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Das Schicksal ist eine miese Schokolade

von Eckstein
KurzgeschichteParodie / P12
Augustus Waters Hazel Grace Lancester Isaac Monica
25.04.2018
25.04.2018
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Das Schicksal ist eine miese Schokolade



»Mom, ich will aber nicht«, jammerte ich.
»Hazel. Du gehst da heute hin und lernst neue Leute kennen. Ok?«
»Mhm«, murmelte ich grummelnd. Ich hatte einfach keine Lust auf die immer gleich bleibende Selbsthilfegruppe. Was hatte ich schon davon? Außer dass ich bald Patricks Hodenverliergeschichte wortwörtlich auswendig kennen würde. Ich seufzte. Ich wollte mich nicht mit meiner Mutter streiten.
»Na gut, mom.« Ein Schmatzer auf mein kurzes Haar folgte.
»Also Hazel, hab Spaß. Bis später.«
Und so stieg ich seufzend mit meiner unhandlichen Sauerstoffflasche in mein Auto und fuhr zur Kirche von Jesus' Herzen. Dort angekommen nahm ich logischerweise die Treppe. So viel Würde besaß ich noch, auch wenn es einiges an Anstrengung kostete. Aber ich wollte eben nicht so dastehen, als ob bald mein Ende nahen würde. Wobei »bald« wohl nur eine subjektive Meinung war. Für mich waren drei Jahre nicht bald, aber bei einem normalen sechzehnjährigen Mädchen wäre das ein baldiger Tod.
Im Herzen Jesu angekommen, bediente ich mich gelangweilt am abwechslungsreichen Buffet. Ich nahm mir eine Oragenlimonade aus einem Pappbecher und einen leckeren Keks. Dabei fiel mir auf, dass heute nur sehr wenige Kekse dortlagen. Ich setzte mich seufzend an meinen gewöhnlichen Platz und wartete darauf, dass Patrick mit seiner Rede anfangen würde.
Doch da fiel mir jemand Neues in dem Kreis auf. Schockiert realisierte ich, dass dieser Jemand mich anstarrte. Normalerweise war es unhöflich von einem Kerl angestarrt zu werden, aber nicht, wenn er süß war. Dann war das durchaus in Ordnung. Und er war wirklich ausgesprochen hübsch... Ich versuchte nervös seinem Blick Stand zu halten, aber immer wieder musste ich wegschauen. Wer war nur dieser neue Junge? Aber dann unterbrach Patrick unser Blickduell. Es war schon an der Zeit uns vorzustellen und da würde ich wohl endlich erfahren, wer der neue Junge war. Neugierig hörte ich zu.
»I bin Augustus Glubsch«, sagte der neue Junge im stark ausgeprägten deutschen Akzent. »I bin ägentlich heut nur da, um Eisääck zu beglätn. I hob lädiglich en Schokoladenkräbs. Das liegt darahn, dass i Diabätes und Adipösitas hob. Ober heut' gäht's mir gonz guad. I muss nua ofpassn, dass i net so viel Schoklad ess. Monchmal wünsch i mia, dass der Schokladkräbs aus Schoklad wär, dann würd i ihn oinfach ofessen.«
Wie er redete... einfach nur hinreisend... Er sah nicht nur gut aus, sondern er sprach auch wundervoll. Ich versank in seine wunderschönen schokoladenbraunen Augen und bekam das gewohnte Reden gar nicht mehr mit. Zum Glück hatte ich auf meine Mutter gehört und war hierhergekommen. Denn ansonsten hätte das Buch hier bereits aufhören können. Erst als mein Name fiel schreckte ich auf und gab meine altbekannte Vorstellung von mir. Bis zum Ende war ich nur in Gedanken an einen: An Augustus Glubsch. Den bezauberndsten Jungen aller Zeiten.
Als es schließlich vorbei war, wandte ich mich zum Gehen. Doch der Neue kam zu mir.
»Wie häßt du?«
»Ich? Hazel Grace.« Er hat mich angesprochen, dachte ich mir aufgeregt. Jetzt nur nichts falsches sagen.
»Das is aba en fescher Name. Vor allem gfalln mia däne haselnussbräne Öglein. Du ärinnerst mich an ene Schauspielerin. Wie häß der Film nochamal glech? I glab das wa da Lord of da Chocolate oda war das das Ding mit dem Ring? Oder wa das doch aus Fifty Scheids of Chocolate? I bin mia nimma ganz sicha.«
Ich sollte also aussehen, wie eine hübsche Schauspielerin? Ich glaube meine aufgeplusterten Wangen sagten etwas anderes. Aber nichtsdestotrotz fühlte ich mich geschmeichelt. Ich hatte nie in meinem ganzen kurzen Leben damit gerechnet, ein Kompliment über mein Aussehen zu bekommen und das noch von einem gut aussehenden Jungen mit sexy Stimme. Ich glaubte, ich wurde etwas rot.
»Du musst dia mal den Film unbedingt anschaun.«
»Ja, werd' ich mal machen.«
»Mit mia. Jetzt. Dahäm.«
»Aber ich kenne dich doch gar nicht.« Er war zwar süß, aber um gleich zu ihm nach Hause zu gehen? Das war doch wirklich etwas voreilig, oder nicht?
»I weß, aba so is das Leben nunamal. Um men Lieblingsbuach zu zidierän: ›KNALL ALLE AB!‹ Das Zidad find i imma passend. Es is oinfach so emotional und so vieldoutig. Man kann es och als Metapher segn.«
Ein Junge der nicht nur gut aussah, sondern auch aus seinen Büchern zitierte? Vielleicht steckte hinter seinen wunderschönen schokoladenbraunen Augen doch viel mehr. Ebenfalls verwendete er und interessierte sich für Metaphern. Vielleicht... vielleicht, war er doch sehr nett. Ich war wahrhaftig aufgeregt.
Wir machten uns also nach draußen – über die Treppe natürlich. Draußen blieben wir nebeneinander stehen und schauten uns Isaac mit seiner Freundin an.
»Der führt wohl gerade eine Brustuntersuchung bei seiner Freundin durch.«
»Der arme Eisääc. Der tuat mia scho a bissle Leid. Schließlich wiad er bald blind sän. Aba wenigstens hat er sene Gliebte, die Nicole.«
Wir konnten beide hören, wie in den Atemzügen zwischen ihren leidenschaftlichen Küssen immer wieder die Worte Für immer fielen. Isaac Clarke hatte wirklich kein einfaches Leben. Aber wenigstens hatte er seine Freundin. Noch.
Während wir sie etwas amüsiert beobachteten, steckte sich Augustus einen Lolli in den Mund.
»Oh man, du hast den Moment gerade echt versaut.« Ich wandte mich von ihm ab. »Wie kannst du nur eine Firma Geld dafür geben, dass sie deinen Krebs noch mehr beschleunigen?« Ich wollte nun zu meiner wartenden Mutter im Auto gehen. Für mich war Augustus gestorben. Doch kurz darauf hielt er mich am Arm fest. Aber ich schaute ihn nicht an.
»Aba Hazel Grace! Das wa doch nua a Metapher! I steck mia das Ding in den Mund, aba i geb ihm net die Macht mich zu tötn. Siehst du Hazel Grace?« Er holte den Lolli wieder aus seinem Mund heraus. »Der is doch verpackt, liebe Hazel Grace!«
Ich wandte mich an die Fahrertür und sagte meiner Mutter etwas. Ich glaubte, dass Augustus in diesem Moment befürchtete, dass ich nun ohne ein weiteres Wort gehen würde.
»Ich schau' mir heute einen Film bei jemanden an.«
Schließlich war er nicht nur gut anzusehen, sondern auch interessanter als ich gedacht hatte. Wer übte schon Metaphern aus? Und so ging ich tatsächlich aufgeregt mit Augustus Glubsch zu seinem Auto. Sein Fahrstil war die Hölle, wortwörtlich. Er beschleunigte und bremste scharf. Es war einfach nur ungemütlich.
»Tut mia Leid, Haselnuss Grace, aba das liegt daran, dass wenn i das Pedal drück, dass mei ganzes Gwicht mitdrückt.«
Aber dann waren wir schon endlich bei seinem Haus. Ich war schon gespannt seine Eltern kennenzulernen. Es war schließlich das erste Mal mit einem Jungen. Mich wunderte es etwas, dass sie in einer Metzgerei lebten, aber das war schon in Ordnung. Schließlich musste jeder irgendwie Geld verdienen. Ich war zwar Vegetarierin, aber na ja, man konnte nicht alles haben. Sie gaben mir einen wortwörtlichen feuchten Händedruck und drückten mir in die andere Hand gleich eine Brezel hinein. Etwas merkwürdig das Willkommensritual, aber da sie alle in Trachten gekleidet waren, wunderte mich gar nichts mehr.
Augustus wollte den Film mit mir im Keller anschauen, aber letztendlich machten wir dies aufgrund der Befehle seiner Eltern im Wohnzimmer. So saßen wir mit peinlicher Stille auf dem Sofa und schauten 50 Shades of Chocolate. Ich legte meine Hand ganz teenagermäßig auf die Couch, um ihm zu signalisieren, dass es ok wäre, wenn er sie halten würde. Aber den ganzen Film lang nahm er sie nicht. Ich war mir nicht sicher, ob ich das gut oder schlecht fand.
Als der Film nach einigen Stunden vorbei war, fragte er mich, ob er mir gefallen hatte.
»Enfach großartig, oder?«
»Einfach klasse«, sagte ich ironisch. Dabei wäre es mir fast passiert, dass ich Enfach statt Einfach gesagt hätte.
Ich weiß gar nicht, wieso Jungs immer erwarten, dass man Jungsfilme mochte. Wir Mädchen erwarteten doch auch nicht, dass Jungen Mädchenfilme mögen. Der Film war ein reiner Männerfilm gewesen. Lauter sinnloses Herumgeballere und unrealistische Actionszenen. Aber was sollte man schon vom Geheimagenten Chocolate erwarten? Natürlich hatte es auch die allgegenwärtige Actionszene gegeben, in der eine Frau auf einem Motorrad die Flucht ergriffen hatte. Natürlich im Minirock.
Als wir dann doch unten im Keller waren und er auch noch sein Lieblingsbuch vorstellte, war mir bewusst, dass er durch und durch ein Junge war. Innerlich schmunzelte ich. Es war einfach zu klischeehaft.
»Lord of the Fries
»Ahju, n tolles Buch, glab mia.«
Ich konnte ihm nicht die ganzen Jungssachen übel nehmen, schließlich sah er einfach umwerfend aus und das wusste er auch einzusetzen. So wie von gut aussehenden Männern zu erwarten, zog er ab und zu plötzlich sein T-Shirt mitten im Gespräch aus und ließ seine Muskeln spielen. Einfach nur atemberaubend. Ich war einfach nur hin und weg von ihm.
»Ich muss dann aber mal wieder los. Wir sehen uns aber erst, wenn du mein Buch fertig hast, ja?«
Wir machten also aus, dass wir uns wieder sehen würden, wenn er Ein herrschafliches Beißen fertig haben würde. Und ich würde in der Zwischenzeit sein Buch lesen. Innerlich hoffte ich, dass er ein schneller Leser war.
Nachdem ich mit meiner Mutter ANTM angeschaut hatte (All Naked Too Much), legte ich mich ins Bett und fang Preis der Morgenröte zu lesen an. Ähm, ich meinte natürlich Lord of the Fries.
In dem Buch ging es hauptsächlich darum, wie Captain Schießmichtot eine vegane Fastfoodkette eröffnete. Teil eins von fünfundzwanzig. Ziemlich spannend eigentlich, aber viel zu viele Leichen.
In den nächsten paar Tagen wartete ich ein wenig sehnsüchtig darauf, dass sich Augustus wieder melden würde. Doch bis jetzt nichts. Schließlich war ich mit Lord of the Fries fertig, sodass ich letztendlich beschloss ihn einmal anzurufen.
»Hazel Grace«, meldete er sich.
»Ich hab' Lord of the Fries fertig.«
»Und wie wor's?«
»Ich find's ganz schön krass, wie Captain Schießmichtot es immer wieder geschafft hat, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Immer platziert er seine Buden am richtigen Platz. Echt erstaunlich, wie er das macht. Aber dafür kommen mir viel zu viele Leichen vor.«
»Da hast recht, Hazel Grace. Enfach unglaublich, wie er des mocht.«
»Wie sieht es mit Ein herrschaftliches Beißen aus?«
»En paar Tage für 600 Seten? So schnell bin i a wieder net.«
»Na gut, ruf mich an, wenn du fertig bist.« Und damit legten wir auch schon wieder auf.
Ich wollte es mir nicht wirklich eingestehen, aber ich vermisste Augustus Glubsch. Seine schokoladenbraunen Augen... davon konnte man nie genug bekommen. Aber ich versuchte mich zu beruhigen, schließlich kannten wir uns noch kaum. Deswegen rief ich meine Freundin, die Bitch, an. Ich brauchte einfach Rat.
»Hazel! Was gibt’s?«
»Es geht um einen Jungen.« Theatralisches Kreischen folgte, wie zu erwarten.
»Um welchen genau?«
»Augustus Glubsch.«
»Augustus Glubsch! Meine Güte! Der aus der Schokoladenfabrik!« Bitte was? »Der Traumtyp aller Mädchen. Was würde ich dafür geben, auf seinem massiven Körper zu reiten. Was meinst du, musst du oben sein?«
»[Unwichtiger Nebencharaktername]!«
»Ist ja schon gut Hazel.«
»Also, was soll ich machen?« Ich schilderte ihr ein wenig unsere Anfänge.
»Na ganz einfach, du stehst auf ihn.« Tu ich das? »Und er steht auf dich. Eins plus eins ergibt zwei. Voilà.«
»Vielleicht hast du Recht.«
»Na siehst du! Bis dann!« Und damit war unsere Konversation auch schon beendet.
Aber ich wollte mich nicht auf ihn einlassen, schließlich war ich eine Zeitbombe. Ich wollte ihm das einfach nicht antun. Ich seufzte. Er hatte etwas besser verdient als mich. Schaut mich doch einmal an! Mit meinen kurzen »Krebshaarschnitt« und meinen aufgeplusterten Wangen und meinen stählernen Dauerbegleiter. Ich war für mein Alter richtig attraktiv. Nicht.
Die Tage vergingen und ich wartete dennoch ungeduldig darauf, dass sich Augustus Glubsch melden würde. Ich hatte sonst schließlich eh nichts zu tun. Währenddessen lieh ich mir Lord of the Fries – Frietierter Fisch aus. Der zweite Teil der langen und spannenden Reihe. Es gab nichts über Bücher. Aber was sollte ich in meinem Zustand auch schon groß machen?
Nach einigen vergangenen Stunden fiel mir auf, wie Augustus immer wieder plötzlich beim Lesen in meinen Gedanken auftauchte. Seine glänzenden Augen... sein perfekt runder Bauch... seine leckeren Wangen. Himmlisch. Aber leider war ich eine Zeitbombe und ich wollte ihm das wirklich nicht antun. Und außerdem meldete er sich immer noch nicht. Was für ein Dilemma.
Die Tage vergingen und ich wartete nur noch auf den Anruf von Augustus Glubsch. Und endlich kam er dann.
»Ja?«, hauchte ich in mein Handy. EndlichEndlichEndlich. Ich hatte bereits seinen Dialekt in den Ohren.
»Hazel Grace.«
»Ja, Augustus?«
»I hob dän Buch ändlich färtig.«
»Und wie fandest du's?« Für mich war es immer noch komisch mein Lieblingsbuch, meine persönliche geheime Welt, mit jemandem anderen zu teilen. Aber er hatte schließlich auch sein Buch mir offenbart.
»Das kann do net das Ände sein, oderrr? Wos passiert denn jetzat mit Bella? I möcht das gern wisse!« Ich kicherte etwas. Es war vorherzusehen, dass jeder bei solch einem Ende so reagieren würde.
»Tja, das Ende ist schon einmalig, oder?«
»Is Bella jetzat tot oda was? Und is Edward en Hochstapler?«
»Glaub' mir, ich bin schon jede mögliche Option durchgegangen. Ich weiß es nicht. Leider.«

Die nächsten Tage und Wochen waren einfach nur genial. Um nicht zu sagen, das Highlight meines bisherigen Lebens. Ich, als sechzehnjährige Krebspatientin hatte nicht sehr viel erlebt. Hauptsächlich Liebkosungen der Eltern und Krankenhausaufenthalte. Da war das Zusammensein mit einem gutaussehenden Jungen etwas Tolles. Wir trafen uns oft und ich spielte bei ihm ständig Lord of the Fries: Modern Warfare. Das Spiel war ein reines Jungsspiel. Genau wie der Film, den ich einmal mit ihm angeschaut hatte. Im Spiel war man der Herr der Fritten und musste mit Waffengewalt seine billig aussehende Restaurantkette verteidigen. Aber die Terroristenströme hörten nie auf. Das Zusammensein mit Augustus war natürlich grandios, auch wenn ich  für das Spiel nicht viel übrig hatte. Ich wollte es so lange wie möglich aufschieben, aber irgendwann fingen wir plötzlich an über unsere Gefühle füreinander zu reden.
»Du bist einfach Klasse, Augustus!« Ich warf mich lachend auf ihn und umarmte ihn, als er erfolgreich den Terroristenstrom bestanden hatte, glücklich. Doch plötzlich wurde er sentimental.
»Findst des würklich?«, fragte er ernst.
»Klar. Wer hat denn hier gerade erfolgreich hunderte Leute abgeknallt?«, kicherte ich. Aber der Spaß war vorbei. Es war nur ein melancholisches Schmunzeln auf seinem Gesicht zu sehen. Betrübt schaute er auf den Boden. So sah ich ihn nicht gerne. Meine gute Stimmung war plötzlich wie bvon einem starken Sturm weggeweht.
»Also i find di a klasse«, flüsterte er verlegen. Unbemerkt wurde ich rot.
»Danke«, antwortete ich schüchtern.
Wie gerne hätte ich meinen ersten Kuss! Aber als Krebspatientin hatte ich schon lange meine Wunschvorstellung zurückgeschraubt und an die Realität angepasst. Wenn ich doch nur einen einzigen vor meinem Tod erleben dürfte...
»I muss dia nämlich mal wos sogn.«
Ich vertrieb meine romantischen Gedanken und konzentrierte mich auf sein betrübtes Gesicht. Ich weinte so gut wie nie, aber ich merkte, wir mir die Tränen kamen. Ein ungutes Gefühl kam in meinem Bauch hoch. Wer sein Leben lang mit Krankheit zu tun hat, der ist es gewohnt, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen.
»I fühl mi nämlich zurzeit imma schlechta... Aba i will meinen Eltern net davon erzählen. Sonst dürft i di gar net mehr segn...«
Sein Schokikrebs war also zurückgekehrt? Das durfte doch nicht wahr sein...
»I glab mei Schokikrebs is widda da... Und i was net, ob der widda geht...« Und ich hatte gedacht, ich war die Zeitbombe. Jetzt hatte ich einen Jungen kennengelernt und hatte endlich einen Funken Hoffnung und Spaß im Leben und nun das. Das war doch alles so unfassbar unfair. Das Schicksal war wirklich eine miese Schokolade.
Ohne weiter nachzudenken, verwarf ich all meine Vorsätze, beugte mich nach vorne und küsste ihn. Es war das atemberaubendste wunderbarste fabulöste gigantischste tollste hinreisendste Gefühl, das ich jemals in den sechzehn Jahren erlebt hatte. Mein Bauch war ganz kribbelig und mein ganzer Körper fühlte sich ganz schwach an. Was für ein Gefühl. Und er erwiderte. Meine Tränen waren jetzt keine Trauer-, sondern Freudentränen. OhmeinGott. So musste sich der Himmel anfühlen, falls es denn einen gab. Augustus war der Meinung, dass es Irgendetwas mit großem I gab. Ich war mir da nicht ganz so sicher. Aber so musste es sich im Paradies anfühlen. Wie der erste Kuss, immer und immer wieder. Was für ein Hochgefühl! Ich hatte gerade einen langersehnten Traum endlich erlebt! Ich hatte bis jetzt nicht mehr damit gerechnet, das noch zu erleben. Ich war der glücklichste Mensch auf Erden! Wenn Freude Krebs besiegen konnte, dann wäre ich ab sofort Krebsfrei gewesen.
Doch die Realität sah anders aus. Wenige Tage später wachte ich mitten in der Nacht weinend mit den schlimmsten Kopfschmerzen aller Zeiten auf. Ich war mir sicher: Nun werde ich sterben. Der Schmerz bekam von mir eine glatte zehn von zehn. Mir fiel es zwar so gut wie unmöglich daran zu denken, aber die Tatsache, dass ich mit einem Jungen herumgeknutscht hatte, ließ mein Schicksal etwas erhellen. Auch wenn ich nun sterben würde, so hatte ich wenigstens ein Ziel meines Lebens erreicht. Aber ich wollte Augustus das nicht antun. Schließlich liebten wir uns doch... Und gleich nach unserem ersten Kuss musste er meine Beerdigung besuchen? Das war einfach nicht gerecht. Ich versuchte gegen die Unfairness anzukämpfen, aber der Schmerz ließ mich schwachwerden. Ich schloss meine Augen und die schwarze Schmerzenswelle stürzte über mich ein. Alles verschwamm und ich war weg.
Als ich aufwachte, erinnerte ich mich daran, was passiert war. Das schreckliche Schluchzen und Schreien meiner Eltern hallte noch in meinen Ohren nach. Aber ich war nicht gestorben (leider?), ich hörte bereits das gewohnte Piepsen der Intensivstation. Erschöpft sank ich zurück in das Kissen. Schon wieder im Krankenhaus. Es war wohl mitten in der Nacht, so dunkel und leise war alles. Mir kamen die Tränen. Ich fühlte mich einsam und alleine. Ich hätte mich jetzt am liebsten an meine Eltern gekuschelt. Doch die schliefen sicherlich gerade daheim. Eine Krankenschwester lief an meinem Platz vorbei und sie entdeckte meine wachen Äuglein.
»Hazel?« Ich blinzelte etwas benommen zu ihr hin.
»Alles ist gut, Hazel. Die Kopfschmerzen kamen nur von dem Wasser deiner Lunge. Und das pumpen wir gerade raus.« Sie lächelte.
»Willst du vielleicht was kleines essen?« Ich nickte mit dem Kopf. Und darauf verschwand die junge Dame. Es gab eben auch gute Krankenschwestern.

Es dauerte einige Tage, bis ich wieder nach Hause durfte. Ich freute mich wahnsinnig Augustus endlich wiederzusehen. Die Verzweiflung war ständig während meines Krankenhausaufenthaltes um mich gekreist. Ich hatte nämlich befürchtet, gar nicht mehr nach Hause zu kommen. Aber das war wohl nur eine weitere Nebenwirkung des Sterbens. Ich war die ganze Zeit so erpicht darauf gewesen, daheim wieder Spaß zu haben. Aber als ich erfuhr, dass es Augustus schlecht ging, war meine Verzweiflung wieder da. Und sie war sogar schlimmer als an den Vortagen. Augustus hatte in meiner Abwesenheit die schlimmsten Unterleibsschmerzen bekommen und befand sich schon seit Tagen in einem fahrbaren Bett und konnte sich kaum mehr bewegen. Ich wollte heulen. Doch nicht einmal jetzt war ich in der Lage dazu.
»Augustus«, hauchte ich ihm ins Gesicht. Gerade war ich wieder genest und nun war er sterbenskrank. So sah die gerechte Welt aus. Mir standen Tränen in den Augen. Aber was konnte ich als sechzehnjähriges »unnormales« Mädchen schon dagegen machen? So war das Leben.
»Hazel Grace«, er setzte sein schiefes Grinsen auf. Selbst jetzt sah er noch umwerfend aus. Seine schokoladenbraunen Augen glänzten.
»Oh Augustus...«
»Hazel, ich...« Eine Schmerzenswelle durchzog sein Gesicht und er verkrampfte sich. Ich wollte und konnte das nicht mitansehen. Warum musste die Welt nur so ungerecht sein? Warum nur?
Augustus kam nicht mehr zu Wort. Er kämpfte gegen den Schmerz. Ich wusste einfach nicht was ich tun sollte. Ich wollte einfach nur noch sterben, so elendig fühlte ich mich. Ich ertrug das alles länger nicht mehr. Seine Eltern kamen herbeigerannt, sie hatten Augustus heftigen Zustand wohl mitbekommen. Mein Gesicht war mittlerweile ganz nass geweint. Ich hoffte nur noch, dass Augustus gehen würde. Er sollte diese grausame Welt nicht mehr länger ertragen.
Doch er war von Kämpfernatur. Stunden versuchte er gegen den Schokikrebs in seinem Körper anzukämpfen und ständig faselte er von einem gigantischen Rohr. Diese lange Zeit trieb mich in den Wahnsinn. Die Zeit schien so langsam voranzuschreiten. Warum konnte endlich nicht alles enden?
Irgendwann konnte ich Augustus ansehen, dass er schwächer geworden war. Er biss zwar seine Zähne vor Schmerz noch zusammen, doch langsam war er erschöpft. Ich brach innerlich abermals zusammen. Nun, da das Ende da war, wurde mir bewusst, wie sehr Augustus mir fehlen würde. Was sollte ich mit meinem Leben dann anfangen? Gerade hatte ich ein schönes Leben bekommen und nun sollte es mir schon genommen werden. Aber das klang egoistisch. Schließlich wollte ich in diesem Moment nicht an mich denken.
Augustus schrie noch einmal auf und dann atmete er nur noch schnell. Seit Stunden war es das erste Mal recht ruhig im Wohnzimmer geworden. Aber plötzlich hörte man das Kreischen eines Babys. Verwirrt schreckte ich aus meinem hoffnungslosem Zustand auf und seine Eltern und ich versuchten herauszufinden, woher die Geräuschquelle kam. Nach langem Suchen fanden wir sie: Unter Augustus Decke. Als wir es fanden lächelte uns Augustus nur an.
»I wollt es eu sogn, aba i kam vor lauter Pein net dazu.«
Ich lachte fröhlich auf. Das war es also gewesen! Augustus hatte nie einen Schokikrebs gehabt! Er war nur schwanger gewesen. Was für eine Erleichterung! Freudentränen tanzten um meine verklebten Wangen.
Tja, und so lebten wir glücklich und zusammen bis ans Ende unserer Tage.
Als Isaac Clarke von der Ishimura zurückkam, spielten wir regelmäßig mit ihm Blinde Kuh. Er hatte nicht nur Nicole verloren, sondern dort auch seine Augen. Dennoch waren wir zu dritt so glücklich wie noch nie.


Nachwort

Mir ist es ganz wichtig zu sagen, dass ich mich über Krankheit keineswegs lustig machen möchte. Ich wollte lediglich, dass man nicht alles zu ernst nimmt und dass man überall noch etwas Spaß abgewinnen kann. Das Buch Das Schicksal ist ein mieser Verräter, sowie das Thema allgemein, geht mir wirklich nah. Auch beim Schreiben dieser recht unlustigen Parodie ist mir aufgefallen, dass ich nicht wirklich Witze zustande bringen konnte, bei denen man schmunzeln, geschweige denn lachen kann. Das lag beim Schreiben einfach daran, dass ich das Thema trotz Parodie als traurig empfand. Weswegen es die ernste und unlustigste Parodie, die ich je geschrieben habe, ist.
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