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Atempause

von Anizo
OneshotDrama, Freundschaft / P12
Old Shatterhand Winnetou
22.04.2018
22.04.2018
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1.557
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Vorwort


Durch meine Freundin Luniswan, deren Winnetou-Geschichten ich geradezu verschlungen habe, bin ich auf diese Seite aufmerksam geworden und habe inzwischen auch eine Reihe weiterer Geschichten verschiedener Autorinnen gelesen. Diese haben mich zunehmend in ihren Bann gezogen. Da ich selbst seit Jahren schreibe, hat mich Luniswan, die einiges von mir gelesen hat, dazu ermutigt, auch etwas zu veröffentlichen.

Beginnen möchte ich mit einem Oneshot, zu dem mich die neuen „Winnetou: Der Mythos lebt“-Filme inspiriert haben und den ich auch unmittelbar im Anschluss an deren Ausstrahlung geschrieben habe.
Die Handlung spielt kurz nach dem Zweikampf zwischen Winnetou und Tokvi-Kava im Lager der Komantschen.


1. Kapitel


Tokvi-Kava selbst führte seine beiden ehemaligen Gefangenen, die nun seine Gäste waren, in ein Zelt, das er ihnen für die Zeit ihres Aufenthaltes bei den Komantschen zur Verfügung gestellt hatte.
Trotz der unzähligen Wunden, die er durch die grausame Folter und den anschließenden Zweikampf mit dem Komantschenhäuptling davongetragen hatte, hielt sich Winnetou, der junge Apachenhäuptling, aufrecht. Old Shatterhand, dessen Verletzungen - einige blutige Schrammen auf Brust und Wangen - vergleichsweise gering waren, blieb eng an der Seite seines zu Tode erschöpften Freundes, den nur die reine Willenskraft noch auf den Beinen hielt.
Das Zelt enthielt alles, was sie für einen mehrtätigen Aufenthalt benötigten. In der Mitte brannte ein Feuer, über dem ein Kessel mit heißem Wasser hing. Daneben standen mehrere ausgehöhlte Kürbisse mit frischem Trinkwasser. An einigen Stangen befanden sich Kräuter zum Trocknen. Old Shatterhand, der durch Nscho-tschi viel über das Behandeln von Wunden gelernt hatte, sah sofort, dass er mit einigen von ihnen Winnetous schwere Verletzungen versorgen konnte. Ihre  warmen Wintermäntel und alle anderen Gegenstände, die man ihnen bei ihrer Gefangennahme abgenommen hatte, befanden sich ebenfalls in dem Zelt.
„Nagali wird euch gleich zu essen bringen. Wenn ihr sonst noch etwas benötigt, sagt es ihr“, sprach Tokvi-Kava, verneigte sich leicht und schickte sich an, seine Gäste allein zu lassen.
„Wir danken dem Häuptling der Komantschen für seine Gastfreundschaft und für seine Großzügigkeit“, wandte sich Winnetou würdevoll an Tokvi-Kava und neigte ebenfalls den Kopf.
Noch ehe dieser etwas erwidern konnte, trat seine junge Frau ein, die Fleisch und Maisbrot brachte und beides wortlos auf den Boden stellte. Bevor sie ihrem Mann nach draußen folgte, blickte sie kurz auf und schenkte den beiden Männern ein kurzes, freundliches Lächeln.
Winnetous Großherzigkeit verdankte sie es, dass ihr kleiner Sohn nicht ohne Vater aufwachsen würde. Als der Apache während des Kampfes Tokvi-Kavas Leben in seiner Hand gehalten hatte, war Nagali vor ihm auf die Knie gesunken und hatte um sein Leben gefleht.

Als die beiden Freunde nach den vielen qualvollen Stunden endlich allein waren, seufzte Old Shatterhand erleichtert auf.
„Ich kann es gar nicht glauben, dass wir noch am Leben sind“, sagte er und wandte sich seinem Freund zu, von dem mit einem Male alle Anspannung abfiel. Er begann am ganzen Leib zu zittern und konnte sich kaum noch auf den Beinen halten.
„Winnetou!“, rief Old Shatterhand bestürzt und umfasste besorgt die Schultern des Apachen. „Es wird alles gut. Du hast es geschafft.“
Winnetou wollte etwas darauf erwidern, doch er war mit seinen Kräften endgültig am Ende. Mit einem leisen Stöhnen brach er zusammen, direkt in die Arme seines erschrockenen Freundes. Dieser fing ihn auf und bettete ihn auf eines der weichen Felle, welche in der Nähe des Feuers ausgebreitet lagen.
Bevor sich Old Shatterhand jedoch an die Versorgung der zahlreichen blutenden Wunden Winnetous machte, überzeugte er sich hastig davon, dass dieser atmete und auch sein Herz gleichmäßig schlug. Er wusste, dass übergroße Erschöpfung und starker Blutverlust schnell zum Tode führen konnten. Auch gegen das drohende Wundfieber musste er etwas unternehmen. Dann erst griff Old Shatterhand nach einer der flachen Schalen, die neben dem Feuer standen, füllte etwas warmes Wasser hinein und begann damit, Winnetous Verletzungen vorsichtig zu säubern, um deren Schwere besser beurteilen zu können.
Der Anblick der zwei klaffenden Wunden auf Winnetous Oberkörper, die ihm die Komantschen kurz nach ihrer Gefangennahme zugefügt hatten, und der des langen Schnittes, der von Tokvi-Kavas Messer stammte, sowie die zerschundenen Handgelenke und die Gesichtsverletzungen trieben ihm die Tränen in die Augen.
Besonders schlimm sah die Brustwunde aus, die Tokvi-Kava durch ein glimmendes Holzscheit, mit dem er seinen Gefangenen brutal gefoltert hatte, noch verschlimmert hatte. Behutsam reinigte Old Shatterhand Winnetous Gesicht und Oberkörper von Schmutz und Schweiß. Dann stillte er die Blutungen und verband die Wunden, so gut es ging. Während der ganzen Zeit blieb sein Freund bewusstlos, wofür Old Shatterhand sehr dankbar war, denn er wusste, dass er ihm ansonsten bei der Versorgung der Verletzungen weitere Schmerzen zugefügt hätte.
Als er alles getan hatte, was möglich war, um Winnetou zu helfen, seufzte er erleichtert auf und strich sich mit der Hand über die brennenden Augen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie erschöpft er selbst war. Er musste unbedingt etwas essen und vor allem trinken. Die Komantschen hatten sie beide seit ihrer Gefangennahme darben lassen. Auch der Apache musste etwas zu sich nehmen, um wieder zu Kräften zu kommen. Später konnte er dann schlafen.
Daher rüttelte Old Shatterhand den Freund sanft an der Schulter, um ihn so wieder zu Bewusstsein zu bringen. Ruckartig setzte sich Winnetou auf und war für einen kurzen Moment verwirrt. Bevor er jedoch aufspringen konnte, erblickte er neben sich das lächelnde Gesicht Old Shatterhands und griff nach dessen Arm.
„Was ist passiert?“, fragte er verwundert und mit noch immer rauer Stimme.
„Du hast das Bewusstsein verloren, klärte ihn Old Shatterhand auf. „Aber erst, nachdem Tokvi-Kava gegangen war. Die letzten Stunden waren einfach zu viel für dich.“
Winnetou blickte an sich herab und entdeckte seine versorgten Wunden.
„Hat Old Shatterhand das gemacht?“
„Es sah ziemlich schlimm aus“, musste dieser zugeben. „Tokvi-Kava hat dir übel mitgespielt.“
„Übel mitgespielt?“ Winnetou blickte seinen weißen Freund ratlos an. Diesen Ausdruck kannte er nicht.
„Das bedeutet: Er hat dich schwer verletzt. Es werden einige Narben zurückbleiben. Ich bin nicht so geschickt wie Nscho-tschi.“
Winnetous Lippen verzogen sich zu einem fast schelmischen Lächeln.
„Du nicht Nscho-tschi, aber sie gute Lehrerin. Winnetou spürt den Schmerz kaum noch.“
„Du solltest dich etwas ausruhen, bis die Häuptlinge der anderen Stämme hier eintreffen. Aber zuerst musst du etwas trinken und essen.“
Old Shatterhand reichte ihm einen ausgehöhlten Kürbis mit Wasser und einen Teller mit Fleisch und Maisfladen, bevor er sich selbst etwas nahm und sich neben seinen Freund ans Feuer setzte.
Während des Essens schwiegen die Männer. Es gab nicht viel zu sagen. Wie durch ein Wunder waren sie beide noch am Leben, doch die Gefahr für ihr Volk war noch nicht gebannt. Santer junior hatte durch eine infame Intrige dafür gesorgt, dass die Apachen enteignet worden waren und das Land, auf dem Old Shatterhands und Nscho-tschis Blockhütte stand, inzwischen mit Bohrtürmen übersät war.
„Ich wage gar nicht daran zu denken, was passiert, wenn uns die anderen Häuptlinge ihre Hilfe verweigern", sagte Old Shatterhand schließlich, mehr zu sich selbst als zu Winnetou. "Allein können wir Santer und seine Männer unmöglich besiegen.“
„Angst haben ist nicht gut“, erwiderte der Apache. „Old Shatterhand muss an Hilfe glauben.“
„Das würde ich gern, aber ich mache mir Sorgen um Nscho-tschi und unsere Freunde. Ihr Versteck in den Bergen ist kalt, nicht alle werden überleben. Vor allem die Kinder und die Kranken. Denk nur an Neke Bahs und Ochinas kleine Tochter.“
Winnetou legte seine Hand sanft auf den Arm des Freundes.
„Herz nicht schwer werden lassen“, sagte er tröstend. „Der Große Geist beschützt Apachen.“
„Und doch hätte Tokvi-Kava dich fast getötet. Bitte verlange nie wieder, dass ich so etwas tatenlos mitansehen muss. Es war für mich unerträglich, dir nicht helfen zu können.“
„Aber Shatterhand hat Winnetou geholfen“, widersprach dieser. „Du ihn an Fausthieb erinnert und ihn so gerettet. Aber jetzt nicht mehr denken. Schlafen. Auch Shatterhand ist erschöpft. Augen ganz rot.“
Die Freunde machten es sich auf den weichen Fellen in der Nähe des Feuers bequem und schliefen innerhalb weniger Minuten ein.

Einige Tage später trafen die Häuptlinge der anderen Stämme ein. Sie alle waren dem Ruf Winnetous und Tokvi-Kavas gefolgt: die Häuptlinge der Cree, der Navajos, der Hoopa, der Sioux und der Kiowas. Gemeinsam würden sie die Weißen vom Land der Apachen verjagen können. Doch die Hoffnungen der beiden Freunde wurden bitter enttäuscht. Die Häuptlinge führten sich wie zänkische Weiber auf und überschütteten sich gegenseitig und vor allem die Apachen mit Vorwürfen.
Lediglich Tangua, der Häuptling der Kiowas, sagte Winnetou seine Hilfe zu, doch da er zur Belustigung der anderen Häuptlinge durch seinen übermäßigen Whiskeygenuss, beim Versuch sich zu erheben, vor diesen in den Staub stürzte, erntete er nur Gelächter und sorgte somit für das abrupte Ende der Verhandlungen.
Winnetou hoffte wenigstens noch auf die Unterstützung von Tokvi-Kava und seinen Komantschen, aber der Häuptling winkte ab: „Wir Komantschen sind furchtlos. Aber nicht wahnsinnig.“
Wortlos verließen Winnetou und Old Shatterhand das Lager der Komantschen. Es war alles umsonst gewesen: die stundenlangen Qualen nach ihrer Gefangennahme und der Kampf auf Leben und Tod.
Die Uneinigkeit der roten Stämme würde nach und nach zu ihrem Untergang führen, dessen waren sich die Freunde sicher.
Old Shatterhand hätte Winnetou gern aufgemuntert, aber es gab nichts, was er diesem sagen konnte. Jeglicher Versuch, ihm Mut und Zuversicht zu spenden, würde vergeblich sein.
Es gab nichts, worauf sie noch hoffen konnten.

Fertigstellung am 24.2.2017
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