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Mach den Weg frei

von Wyandra
OneshotAllgemein / P12 / Gen
21.04.2018
21.04.2018
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Geschrieben im Frühjahr 2014, aber immer noch aktuell.


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Liebe Angst,

ich wollte dir schon seit langer Zeit schreiben, doch nun, da ich endlich dazu komme, lassen mich die Worte im Stich.

Schon die Anrede bereitete mir beträchtliches Kopfzerbrechen. Liebe Angst – diese Standardfloskel will einfach nicht so recht passen, denn wenn du eines nicht bist, dann lieb. Letztendlich blieb ich doch bei dieser Anrede hängen, weil mir nichts Treffenderes einfiel. Hallo, Angst oder Sehr geehrte Angst? Lächerlich.

Und das ist ja auch gar nicht so wichtig. Wichtiger ist, was ich dir mitteilen möchte, und das hast du sicherlich längst erraten, du kennst mich gut genug. Schließlich begleitest du mich bereits mein ganzes Leben lang, zumindest denke ich, dass du immer schon da warst. Um ehrlich zu sein, ich habe vergessen, ob es wirklich so gewesen ist.

Vielleicht liegt das daran, dass es damals so einfach war, dich zu ignorieren. Sicher, du warst da, du folgtest mir wie ein stummer, unsichtbarer Schatten, doch meistens war ich mir dieser Tatsache unbewusst. Nur manchmal kamst du dicht an mich heran, berührtest meine Haut sanft mit deinen eisigen Fingern, aber du zogst sie sofort wieder zurück, und ein ausgelassenes Lachen und ein wärmender Sonnenstrahl ließen dich schnell in den Hintergrund rücken. Bis du irgendwann mutiger wurdest, mutiger und hartnäckiger.

Es war ein so leiser, unauffälliger Wandel, dass ich, wenn ich heute zurückdenke, nicht einmal mehr sagen kann, wann und wie er sich vollzog. Fest steht nur: Es gab diesen Übergang und jetzt bist du da, ständig, unermüdlich. Egal, welche Richtung ich einschlagen möchte, du stehst vor mir und verbaust mir den Weg.

Mache ich auch nur einen einzigen Schritt vorwärts, lande ich in deinen ausgestreckten Armen. Du fängst mich auf, tust so, als wolltest du mich beschützen, aber ich weiß es besser. Du hilfst mir nicht, nicht mehr.

Du bist schuld daran, dass ich unschlüssig auf einem Fleck verharre und zögerlich von einem Fuß auf den anderen trete, während andere um mich herum schon längst an mir vorbeigezogen sind, geradewegs auf ihr Ziel zulaufend. Und ich, ich?

Du behinderst mich, liebe Angst, geliebte Angst, verhasste Angst. Du verschleierst meinen Blick, verhinderst, dass ich nach vorne blicken kann. Du musterst mich mit deinen leeren Augen und fragst dich wahrscheinlich, wie lange ich noch mitspiele, wie lange ich mir von dir noch wehrlos und willenlos mein Leben stehlen lasse.

Für dich ist es nur ein Spiel, ein amüsanter Zeitvertreib. Für mich ist es wie Sand zwischen den Fingern zerronnene Zeit, unzählige Leben, die ich nie werde leben können. Wegen dir.

Darum, Angst, muss ich dich bitten: Mach den Weg frei. Tritt beiseite. Lass mich frei sein.
Löse deine Umarmung. Siehst du nicht, dass du mir die Luft abschnürst?

Ich will nicht mehr nur in dein Gesicht sehen, wenn ich die Augen öffne. Ich will mich nicht mehr in mir selbst verstecken, hinter dir. Ich will nicht mehr aus Furcht vor dem, was hinter der nächsten Kurve lauern könnte, innehalten und umdrehen. Ich kann auf mich selbst aufpassen, ich brauche dich nicht als Beschützer.

Deshalb bitte ich dich, deshalb befehle ich dir: Lass mich gehen. Lass mich lachen, lass mich weinen, lass mich lieben, lass mich hassen, mit jeder Faser meines Körpers. Lass mich rennen und lass mich fallen. Lass mich leben.

Leben ist ein Tanz auf einem schmalen Drahtseil, über einen endlosen Abgrund gespannt, unter einem farbenfrohen Himmel. Denke nicht, ich wüsste das nicht. Ich weiß es sehr wohl, das habe ich immer, und diese Vorstellung schreckt mich nicht ab. Ich bin bereit, das Risiko auf mich zu nehmen. Ich werde meinen Weg gehen, selbst auf die Gefahr hin, abzurutschen und in den Abgrund zu stürzen. Denn sogar das wäre besser als das, was du mit mir machst. Manchmal kann sich das Fallen in ein Fliegen verwandeln; aber aus der Untätigkeit folgt nur Leere.

Ich werde dir mein Leben nicht vor die Füße werfen. Ich werde dich nicht bis in alle Ewigkeit über mich herrschen lassen. Du hast keine Macht über mich. Weiche zur Seite, gib den Weg nach vorne frei. Ich will ihn beschreiten, mit hoch erhobenem Kopf.

Mach den Weg frei. Mehr verlange ich gar nicht. Es wäre vermessen, dir zu befehlen, ganz zu verschwinden, und dumm wäre es obendrein. Denn ohne dich funktioniert es nicht, auch das weiß ich. Aber es reicht vollkommen, wenn du dich im Hintergrund hältst, wenn du mir in sicherer Entfernung folgst. So hat es früher doch auch geklappt, wieso nicht heute?
Du musst lernen, zurückzutreten. Gib die Kontrolle an mich ab und ich nehme jede Verantwortung auf mich. Schau mir zu, aber greif nicht ein. Halte mich nicht fest.
Lass mich gehen.

Sei nicht böse wegen dieser Forderungen. Sei ehrlich: Du hast geahnt, dass es irgendwann so weit wäre, dass sich unsere Wege trennen müssen, wenn ich nicht mein Leben für dich aufgeben will. Und das möchte ich nicht.

Deswegen bitte ich dich ein letztes Mal, mit all meiner Kraft: Mach den Weg frei.

Lass mich leben.

In der Hoffnung auf eine baldige Antwort
Mija
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