Frakturen

OneshotAngst, Freundschaft / P16
Derek Morgan Dr. Spencer Reid Penelope Garcia
25.04.2018
25.04.2018
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„Wir sollten nicht versuchen, uns die Masken vom Gesicht zu reißen; manche Maske wird nur aus Rücksicht auf andere getragen.“
- Ernst R. Hauschka (1926 – 2002)

Der Schlauch, der auf seiner Haut angebracht war, führte eine klare Flüssigkeit. Es war Kochsalzlösung, die dazu genutzt wurde, um ihn zu rehydrieren, wie er wusste. Spencer verstand den Aufwand, den die Ärzte seinetwegen betrieben.
Doch ertragen konnte er ihn nicht.
Vor Stunden war er schon aufgewacht, doch hatte er seine Augen absichtlich nicht geöffnet. Sein Bedürfnis mit einem anderen menschlichen Wesen zu kommunizieren, tendierte gerade in diesem Moment gegen Null.
Respektive es war gar nicht vorhanden.
Vor allem die Kommunikation mit einem empathischen Wesen wie Derek Morgan oder Penelope Garcia war ihm in diesem ganz besonderen Augenblick zuwider. Spencer hasste seine Umgebung und das Gefühl, abhängig zu sein.
Abhängig von diesem Krankenhausaufenthalt – denn sonst hätte er mit Langzeitfolgen zu kämpfen.
Abhängig von diesen Krankenschwestern – denn sonst würde er kaum einen Gedanken an sein körperliches Wohlbefinden verschwenden und sich in seiner Wohnung unter seiner Bettdecke verkriechen.
Abhängig von der seelischen Unterstützung seiner Kollegen – denn sonst wäre er emotional absolut verkümmert und genau zu einem solchen Sonderling geworden, als der er in der High School häufiger tituliert worden ist.
Die Erinnerung an diesen Abschnitt seines vergleichsweise kurzen Lebens war ihm genau so verhasst. Er spürte, wie sich das Adrenalin durch seinen gereizten Körper kämpfte und jeden Winkel seiner Gliedmaßen erreichte.
Seine Knie wurden weich und seine Hände zitterten. Um das zu wissen, brauchte er sie nicht einmal anheben geschweigedenn anschauen. Spencer war ein nervliches Wrack, das in diesem Moment mit Kochsalzlösung vollgepumpt wurde.
Man hatte ihm mit Sicherheit seine persönlichen Sachen abgenommen, um sie für die Spurensicherung und den Abschluss des Falls eintüten zu können. Die Vorstellung, dass jemand auch nur die kleinste Spur Dilaudid an seiner Kleidung finden würde, um ihn der Lüge zu überführen, machte ihm panische Angst.
Solch eine schlimme Angst, dass er für den Bruchteil einer Sekunde sogar den Hass vergaß, der sich durch die tiefsten Klüfte seiner Seele fraß und seine Gedanken vergiftete. Vor Spencers geschlossenen Augen tanzten bunte Flecken.
Mit Sicherheit eine der vielen Nebenwirkungen des kalten Entzugs. Spencers Körper mochte noch nicht abhängig sein, aber sein zum Bersten gefüllter und unaufhörlich rasender Geist war es bereits.
Dabei hatte er die Glasfläschen sorgfältig verstecken können. Er hatte im Krankenwagen sitzen können, sich sogar mit dem Sanitäter und Gideon unterhalten können. Letzterer hatte darauf bestanden, mit Spencer ins Krankenhaus zu fahren.
Er fragte sich, ob er ihm dafür danken sollte, oder ob er lieber seinen Hass gerade auf diese eine Person konzentrieren musste. Charles Hankel wäre sicherlich beim kürzesten Gespräch mit Gideon an die Decke gegangen.
Raphael hätte ihm nüchtern erklärt, warum er ihn umbrachte und Tobias wäre vor Angst zergangen. Spencer wusste nicht, ob Tobias die Drogen auch jedem anderen gegeben hätte. Ob er sie JJ gegeben hätte, wäre sie zum Feld gelaufen, statt bei der Hütte zu bleiben.
Hätte sie das überhaupt durchgestanden? Wieso hatte er es überhaupt durchgestanden? Panisch sah er unter seinen Lidern hin und her und versuchte die bunten Flecken loszuwerden, doch leuchteten sie noch heller.
Irgendwann waren sie so hell, dass er die Augen aufriss und sich ruckartig aufsetzte, da ein stechender Schmerz durch seinen gesamten Körper fuhr. Seine Atmung beschleunigte sich von der einen auf die andere Sekunde auf die etwa doppelte, wenn nicht sogar dreifache, Sequenz und er drohte zu hyperventilieren.
Die Flecken tanzten weiter vor seinen Augen und es packten ihn zwei Hände, um ihn zurück in die Matratze zu drücken, doch Spencer wehrte sich mit aller verbliebenen Kraft gegen diesen Griff, wobei er die Beine aus dem Bett zu schieben versuchte.
Als seine Füße wenigstens schon unter der Decke hervorschauten und über dem geputzten Linoleum baumelten, bemerkte er seinen eigenen lauten Atem, der wie der eines gejagten Tieres klang.
Seine Stimme mischte sich zwischen die tiefen Atemzüge und er hielt für den Bruchteil einer Sekunde inne, wobei sich sein Blickfeld klärte und ihm die Sicht auf das Zimmer freigab, in dem er bis vor wenigen Stunden noch geschlafen hatte.
Bis er den Menschen wiedererkannte, der ihn immer noch festhielt, vergingen weitere endlose Sekunden und er sah in ein besorgtes Gesicht, das von tiefen Falten durchzogen war. Morgan blickte ihn schweigend an.
Das Schweigen war unangenehm. Noch unangenehmer als der Moment, in dem Spencer die Spritze in Tobias' Fingern hatte aufblitzen sehen. Noch unangenehmer als der Moment, in dem Spencer in das tiefe Delirium gefallen war, das ihn zurück zu seinem Vater gebracht hat, der seine Mutter und ihn schon wieder verließ.
Diese Wunde war frisch, nicht vernarbt. Die Fraktur auf seiner Seele war geöffnet worden, sodass neues und dunkelrotes Blut aus ihr herausfließen konnte. Spencer wusste nicht, warum sein Gehirn den Begriff der Fraktur mit einer offenen Fleischwunde in Verbindung brachte.
Er musste müder sein als gedacht.
„Du bist in Sicherheit. Niemand kann dir etwas tun, Reid“, drang dann irgendwann Morgans Stimme sehr gedämpt zu ihm hindurch, bahnte sich ihren Weg durch seinen Gehörgang bis zu seinem Gehirn, das diese Information dann verarbeitete.
Und er verstand sie schlussendlich, weshalb er sich von Morgan zurück in eine halb liegende Position bringen ließ und so tat, als hätte er sich vollständig beruhigt. Spencer konnte nichts sagen, sein Gesicht war wie gelähmt.
Er atmete nicht mehr so schnell, dafür gingen seine Züge tief und gierig. Spencer fühlte sich wie ein Ertrinkender, der die Wasseroberfläche sehen konnte. Er müsste nur danach greifen, dann könnte er...
Nein, könnte er nicht.
Spencer begriff, dass es kein so schnelles Entkommen aus der Falle geben würde. Besonders jetzt nicht, da Morgan ihm gegenüber saß und ihn aus seinen dunklen, aber freundlichen Augen ansah. Spencer sah keinerlei Feindseligkeit in ihnen.
Dann standen die Chancen gut, dass noch niemand seine kleinen Glasfläschen entdeckt hatte, um sie ihm wie ein eingenässtes Bettlaken angeekelt unter die Nase zu halten. Als wäre er ein Kleinkind, das wieder ins Bett gemacht hatte.
Hilflos schnappte er weiter nach Luft und presste seinen Hinterkopf gegen das nach strengem Waschmittel stinkende Kopfkissen. Ihm war heiß und kalt, eine Gänsehaut kroch in Wellen über seine Haut.
„Reid, du musst ruhig bleiben. Hier kann dir nichts geschehen. Wir sind ja hier“, versuchte Morgan ihn derweil zu beschwichtigen. Die Panik flaute jedoch in keinster Weise ab – eher im Gegenteil. Wer war 'wir'?
Wer war noch hier, um ihn in seinem unnötigen Mitleid zu ertränken? Hatten sie seine Mutter informiert und würde er sich ihr gegenüber auch noch rechtfertigen müssen? Spencer bekam noch größere Angst.
„Hey, hey. Gerade sind wir nur zu zweit, ok? Niemand will dich überfordern oder dir auf die Nerven gehen. Du brauchst Ruhe, das wissen wir. Keine Angst, Mann“, erklärte Morgan weiter und Spencer zwang sich zu einem wortlosen Nicken.
Er spürte den stechenden Blick Morgans auf seinem Körper, er wusste, dass er ihn von oben bis unten musterte, um die sichtbaren Verletzungen abzuzählen, um sie dem Grad seines Hasses auf Tobias Hankel zuzuführen.
Es würde ja doch nichts ändern, denn Hankel war tot. Spencer hatte ihn höchstselbst erschossen, auch wenn es ihm unendlich leid tat. Er hätte Tobias Hankel nicht erschießen sollen beziehungsweise es war eine Schande, dass er es hatte tun müssen.
Sonst wäre er mit Sicherheit auf ein Mitglied des Teams losgegangen. Oder wäre es dann doch Charles Hankel gewesen? Er wusste es nicht, denn er hatte zwischenzeitlich vor Ort nicht einmal gewusst, mit welchem der drei er sich eigentlich unterhielt.
„Wer issss noch hier?“ nuschelte Spencer undeutlich und fragte sich, welche Schmerzmittel sie ihm gegeben hatten.
„Penelope. Sonst niemand. Es ist mitten in der Nacht, Reid. Die anderen haben wir nach Hause geschickt, damit... Du weißt, warum. Gideon war bis vor einer Stunde noch hier“, sagte Morgan zurückhaltend und leise.
Offenbar hatte man ihm ein Einzelzimmer gegeben, damit die FBI-Agents ein und aus gehen konnten, wann immer es ihnen beliebte. Er mochte sich gar nicht vorstellen, wie Hotch bei der Krankenhausleitung den Boss hatte raushängen lassen, damit ihm als Patienten und dem Team als Besucher Privilegien zustünden.
Er kniff die Augen zusammen und starrte an die Decke. So gut es eben ging.
„Er glaubte, ich wäre ein Sünder“, raunte Spencer ohne besonderen Grund und spürte, wie der Überschuss an Schmerzmitteln in Kombination mit dem Rest des Dilaudids als explosive Mischung seine Nebenwirkung in Form von übertriebener Ehrlichkeit verwirklichen wollte.
„Du solltest vergessen, was er gesagt hat. Nichts davon muss dich kümmern, Reid“, behauptete Morgan danach und beugte sich zu ihm nach vorne. Spencer zwang sich, in Morgans Gesicht zu sehen und schüttelte aus einem Impuls heraus den Kopf.
„Ich habe gebeichtet, Morgan“, raunte er immer noch undeutlich. Seine Zunge lag schwer in seinem Mund und sein Kiefer fühlte sich an, als wäre er mindestens ausgerenkt. Der ganze Kopf war überfüllt.
„Ich habe sssseinem Vater gebeichtet. Charles Hankel hat seinen Sohn dazu getrieben und ich musste Tobias erschießen... Ich musssse ihn erschießennn, Morgan.“
„Er war nicht unschuldig, Mann. Tobias Hankel ist krank gewesen. Er allein war dafür verantwortlich, was mit dir geschehen ist. Vergiss das nicht, Reid. Dich trifft keine Schuld. Was hättest du auch sonst tun sollen? Er hat dir keine Wahl gelassen. Sonst wärst du jetzt tot“, insistierte Morgan etwas verärgert, wie Spencer glaubte.
Mit ihm konnte man so schlecht verhandeln.
Bevor einer der beiden etwas sagen konnte, bevor Spencer einen weiteren unqualifizierten Kommentar ablassen konnte, ertönte ein zögerliches Klopfen im Türrahmen und Morgan drehte den Kopf zur Tür.
Spencer sah nichts mehr, seine Augen fielen zu, so erschöpft war er. Es waren dann die Schritte, die er wiedererkannte und auch das Parfum, das dezent in seine Richtung wehte, als sich die Person neben Morgan auf einen zweiten Stuhl setzte.
Penelope flüsterte, doch hörte er, was sie sagte. Denn entgegen ihrer Auffassung schlief er nicht ansatzweise. Charles Hankel sah ihn an, während sein Sohn vor seinen Füßen auf dem Boden elendig verblutete.
Die Waffe lag schwer in Spencers Händen, sie zog ihn auf seine Knie und zwang ihn am Boden zu bleiben – so wie Tobias, der gerade sein Leben aushauchte und seine Mutter nicht wiedersehen würde.
Er fuhr nämlich geradewegs zur Hölle. Obwohl er es nicht verdient hatte. Obwohl er eine faire Chance auf eine Behandlung und Rehabilitation gehabt hätte. Obwohl er nur ein Messer und Spencer die Schusswaffe gehabt hatte.
„Hat er schon etwas gesagt?“ fragte Penelope besorgt und seufzte danach in seine Richtung. Er konnte sich bildlich vorstellen, wie sie ihn ansah und auf welche Weise sie es tat. Sie war manchmal wie ein offenes Buch für ihn.
„Nein, nein, er... Er ist mit Schmerzmitteln vollgepumpt und steht vermutlich noch unter Schock. Egal, was er sagt, er wird sich später vielleicht gar nicht daran erinnern – und er meint es auch nicht unbedingt so“, log Morgan gut hörbar.
„Was soll das heißen 'nicht unbedingt'?“ fragte Penelope entsetzt.
„Du weißt doch, wie Leute sind, wenn sie aus der Narkose aufwachen oder wenn sie getrunken haben. Man sollte ihnen nicht unbedingt zuhören“, versuchte Morgan das Thema zu umschiffen, doch klimperte es ein wenig.
Penelope schüttelte wohl den Kopf.
„Nein, nein. Betrunkene und Kinder sagen immer die Wahrheit. Also, was hat er gesagt?“
„Nichts, das ich verstanden hätte. Er ist ziemlich ausgepowert. Vielleicht sollten wir ihn besser schlafen lassen“, lenkte Morgan weiterhin erfolgreich von diesem Thema ab und Spencer konnte gut hören, wie sich sein Kollege erhob.
Er tat so, als würde er schon tief und fest schlafen, doch bevor sie beide endlich aus seinem Zimmer verschwunden waren, hörte er, wie Penelope die Luft anhielt und wieder flüsterte: „Hast du seine Armbeuge gesehen? Was hat dieses Schwein mit ihm gemacht, Derek?“
Schweigen.
„Ich weiß es nicht, Babydoll. Und ich hoffe für ihn, dass er es auch nicht mehr weiß...“

Anmerkung: Mein zweiter CM-Oneshot, der letzte – nämlich Phantomschmerz – ist vor etwas längerer Zeit schon erschienen und da hatte ich mich ein erstes Mal an Hotch herangewagt. Zwar ist das nicht mein erster Spencer-Versuch, aber auch hier interessiert mich natürlich eure Meinung! :) Ich fand es immer sehr schade, dass es gerade dieses Aftermath nicht in die Serie geschafft hat. Weil ich aber ein großer Fan von leidenden Figuren bin, musste das dementsprechend hinaus aus meinem Köpfchen ^^
LG, Erzaehlerstimme
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