Dem Sonnenlicht folgend

OneshotAllgemein / P12
Jesse Pinkman
21.04.2018
21.04.2018
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Grimly determined, fearing nothing, he
speeds through the darkness. From here on, it’s up to us to
say where he’s headed. I like to call it “something better”,
and leave it at that.

(aus dem Drehbuch zu Felina)



Zehn Schritte.

Nicht in Richtung Freiheit, niemals in Richtung Freiheit.

Zehn Schritte.

Hinaus in die Wüste ...

Zehn Schritte.

Er hat die Straße – oder das, was hier draußen als Ausrede für eine Straße durchgeht, und das auch nur, wenn man sehr positiv gestimmt ist – längst hinter sich gelassen. Hier gibt es nichts als unfruchtbare Böden, verkrüppelte Sträucher und der natürlichen Auslese trotzende Tiere, von denen man lieber nicht zu genau wissen will, dass sie existieren. Selbst die Kinder der Ureinwohner wissen es besser, als zum Spielen in diese Gegend zu kommen.

Zehn Schritte.

Unter Tags gibt sich die Sonne mit unerschütterlichem Enthusiasmus alle Mühe, den letzten Rest an Leben zu verbrennen. Die Luft fühlt sich an, als bestehe ihre liebste Beschäftigung darin, die Lungen aller Unglücklichen von innen heraus abzuschmirgeln, die Hitze weckt nach spätestens drei Minuten den unbändigen Wunsch nach einer kühlen Dusche, und generell muss man masochistische Tendenzen hegen, wenn man freiwillig sein schattiges Plätzchen verlässt.

Zehn Schritte.

Jetzt, während der letzten, schleppenden Stunden dieser Nacht, ist die Hitze nur noch eine schwache Erinnerung. Sein Körper zumindest erinnert sich, auch wenn sein Geist zu betäubt ist, um mehr zu tun, als sich nach einem Glas Wasser, einem Bett und möglicherweise einer vollständigen, irreversiblen Amnesie zu sehnen. Der Durst, die schleichende Mattheit, die Erkenntnis, langsam vom eigenen Körper verraten zu werden ... Es sind keine Erinnerungen, auf die man irgendwann einmal umgeben von liebenden Enkelkindern und voller Nostalgie zurückblickt.

„Weißt du was? Scheiß drauf. Ich marschier los. Du kannst mitkommen oder nicht. Wo ist mein anderer Schuh?“
„Jesse. Jesse. Dein Körper hat einen gefährlichen Mangel an Elektrolyten. Natrium, Kalium, Calcium. Wenn die weg sind, versagt die Kommunikation zwischen deinem Gehirn und deinen Muskeln. Die Lungen atmen nicht weiter, das Herz hört auf einmal auf zu schlagen. Wenn du einfach da raus marschierst, dann wirst du innerhalb einer Stunde tot sein.“


Natürlich müsste er nicht zu Fuß gehen oder rennen oder sich damit abmühen, was in seinem Zustand dem Rennen am nächsten kommt. Todds Auto hätte ihn zumindest in der Theorie problemlos in die Stadt gebracht und darüber hinaus, und das mit viel Glück sogar, ohne dass ihn die Polizei vorher aufgegabelt hätte. Es war nicht eine Frage des vorhandenen Benzins, die dafür sorgte, dass Jesse das Auto abseits der Straße irgendwo in der Wüste zurückließ, und auch keine Frage der Auffälligkeit. Das Mondlicht hätte ausgereicht, um ihn auch bei ausgeschalteten Scheinwerfern halbwegs sicher an sein Ziel gelangen zu lassen, und tatsächlich wäre er dadurch einer Entdeckung wohl am ehesten entgangen.

Sobald die Leichen gefunden werden – und ausgehend von den Scheinwerfern und den Sirenen, die Jesse aus seinem ersten Schock gerissen und überhaupt von der Straße getrieben haben, ist das längst geschehen –, wird die Gegend durchkämmt werden, Todds verlassenes Auto wird gefunden werden, und danach ist es nur eine Frage der Zeit, bis der einzige Überlebende dieses Massakers in die Enge getrieben wird, sofern er bis dahin kein Schlupfloch gefunden hat, von einer giftigen Schlange gebissen wurde oder wegen Wassermangels zusammengeklappt ist.

Zehn Schritte.

Todds Auto wäre sicherer gewesen, keine Frage, zumindest vorläufig. Der Grund, weshalb Jesse es zurückließ, sobald sich der Nebel in seinem Bewusstsein ein wenig gelichtet hatte, hatte nichts mit Rationalität zu tun – aber, und diese Erkenntnis tröstet ihn ein wenig, niemand kann von ihm erwarten, dass er nach allem noch zu Rationalität fähig ist, wenn er es denn überhaupt jemals war. Es ist Todds Auto. Und wenn sein Leben davon abhängt – Jesse würde sich lieber freiwillig in die Arme des nächsten Geisteskranken begeben (nicht, dass es in seinem Leben einen Mangel an Geisteskranken gegeben hätte; es ist fast schon lachhaft, wie sie der Reihe nach auftauchen und es sich zur Aufgabe machen, seine geistige Gesundheit zu ruinieren), als noch eine weitere Sekunde in diesem Fahrzeug zu verbringen. Alles dort erinnerte ihn an Todd, und dass seine kränkliche Phantasie ihm vorgaukelte, Todd säße neben ihm und bedachte ihn mit diesem süßlichen Lächeln, war genug, um dafür zu sorgen, dass er sich über den Beifahrersitz erbrach.

Das Geld in dem allzu offensichtlichen Geheimfach nahm er trotzdem mit.

Zehn Schritte.

Seine Muskeln schreien ihren gequälten Protest, doch glücklicherweise ist sein Gehirn zu müde, um zuzuhören. Selbst wenn er den Schmerz fühlen würde, wäre es ihm egal. Alles ist egal. Ob er sich verläuft, ob die Polizei ihn aufgreift ... Es kümmert ihn nicht. Nur das Vorwärts zählt, das Rennen um des Rennens willen. Das Ziel dabei ist unwichtig.

Zehn Schritte.

Innerhalb weniger Minuten ist er von „nichts fühlen“ zu „zu viel fühlen“ und wieder zurück gekippt und es würde ihn zerreißen, wenn es noch irgendeinen Teil seiner Psyche gäbe, der noch nicht durch den metaphorischen Fleischwolf gedreht worden ist. Ihn in seinem jetzigen Zustand als Schatten seiner selbst zu bezeichnen, wäre noch großzügig.

Das Einzige, wozu sein zerfasertes Bewusstsein noch freiwillig Energie aufwendet, ist, seine Schritte zu zählen. Natürlich ist es sinnlos, natürlich macht es die Strecke nicht kürzer oder den Boden ebener, und natürlich tut er es trotzdem, fast krankhaft, wie der Süchtige, der er immer bleiben wird. Das Zählen gibt ihm eine Beschäftigung, eine Ablenkung von den Erinnerungen und vor allem verleiht es ihm das Gefühl, einen Plan zu haben.

Zehn Schritte.

Nicht, dass er einen Plan hätte; nicht, dass es irgendjemanden gäbe, der sich seiner annehmen würde. Selbst seine Eltern wären wahrscheinlich froh darüber, wenn er an der Seite der Neonazis durchlöchert worden wäre. Die einzigen Optionen, die ihm geblieben sind, sind ein Leben auf der Flucht, auf Schritt und Tritt begleitet von den Dämonen der Vergangenheit, oder eine gemütliche Gefängniszelle. (Option zwei sieht angenehmer aus, ohne Zweifel.)

Das Zeugenschutzprogramm klingt zwar wie eine wunderbare Idee – nur, flüstert die zynische Stimme in seinem Hinterkopf, die sich nur in den verschwommenen Momenten zwischen Nüchternheit und dem nächsten mentalen Ausklinken zu Wort meldet, was nützen Informationen, wenn fast jeder, den sie betreffen, tot ist? Und selbst, wenn sich die DEA durch ein Wunder zu einem Deal mit ihm bereitschlagen ließe – welche Aussichten gäbe es schon für ihn, einen ehemaligen Junkie mit der emotionalen Stabilität eines Kartenhauses, dessen einzige nennenswerte Qualifikation darin besteht, dass er ordentliches Meth kochen kann?

Zehn Schritte.

Er fragt sich, ob er sich besser fühlen würde, wenn er Mr Whites Angebot (Bitte? Befehl? vielleicht sogar Versuch einer Versöhnung?) angenommen und einfach abgedrückt hätte. Wahrscheinlich nicht; er hat nicht genug Energie übrig, um länger darüber nachzudenken. Stattdessen klammert er sich an die schwache, zugleich verstörende und tröstliche Hoffnung, dass sein ehemaliger Partner an Todds Seite in der Hölle schmort oder im Tartaros oder wo auch immer degenerierte tote Psychopathen heutzutage ihre gerechte Strafe erhalten. Vielleicht wird er es eines Tages selbst herausfinden.

Zehn Schritte.

Die Aussicht, Walter White in der Hölle zu treffen, ist genug, um die Vorstellung, sich eine Kapelle zu bauen,  jeden Tag über sündenfreien Lebenswandel zu predigen und den Erlös an irgendeine Hilfsorganisation zu spenden – vorzugsweise eine, die notleidende Kinder oder ausgesetzte Hundewelpen rettet –, sehr verlockend erscheinen zu lassen. Er kann es förmlich vor sich sehen: wie sie beide selbst von den Feuern der ewigen Verdammnis umgeben noch darüber streiten würden, ob es rentabel wäre, den Teufel davon zu überzeugen, aus den natürlichen Ressourcen der Hölle Drogen herzustellen und sie an Gott zu verkaufen ...

„Falls du an eine Hölle glaubst – ich weiß ja nicht, ob du an so was glaubst –, dann dürfte es wohl ziemlich sicher sein, dass wir dahin kommen.“

Sechs Schritte, sieben, acht ...

Ein Stein unterbricht die konfuse Gedankenkette. Es ist weder ein besonders großer noch anderweitig irgendwie interessanter Stein; tatsächlich besteht seine einzige herausragende Eigenschaft darin, zur falschen Zeit genau vor Jesses rechtem Schuh zu liegen.

Der Aufprall ist hart und wäre schmerzhaft, wenn Jesse noch in der Lage wäre, körperlichen Schmerz richtig zu fühlen, anstatt ihn nur zu erahnen. Als die hellen Flecken vor seinen Augen verschwinden, stellt er fest, dass er auf dem Rücken liegt und zum Himmel hinauf starrt. Sternbilder, die er nicht benennen kann, starren zurück, und jedes einzelne davon lacht ihn aus.

„Bitch“, murmelt er, einfach der guten Ordnung halber. Wen oder was genau er damit meint, weiß er nicht.

Ein weiterer Stein drückt gegen seine Wirbelsäule, aber Jesse macht keine Anstalten dazu, aufzustehen oder auch nur sein Gewicht zu verlagern. Jede einzelne Haltestelle in seinem verkorksten Leben zieht vor seinem inneren Auge vorüber, bis sie alle zusammen eine Linie bilden, die direkt in den Abgrund führt. Alle Möglichkeiten, an denen er die Bremse hätte ziehen können, noch irgendwie hätte aussteigen können, folgen ihnen, schwankend wie Junkies beim kalten Entzug.

Jesse stöhnt, ein schwaches, bemitleidenswertes Geräusch, das in der nächtlichen Wüste seltsam zuhause wirkt. Er schließt die Augen und presst die Hände auf die Ohren, als könne das die Erinnerungen im Schach halten.

„Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens!“
„... was machen Sie da?“
„Das hier ist der erste Tag deines restlichen Lebens. Aber was für ein Leben soll das werden? Ein Leben, das von Angst bestimmt ist, von ,oh nein, nein, nein, das alles schaffe ich nicht‘, das davon bestimmt ist, dass du nie an dich selbst glaubst?“
„Ich weiß auch nicht!“


Höhnisch grinsend richtet es sich die Erinnerung in seinem Kopf ein, und Jesse weiß genau, dass diese Stimme ihn bis an sein Lebensende in seinen Träumen verfolgen wird.

„Toller Tipp, Mr White“, murmelt er. „Wirklich. Klasse. Pädagogische Meisterleistung.“

Er ist überrascht, wie wenig bitter es klingt. Für Bitterkeit ist es längst zu spät.

„Du hast immer jemanden gebraucht, der dir sagt, wo es langgeht. An den du dich wenden kannst, wenn du nicht mehr weiter weißt. Der dir Sicherheit gibt, damit du ja nicht selbst denken musst. Damit du das Gefühl hast, die Konsequenzen deiner Entscheidungen nicht alleine tragen zu müssen. Alleine bist du nichts, Jesse, und du weißt es.“

„Raus aus meinem Kopf“, flüstert Jesse in die Dunkelheit hinein. Er rappelt sich auf, wartet, bis die Welt sich nicht mehr vor seinen Augen dreht, und stolpert weiter.

~°~


Er erreicht die Stadt zum Sonnenaufgang und hätte er etwas mehr Sinn für die Ironie des Lebens, würde er das fast für ein Zeichen halten. Sonnenaufgänge, Neuanfänge an besseren Orten – nicht, dass es so etwas gibt –, neuer Tag und neues Leben ... Manch einer würde sich in endlosen Metaphern ergehen, doch Jesse hält nur inne, starrt einige Momente lang zum Horizont, beschließt dann, dass er zu erschöpft für pseudophilosophische Ergüsse ist, und geht weiter.

Vier Schritte, fünf ... nein, sechs, oder waren es acht?

Er gibt das Zählen auf. In der Wüste, wo es nichts gab außer Büschen und einander hysterisch jagenden Gedanken, war es sein einziger Anker an die Realität, aber hier in der Stadt mit ihrer niemals ersterbenden Reizüberflutung braucht er es nicht. Hier hat er andere Probleme, allen voran die Frage, wie er es am besten vermeidet, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Die wenigen Frühaufsteher, die sich schon nach draußen verirrt haben, beäugen ihn misstrauisch, und manch einer macht einen unfreiwillig komischen Schlenker, um nicht seinen Weg kreuzen zu müssen. Jesse klammert sich an die Taktik, den Kopf gesenkt zu halten und stur weiter geradeaus zu stolpern, in der Hoffnung, dass ihm eine Erleuchtung den nächsten metaphorischen Schritt offenbart oder sich die Pforten des Paradieses vor ihm öffnen. Himmel, selbst mit der Hölle wäre er jetzt zufrieden.

Er fragt sich beiläufig, ob sich das allgemeine Interesse mal wieder nur auf den großen Heisenberg konzentriert oder ob auch er gesucht wird, ob an Bushaltestellen und an Ladentüren Steckbriefe mit seinem Foto hängen und ob einer der Passanten mit den gerümpften Nasen nicht schon längst die Polizei alarmiert hat. Bislang hat noch niemand Anstalten dazu gemacht, ihn anzuhalten, aber er weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist. Sobald sie Todds Auto entdecken, das Grundstück der Rassistengruppe genau unter die Lupe nehmen und seine Fingerabdrücke auf der Waffe finden, die Walter Whites vorzeitiges Ticket in Richtung Hölle hätte sein können, wird er sich wieder einmal mit mehr Aufmerksamkeit konfrontiert sehen, als ihm lieb ist.

Es ist ihm egal. Es gibt schlimmere Orte als eine Gefängniszelle oder sogar einen Verhörraum, und die Polizei hätte wenigstens genug Anstand, ihm etwas zu essen zu geben, jedenfalls hofft er das.

Es ist ein Fehler, an Essen zu denken. Er kann sich nicht daran erinnern, wann er zum letzten Mal eine richtige Mahlzeit hatte, nicht den Fraß, den Jacks Bande ihm immer vorsetzte. Selbst die letzte dieser Mahlzeiten ist zu lange her, und jetzt, da er einmal so ungeschickt war, darüber nachzudenken, ruft ihm sein Körper gnadenlos ins Bewusstsein, dass er nicht mehr lange durchhält, wenn er seine Energiereserven nicht auffüllt. Wieder drängt sich Mr Whites Stimme in sein Bewusstsein, redet von Elektrolyten und Dehydration, aber diesmal gelingt es Jesse, sie abzuwürgen, bevor ihm schlecht davon wird.

Die Straßen um ihn herum werden belebter, als die Vorstadt langsam einer weniger harmonischen Gegend weicht, mehr Leute lassen sich draußen blicken, aber weniger davon verschwenden einen Blick an ihn. Jesse muss sich nur die schäbigen Häuser ansehen, um zu wissen, wieso. Heruntergekommene Gestalten gehören hier offenbar zum normalen Straßenbild.

Einmal mehr stolpert er weiter, zieht Möglichkeiten in Betracht und verwirft sie wieder und ... Auf der anderen Straßenseite ist ein Laden.

Es ist einer dieser Läden, die grundsätzlich von mürrisch dreinblickenden älteren Männern mit Bierbauch geführt werden und die alles Mögliche in ihre unordentlich sortierten Regale quetschen, von schlechtem Bier und Klatschzeitschriften über Kondome und billige Souvenirs zu eingeschweißten Sandwichs, die im besten Fall nach Pappe schmecken.

Langsam geht Jesse darauf zu, ganz wie ein Verdammter auf die letzte Chance der Erlösung. Es ist ein Laden, der Essen verkauft, tatsächliches Essen (die Konsistenz dessen sei dahingestellt) ... und er ist geschlossen.

Öffnungs Zeiten 8.00 - 12.00 h, verkündet das Schild an der Tür in gewagter Rechtschreibung und Jesse starrt es an, als habe es ihn tödlich beleidigt. 8.00h. Welcher vernünftige Laden öffnet erst um acht Uhr morgens, wenn sämtliche Rentner sich ihr Frühstück schon woanders besorgt haben? Nicht, dass Jesse jemals freiwillig so früh einkaufen gegangen wäre, aber ... acht Uhr. Er versteht nicht viel von solchen Dingen, doch selbst er ist sich ziemlich sicher, dass ein tragfähiges Geschäftsmodell anders aussieht.

Die Antwort auf die Frage ist offensichtlich: Der Laden, der um acht öffnet und mittags wieder schließt, ist auch der Laden, der handgeschriebene Schilder mit Tesafilm an die Türe klebt, und das noch dazu schief. Es ist so lächerlich, dass es nicht einmal mehr lustig ist.

Trotzdem, es ist weit und breit die einzige potentielle Quelle für Nahrungsmittel, die Jesse entdecken kann. Natürlich ist es gut möglich, dass sich gleich um die nächste Ecke ein Supermarkt befindet, doch je länger er die Straße entlang starrt, desto sicherer ist er sich, dass er es nicht bis zu dieser Ecke schaffen wird. Selbst zehn Schritte scheinen jetzt wie eine unmögliche Distanz; er fühlt sich, als habe er den Rest seiner Energie auf der anderen Straßenseite zurückgelassen.

Eine junge Frau schiebt einen Kinderwagen an ihm vorbei. Sie ist zu sehr damit beschäftigt, sich einhändig eine Zigarette anzuzünden, um Jesse angewidert anzublicken, aber wenigstens bleibt sie stehen, als er ihr hinterherruft: „Hey, kannst du mal kurz warten?“

Sie dreht sich um und mustert ihn aus übertrieben geschminkten Augen von oben bis unten, ohne eine Miene zu verziehen. Für den Bruchteil einer Sekunde legt sich das Bild der durchgeknallten Drogensüchtigen, die dafür in die Geschichte eingehen dürfte, das Töten mittels Bankautomat perfektioniert zu haben, über ihr Gesicht.

„Was is‘?“ Die Zigarette in ihrem Mundwinkel wippt wild auf und ab.

„Kannst du mir sagen, wie viel Uhr es ist?“

Die Frau schielt auf eine Armbanduhr, die zu edel für sie ist.

„Kurz vor halb acht“, sagt sie, wendet sich ab und stiefelt davon, ohne eine Antwort abzuwarten.

„Danke“, murmelt Jesse zum Boden gewandt.

Halb acht. Eine halbe Stunde warten oder weitergehen. Eine halbe Stunde ... Vielleicht wäre Warten keine üble Idee, sich nur ein paar Minuten irgendwo hinsetzen, tief durchatmen und sich überlegen, welche Ausrede er vorbringen soll, wenn der Ladenbesitzer ihn fragt, wo er seine Zwangsjacke verloren hat. Doch, es wäre am besten, einfach zu warten, bis der Laden öffnet.

Ein letztes Mal blickt Jesse die Straße entlang, bevor er so unauffällig wie möglich in die enge Gasse neben dem Laden humpelt, sich an Mülltonnen und wild wuchernden Büschen vorbeidrängt und in die Hinterhöfe gelangt. Hier, mitten zwischen einem ungepflegten Nichts und einem noch ungepflegteren Nichts, ist das Pflaster fleckig und Gerüche, deren Ursprung man lieber nicht zu genau erkunden möchte, wabern durch die Luft, aber wenigstens sieht ihn niemand.

Jesse lehnt sich gegen die Außenmauer des Ladens, lässt sich zu Boden gleiten und schließt die Augen.

~°~


„Hey. Äh, hey? Hören Sie mich? Hey.“

Die Stimme klingt zu jung, um eine Bedrohung darzustellen, ist aber durchdringend genug, um jede Illusion der vorübergehenden Geborgenheit zerplatzen zu lassen.

Jesse ist schon an unangenehmeren Orten und in unangenehmeren Situationen aufgewacht, die jetzige Lage befindet sich allerdings nicht allzu weit von den vorderen Plätzen auf der Liste der widrigsten Umstände entfernt. Er schreckt hoch, ignoriert den stechenden Schmerz in seinem Nacken und die Tatsache, dass sein Rücken sich schon besser angefühlt hat, sieht sich hektisch um und beschließt dann, dass ein Junge auf einem Fahrrad keinen ausgedehnten Adrenalinschub rechtfertigt.

„Yo, wassislos?“, murmelt er, noch immer den Moment, in dem er vollständig in der Realität ankommt, hinauszögernd.

Der Junge späht aus zusammengekniffenen Augen auf ihn herab. Er ist vielleicht neun oder zehn Jahre alt und eines dieser Kinder, die mit schmutzigen Klamotten, wirren Haaren und aufgeschlagenen Knien durch die Weltgeschichte wandern, völlig ungeachtet der Tatsache, dass sie stets am Rande eines Krankenhausaufenthalts balancieren.

Jesse war früher genauso, sehr zum Leidwesen seiner Eltern. Damals war das Wort Gefahr nur eine leere Hülle für ihn und dem Tod konnte man ungestraft ins Gesicht lachen, und er hält es für klüger, nicht zu lange über diese Zeiten nachzudenken.

„Äh. Hi“, fügt er hinzu, langsam etwas wacher. Er weiß nicht, wie spät es ist, aber der Stand der Sonne – zumindest der Teil des Sonnenlichts, der den Weg in diesen schmutzigen Hinterhof findet – verrät ihm, dass acht Uhr längst der Vergangenheit angehört. „Was geht?“

Die betont lässige Sprache beeindruckt den Jungen wenig. „Oh. Du lebst ja doch noch“, sagt er fast beiläufig. „Mama sagt, ich soll nicht mit Pennern oder Junkies oder so sprechen, aber ich war mir nicht sicher, ob du nicht tot bist oder so. Normalerweise hängen die nämlich nicht hier rum, sondern ‘n paar Straßen weiter. Du weißt schon, unter dieser Unterführung, wo es immer nach Kotze stinkt.“

Darauf fällt Jesse erst mal nichts ein. Er war noch nie gut im Umgang mit Worten und nach den letzten Tagen – Wochen, Monaten – war ihm noch nie so wenig nach sprachlicher Eloquenz wie jetzt.

„Äh ... yo. Danke fürs Überprüfen.“

Noch immer verzieht der Junge keine Miene, allerdings gibt er seinen Sicherheitsabstand von ein paar Schritten auf, lässt sein Rad achtlos zu Boden fallen und tritt näher an Jesse heran. „Klar. Wohnst du hier draußen?“

Jesse beschließt, dass es zu anstrengend wäre, sich aufzurappeln, und zieht als Zwischenlösung nur die Schultern hoch. „Nee ... hab nur ‘ne Pause gemacht“, sagt er. Es ist nicht einmal eine Lüge.

„Ah. Klar. Wär auch ‘ne ziemlich beschissene Gegend. Zum Wohnen, mein ich.“

Es ist auch eine ziemlich beschissene Gegend zum Spielen, doch Jesse verkneift sich jeden Kommentar darüber; so tief gesunken, dass er freiwillig wie sein Vater klingt, ist er noch nicht. Er entscheidet sich für die abgeschwächte Variante: „Mhm. Hey, hast du nicht irgendwo anders zu sein? In der Schule? Bei Freunden?“

Wenn er darüber nachdenkt – etwas, das er ungerne tut, weil ihm inzwischen sogar das Denken beinahe körperlich wehtut –, weiß er nicht einmal, welcher Wochentag es ist. Es könnte Wochenende sein, oder Ferien ... Er hat den Überblick längst verloren. Vielleicht ist es auch schon so spät, dass die Schule aus ist, oder er hat es mit einem dieser Kinder zu tun, die das Herumkurven auf selbstgebauten Parcours oder das Durchstöbern von Hinterhöfen für wichtiger als Unterricht halten.

Der Junge schenkt ihm ein von Zahnlücken durchlöchertes Grinsen. „Nee. Wieso?“

„Nur so ein Gedanke“, murmelt Jesse. Kurz zieht er in Erwägung, doch aufzustehen und sich einen besseren Ort zum abgestumpften Herumhängen zu suchen, sich endlich die längst überfällige Mahlzeit zu besorgen, um damit neugierigen Nachfragen zu entgehen. Er setzt den halb ausgegorenen Plan nur deshalb nicht in die Tat um, weil er befürchtet, direkt unter der Nase dieses Kindes umzufallen, sollte er versuchen, aufzustehen.

Der Junge legt den Kopf schief, starrt ihn ein paar Sekunden lang mit der eindringlichen Miene eines erfahrenen Insektentöters an und verkündet dann seine Diagnose: „Du siehst echt scheiße aus.“

Ein halbes Dutzend verschiedener Antwortmöglichkeiten huscht an Jesse vorbei, darunter ein resigniertes Schulterzucken und ein hysterisches Lachen, und diejenige, nach der er schließlich greift, überrascht ihn selbst.

„Tja, es kann nicht jeder von uns so ein gutaussehender junger Mann wie du sein, was?“

Er hofft, dass der Junge zu jung ist, um die Mischung aus Zynismus und Melancholie in seiner Stimme zu verstehen. Dieses Kind hier hat sein Leben noch vor sich, weiß wahrscheinlich noch nichts von den Abgründen menschlicher Seelen und hat keine drängenderen Sorgen als nicht erledigte Hausaufgaben und unaufgeräumte Zimmer. Er ist so jung, wie es auch Jesse einst war, wie es auch der Junge mit dem Moped war. Der Junge unter der Brücke bei der Bahnlinie. Der Junge, den Ich-bin-ein-krankes-Arschloch-Todd erschossen hat. Drew, das war sein Name. Drew Sharp.

„Halt die Fresse“, sagt das Kind liebenswürdig. „Du klingst wie Großtante Gertrude.“

Noch immer macht er keine Anstalten dazu, zu verschwinden; im Gegenteil, er erweckt den Eindruck, als könne er sich nichts Aufregenderes vorstellen, als den Tag mit einem heruntergekommenen Fremden zu verbringen.

Jesse weiß, dass es das Beste für diesen Jungen wäre, wenn er ihn wegschicken würde, doch er bringt es nicht über sich. Er hat vergessen, wie gut es tun kann, sich mit jemandem zu unterhalten, der ihn weder beleidigt, ihm eine Waffe an den Kopf hält oder ihn bittet, einen Mord zu begehen – selbst, wenn der Gesprächspartner nur ein kleines, ahnungsloses Kind ist.

Es ist diese Ahnungslosigkeit, gemischt mit der unvoreingenommenen Offenheit, die ihm beinahe die Tränen in die Augen treibt.

„Alles klar?“, fragt der Junge.

Jesse atmet tief durch und nickt. Eine Idee bohrt sich in sein Gehirn, richtet sich dort häuslich ein und sorgt dafür, dass er in die Tasche seiner zerlumpten Hose greift und das Geld aus Todds nicht ganz so geheimem Geheimfach hervorzieht. Vielleicht ist es moralisch verwerflich, ahnungslose kleine Kinder für eigene Zwecke zu verwenden, aber, denkt er bitter, immerhin hat er nicht vor, ihn zu ermorden.

„Hey, könntest du mir ‘nen Gefallen tun?“, fragt er so leichthin wie möglich und in der inständigen Hoffnung, dass es noch nicht Mittag ist. „Der Laden hier? Kannst du vielleicht reingehen und mir was zum Essen kaufen? Und zum Trinken?“

Er hält dem Kind eine Banknote hin und stopft den Rest wieder in die Tasche. Der Junge zögert.
„Ich soll kein Geld von Fremden annehmen.“

„Du solltest doch nicht mal mit mir reden, richtig?“, kontert Jesse. Der Hunger übernimmt das Sprechen für ihn und er macht seine Sache gut, denn die Bemerkung geht als kindliche Logik durch und überzeugt sein Gegenüber.

„Jup.“ Er schnappt sich den Geldschein und legt den Kopf schief. „Was genau soll ich kaufen?“

„Irgendwas Essbares“, sagt Jesse, erinnert sich jedoch rechtzeitig daran, dass etwas genauere Anweisungen klüger wären, wenn er sich nicht mit einem Vorrat an Kartoffelchips und Gummibärchen wiederfinden will. Nicht, dass er etwas gegen Kartoffelchips oder Gummibärchen hätte; nur unter den gegebenen Umständen erregt alleine der Gedanke an zu süßes oder fettiges Essen Übelkeit. „Keinen Süßkram. Irgendwas mit, du weißt schon, Substanz. Am besten viel davon. Und Wasser. Wasser ist am besten.“

Zweifelnd schaut der Junge ihn an.

„Das restliche Geld kannst du behalten.“

Es ist ein billiger Schachzug, aber auch er erfüllt seinen Zweck. Entschlossenheit legt sich über die Gesichtszüge des Jungen. „Okay. Bin gleich wieder da.“

Jesse blickt ihm hinterher, eine eifrige, im schmutzigen Sonnenlicht so zerbrechlich wirkende Gestalt, die noch einmal kurz innehält, sich zu ihm umsieht, das Daumen-hoch-Zeichen macht und dann davoneilt, um ihren Auftrag zu erfüllen.

Jesse seufzt, lehnt den Kopf gegen die kühle Wand hinter sich, schließt die Augen und öffnet sie erst wieder, als eine Plastiktüte ohne Umschweife in seinen Schoß geworfen wird, gefolgt von einer Halbliterflasche stillen Wassers und einem Schokoriegel.

Ein zweiter Schokoriegel befindet sich bereits auf dem Weg in den Mund des Jungen. Was immer dessen Eltern ihm bisher beigebacht haben, Essmanieren gehören nicht dazu.

„Harry hat mich gefragt, wozu ich das ganze Zeug brauche“, erzählt er schmatzend. „Ich hab ihm gesagt, für meine Kumpels. Harry ist cool, der macht das auch nur, damit er was zu tun hat. Eigentlich ist er nämlich schon in Rente ... oder Pension ... oder wie das heißt. Oder vielleicht hatte er einfach keinen Bock mehr auf richtige Arbeit.“

Er hält die Packung mit den restlichen Schokoriegeln hoch. Die knallbunt bedruckte Verpackung glitzert im Sonnenlicht.

„Du kannst den einen haben, aber die hier gehören mir“, stellt er unmissverständlich klar.

Gegen seinen Willen lächelt Jesse leicht, hört jedoch sofort wieder damit auf, als er merkt, wie ungewohnt es sich anfühlt. Um seine Unsicherheit zu überspielen, begutachtet er den Inhalt der Tüte. Das Ergebnis der Inspektion beläuft sich auf zwei eingeschweißte Sandwichs, einen Apfel mit Druckstellen und einen Muffin, von dem der Großteil der Schokostreusel längst heruntergefallen ist.

Jesse öffnet die Flasche und trinkt fast die Hälfte des Inhalts mit gierigen Schlucken, bevor ihm die Eingebung kommt, dass es wahrscheinlich intelligenter wäre, die Sache langsam angehen zu lassen. Zumindest erinnert er sich dunkel an eine Reportage, womöglich im Discovery Channel, die behauptete, dass man sich übergeben muss, wenn man in dehydriertem Zustand zu viel auf einmal trinkt. Das Rumoren in seinem Magen scheint dieser Theorie recht zu geben, und er lenkt sich hastig ab, indem er seine Aufmerksamkeit wieder dem Jungen schenkt.

„Danke“, murmelt er.

„Was machst du jetzt?“

Die Frage überrascht ihn so sehr, dass er kurzzeitig seinen Hunger vergisst. Seine Hand hält in ihrer Aufgabe – eines der Sandwichs auswickeln – inne. Dass sich irgendjemand dafür interessiert, was er plant, ist überraschend, umso mehr, weil Jesse selbst nicht weiß, wie seine Zukunft aussieht. Bis vor einigen Stunden hat er nicht damit gerechnet, mit einer nennenswerten Zukunft beglückt zu werden, und die Tatsache, dass es vielleicht, ganz vielleicht anders sein kann, überfordert ihn immer noch.

Als sich die Wörter um seine Lippen herum formen, ohne sich zuvor mit seinem Gehirn beraten zu haben, spricht er mehr zu sich selbst als zu seinem Gegenüber.

„Keine Ahnung. Vielleicht geh ich zur Polizei. Handle ‘nen Deal mit ihnen aus oder irgendwas.“ Er legt den Kopf in den Nacken. „Yo, vielleicht mache ich das wirklich“, sagt er langsam. „Trotz allem.“

Was hat er schon zu verlieren? Besser auf die Gnade der Justiz angewiesen sein als den Rest seines Lebens als Sklave in einem verdreckten Kabuff fristen oder ständig auf der Flucht sein. Einen Schlussstrich, das ist es, was er braucht.

„Cool“, erwidert der Junge unbeeindruckt.

Jesse durchbohrt ihn mit einem, wie er hofft, eindringlichen Blick. „Hey. Wie heißt du?“

Der Junge zögert und scheint dann zu beschließen, dass man einem Kerl, der einem soeben den Kauf jeder Menge Süßigkeiten ermöglicht hat, durchaus eine so brisante Information verraten kann.

„Percy.“

„Mach was aus deinem Leben, Percy“, sagt Jesse, krampfhaft versuchend, weder zu sehr wie ein Lehrer zu klingen noch an den kleinen rothaarigen Sohn des Junkie-Pärchens zu denken, dem er damals, in einem anderen Leben, etwas ganz Ähnliches geraten hat. „Kapiert? Ich mein’s ernst.“

Percy verschränkt die Arme vor seiner schmächtigen Brust. „Klar“, sagt er im Tonfall einer Person, die nur zustimmt, damit man sie in Ruhe lässt. „Was auch immer.“

Wieder zögert er, schielt zu seinem Fahrrad und zieht mit dem Schuh Kreise über das schmutzige Pflaster.

„Ich sollte dann wohl wieder gehen.“

Jesse nickt, nicht sicher, ob er sich erleichtert oder enttäuscht fühlen soll.

„Yo. War nett, dich getroffen zu haben.“

„Jaah ...“

Percy lächelt, seine Verlorenheit hinter der scheinbaren Unbekümmertheit der Kindheit versteckt, richtet sein Fahrrad auf, wirft ihm einen letzten skeptischen Blick zu und verschwindet. Diesmal blickt Jesse ihm nicht hinterher.

Langsam atmet er aus. Die Schmerzen und die Erschöpfung treten für einige Momente in den Hintergrund, der nervtötende Mr White in seinem Kopf ist endlich verstummt und ein angenehmes Gefühl der Leere breitet sich in seinem Körper aus. Es ist keine Hoffnung, aber es ist besser als alles, was er in den letzten Wochen gefühlt hat.  

Ohne richtig zu merken, was er tut, nimmt Jesse einen weiteren Schluck Wasser und blickt zur Sonne empor.

Vielleicht, denkt er matt, gibt es tatsächlich so etwas wie einen besseren Ort.
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