Bridge

von Su Yeon
OneshotAllgemein / P12 Slash
Ye Xiu
21.04.2018
21.04.2018
1
1968
 
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Für Ye Xiu war Winter eine Jahreszeit voller Erinnerungen, voller Emotionen. Es war Winter gewesen, als der erste Gloryserver geöffnet worden war. Es war Winter gewesen, als er den zukünftigen „Battle God“ erschaffen und seine Reise begonnen hatte. Es war Winter gewesen, als Excellent Era ihn aus dem Team gekickt und in den Ruhestand gezwungen hatte. Es war Winter gewesen, als er mit einer Accountkarte des ersten Servers, die er Jahre zuvor aufgegeben hatte, von vorne begonnen hatte. Und es war Winter gewesen, als er seine Liebe gefunden hatte. Jetzt war es wieder Winter und er wartete auf seinen Geliebten, damit sie ihre gemeinsame Zukunft beginnen konnten.
In ein paar Stunden würde die Glory Company erneut einen neuen Server für das MMORPG Glory öffnen und sie hatten beschlossen dort von neuem zu starten. Es gab keinen bestimmten Grund für diese Entscheidung, insbesondere da es für jemanden, der jahrelang Glory professionell gespielt hatte und daher ein gewisses Level gewöhnt war, nicht so einfach war von vorne zu beginnen, wie es klang. Das Spiel würde für sie keine Herausforderungen bieten, außer das Anfangsstadium zu überstehen ohne dabei vor Langeweile zu Grunde zu gehen. Beide waren es gewohnt mit hochwertigen Avataren – Avataren auf dem maximalen Level, spielerspezifischen Equipment und voll ausgebauten, auf ihre Spielweise ausgelegten Fähigkeiten – gegen gleichwertige Gegner anzutreten. Eine derartige Herausforderung konnte der neue Server nicht bieten und würde es auch nie, denn was konnte ein Haufen von normalen Spielern schon gegen jemand ausrichten, den man in der Gloryszene als Gott bezeichnete? Nichts.

Mit einer brennenden Zigarette im Mund plante Ye Xiu seine ersten Schritte im neuen Server. Er hatte sich bereits für eine Klasse entschieden und auch schon einen Entwurf für seine neue Silber Waffe im Kopf. Des Weiteren hatte er sich entschieden der Gilde Happy beizutreten, nachdem er die anderen Gilden ein wenig geärgert hatte. Immerhin war Happy noch immer recht klein und hatte nicht viele Ressourcen, somit war es besser die Materialien für seine Silber Waffe von den größeren Gilden abzuzweigen. Damit würde auch die Entwicklung besagter Gilden eingedämmt werden, während er Happy ohne große Gegenleistung helfen konnte. Er musste nur sicherstellen, dass die anderen nicht mitbekamen, dass er Happy ohne Bezahlung half. Sie würden es sowieso früh genug herausfinden und bis dahin musste er sie so gut es ging ausnutzen. Hoffentlich ließ ihn sein Partner sein Dingen machen, denn ihre Loyalität lag bei unterschiedlichen Teams, somit bei unterschiedlichen Gilden. Auf der anderen Seite, war der andere wirklich noch gegenüber seiner Gilde loyal? Sie beide waren bereits im Ruhestand, daher konnte es ihnen egal sein, was mit der Gilde oder ihrem vorherigen Team passierte. Sie waren niemand mehr Loyalität schuldig, jedoch war er seinem vorherigen Team noch immer verbunden. Auch wenn er nie zugeben würde, wie stolz er auf sein Team war und wie sehr er das Gefühl, sie alle wachsen zu sehen, genoss hatte. Ebenso zu sehen, wie ihre kleine Gilde jeden Tag wuchs und eine immer größer werdende Bedrohung für die großen und bekannten Gilden wurde, zauberte ihm ein stolzes Lächeln auf die Lippen. Trotzdem brauchte Happy auch weiterhin jemand, der sie unterstützte und den Weg wies. Die Gilden, die vor Happy gegründet worden waren, hatten mehr Möglichkeiten an Materialien zu kommen, da sie mehr Server hatten, die sie nutzen konnten. Hätte Excellent Era ihn nicht rausgeschmissen, hätte er sich dem Spiel zugewandt und Excellent Dynasty nach seinem Rücktritt ausgeholfen, so wie er es jetzt mit Happy tat und wie er es in der Vergangenheit bereits für Excellent Dynasty getan hatte. Aber weder hatte ihn das Team noch die Gilde gewollt.
Vielleicht sollte er sich mal bei Qiu Fei melden? Der Junge hatte sich gut entwickelt. Er hatte gute Arbeit dabei geleistet, Excellent Era, nach dem Desaster in der Challenger League vor einigen Jahren, wieder auf die Beine zu bringen.

Dunkle Wolken hingen am Himmel und hinderten das Mondlicht daran die Straßen zu erhellen. Das künstliche Licht der Straßenlampen war nicht genug. Dicke Schneeflocken fielen aus den Wolken – wirbelten durch die Luft bis sie den Boden erreichten und dort ein Teil der Masse wurden oder ins Nichts verschwanden. Die Straßen und Gehwege waren komplett in weiß gehüllt. Der Schnee knirschte unter den Füßen derer, die versuchten nach der Arbeit nach Hause zu kommen, versuchten der eisigen Kälte der Nacht zu entkommen. Jeder trug einen Schal, eine Mütze, Handschuhe und einen Wintermantel. Jeder außer Ye Xiu, der nur seinen Wintermantel, den er nie schloss, an hatte. Er fror, wie jede andere Person auf der Straße, doch seine Gedanken waren wo anders, weshalb er nicht daran dachte seinen Mantel zu schließen. Wenn er noch länger wartete, würde er sicherlich erfrieren. Die Schneeflocken, die seine Haut berührten, wurden von ihm ignoriert – er spürte sie nicht einmal –, aber er schenkte jenen um sicher herum seine Aufmerksamkeit, denjenigen die leise vom Himmel fielen und auf der Wasseroberfläche landeten. Sie waren schön anzusehen.
Sein Blick blieb nicht lange an dem schwarzen Wasser des Flusses, der unter der Brücke hindurch floss, hängen. Irgendwie fühlte er sich unwohl, wenn er es zulange ansah, als ob die Schwärze jeden Moment nach ihm greifen und auf den Grund des Flusses, von wo er nicht mehr entkommen konnte, ziehen würde – wenn er zulange auf es herab sah, fing er an die Kälte des eisigen Wasser auf seiner Haut zu spüren. Seine Hände hielten am Geländer fest, um sicher zu stellen, dass er nicht plötzlich hinunter fiel. Sein Unbehagen hörte dennoch nicht auf immer wieder zurückzukehren, wenn er auf das Wasser sah. Jedoch gab es nichts anderes, das er sich anschauen konnte. Der Himmel war so schwarz wie das Wasser und die Straße war ihm zu hell mit dem Licht der Laternen und der Autolichtern. Seine Sicht verschwamm und er bekam Kopfschmerzen. Vielleicht wurde er krank, was nicht sonderlich verwunderlich war, wenn man bedachte, wie er angezogen war. Wie lange wartete er hier schon auf seine Zukunft?
Im Moment befand er sich zwischen seiner Vergangenheit und seiner Zukunft und während er sich nach seiner Zukunft sehnte, fürchtete er sich davor seine Vergangenheit los zu lassen. Zu seiner rechten war seine Vergangenheit, seine Zeit als Prospieler und als eine Gottheit Glorys. Zu seiner linken war seine Zukunft, eine Zukunft als was? Derzeitig war er arbeitslos und hatte gerade genug Geld für seine Zigaretten und ein paar Stunden Internet. Sein Leben passte in einen Koffer – einen kleinen schwarzen Rollkoffer, um genau zu sein.
Würde seine Zukunft schlussendlich auch in einen Koffer passen?

Ye Xiu drehte sich um, nach dem er seine Zigarette fertig geraucht hatte, und sah sich um. Trotz des schlechten Wetters, waren eine Menge Leute unterwegs, aber sein Partner war nicht in Sicht. Anders als normale Leute hatte Ye Xiu weder ein Handy noch eine Uhr, somit konnte er nicht nachschauen, wie spät es gerade war. Als er sein Zuhause verlassen hatte, hatte er kurz ausgerechnet, wie lang es dauern würde, bis er ihren Treffpunkt erreichen würde. Solang seine Berechnung nicht komplett daneben war, sollte er fünf Minuten vor der vereinbarten Zeit angekommen sein, aber er wartete sicherlich schon länger als fünf Minuten. War etwas passiert? Schnee kombiniert mit Dunkelheit führte immer zu unglücklichen Unfällen. Vielleicht war der andere in einen derartigen unglücklichen Unfall verwickelt? Hoffentlich nicht! Allein der Gedanke an diese Möglichkeit ließ Ye Xius Burst schmerzen. Diese Art Drama war das Letzte, das er brauchte – er hatte schon genug Drama in seiner Vergangenheit und er hoffte inständig, dass seine Zukunft ohne diesen unnötigen Scheiß auskam. Nervös versuchte er eine weitere Zigarette aus seiner Tasche zu holen, was nicht so einfach war, da seine Hand starr von der Kälte war. Er hätte sich Handschuhe anziehen sollen.
Seine eigene Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber seiner eigenen Gesundheit begreifend schloss er seinen Wintermantel und versteckte seine Hände in den Manteltaschen – er konnte später immer noch eine rauchen.
Ihm wurde ein wenig wärmer.
Den Großteil seines Lebens hatte er Drinnen mit Glory verbracht, wann auch immer er raus ging, war es nur für einen kurzen Augenblick, weshalb er bisher nie wirklich einen Grund hatte groß auf seine Kleidung zu achten. Jetzt da er solange in der Kälte war ohne sich zu bewegen, hielt es sein Köper nicht mehr aus. Sobald er sein neues Zuhause erreichte, würde er etwas Warmes essen und eine warme Dusche nehmen – und dann Glory spielen. Es gab nichts Besseres für seine Gesundheit als Glory zu spielen!
Um ehrlich zu sein gab es eine ganze Menge, das besser für seine Gesundheit war als Glory zu spielen, aber es interessierte ihn nicht und viele dieser Dinge klangen schon nervig. Er bevorzugte es einfach – es war einfach gesünder zu essen, aber es war seiner Meinung nach nicht einfach immer etwas Gesundes zu kochen oder die richtigen Zutaten zu kaufen. Fertiggerichte waren mehr als ausreichen, um seinen Körper am Laufen zu halten. Jedoch würde er nie nein zu etwas anderem sagen, solang er es nicht mache musste – seine Kochfähigkeiten waren wahrscheinlich nicht existent, da er es nie gelernt oder versucht hatte. Vielleicht sollte er es in der Zukunft mal ausprobieren? Nein, vermutlich eher nicht. Warum sich selbst mit sowas belästigen?
Ye Xius Magen knurrte mit einem mal. Wann hatte er das letzte Mal gegessen? Hatte er Frühstück oder Mittag? Er hatte definitiv noch nicht zu Abend gegessen. Würde er erst verhungern oder erfrieren? Beide Optionen klangen nicht sonderlich verlockend. Er würde es bevorzugen am Leben zu bleiben und noch ein wenig Glory zu spielen bis er dann eines Tages das Zeitliche segnete – oder gab es Glory auch nach dem Tod?

Da ihn all diese hellen Lichter müde machten und in seinen Augen schmerzte, wandte Ye Xiu seinen Blick wieder dem Wasser zu. In die Schwärze zu starren war irgendwie interessanter als in das Nichts des Lichtes. Noch immer lief ihm ein Schauer über den Rücken und er find an sich unwohl zu fühlen, wenn er zulange auf das Wasser sah, weshalb er von Zeit zu Zeit wieder zum Himmel aufsah. Immer mehr Schneeflocken fielen herab. Er zündete sich seine letzte Zigarette an.
„Ye Xiu?“
Ohne dass er es bemerkt hatte, hatte sich ihm jemand von Hinten genähert. Nicht verwunderlich, wenn man bedachte, dass er weder Augen am Rücken noch überhaupt auf seine Umgebung geachtet hatte. Seine Gedanken waren umher gewandert.
Langsam drehte sich Ye Xiu wieder um. Ein Lächeln auf den Lippen.
„Du bist endlich hier. Hast dir ganz schön Zeit gelassen“, grüßte er zurück, als er den anderen in die Augen sah.
Wenn Ye Xiu ein Handy hätte, hätte der andere ihn eine Nachricht geschrieben, dass er etwas später als vereinbar erscheinen würde, da er noch etwas erledigen musste, aber Ye Xiu hatte keines. Da er zudem auch nicht Online war, konnte man ihm auch keine Nachricht über Glory zukommen lassen. Warum musste alles, das mit Ye Xiu zu tun hatte nur so umständlich sein?

Es war Winter gewesen, als Ye Xiu seine Reise in Glory begonnen hatte. Es war Winter gewesen, als er wieder von vorne anfing, nachdem er von seinem Team hinausgeworfen worden war. Es war Winter gewesen, als er ein neues Team gefunden hatte. Und es war Winter gewesen, als er seine Liebe und eine neue Zukunft gefunden hatte. Jetzt war es wieder Winter und er fing erneut von vorne an, in einem Leben weg von der professionellen Gloryszene, zusammen mit jemanden, der einst sein Gegner auf dem virtuellen Schlachtfeld gewesen war. Jetzt war es wieder Winter und er plante einen weiteren Gott – oder Teufel – zu erschaffen. Jetzt war es wieder Winter und eine weitere Erinnerung, eine weitere Emotion wurde dieser Jahreszeit hinzugefügt.
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