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Kollision

KurzgeschichteParodie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
20.04.2018
20.04.2018
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[Bonsoir! Das ist mein Beitrag zum Projekt Mein OC und ich, der seit 2014 unfertig auf meinem Rechner herumdümpelt. In diesem halben Oneshot, den man durchaus noch als Jugendsünde ansehen kann, treffe ich Andrew aus Westminster Hunt. Manchmal braucht man eben fast vier Jahre, um wieder in die Spur zu kommen und ein Ding zu Ende zu schreiben. Vorkenntnisse sind übrigens nicht erforderlich, machen das Ganze aber bestimmt einer Spur amüsanter. Oder tragischer. Je nachdem.]

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K o l l i s i o n


Ich stehe vor dem Spiegel und sehe mich an. Der Jogginganzug passt irgendwie nicht zu meiner Erscheinung, und er fühlt sich seltsam auf meiner Haut an. Denn eigentlich kann ich Sport nicht ausstehen. Aber heute werde ich eine Ausnahme machen.
Ich zupfe das T-Shirt zurecht, nehme einen Haargummi und binde meine Haare zu einem ordentlichen Zopf zusammen, sehe mich lange und gründlich an. Eigentlich bin ich ja ganz hübsch.
Seit Shades of Grey weiß ich natürlich, dass es eine Todsünde ist, eine Geschichte vor dem Spiegel zu beginnen. Es ist der Inbegriff des schlechten Stils. Aber das hier ist etwas anderes. Denn heute treffe ich Andrew. Aber es ist kein Date, nein. Genau genommen weiß ich überhaupt nicht, ob er mich kennt. Wahrscheinlich nicht. Aber ich kenne ihn, und heute werde ich ihn treffen, im Wald, in dem er am Donnerstagmorgen immer joggen geht. Ich weiß das. Ich weiß sehr viel über ihn.

Ich mache mich auf den Weg, der Wald ist nicht weit entfernt. Die Sonne lässt ihre goldenen Strahlen durch das Blätterdach fallen und der Wind weht eine angenehm kühle Herbstluft über den bemoosten Boden. Mit einem Mal wird mir klar, dass ich nicht weiß, was ich sagen soll. Immerhin kennt er mich nicht. Ob er überhaupt Deutsch spricht? Immerhin wohnt er in den Vereinigten Staaten. Aber ich schreibe seine Dialoge in meiner Sprache, also werde ich auch in meiner Sprache mit ihm reden können – oder?
Ich merke, dass mein Herz schneller zu schlagen beginnt, je näher ich dem Pfad komme, an dem er gegen 6.15 Uhr abbiegen wird. Natürlich kann ich nicht davon ausgehen, dass er mich kennt. Natürlich werde ich eine gewöhnliche Joggerin sein, die den Weg aus dem Wald nicht mehr findet. Das ist eine gute Idee.
Ich atme tief ein und aus, ein und aus. Ruhig. Das ist eine einmalige Chance.
Ich stehe nur auf dem vom Morgentau feuchten Waldboden und blinzele in die frühe Sonne, als ich ihn sehe. Meine Hände beginnen zu zittern, ich bin so aufgeregt, wie ich es nicht einmal vor einer mündlichen Prüfung bin. Er läuft den Pfad entlang, und jetzt ist es an mir, den Kontakt herzustellen. Ich fange ebenfalls an zu joggen, aber in seine Richtung, schaue mich ab und an um, als suchte ich etwas.
»Entschuldigung«, sage ich wie beiläufig, als ich auf seiner Höhe angelangt bin, und bleibe neben ihm stehen. Als er mich hört, hält er ebenfalls an, und ich gestatte mir einen Moment, um ihn zu betrachten. Er sieht wirklich so aus, wie ich ihn mir vorgestellt habe.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragt er ein wenig außer Atem und lehnt sich an einen Baum, lässig, cool. Wie es sein soll.
Ich bin ein wenig verwirrt vom Klang seiner Stimme. Vielleicht liegt es daran, dass es die gleiche Stimme ist, die in meinem Kopf herumspukt, wenn ich ihn für mich sprechen lassen. Um Skepsis vorzubeugen, tue ich so, als sei ich zu sehr außer Atem, um sofort zu antworten.
»Entschuldigung … Ich wollte hier nur joggen gehen, aber … ich finde den Weg nicht mehr … Können Sie … mir vielleicht sagen, wie ich hier wieder rauskomme?«
Ich lehne mich ebenfalls an einen Baum und beobachte ihn aufmerksam. Seine Gesichtszüge sind freundlich, auch wenn in seinen Augen etwas anderes liegt. Etwas, von dem er nicht weiß, dass ich davon weiß.
Er nickt. »Klar doch. Laufen wir ein Stück zusammen.«
Mein Herz beginnt, noch schneller zu schlagen. Auch wenn ich das Joggen immer gehasst habe, so laufe ich jetzt neben ihm im frühmorgendlichen Wald her.
»Sie sind nicht von hier, oder?«, fragt er, um die Stille zu brechen.
Ich schüttele den Kopf und muss erst Luft holen, um eine Antwort geben zu können. »Nein, ich … bin von woanders …«
Ich sehe meinen Atem, der in kleinen Wölkchen in der kalten Luft aufsteigt.
Er lächelt. »Sie laufen nicht besonders oft, oder?«
Innerlich zucke ich zusammen. Natürlich ist er gut darin, Menschen zu durchschauen. Damit hätte ich rechnen müssen. Ich versuche, Haltung zu bewahren, und antworte ehrlich: »Nein … Ehrlich gesagt nicht besonders oft …«
Er lächelt noch immer. »Ich hab’s nicht eilig«, sagt er und verlangsamt sein Tempo.
Eine ganze Weile laufen wir nur stumm durch den Wald, während das Laub unter unseren Füßen raschelt. Beinahe hat die Situation etwas Vertrautes, Inniges. Dabei sind wir uns fremd. Nun ja, nur fast. Ich kenne ihn, kenne ihn sehr gut.
»Verzeihen Sie meine Neugier, aber was treibt Sie nach Lancaster?«, fragt er nach einer Weile.
Wieder zucke ich ein wenig zusammen, aber ich weiß, dass es irgendwann Zeit für die Wahrheit ist. Sonst hätte ich auf diese Begegnung verzichten können. »Ich wollte Sie treffen«, sage ich und merke, wie ein Kribbeln durch meinen Körper geht. Angespannt warte ich auf eine Reaktion.
»Mich treffen?«, fragt er ungläubig und sieht mich forschend an.
Ich nicke. »Ja, ich … ich wollte Sie treffen, Andrew Westerley.«
Er ist verdutzt und verlangsamt sein Tempo. »Verzeihung … Kennen wir uns?«, fragt er.
Ich nicke. »Kann man so sagen.«
»Aha …«, sagt er und runzelt die Stirn. »Wie darf ich das verstehen?«
Ich hole tief Luft. »Sie haben in Phoenix, Arizona Psychologie studiert. Mit 23 lernten Sie Terence Morrison kennen und beschlossen, sich als Kopfgeldjäger selbstständig zu machen. Nach einem … Zwischenfall im Jahr 1999 saßen Sie zwei Jahre in Flagstaff in Haft. Danach gingen Sie nach London, zur City of London Police. 2015 kehren Sie in die Vereinigten Staaten zurück.«
Ich traue mich nicht, ihn anzusehen.
»Verzeihung … Haben wir zufällig zusammen studiert oder so?«, fragt er fassungslos, auch wenn er eigentlich wissen müsste, wie unmöglich das ist. Der Altersunterschied ist zu immens.
Ich lächle. »Nein, das nicht. Aber ich kenne Sie trotzdem ganz gut.«
»So«, sagt er nur und wartet anscheinend darauf, dass ich weiter spreche.
»Ich … ich weiß alles über Sie«, mache ich den Versuch, ihm zu erklären, wer ich bin. »Na ja, fast alles«, füge ich schnell hinzu.
»So«, sagt er wieder, und steigert sein Tempo wieder, sodass ich beinahe Mühe habe, ihm zu folgen. Für einen Moment sagt niemand etwas, ich muss mich viel zu sehr darauf konzentrieren, nicht über einen der herumliegenden Äste zu stolpern, und seine Geschwindigkeit zu halten.
»Die Sache ist die … Ich weiß das alles. Das mit Fernández. Sie wissen das sicher noch, Sie sind nach Mexiko rüber, mit Terence. Das war illegal, aber Sie haben dafür einen Menge Geld vom FBI bekommen. Und dann das mit Andersson.« Ich muss kurz Luft holen, als er plötzlich stehen bleibt. Er sieht mich an; ich halte ebenfalls an, dankbar für die Rast, und sehe, dass er blass geworden ist.
»Woher wissen Sie das mit Andersson?«, fragt er gefasst.
Plötzlich bin ich unsicher. »Ich sagte doch, dass ich viel über Sie weiß«, sage ich zögernd.
Er lehnt sich an einen Baum und schaut an mir vorbei; ich wage es nicht, ihm ins Gesicht zu sehen.
»Also schön. Was wissen Sie noch?«, fragt er.
Ich zucke die Schultern. Vielleicht ist es ein Schritt in die völlig falsche Richtung, aber jetzt gibt es kein Zurück mehr.
»Rattengift«, sage ich nur.
Ein Schatten huscht über sein Gesicht, mit einem Mal sieht er sehr erschöpft aus.
»Wie kommen Sie zu diesem Wort?«, fragt er müde, als wollte er den Rest einer Sache verteidigen, die nicht mehr existierte.
»Das Gefängnis in Flagstaff«, sage ich leise.
Plötzlich bereue ich es, überhaupt an diesen Ort gekommen zu sein.
Er blickt nach unten und fährt sich mit den Fingern über die Schläfen.
»Reden Sie weiter«, sagt er, und an seinem Tonfall erkenne ich, dass er es ernst meint. »Wenn Sie wirklich alles über mich wissen, dann … Was wissen Sie noch?«
»Ihre Schwester Sarah hat Sie nach London geholt. Sie haben sich bei der City of London Police ziemlich schnell hochgearbeitet. Dann, vor zwei Jahren, kam Terence. Er war in London, Sie haben ihm einen Gefallen getan und er hat Ihnen das Leben gerettet. Dann haben Sie Ihren Job verloren, und Terence hat Ihnen noch einmal das Leben gerettet, indem er Sie in die Vereinigten Staaten zurückgeholt hat. Da sind Sie jetzt.«
Ich sehe auf. Sein Gesichtsausdruck ist undefinierbar; plötzlich wirkt er aufmerksam und alarmbereit.
»Was wollen Sie von mir?«, fragt er mit  fester Stimme.
»Sie kennenlernen«, antworte ich.
Er schüttelt den Kopf. »Das glaube ich nicht. Ich … Verdammt, was soll das?«
Seine Stimme wird lauter, und ich bereue es ein Stück mehr, hierhergekommen zu sein. Mit einem Mal weiß ich nicht mehr, was ich sagen soll.
»Sind Sie eine Freundin von Sally? Sally Marks?«, fragt er plötzlich. Die Frage irritiert mich, bis ich begreife, dass Sally die einzige ist, die all diese Dinge ebenfalls weiß.
Ich schüttele den Kopf. »Nein … Aber ich kenne sie auch, genauso gut wie ich Sie kenne … Wissen Sie, wo ich Sally finde?«
Er lehnt am Baum, blinzelt in die Sonne und schüttelt den Kopf. »Sie sind merkwürdig. Um ehrlich zu sein, sind Sie mir unheimlich. Was soll das?«
Ich starre auf meine Finger und hole tief Luft. Es ist Zeit für die Wahrheit.
»Ich bin Autorin«, sage ich und habe die unbegründete Hoffnung, dass das als Erklärung ausreicht. Doch natürlich versteht er es nicht.
»Autorin?«, fragt er skeptisch.
Ich nicke. »Ja.«
»Und?«, hakt er nach.
»Tja«, druckse ich herum. »Ich … ich schreibe Geschichten. Und ich … ich erschaffe Figuren. Figuren … so wie Sie.«
Stille. In ruhigen Momenten vor meinem Schreibtisch könnte ich seine Reaktion haargenau voraussagen. Seine Reaktion auf die Verurteilung wegen Totschlags, seine Reaktion auf die Kündigung aus dem Polizeidienst, seine Reaktion auf den Tod seines Vaters, seine Reaktion auf das Coming Out seiner Schwester. Aber die Reaktion auf diese Frage kann ich nicht voraussagen.
»Ich … ich bin eine … eine Figur?«, presst er schließlich hervor.
Ich nicke. »So sieht’s aus«, sage ich leise.
»Whoa! Moment! Das geht mir zu schnell!«, sagt er lachend, während er abwehrend die Hände hebt. »Nein, ehrlich. Das ist mir jetzt eine Nummer zu hoch. Sagen Sie, brauchen Sie Hilfe? Soll ich … den psychiatrischen Notdienst rufen?«
Verdammt, warum habe ich nicht damit gerechnet? Natürlich klingt die ganze Sache so abwegig, dass er mich für verrückt halten muss!
»Sie waren selbst schon einmal in einer Psychiatrie«, ist das einzige, was mir als Antwort darauf einfällt. Und es ist eine schlechte Antwort, denn wieder sieht er eine Spur erschöpfter aus. Ich lasse ihm Zeit. Auch ich habe Zeit.
»Also schön. Gehen wir das doch mal durch. Sie sind Autorin, richtig?«
Ich nicke und bin erleichtert, dass er die ganze Sache – häppchenweise serviert – doch ernst nimmt.
»Gut. Ich bin Ihre Figur. Richtig?«
Wieder nicke ich. »Ja, das stimmt. Ich habe Sie erfunden.«
Er schüttelt den Kopf.
»Erfunden. Wie das klingt«, murmelt er und fragt weiter: »Und das heißt also … Ich … ich existiere gar nicht? Ich bin … fiktiv? Alles um mich herum ist … erfunden? Eine Lüge?«
In seine Stimme mischt sich ein leicht schriller, verzweifelter Klang, sodass ich den Kopf heftig schüttele.
»Nicht ganz. Sie sind real, Terence ist real, Sally ist real, Lancaster ist real, London ist real. Alles ist real. Nur eben … auf andere Weise.”
Ich lasse ihm Zeit. In seinem Gesicht tut sich ein Ausdruck von Verstehen auf.
»Und … was machen Sie so, als Autorin? Wie darf ich mir das vorstellen?«
Ich zucke die Schultern. »Ich erzähle Geschichten. Sie sind einer der Haupthandelnden.«
Plötzlich scheint er eine Erkenntnis zu haben, Angst flackert in seinen Augen auf. »Sie … haben mich in Ihrer Gewalt? Sie … bestimmen über mich?«
Ich wiege den Kopf. »Nicht ganz. Wissen Sie, Sie waren ganz anders geplant, als sie letztendlich geworden sind. Sie sind eine eigenständige Persönlichkeit. Ich … ich lenke Sie nur ein bisschen, lege die Handlungsfäden, den Plot, wenn Sie verstehen, was ich meine.«
Er nickt zögernd. »Ja … Ich … ich glaube, das verstehe ich.«
Kurz schweigt er, dann blickt er wieder erschrocken auf. Erschrocken und … wütend.
»Heißt das … Sie sind an der ganzen Scheiße schuld? Der Bullshit mit Andersson, London, die Psychiatrie, die Depression, alles?«
Jetzt ist er nicht mehr beherrscht und lässig und cool.
Ich blicke zu Boden. »So sieht’s aus«, flüstere ich.

Er sieht mich an, dann dreht er sich weg und massiert sich die Schläfen.
»Gott, das ist krank«, sagt er.
Immerhin, er reagiert positiver als gedacht. Wobei ich nicht einmal weiß, was genau ich mir gedacht habe. Und mit einem Mal bin ich mir nicht mehr so sicher, ob dieses Treffen eine so gute Idee war.
»Ich glaube, ich gehe jetzt besser«, sage ich.
Andrew dreht sich um und sieht mich aus geröteten Augen an. In mir verkrampft etwas.
»Warum?«, fragt er leise.
Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich könnte jetzt anfangen, über Spannungsbögen zu reden, über Charakterentwicklung, über Figuren, die alles Gute dieser Welt verdient haben und doch jedes Mal nur einen Schlag ins Gesicht kassieren, wenn sie versuchen, glücklich zu sein.
»Weil ich es kann«, sage ich ebenso leise.
Er schüttelt den Kopf. Er sieht vollkommen fertig aus.
»Aber wie können Sie …«
Er fährt sich mit den Händen über das Gesicht und schüttelt den Kopf. Ich kann sehen, wie schwer es ihm fällt, nicht vor mir in Tränen auszubrechen, aber er will sein Gesicht wahren. Das hat bei ihm oberste Priorität, ich weiß das. Aber dann lässt er sich auf den Waldboden sinken, lehnt sich gegen einen Baum und verbirgt sein Gesicht in den Händen. Ich hocke mich neben ihn und lege eine Hand auf seine Schulter.
»Hey«, sage ich leise.
Er blickt nicht auf und ich nehme ihn in den Arm. Ich denke nicht nach, ich weiß nur, dass Andrew gern häufiger in den Arm genommen werden möchte, am liebsten von Terence und vielleicht auch von Sally. Aber er weiß, dass Terence das unangenehm sein würde, und zu Sally hat er einfach eine zu große Distanz.
Er lehnt seinen Kopf gegen meine Schulter und ich halte ihn fest, halte ihn für all die schlimmen Dinge, die ich in sein Leben geschickt habe. Ich wollte ihn schon öfter einfach nur umarmen, und die Umarmung ist genauso bittersüß, wie ich sie mir immer ausgemalt habe, weil ich schuld bin, schuld an allem.
Irgendwann lasse ich los und setze mich neben ihn. Ich weiß, ich sollte gehen, aber ich sitze einfach dort. Ich bringe es nicht über mich, ihn so allein zu lassen.
Er wischt sich über die Augen und sieht zu Boden.
»Wissen Sie, wie oft ich versucht habe, mein Leben zu beenden?«, fragt er.
»Dreimal«, sage ich ohne zu zögern.
Er schüttelt den Kopf. »Viermal.«
»Dreimal«, sage ich. »Ich bin mir sicher.«
Aber ich bin mir auf einmal ganz und gar nicht mehr sicher. Das ist auch etwas, das Andrew gut kann. Menschen verunsichern. Manipulieren. Um den Finger wickeln. Wieder und wieder vortäuschen, es ginge ihm gut.
»Rattengift im Gefängnis«, sage ich. »Schlaftabletten kurz nach dem Gefängnis. Die U-Bahn in London.«
»Als ich fünfzehn war«, sagt Andrew leise.
»Davon weiß ich nichts«, sage ich. »Ich habe, ehrlich gesagt, noch nie darüber nachgedacht, was Sie mit fünfzehn gemacht haben.«
»Dann sollten Sie das vielleicht mal tun«, sagt er ohne eine Spur von Emotion in der Stimme.
Es macht mir Angst.
Er steht auf. Ich stehe auf.
Er mustert mich von Kopf bis Fuß und schüttelt den Kopf. Er sieht so verdammt elend aus.
»Das wird nie funktionieren, oder?«
Ich schüttele den Kopf.
»Charaktere wie Sie … verdienen ein Happy End. Aber Charaktere wie Sie bekommen meist keins.«
Es ist die Wahrheit, denn ich weiß, dass ich ihn nicht anlügen kann. Er würde mich durchschauen.
Er sieht mich an, dann nickt er, als würde er verstehen.
»Das geht ewig so weiter, oder?«
Ich nicke.
»Und das wird nicht besser.«
Ich schüttele den Kopf.
»Tja«, sagt er und wiegt den Kopf.
Dann zieht er eine Pistole aus der Jackentasche und richtet sie auf mich.
Ich erstarre.
»Wenn ich mir jetzt in den Kopf schieße, setzen Sie sich zuhause wieder an Ihren Laptop und retten mich irgendwie. Aber wenn Sie nicht mehr nach Hause zurückkehren können …«
Ich schlucke schwer. Ich habe ihn unterschätzt. Er hat das Prinzip verstanden, er hat alles verstanden.
Ich bemühe mich darum, ruhig zu bleiben, aber ich werde panisch. Ich gehöre an meinen Schreibtisch, vor mein Notizbuch, wo ich mir in aller Seelenruhe überlegen kann, was als nächstes passiert, aber ich gehöre auf keinen Fall hierher.
»Das können Sie nicht wollen«, höre ich mich sagen. »Sie haben schon mal jemanden umgebracht. Das können Sie nicht …« Meine Stimme versagt.
»Es ist der einzige Weg«, sagt Andrew und legt den Sicherungshebel um. Seine Stimme zittert, und ich weiß, dass er Recht hat.
»Ich weiß nicht, ob Sie weiterleben, wenn ich tot bin«, sage ich heiser. »Vielleicht sind Sie dann einfach frei. Und ich bitte Sie, ich … bringen Sie sich nicht um. Machen Sie was aus Ihrem Leben. Sie haben das verdient, mehr als jeder andere.«
Etwas wie ehrliches Erstaunen liegt in seinem Blick.

Als er abdrückt, nehme ich mir fest vor, meine beknackten Ideen das nächste Mal besser zu durchdenken.
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