Drei falsche Worte

GeschichteRomanze, Freundschaft / P18
20.04.2018
12.06.2019
49
191246
87
Alle Kapitel
200 Reviews
Dieses Kapitel
9 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Kapitel 49 – Und du?


Ruby, Sonntag 16.07.

Rouven zieht mich auf die Beine und in den Flur, dann verpasst er der Tür einen Stoß, der sie krachend ins Schloss fallen lässt.

„Chérie ...“ So viel Besorgnis in einem so kleinen Wort.

„Ich hab' solche Angst“, gestehe ich mit zitternder Stimme.

Obwohl ich noch immer auf das fein ziselierte Fliesenmuster starre, kann ich spüren, wie er mich eingehend mustert.

„Sieh mich an.“

Gehorsam hebe ich den Kopf. Er trägt lediglich eine der üblichen tiefsitzenden Lederhosen, auf seinem Oberkörper zeichnen sich die Knitterfalten der Bettwäsche ab und seine Haare stehen verstrubbelt in sämtliche Himmelsrichtungen. Er dürfte kaum mehr Schlaf bekommen haben als ich. Unsere Blicke treffen sich. Wut funkelt in seinen grauen Augen.

„Was hat Blondie mit dir angestellt?“

Laut aufschluchzend werfe ich mich in Rouvens schützende Umarmung und der morsche Faden, der mein zerschlissenes Nervenkostüm auf dem Weg hierher notdürftig zusammengehalten hat, reißt endgültig. Ich vergrabe mein Gesicht an seiner nackten, warmen Brust und beginne haltlos zu weinen.

„Du … Du hattest Recht“, bringe ich schließlich unter Tränen hervor. „Mit allem … Josh … er kann … er kann nichts dafür … ich … ich hätte es sehen müssen.“

Anstelle einer verbalen Erwiderung schließt er seine Arme fester um meinen bebenden Körper und gibt mir den Halt, den ich so dringend brauche.

„Er … er hat gesagt …“ Ich schniefe. „Er hat gesagt, dass ...“

„Schon gut, ich kann mir denken, was er gesagt hat“, unterbricht Rouven mein gequältes Gestammel. Er schluckt, bevor er weiterspricht. „Und du?“

Ein weiterer Schwall Tränen und ein ersticktes Schluchzen sind alles, was ich an Antwort zu bieten habe. Er drängt mich nicht, steht einfach nur da und hält mich fest, bis die Tränen versiegen und ich anfange, die Kälte des Bodens unter meinen nackten Fußsohlen wahrzunehmen. Wenig damenhaft wische ich mir Tränen und Rotz mit dem Unterarm aus dem Gesicht. Mein Blick verfängt sich an der nassen Stelle auf Rouvens Brust. „Zu viel. Ich fühle viel zu viel“, krächze ich, versuche es mit einem Räuspern, klinge danach aber trotzdem nicht besser. „Ich will nicht wieder so werden. Das … das hab ich mir doch geschworen. Nie wieder ...“ Meine Stimme schlägt in ein beinahe hysterisches Quietschen um.

Vorsichtig löst Rouven seinen Griff, merkt aber sofort, dass meine Beine mich nicht tragen, und hebt mich kurzerhand hoch. „Wir schlafen uns jetzt erst mal aus. Danach reden wir.“

Ich nicke stumm, lasse mich in sein Schlafzimmer tragen und mit der Teilnahmslosigkeit einer Puppe von ihm entkleiden. Dann drückt er mich sanft, aber bestimmt auf die Matratze und deckt mich zu. Nur am Rande nehme ich wahr, wie er die Lederhose auszieht und ebenfalls ins Bett steigt. Ich rolle mich auf die Seite, den Rücken in seine Richtung. „Kannst du … mich weiter festhalten?“

Sein Brummen könnte ebenso gut Ablehnung wie Zustimmung bedeuten, doch dann rutscht er an mich heran, bis ich seine beruhigende Wärme im Rücken und seinen Arm um meinen Bauch spüre.

„Schlaf' jetzt!“

Tatsächlich greift die Dunkelheit des Schlafs wie auf Befehl nach mir. Ich bin zu erledigt, um mich dagegen zu wehren. Bitte nicht wieder ...


Glücklicherweise schlafe ich, ohne mich später an den kleinsten Traumfetzen entsinnen zu können. Genau genommen erinnere ich mich im trägen Moment des Erwachens an überhaupt nichts. Nehme lediglich die wohlige Hitze und Enge der Umarmung wahr. Genieße das Fühlen, solange die Klarheit für Gedanken noch fehlt. Drücke mich instinktiv fester gegen den Körper hinter mir und reibe meinen Po am weichen Stoff der Pants.

Das schlaftrunkene „Mhm, fester …“ wirkt, als hätte jemand die Flutlichtanlage eines Olympiastadions eingeschaltet. Alle Strahler sind auf mich gerichtet. Eine Million Megawatt Erinnerungen erhellen mein Bewusstsein mit schier unerträglicher Intensität. Jeder einzelne Muskel in meinem Körper verspannt sich.

Rouven lässt mich los und dreht sich von mir weg. „Hast mich mal wieder verwechselt, hm?“

Ich rolle mich auf den Rücken, starre zur Decke und bin dankbar, dass sie nicht verspiegelt ist, sondern genauso schwarz wie drei der Wände. Die vierte, an der das Bett steht, ist so ochsenblutrot wie die Bettwäsche. Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass er ebenfalls auf dem Rücken liegt und nach oben schaut.

„Tut mir leid.“

Schweigen. Die Putzfrau hat links in der Ecke Spinnweben übersehen. Mein Magen rumort, meine Zunge klebt trocken am Gaumen, aber ich habe überraschenderweise keine Kopfschmerzen. Oder nehme ich sie bloß nicht wahr?

„Hast du das vorhin ernst gemeint? Dass ich dich wieder einsperren soll?“, fragt er die Deckenpaneele.

Da sie eine Antwort schuldig bleiben, gebe ich mir einen Ruck. „Wenn ich das wüsste ... Mein Kopf fühlt sich an, als würde da ein völlig übergeschnappter Biochemiker wilde Experimente veranstalten. In der einen Sekunde wünschte ich, ich wäre Josh nie begegnet, in der nächsten fehlt er mir so sehr, dass ich auf der Stelle zu ihm will. Und alles tun, um ihn niemals zu verlieren. Was mir wiederum höllische Angst macht und tatsächlich den Gedanken an Heizkörper und Handschellen weckt“, versuche ich einen halbwegs zutreffenden Einblick in mein inneres Chaos zu geben.

Rouvens Blick lässt die Decke los und wandert zu mir. „Bevor wir das in Erwägung ziehen, versuchen wir es erst mal mit Reden und Frühstück.“

„Frühstück?“ Ich schiele an ihm vorbei auf seinen Wecker. „Es ist kurz nach drei Uhr Nachmittags.“

„Dann eben Kaffeezeit. Was möchtest du essen?“

„Ich hab' keinen Hunger.“ Wie auf Stichwort protestiert mein Magen vernehmlich grummelnd.

Ein spöttisches Lächeln umspielt seine Lippen. „Klingt überhaupt nicht nach Hunger. Aber wenn du nicht willst, esse ich die belgischen Waffeln mit warmer Schokoladensoße eben alleine.“

Hätte ich bis jetzt noch Zweifel gehabt, ob Rouven der Ernst der Lage bewusst ist, wären diese nun restlos ausgeräumt. Ich habe diese Köstlichkeit bei einer Fotoreise nach Brügge kennengelernt und sie steht seitdem unangefochten auf Platz eins der „Sünden, die jede verdammte Kalorie wert sind“. Es gibt Angebote, die man nicht ablehnen kann.

„Können wir auf der Veranda essen?“

„Nur wenn du artig bist und beim Essen nicht schaukelst.“

„Ja, Master. Ich gelobe untertänigst, deinen empfindlichen Magen zu respektieren und zu schonen.“

Kopfschüttelnd steht er auf. „Allein für diese freche Antwort gehörst du übers Knie gelegt. Geh' duschen!“

Der kleine Funken Morgennormalität, den die Frotzelei hat aufglimmen lassen, erlischt mit dem Aufdrehen des Wasserhahns. Letztes Mal stand ich mit Lisette unter dieser Dusche, habe ihren sinnlichen Körper und ihre Zärtlichkeiten unter Rouvens Blick genossen und mich auf den Discoabend mit Josh gefreut. Gerade mal zwei Wochen sind seitdem vergangen und nun? Liegt alles in Scherben. Energisch drehe ich das Wasser so kalt, dass sich die Tropfen auf meiner Haut wie Nadelstiche anfühlen. Besser als die ebenso stechenden Schuldgefühle. Für den Moment wirkt die Ablenkungsstrategie und ich beeile mich, fertig zu werden. Die Haare rubbele ich nur mit dem Handtuch durch, dann bediene ich mich an Rouvens Kleiderschrank.


Er ist noch in der Küche, als ich auf die Veranda trete. Gestern war es warm und sonnig, heute treibt der Wind Wolkenberge über den Himmel und zaust die Bäume. Ich kuschele mich tiefer in den schwarzen Hoodie. Vor knapp zehn Jahren, als wir uns kennenlernten, hat Rouven seine Vorliebe für schwarze Kleidung noch im Geheimen ausgelebt. Genau wie seine dominante Neigung.

Ich lehne mich an die steinerne Brüstung und sehe blicklos in den Garten, während meine Gedanken von Rouven zu Steven springen. Ich versuche erst gar nicht, mich dagegen zu wehren.

Als ich mit fünfzehn in Stevens Familie kam, konnte ich mein Glück, doch noch eine Familie zu bekommen, kaum fassen. Abgesehen von der unterschwelligen Angst, etwas falsch zu machen und sie wieder zu verlieren, waren die ersten Wochen bei den Nowaks wie ein wunderschöner Traum. Viel schneller als von seinen Eltern erwartet, freundeten mein drei Jahre älterer „Bruder“ und ich uns an. Nie zuvor in meinem Leben war jemand so nett zu mir wie Steven, nie zuvor hatte ich mit jemandem so reden können wie mit ihm. Er passte auf mich auf, half mir, mich in der neuen Schule zurechtzufinden, und bei den Hausaufgaben, was nicht nur meine, sondern auch seine Noten verbesserte. Familienidyll wie aus dem Bilderbuch.

Es war die verdammte Vase, die ich versehentlich mit dem Staubsauger vom Regal gestoßen hatte, die dem oberflächlichen Glanz einen ersten Kratzer verpasste. Nachdem Steven mich auf der Treppe vor dem Haus gefunden und getröstet hatte, passierte es: unser erster Kuss. Zaghaft und verschämt, aber nicht unbeobachtet. Die Nachbarin steckte es seinen Eltern und es setzte ein Donnerwetter, das sich gewaschen hatte, uns aber nur noch enger zusammenschweißte. In den zweieinhalb Jahren bis zu meiner Volljährigkeit spielten wir zu Hause das brave Geschwisterpaar, während wir uns im Verborgenen liebten. Für körperlich Nähe blieben uns nur sein klappriger Seat oder hin und wieder ein Zimmer von einem seiner Kumpels. Trotz des Versteckspiels war ich nie glücklicher gewesen. Steven war der liebevollste Partner, den ich mir vorstellen konnte, und es fühlte sich an, als hätten wir einander unser ganzes, junges Leben lang gesucht und dann endlich gefunden. Ich vertraute ihm blind.

An meinem achtzehnten Geburtstag offenbarten wir Stevens Eltern unsere Liebe. Naiv wie wir waren, hatten wir angenommen, ihnen allein mit der Dauer unserer heimlichen Beziehung zeigen zu können, wie ernst es uns war. Doch alles, was wir erreichten, war eine einwöchige Gnadenfrist zum Auszug. Obendrein strichen sie Steven jegliche finanzielle Unterstützung. Während ich eine ebenso schäbige wie billige Wohnung in der nächstgrößeren Stadt für uns fand, fand er eine Stelle auf dem Bau. Sein Stolz verbot es ihm, „Stütze“ zu beantragen, und ich war schlichtweg zu jung und dumm, um ihn davon zu überzeugen, jede mögliche Hilfe anzunehmen. Nach einigen Monaten Doppelbelastung und einer von verheerenden Noten geprägten Klausurenphase schmiss Steven schließlich sein Studium. Wir lebten von der Hand in den Mund, aber wir hatten uns und das war alles, was zählte. Wir verlobten uns und besiegelten das Heiratsversprechen mit einem Pärchentattoo, das einer von Stevens Bekannten uns stach. Günstiger und zugleich intimer, als jeder Ring es hätte sein können.

Ich legte im folgenden Jahr ein überraschend gutes Abitur ab und wollte eine Ausbildung beginnen, doch Steven redete es mir aus. Er allein wollte für uns sorgen. Zum ersten Mal in über drei Jahren Beziehung stritten wir. Es folgte eine leidenschaftliche Versöhnung und ich fügte mich dem Wunsch des Mannes, den ich abgöttisch liebte. Hin und wieder, wenn es besonders knapp war, durfte ich mit einem Gelegenheitsjob etwas zur Haushaltskasse beitragen.

Rückblickend mag das die Zeit gewesen sein, in der die schleichende Veränderung begann, aber damals war ich viel zu blind vor Liebe, um es wahrzunehmen. Einige meiner Freundinnen beneideten mich glühend um den Mann, der nicht mehr als eine aufgeräumte Wohnung, ein warmes Essen und grenzenlose Bewunderung von mir erwartete, wenn er abends heimkam. Den Mann, der mir im Bett die Welt zu Füßen legte, mit dem ich mich ohne falsche Scheu und Hemmungen entdecken konnte und der meine devote Neigung mit seiner dominanten ergänzte.

Doch die Zeit blieb nicht stehen und während die ersten Paare um uns herum heirateten, Wohnungen kauften und die nächste Beförderung feierten, hangelte Steven sich immer missmutiger von einem Job zum nächsten. Die Kluft zwischen dem, was er für uns wollte, und der Realität wurde von Kündigung zu Kündigung größer und trennte uns schließlich mit der Unaufhaltsamkeit auseinanderdriftender Kontinentalplatten von Freunden und Bekannten. Besessen von der Angst, den wichtigsten Menschen zu verlieren, und hilflos in meiner Abhängigkeit, war ich zu nichts anderem fähig, als mit jeder seiner Niederlagen nur noch verzweifelter meine Liebe zu beschwören.

Aus der Hochzeit, von der wir bei unserer Verlobung geträumt hatten, wurde ein Mittel, um mich gefügig zu halten, damit es zumindest noch etwas in Stevens Leben gab, das ihm das Gefühl von Macht und Kontrolle vermittelte. Kokain und Glücksspiel vergifteten, was ich trotz allem noch für mein größtes Glück hielt. Aus dem Himmel, in dem wir uns ewige Liebe geschworen hatten, wurde mit jedem Tag ein kleines bisschen mehr die Hölle, die mich schließlich fast das Leben gekostet hätte.

Ob Steven wohl bewusst war, welche krankhafte Dynamik unsere Beziehung entwickelt hatte? Oder hatte er das unter der Last seiner hohen Ansprüche und seines geringen Selbstwertgefühls genauso wenig erkennen können wie ich in meiner Hörigkeit?


Ich bin so tief in mir selbst versunken, dass ich erschrocken zusammenzucke als Rouven sich von hinten gegen mich lehnt, sein Kinn in meinen Haaren vergräbt und seine Hände rechts und links von mir auf die Brüstung stützt.

„Es fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen“, flüstere ich matt.

„Schhhh … Es ist vorbei, Chérie.“

Einen Moment lang starren wir beide schweigend in den Garten, dann macht er einen Schritt zurück. Als ich mich umdrehe, wischt er mir zärtlich die Tränen von den Wangen und zwingt sich zu einem aufmunternden Lächeln. Doch seine Augen spiegeln nichts als den Schmerz, der in mir wütet.

„Hinsetzen. Füße stillhalten. Essen.“

Ich folge dem Befehl und nehme ebenso willig den Bissen von der Gabel, die er mir vor das Gesicht hält. Warme Süße breitet sich in meinem Mund aus und verdrängt den bitteren Geschmack der Fragen, auf die ich niemals Antworten bekommen werde. Ganz von selbst schlüpft ein leises Stöhnen über meine Lippen.

Zufrieden grinsend schiebt Rouven mir den nächsten Happen in den Mund. „Schön, dass ich es dir trotz allem noch besorgen kann“, spielt er auf die überschwängliche Begeisterung an, mit der ich nach der Fotoreise das Rezept präsentiert hatte. Wie ein multipler Orgasmus auf der Zunge, hatte ich geschwärmt.

Er gönnt mir drei weitere Gabeln lang Gnadenfrist. Dann nimmt er einen Schluck von seinem Kaffee und seufzt. „Also, jetzt mal von Anfang an – was ist passiert?“

Ich atme tief durch und beginne, von der Feier zu berichten. Davon, wie lieb Erics Familie und Verwandtschaft ist, von der Location ganz nach meinem Geschmack und von dem leckeren Essen. Schweigend setzt Rouven die Fütterung mit kleinen, belohnenden Waffelportionen fort. Ich taste mich zu der berührenden Ansprache der freien Traurednerin, gestehe meine Tränen ein und dass ich Josh und Eric meine Heimvergangenheit offenbart habe.

Als ich an die Stelle komme, an der wir uns zu dritt hinter die Scheune verzogen und rumgemacht haben, pfeift Rouven anerkennend durch die Zähne. „Na, sieh mal einer an!“

Es ist nicht einmal vierundzwanzig Stunden her, dass Josh mir diesen unglaublich heißen Moment mit ihm und Eric geschenkt hat, und doch kommt es mir vor, als wäre es in einem anderen Leben passiert. In einem parallelen Universum, in dem ich erfolgreich all das verdrängt habe, was sich nun nicht mehr verdrängen lässt.

„Dann hab' ich den verdammten Brautstrauß gefangen“, hole ich uns unsanft zum eigentlichen Thema zurück.

„Du hast was?!“

„Eigentlich wollte ich da gar nicht mitmachen. Aber ...“ Ich hebe hilflos die Arme und greife dann nach meinem Kaffeebecher. „Sein Blick. Er hat sich so wahnsinnig gefreut, als ich zugestimmt habe, da mitzumachen. Und irgendwie hat es ja auch Spaß gemacht.“ Ich nehme einen Schluck und drehe die Tasse anschließend langsam zwischen meinen Händen. „Lach' mich jetzt nicht aus, aber das alles hatte was von … Märchen. Die rauschende Ballnacht, in der der Prinz nur Augen für das Aschenputtel hat.“ Noch ein Schluck Kaffee.

Unvermittelt knallt mir mein Gedächtnis Joshs fröhliches ‚Frau Rabenstein’ und mein ‚Herr Dienstag’ vor den Latz. Ich ignoriere mein dummes, schmerzendes Herz und zwinge mich weiterzuerzählen.

„Dann haben wir uns in das Wäldchen verzogen, zu dieser wundervollen Eiche und …“ Ich unterbreche mich selbst. „Sag' mal, hast du Josh im Fotostudio gesteckt, was ich dir von unserem Sex in seiner Wohnung erzählt habe?“

„Ich habe lediglich erwähnt, wie sehr du seine mündliche Leistung gelobt hast. Mehr nicht.“ Er zuckt mit den Schultern. „Sollte kein Geheimnis zwischen euch gewesen sein.“

Beinahe gewaltsam muss ich mich von den sinnlichen Bildern vor meinem inneren Auge lösen.

„Anschließend haben wir noch eine ganze Weile getanzt und herumgealbert und jede Menge Spaß gehabt“, fahre ich wehmütig fort. „Als wir bei Josh angekommen sind, war ich so platt, dass ich nur noch schlafen wollte.“ Ich schlucke, kann damit aber nicht die Bitterkeit aus meiner Stimme verbannen. „Trotzdem hätte ich nicht nein gesagt, wenn er noch Sex gewollt hätte. Einzig und allein, um ihn nicht zu enttäuschen“, gestehe ich.

Dann kommt der schwerste Teil. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass er dachte, ich würde schon schlafen – und das habe ich auch fast. Und da hat er gesagt, dass er … na, diese drei blöden, falschen Worte eben.“ Ich schlucke wieder und versuche, die Erinnerung nicht an mich heranzulassen. Doch es gelingt mir nicht. „Und dann bin ich quasi direkt in den Traum geschlittert. Er war genauso wie früher.“

Rouven stellt den leeren Teller beiseite und umarmt mich schweigend.

„Danke“, nuschele ich in seine Halsbeuge. „Für alles.“

Er drückt mich noch etwas fester. „Und dann? Was hast du ihm gesagt, als du gegangen bist?“

Ich befreie mich aus der Umarmung und weiche seinem Blick aus.

„Gar nichts“, antworte ich schließlich leise. „Er hat geschlafen. Ich hab' ihm eine Nachricht auf den Küchentisch gelegt.“ Den Gedanken, wie verletzend diese Reaktion auf sein Liebesgeständnis ist, versuche ich zu verdrängen, bin damit aber ähnlich erfolgreich wie mit dem Verdrängen meiner Gefühle. „Ich habe mir die ganze Zeit eingeredet, das mit Josh und mir wäre so ähnlich wie damals mit Julien. Wir können uns gut leiden, haben tollen Sex und einfach eine gute Zeit miteinander. Nicht mehr und nicht weniger.“

„Aber es ist mehr – nicht wahr?“

„Ich will das nicht!“ Mit einem energischen Tritt gegen die Brüstung bringe ich die Hollywoodschaukel zum Schwingen. „Diese verfickten Gefühle machen alles bloß kompliziert! Ich will nicht wieder so … abhängig werden. Jetzt mag Josh ein feiner Kerl sein, aber was passiert, wenn ich wieder zu blind bin, um die Grenze zu erkennen? Ich konnte gestern schon nicht nein sagen!“

„Du könntest mit ihm drüber sprechen.“

Mit geballten Fäusten, die Fingernägel in die Handballen gegraben, versuche ich, die Tränen zurückzuhalten, die mir in den Augen brennen.

„Was soll das bringen?“, frage ich resigniert. „Welcher Mann, der bei Verstand ist, würde mich noch wollen, wenn er Bescheid wüsste? Ich kann ihm nicht von dieser Nacht erzählen. Genauso wenig wie von dem, was wir anschließend getan haben. Allein die Vorstellung, dass er …“ Ich beiße mir auf die Lippe und schüttele den Kopf. „Nein.“

Ein Blitz bricht wie die Illustration meiner Gefühle aus dem dunklen Wolkengebirge. Keine zwei Sekunden später zerreißt ein ohrenbetäubender Donnerschlag unser Schweigen. Dann kommt der Regen. Dicke Tropfen färben das steinerne Geländer im Handumdrehen dunkel, können uns in der großzügigen Nische aber nicht erreichen.

„Er fehlt mir nur so ...“ Eigentlich sage ich es mehr zu mir selbst, nur ein Hauchen im lauten Prasseln des Schauers, aber Rouven hört verflucht gut.

„Das hab ich vorhin gemerkt“, feixt er prompt.

„Na ja, du hast mich offensichtlich die ganze Zeit nicht losgelassen. Ich bin wohl nicht die einzige hier, die jemanden vermisst, hm?“

„Wohl nicht.“

„Kein Lebenszeichen?“

„Nichts.“ Er seufzt gequält. „Ich weiß, dass es erst eine Woche her ist und ich Lisette alle Zeit der Welt für ihre Entscheidung zugesagt habe ...“

„Aber es macht dich wahnsinnig.“

„Ich hasse es, rein gar nichts tun zu können. Diese Machtlosigkeit!“ Er spuckt das Wort aus, als wäre es das Widerlichste, was ihm je auf der Zunge lag, und spült mit Kaffee nach. „Läuft bei uns, würde ich sagen.“

„Wenigstens haben wir uns.“ Ich stoße meinen Becher gegen seinen, dann straffe ich die Schultern. „Ich glaube, ich möchte versuchen, Josh ohne Heizung und Handschellen zu vergessen. Aber ich würde gerne für eine Weile hier bei dir bleiben … falls … es doch nicht klappt.“
Review schreiben