darauf ließ Zino nichts kommen. Elegant schwang er sich aus den Wagen, nahm seine Zwille und ging festen Schrittes auf die Höhle zu.
Der Eingang klaffte gähnend schwarz vor ihm auf und aus dem Inneren konnte er eine Art Heulen hören.
Bestimmt der Wind, dachte er. Von seinem Gürtel löste er einen kleinen Stab, an dessen Spitze ein kleiner Kristall saß. Zino klappte eine Kurbel aus und betätigte sie. Sofort flammte der Kristall auf und er konnte in die Höhle hineinleuchten. Boo hatte ihm dieses nette kleine Gerät gebastelt und ihm mit den Worten übergeben, dass er damit keinen Waldbrand auslösen würde. Als ob das Absicht gewesen wäre…
„Hallo?“
„–allo, allo, lo, lo …“ echote es aus der Höhle zurück.
Ein kalter Luftzug streifte sein Gesicht. Zino fand keinen Grund, warum Boo in diese Höhle gegangen sein sollte.
Dennoch traute er sich hinein. Das Licht seiner Lampe tanzte über die feucht schimmernden Felsenwände. Die Gang war nicht lang, vielleicht zwanzig Meter, aber zum Ende hin ging er in eine große Halle über, aus deren Boden Stalagmiten zur Decke emporwuchsen.
„Boo?“, rief Zino. Wieder wurde seine Stimme tausendfach zurückgeworfen. Außer einem steten Tropfen irgendwo am anderen Ende antwortete ihm niemand.
Bis auf einmal grüne Augen in der Dunkelheit aufleuchteten.

„Zeck, gib mir mal die Kneifzange.“ Galger lag unter Zinos Wagen, nur die Beine schaute noch heraus. Seine Hand tastete sich hervor, in die Zeck eine Zange legte, die vielleicht das geforderte Stück war. Zeck hatte keine Ahnung von Werkzeug. Galger beschwerte sich nicht. Man hörte ihn angestrengt atmen, dann klickte etwas metallisch und der Anführer der Bande schob sich wieder unter dem Flitzer hervor.
„Meine Güte, dieser kleine Erfinder hat echt wahre Wunder an dem Ding vollbracht. Der hat dem arroganten Schönling eine Nektardirekteinspritzung–“, Galger brach abrupt ab, als aus dem Inneren der Höhle Schreie erklangen.
Gebannt sahen die drei Schnurks zum Eingang hin, in den Zino verschwunden war. Eigentlich hatten sie ihn nur hineingeschickt, damit Galger genug Zeit hatte die Bremsen des Rennwagens zu präparieren.
„Was zum …“, setzte Galger an, als er Zino erkannte, der mit einem Affenzahn aus der Höhle stürmte, hektisch winkend.
Als sie sahen, was hinter Zino her war, erwachten die Schnurks aus ihrer Starre und waren schnell wie der Blitz in ihrem Wagen und betätigten panisch die Zündung.
Ein großer, pechschwarzer Wolf war dem Nationalheld Gayas auf den Fersen. Im Maul hatte er Zinos Lampe, die er dem Untier wohl an den Kopf geworfen hatte. Zeck, der noch einen Schraubenschlüssel in der Hand hielt, warf diesen reflexartig nach dem Wolf. Er prallte an dessen Flanke, richtete aber nichts aus, außer, dass der Wolf nur noch wütender wurde.
Zino rettete sich in seinen Flitzer, der Wolf setzte ihm mit gewaltigen Sprüngen nach. Bevor seine Pranken Zino erreichen konnten, machte der Wagen einen Satz nach vorne und wirbelte Sand und Staub auf, was dem Biest die Sicht nahm.
So schnell sie konnten machten sie sich davon, einen wütenden Wolf zurücklassend, der seinen Unmut über die entkommene Beute an der Lampe von Zino ausließ.

„Meine Güte war das knapp gewesen“, seufzte Zino erleichtert. Sie hatten so viel Distanz zwischen sich und dem Wolf gebracht wie überhaupt möglich und waren im Zentrum Gayas in einer abgelegenen Schenke gelandet, um auf den Schreck ein Glas Honig Met zu heben.
Galger leckte sich zufrieden über die Lippen und ignorierte die Blicke, die ihnen die Gayaner zuwarfen. Schnurks waren eben nicht unbedingt beliebt.
Bisher war Zino auch nicht die Manipulation seines Wagens aufgefallen, aber spätestens beim Rennen morgen würde der dünne Draht reißen und die Bremsen versagen.
„Also, Boo war nicht in der Höhle?“, brachte Galger ihr eigentliches Anliegen auf den Punkt.
„Äh, nein.“
„Vielleicht hat der Wolf ihn gefressen“, warf Zeck ein und erntete einen wütenden Blick seitens Zino.
„Nein, weil Boo viel zu schlau ist, um sich fressen zu lassen.“
„Oder zu feige um überhaupt in so eine Höhle zu gehen“, setzte Galger gehässig nach. Das konnte Zino nicht auf sich beruhen lassen. Hart knallte er den Krug auf den Tresen, sodass von dem leckeren Gebräu einiges herüberschwappte.
„Boo ist der cleverste Gayaner den ich kenne!“
„Was auch nicht schwer ist, besonders helle seid ihr alle nicht.“
„Wir Gayaner sind besser als ihr Schnurks!“
Aufgebracht sahen starrten sie sich in die Augen. Zeck und Brampf tauschten wieder einen stummen Blick und zuckten dann mit den Schultern. Der Grund, warum sie überhaupt zusammen losgezogen waren rückte immer weiter in den Hintergrund.
„Hah, dass ich nicht lache! Wo seid ihr bitte besser als wir?“, verlangte Galger zu wissen.
Zino überlegte fieberhaft. Seine Augen streifte durch den Schankraum und blieben schließlich an dem Krug mit dem goldschimmernden Gebräu darin haften.
„Wir sind trinkfester.“
„Herausforderung angenommen.“ Galger nickte grimmig und hob seinen Krug hoch.
Beide sahen nicht, wie Zeck die Augen verdrehte, während Brampf genüsslich an der Spezialität des Hauses knabberte.
Zino hob seinen Krug, was Galger ihm nachtat. Auf ein Nicken hin begannen beide zu trinken. Fast zeitgleich knallten sie ihre leeren Krüge auf den Tresen, wischten sich den Mund ab und orderten das nächste Getränk.
Nach drei Runden versammelte sich eine immer größer werdende Schar Gayaner um Zino und die Schnurks. Wetten wurden abgegeben, wobei keiner auf Galger setzte, was dieser zum Anlass nahm, besonders verbissen um den Sieg zu kämpfen.
Beim fünften Glas konnte Zino bereits nicht mehr klarsehen und schwankte auf seinem Hocker hin und her. Mit zusammengekniffenen Augen fokussierte er das neue Getränk vor sich, streckte die Hand danach aus – und griff daneben. Er brauchte drei Anläufe, um den Krug zufassen zu bekommen. Galger indes hatte weniger Probleme, hatte aber auch Schwierigkeiten sich gerade zu halten.
Nach der siebten Runde schwächelten beide deutlich.
„Gibszu auf?“, lallte Galger und beugte sich zu Zino, der mit stumpfen Gesichtsausdruck ins Glas starrte.
Ihm war schwindelig und schlecht. Aber ein kleiner Teil ihn ihm rebellierte und schrie ihn an jetzt nicht aufzugeben. Die Menge um sie herum feuerte ihn euphorisch an, allerdings hörten sie sich wie ein schlecht eingestelltes Radio an. Mal wurden sie lauter, mal leiser.
Der Krug schien immer näher zu kommen und ehe Zino es sich versah, knallte er mit dem Kopf auf den Tresen.
„Was?“, nuschelte er und versuchte so professionell wie möglich auszusehen, indem er sich die Haare aus dem Gesicht strich und der Menge sein Tausendwattlächeln entgegenwarf. Das ziemlich schief geriet und eher so aussah, als wäre er halbseitig gelähmt.
„Dsu hascht verlorn.“ Galger deutete auf den leeren Krug vor sich.
„Ne.“ Zaghaft griff Zino nach seinem Getränk, um auf Gleichstand zu kommen, griff wieder und wieder daneben und ließ seine Hand dann schlaff an der Seite baumeln.
„Psause.“
„Was?“ Galger beugte sich zu ihm und legte seinen Kopf ebenfalls auf dem Tresen ab,
„Ts heißt Wie bidde. Ich brauch ne Pause.“
„Okay.“ Versonnen sahen sich beide an. Mehrere Minuten verstrichen. Zack, der das ganze Spektakel mit großen Augen verfolgt hatte, stupste seinen Anführer schließlich vorsichtig an.
„Chef?“
Auf einmal ruckte Zinos Kopf nach oben, zielstrebig und mit einer Eleganz, die ihm keiner mehr zugetraut hatte, griff er nach seinem Krug und leerte ihn angestrengt. Schweiß stand auf seiner Stirn und seine Hand zitterte.
Er rülpste markerschütternd, dann war es kurz still. Die Menge tobte und brüllte und klopfte ihm auf die Schultern.
„Gewonnen“, grinste Zino.
Galger, der ebenfalls wieder halbwegs grade saß, schüttelte den Kopf.
„Ne, Gleichstand.“
„Scheiße.“
Zino konnte sich nicht dazu durchringen, eine weitere Runde zu bestellen. Abgesehen wusste er nicht, bei welcher der fünf Schönheiten, die hinter dem Tresen standen, er bestellen sollten. Oder halt, es waren nur vier. Nein, sechs! Er gabs auf.
Einige Gayaner wollten Zino dazu überreden wenigsten noch ein Getränk zu leeren, aber er winkte müde ab.
„Isch hab gewonn“, wiederholte er mit schwerer Zunge. Dann stierte er in Galgers Krug.
„Da ist noch´n Schluck drin.“
Galgers Protest ging unter dem tosenden Beifall der Menge unter. Für sie hatte Zino haushoch gewonnen.
Nach und nach zerstreuten sich die Gayaner und zurück blieben zwei ziemlich betrunkene Kontrahenten und Zeck und Brampf.
Zeck klopfte seinem Anführer verlegen auf die Schultern.
„Für uns bist du der Gewinner“, flüsterte er.
„Halt die Klappe.“

„Zino?“
Schwerfällig drehte der Angesprochene seinen Kopf in die Richtung, aus der er die Stimme vernommen hatte. Auch Galger versuchte sich auf die Person zu fokussieren, die im Türrahmen stand. Er brauchte mehrere Anläufe, was auch daran lag, dass er seine Augen ein wenig tiefer wandern lassen musste, damit er den Gayaner sehen konnte.
„Boo?“
Zino ließ sich von seinem Hocker herabgleiten, schwankte und wurde schließlich von Galger festgehalten, der ebenfalls versuchte auf die Beine zu kommen ohne vorneüber zu kippen.
„Was ist denn hier los?“ Skeptisch trat Boo näher und sah zu seinem Freund, der ihn anstarrte wie eine Fata Morgana.
„Hast du getrunken?“
„Haben wird. Galger hat gewonnen.“ Zeck warf ihm einen verwirrten Blick zu und Galger brach ihn schallendes Gelächter aus, in das Zino einstimmte. Giggelnd klammerten sie sich aneinander.
Hilfesuchend sah Boo zu Zeck, der wieder nur mit den Schultern zuckte.
„Ein Wetttrinken“, erklärte er Boo. „Es ging unentschieden aus.“ Das noch eine kleine Neige in Galgers Glas gewesen war, verschwieg er großzügig.
„Ok. Aber warum?“
„Wir haben nach dir gesucht?“ Zinos Antwort klang wie eine Frage und wieder musste er lachen.
„Mit den Schnurks?“
Nichts für ungut, sollte sein Blick heißen, den er Zeck zuwarf.
„Jaaa? Du weißt schon, Schnurks sind immer nett.“ Boos Augenbrauen schossen nach oben.
Boo klappte seinen Mund auf, wusste aber nicht, was er sagen sollte.
„Wo warst´n du?“, verlangte Zino nun zu wissen.
„Ja genau. Wir haben uns den Arsch aufgerissen um dich zu finden.“ Galger kam zusammen mit Zino torkelnd näher.
„Äh, ich war hier.“
„Hier?“, echote Zino ungläubig. „Die ganze Zeit?“
„Ja, ich hatte was zu erledigen.“ Boo wand sich nervös unter ihren Blicken. Verlegen kratzte er sich am Kopf und rückte dann seine Brille zurecht.
„Der ganze Aufriss und du warst hier?“ Galger sah ihn fassungslos an. Zino nickte bekräftigend.
„Warum seid ihr denn nicht zuerst hierhergekommen?“
Schweigen breitete sich aus. Zino blickte Galger an.
„Ja, warum eigentlich nicht? Wer hatte diesen genialen Plan?“
„Ich ja wohl nicht. Du wolltest die Rennstrecke abfahren.“
„Und du hast mich in die Höhle geschickt.“
Wütend funkelten sie sich an, vergessen war der kurze Moment der Brüderlichkeit.
„Ich will mich ja nicht einmischen, aber ich hatte vorgeschlagen im Zentrum zu suchen“, warf Zeck schüchtern ein.
„Halt die Klappe“, riefen Zino und Galger unisono.
„Okay, jetzt beruhigen wir uns alle mal. Ich bin ja wieder da, also würde ich vorschlagen, ich bringe Zino mal nach Hause und du“, dabei sah Boo zu Zeck, „siehst zu, dass Galger nach Hause kommt.“
Zino protestierte nicht, als Boo ihm seinen Arm umlegte und ihn aus der Schenke eskortierte. Er warf Zeck noch einen Blick zu und formte ein lautloses Danke mit seinen Lippen. Der Schnurk nickte ihm zu und grinste verlegen. Zusammen mit Brampf verfrachtete er Galger in den Flitzer und rieb sich aufgeregt die Hände. So viel wie sein Chef getrunken hatte, würde er vergessen, dass Zeck den Wagen gefahren hatte. Er durfte sonst nie fahren.
Als Zino und Boo auf ihrer Höhe vorbeikamen, beugte Galger sich vor und deutete auf Zino.
„Wir sehen uns morgen auf der Rennstrecke. Und dieses Mal gewinne ich.“
Zino winkte ab.
„Nie im Leben.“
„Du weißt schon: Schnurks gewinnen immer“, sagte Galger eindringlich. Zino grinste.
„Nicht immer.“
„Ab nach Hause mit dir“, ächzte Boo und hoffte, dass Zino einen mächtigen Filmriss haben würde. Für einen Moment hatte es nämlich so ausgesehen, als ob er Freundschaft mit Galger geschlossen hätte.
Was nicht sein konnte. Denn Schnurks … konnten auch manchmal echt in Ordnung sein.

Kurz zuvor:
„So, das Teil ist jetzt richtig verbaut, da sollte nichts mehr abfallen.“ Boo wischte sich den Schweiß von der Stirn und kam unter dem Flitzer hervor gerollert. Staub tanzte in der kleinen versteckten Werkstatt, die mitten im Zentrum von Gaya lag.
„Ich danke dir, Boo.“
Alanta klopfte auf den Reifen ihres Flitzers und sah ihn sich zufrieden an. Nur noch ein bisschen aufpolieren und sie würde morgen als Erste durchs Ziel fahren. So viel war sicher.
„Und du willst das echt machen?“ Boo wischte sich die Hände an einem Tuch ab und musterte sie neugierig.
„Ich werde es denen zeigen, dass auch Frauen Rennen fahren können! Wenn ich den ersten Platz belege, werden sie nichts mehr sagen können.“ Verträumt sah Alanta ihren Wagen an.
„Ich habe mir eine Verkleidung ausgedacht. Wäre schön, wenn du mich morgen nicht verraten würdest.“
„Mach ich nicht. Und viel Glück, Zino ist nicht leicht zu schlagen. Du weißt ja, dass ich auch seinen Flitzer bearbeitet habe.“
Alanta grinste.
„Mach dir keinen Kopf, mit Können und Talent kann man auch den schnellsten Wagen schlagen.“
Durch die angelehnte Tür konnten sie Lärm ausmachen, der wohl aus einer Schenke kam, die nicht weit die Gasse herunter lag. Gejohle und Anfeuerungsrufe waren zu hören.
„Was ist denn da los?“
Boo zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung. Ich muss jetzt los. Bis morgen, Alanta.“
„Tschüss, Boo und danke.“
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast