Drei falsche Worte

GeschichteRomanze, Freundschaft / P18
20.04.2018
12.06.2019
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Titel: Drei falsche Worte
Autorin: Luzie van Draken
Copyright © 2018 Luzie van Draken
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Kapitel 1 - Pinguin in der Sahara


Josh, Donnerstag 25.05.

"Echt Josh, ich weiß nicht ob ich dich beneiden oder bemitleiden soll! Mit der Bude und deinem Job brauchst du echt kein Fitnessstudio mehr. Ich meine, 5. Stock ohne Fahrstuhl - warum macht man sowas?" Eric keucht theatralisch, als er den letzten Umzugskarton im Flur abstellt. Den Kopf über seine Show schüttelnd, folge ich ihm in die Küche. Im Gegensatz zu mir ist Eric tatsächlich regelmäßig im Fitnessstudio. Die paar Stufen sollten ihm nicht viel anhaben können.

"Also werden Pizza und Bier meine Dankbarkeit wohl nur unzureichend ausdrücken können?!", necke ich ihn.

"Setz es einfach auf die Liste. Wenn ich so drüber nachdenke, schuldest du mir inzwischen echt einen verdammt großen Gefallen..." Ein wölfisches Lächeln liegt auf seinen Lippen. "Aber Pizza und Bier sind für den Anfang okay."

Nachdem ich die Pizzen bestellt und Bier aus dem Kühlschrank geholt habe, setze ich mich an den Küchentisch. Ringsherum sieht es aus als wäre ein Umzugswagen explodiert. Eric werkelt an der Stereoanlage herum. Schränke zusammenbauen, Kartons auspacken, da kommt noch einiges an Arbeit auf mich zu, aber irgendwie freue ich mich darauf.

"Hey Josh, ich finde es gut, dass du dir endlich eine neue Bude gesucht hast." Klirrend stößt er seine Flasche gegen meine.

"Auf Dauer hätte ich die Miete nicht stemmen können, letztlich hatte ich also gar keine andere Wahl", gebe ich Schulterzuckend zu "Aber jetzt wo das ganze Zeug hier ist, fühle ich mich auch irgendwie erleichtert. Ist zwar noch das reinste Chaos, aber dafür erinnert mich nicht mehr alles an sie."

"Das hört sich gut an, du musst endlich wieder nach vorne schauen."

Er hat recht, aber es fällt mir immer noch schwer. Ich bin anscheinend nicht gut im Loslassen. Als ich Erics nachdenklichen Blick auf mir spüre, straffe ich unwillkürlich die Schultern. "Lass gut sein Eric. Wird sich schon alles finden." Wenn ich das nur selber glauben könnte. "Wie wir schon festgestellt haben, schulde ich dir für heute genug. Also, wie läufts bei dir? Du hast neulich von einem wichtigen Termin mit diesem..." Verdammt, ich hab Eric mal wieder nur mit einem halben Ohr zugehört und jetzt fällt mir der Name nicht ein.

"Maarten", hilft er mir aus. Richtig, Maarten. Ich hab den Typ erst einmal getroffen und ihn auf Anhieb nicht leiden können. Wenn es eine Vorlage für Leonardo DiCaprios Rolle in Wolf of Wallstreet gegeben hat, dann schwöre ich, dass es dieser Kerl ist.

Zumindest erinnere ich mich noch, dass sie einen geschäftlichen Termin hatten und es Eric sehr wichtig war. Er grinst breit. "Gut, es lief richtig gut. Ich hab den Abschluss bekommen. Und das war noch nicht einmal das beste." Das Grinsen erstirbt. "Ich weiß nicht ob du das überhaupt hören willst." Er weiß, dass ich kein Fan von Maarten bin. Es ist mir schon immer schwer gefallen meine Gefühle vor anderen zu verbergen. Und vor Eric sowieso. Wäre es nicht so, hätten wir uns vielleicht nie angefreundet.

"Schon gut Eric, erzähl es mir. Ja, ich finde, dass er ein Arschloch ist und schlechter Umgang, aber was immer ihr auch zusammen angestellt habt, ich verspreche dir, ich werde es verkraften." So lange wir befreundet sind, hat Eric nie mit irgendetwas hinterm Berg gehalten. Jetzt will er mich schonen und das rechne ich ihm hoch an. Aber ich weiß auch, dass er recht hat und es Zeit wird wieder zur Normalität zurückzufinden. Und unsere Normalität ist es seit jeher gewesen, mir Erics Abenteuer anzuhören ohne dabei allzu rote Ohren zu bekommen. Ich kann sehen, wie er mit sich ringt, hin und hergerissen zwischen der Angst mich zu verletzen und dem brennenden Wunsch mir alles erzählen zu können. Ein frisches Bier bringt ihn zum Reden.

"Also, nach dem Abschluss hat er mich auf ein paar Drinks eingeladen. Zuerst waren wir in irgend so einer Bar. Hab den Namen vergessen. Teurer Alkohol in den Gläsern und billige Mädels auf der Bühne. Das übliche halt. Er hat Mist erzählt, ich hab Mist erzählt, ein Getränk kam zum anderen. Irgendwann beugt er sich dann ganz verschwörerisch zu mir rüber und fragt mich, ob mir nicht auch nach mehr wäre. Du weißt ja wie er drauf ist, also hab ich ihn ganz direkt gefragt, was er meint, ob er uns ein paar Mädels besorgen will." Oder womöglich Drogen. Ich kann mir ein Augenrollen nicht verkneifen. Von Maarten hab ich ehrlich gesagt nichts anderes erwartet, aber von Eric? Natürlich sieht er mir meine Gedanken an. "Hey, du kennst mich. Ich bin für eine Menge Spaß zu haben", fährt er fort "Aber auf billige Nutten steh ich echt nicht." Ich bin erleichtert, dass Maarten nicht zu sehr auf ihn abgefärbt hat. "Aber er hat mich bloß ausgelacht und damit aufgezogen, dass ich mich ja gerne unter Wert verkaufen könnte. Er hätte da etwas viel besseres. Und dann ist er mit der Sprache rausgerückt. Hat mir von einem Club erzählt in dem er Mitglied ist. Darkest Desire heißt der Laden. Auf jeden Fall hat er mich mit seinen Erzählungen richtig neugierig gemacht. So wie er das geschildert hat, klang es nach dem verdammten Garten Eden. Stilvollstes Ambiente, exklusives Klientel, alles mega verschwiegen und absolut heiß. Josh, du kennst mich." Er sieht aus wie ein Fünfjähriger den man mit der Hand im Bonbonglas erwischt hat. Ein bisschen beschämt, aber vor allem glücklich.

"Du konntest unmöglich nein sagen, nicht wahr?"

Er schüttelt den Kopf. "Ich schwöre dir, das war wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag auf einmal. Eigentlich brauchst du eine Bewerbung und einen Bürgen um da überhaupt reinzukommen. Aber Maarten ist natürlich mit dem Chef per Du und konnte ihn davon überzeugen, dass ich nach einem kurzen Gespräch über die Gepflogenheiten des Clubs ausnahmsweise direkt mit rein durfte. Interessanter Kerl dieser Master Rouven. Ich sag dir, ich hab selten jemanden mit so einer Ausstrahlung getroffen. Auf jeden Fall hat er alles Recht der Welt stolz auf den Laden zu sein. Ich weiß nicht ob ich schon mal so viel Luxus auf einem Haufen gesehen habe. Und ganz sicher habe ich noch nie so viele schöne Menschen gesehen. Jetzt weiß ich zumindest wofür ich mir das alles antue." Das alles meint sein regelmäßiges Workout und wahrscheinlich auch die aufwendigen Tätowierungen, die seinen durchtrainierten Body zieren. Ich muss schmunzeln bei der Vorstellung, dass Maarten es mit mir wohl schwerer gehabt hätte, Master Rouven zu überzeugen. Ich bin zwar weder hässlich noch aus der Form geraten, aber ich war schon immer der schmale, eher unscheinbare Typ im Vergleich zu Eric. Es gab mal eine Zeit in der ich ihm nacheifern wollte, aber das ist schon beim Thema Tätowierung gescheitert. Ich konnte mich einfach für kein Motiv entscheiden. Das einzige was mir damals eingefallen ist, Sarah forever, hat Eric glücklicherweise verhindern können. Und nachdem ich mich eine Stunde lang ergebnislos durch die Bildvorschläge gewühlt hatte, hat uns der Studiobesitzer kurzerhand vor die Tür gesetzt. Was mir zumindest klar gemacht hat, dass es sinnlos ist jemand anderes sein zu wollen. Oder, wie es Eric so treffend auf den Punkt brachte: Kann ja nicht jeder ein Bad Boy sein. Was so ziemlich das letzte ist, was man von seinem besten Freund hören will. Insbesondere wenn man weiß, wie recht er hat.

Meine Gedanken und Erics Bericht werden vom Klingeln des Pizzaboten unterbrochen. Natürlich weigert er sich die Pizza bis an die Wohnungstür zu bringen. Meine Chance, die Hälfte der bevorstehenden Kalorien gleich wieder loszuwerden. "Mein Mitleid hast du", brüllt Eric mir lachend hinterher.

Beim letzten Pizzastück breche ich die gefräßige Stille. "Los, erzähl schon weiter. Ich seh doch, dass du gleich platzt. Ich weiß deine Zurückhaltung zu schätzen, aber ich bin wirklich okay damit." Ich drücke ihm ein frisches Bier in die Hand. "Außerdem hast du mich neugierig gemacht." Auch wenn ich nicht ansatzweise so experimentierfreudig und offen bin wie er, habe ich nie etwas gegen seine lebhaften Schilderungen gehabt. Am Ende bin ich auch nur ein Mann und so ein bisschen Kopfkino hat noch keinem geschadet.

"Du hast es so gewollt." Mit einem zufriedenen Grinsen schiebt er den Pizzakarton von sich und lässt sich auf dem Stuhl zurücksinken. "Ich sage dir, es gibt dort nichts was es nicht gibt. Naja, außer Kindern und Tieren natürlich. Und Maarten hat mir erzählt, dass dieser Rouven keinen Spaß versteht, wenn irgendjemand ein Safeword nicht respektiert. Er hätte selbst mal miterlebt, wie der Typ einen Gast deswegen eigenhändig rausgeworfen hätte. Verstehst du, da geht es so dermaßen zur Sache, dass sie dir ein Safeword geben." Seine Augen leuchten.

"Wir haben uns an der Bar einen Drink gegönnt. Ehrlich gesagt, musste ich das alles erst mal sacken lassen. Diesen Club zu betreten, ist das wie eine wahr gewordenen Phantasie. Und dann hat sich diese blonde Schönheit zu uns gesellt. Du hättest sie sehen müssen. Ein Traumkörper und dann dieses Kleid, vorne hoch um den Hals geschlossen und der ganze Rücken frei bis zu ihrem sexy Hintern. Das ist wirklich eine Liga, in der ich bislang noch nicht oft spielen durfte." Genießerisch schließt er für einen Moment die Augen. "Sie war total offen und direkt. Kein geziertes um den heißen Brei reden, sie stellte sich einfach zwischen uns, sah erst Maarten an, dann mich und sagte mir direkt ins Gesicht, dass sie uns beide heiß fände und ob wir Lust auf ein kleines Spiel hätten." Ich hebe fragend die Augenbraue. Echt jetzt, ein Dreier mit Maarten? Eric zuckt ausweichend mit den Schultern und ahmt mehr schlecht als recht den Paten nach. "Sie hat mir ein Angebot gemacht, dass ich nicht ablehnen konnte."

Es dauert einen Moment bevor wir uns von dem Lachanfall erholt haben. Bier, Pizza, mein Kumpel mit seinen verruchten Geschichten und noch mehr Bier - der erste Abend in meiner neuen Wohnung könnte schlimmer laufen.

Gespielt vorwurfsvoll sieht Eric mir in die Augen. "Außerdem weiß ich gar nicht, was dich daran stört. Immerhin bist du mir den versprochenen Dreier seit nun mehr..." pegelbedingt braucht er etwas länger zum rechnen "17 Jahren schuldig geblieben." Ich kann ihm beim besten Willen nicht folgen. "Ja, ja, tu nur so als könntest du dich an nichts mehr erinnern. Wir waren 12 und beide in Agnes aus der Parallelklasse verknallt. Um uns wegen ihr nicht zu zerstreiten, haben wir uns hoch und heilig versprochen, dass da nur was läuft wenn sie mit uns beiden geht."

"Agnes, ja ich erinnere mich an sie. Leider waren wir wenig erfolgreich mit unserer Strategie und sie ist am Ende mit dem blöden Peter gegangen. Nee, Eric, da kann selbst jemand mit deinen verqueren Phantasien keinen Anspruch auf einen Dreier draus dichten."

"Schade eigentlich", er zwinkert verschmitzt. "Dann bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als dir anzuhören wie uns die Lady um den Verstand gebracht hat. Also, neben dem großen Saal gibt es noch eine ganze Menge Zimmer, manche sehen wie ganz normale, luxuriöse Hotelzimmer aus, andere sollen laut Maarten etwas... sagen wir mal spezieller eingerichtet sein. Sie hat uns in eins dieser Hotelzimmer mitgenommen und ganz unschuldig gefragt, wer wohl der wagemutigere von uns beiden sei. Du kannst dir ja vorstellen, dass er gar nicht schnell genug hier schreien konnte." Ein diebisches Lächeln liegt auf Erics Lippen. "Sie hat nur genickt, ist zum Kleiderschrank gegangen und hat ein Seil da raus genommen. Ich sage dir, ich werde nie wieder in einem Hotel auf Leihbademantel und Pantoffeln blicken können, ohne an sie zu denken. Dann hat sie ihn an den Sessel gefesselt und einfach so sitzen gelassen, während sie zu mir gekommen ist, sich an mich geschmiegt und mich geküsst hat."

Ich spüre seinen prüfenden Blick, er will wissen ob ich wirklich okay bin.

"Ist gut, rede weiter. Ich brauche nicht jedes Detail, aber ich will schon wissen wie es ausgegangen ist."

"Alles klar, dann bekommst du die Zusammenfassung." Er nimmt einen Schluck von seinem Bier und fährt fort. "Sie hat sich alle Zeit der Welt genommen. Wir haben uns geküsst, uns ausgezogen, sie hat mich diesen Wahnsinnskörper in aller gebührenden Ausführlichkeit erkunden lassen. Er wäre beinahe durchgedreht, aber er konnte ja nichts machen. Es ist halt doch nicht immer und überall am klügsten, sich ganz nach vorne zu drängeln." Ich bin wirklich froh, das dieser Abend trotz allem nicht dazu geführt hat, dass die beiden beste Freunde geworden sind. Es reicht mir voll und ganz, von der Liebe meines Lebens für ein ausgemachtes Arschloch verlassen worden zu sein. Da muss ich meinen besten Freund nicht noch an Maarten abtreten.

"Ich hatte schon ein bisschen Sorge, dass er vor lauter Frust einen Infarkt bekommt, immerhin ging es bei ihr und mir inzwischen schon ordentlich zur Sache. Aber gerade als ich dachte, dass sie ihn konsequent in der Zuschauerrolle leiden lassen will, hat sie sich von mir gelöst und ist zu ihm rüber gegangen. Hat ihn geküsst und ihm dann quälend langsam die Hose aufgemacht und seinen Schwanz raus geholt. Hätte ihn mir größer vorgestellt."

"Zu viel Information", stöhne ich gequält und öffne mir zur Ablenkung ein neues Bier. "Ich muss wirklich nicht alles wissen. Wobei... irgendwie macht es den Typ erträglicher." Niemand hat behauptet, dass nur Frauen lästern können.

"Dafür hat er umso größere Augen bekommen, als sie sich vor ihn gekniet hat." Eric ist voll und ganz in seinem Element.

"Okay, ich kann mir vorstellen, was jetzt kommt." Erträglicher heißt nicht, dass ich Maarten eine Hauptrolle in meinem Kopfkino gewähren möchte. "Und du?"

"Du weißt, ich bin da nicht so zimperlich. Ich habe mir das Schauspiel nicht entgehen lassen. Immerhin wusste ich nur zu gut, wie heiß sich ihre weichen Lippen an mir angefühlt haben. Aber lange konnte ich mich nicht zurückhalten, als sie mir so verführerisch ihren göttlichen Po hingehalten hat. Ich musste mich echt zusammenreißen um da keine peinliche Schuljungennummer hinzulegen. Aber hin und wieder ein Blick in Maartens verzückte Visage hat zum runterkühlen ganz gut geholfen. Am Ende war es wie eine Kettenreaktion. Er ist zu erst gekommen, dann die Lady und da konnte ich mich auch nicht mehr dagegen wehren."

"Als ob du dich in so einer Situation überhaupt wehren wolltest." Ich schnaube amüsiert.

Als mir klar wird, dass es bei dieser Konstellation keine Berührungspunkte zwischen Eric und dem Wolf of Wallstreet gegeben hat, bin ich irgendwie erleichtert. Ich bin nach all den Jahren nicht mehr übermäßig empfindlich was Erics detaillierte Schilderungen angeht. Auch ist es weder neu noch problematisch für mich, dass er sich bei seinen Abenteuern nicht ausschließlich auf das weibliche Geschlecht beschränkt. Ich bevorzuge allerdings die Geschichten in denen möglichst wenig Männer vorkommen.

Wir gönnen uns ein einvernehmliches Schweigen. Eric knibbelt das Etikett von seiner Bierflasche. Er weiß, dass mich das wahnsinnig macht.

"Du hast doch vorhin zugegeben, dass du mir was schuldig bist?"

"Nach allem, was du für mich getan hast, ist das wohl so." Mir schwant böses.

"Dann komm nächste Woche mit mir in den Club."

Unvorstellbar. Ich kann mir ein genervtes Schnauben nicht verkneifen. "Eric, du kennst mich besser als jeder andere Mensch. Ganz ehrlich, kannst du dir mich da vorstellen? Selbst wenn ich die Hälfte deiner Erzählung als Übertreibung streiche, passe ich da rein wie ein Pinguin in die Sahara."

Ich gönne ihm seinen Spaß von Herzen. Ich bin sogar bereit zuzugeben, dass es mir gefällt, in meiner Rolle als Zuhörer ein wenig daran teilzuhaben. Aber davon abgesehen sind wir einfach grundverschieden. Mit seinen 30 Jahren hatte Eric noch nie eine Beziehung für deren Beschreibung man die Worte "Monate" oder gar "Jahre" brauchen würde. Er bezeichnet sich selbst als Single aus Überzeugung und Liebhaber von so ziemlich allem was mit Sex zu tun hat. Und ja, vielleicht beneide ich ihn ganz tief in mir gelegentlich um seine offene und lockere Art mit all dem umzugehen und sich von nichts anderem als seiner Neugier führen zu lassen. Aber ich für meinen Teil habe nie etwas anderes gewollt als mit Sarah gemeinsam alt werden. Dass sie die einzige Frau in meinem Leben und auch in meinem Bett war, hat mich nie gestört. Für mich waren wir etwas ganz besonderes in dieser schnelllebigen Zeit. Die Erkenntnis, dass sie mich unwiederbringlich verlassen hat, schmerzt auch nach sechs Monaten unvermindert. Es mag Millionen Männer geben, die sich Eric mit Freude angeschlossen hätten, um sich ihren ramponierten Stolz wieder auf hochglanz zu ficken. Ich bin nicht so.

Eric funkelt mich an. Enttäuschung, Wut und Alkohol spiegeln sich in seinem Blick.

"Weißt du was? Du machst mich wahnsinnig. Ich habe getan was ich konnte. Und was ich, nebenbei bemerkt, nie wieder für irgendjemand tun will. Ich habe dir wochenlang zugehört." er spuckt das Wort förmlich aus "Ich habe Unmengen von Bier und Pizza rangeschafft. Und zwar zu jeder noch so beschissenen Tageszeit. Ich bin monatelang fast nicht auf der Piste gewesen. Selbst wenn, habe ich mir verkniffen dir davon zu erzählen, um dich nicht zu verletzen. Kurzum, ich habe mich wirklich um Verständnis bemüht, um verdammt viel Verständnis. Aber ich hab die Schnauze voll."

Ich versuche etwas zu sagen, aber er hat hat sich in Rage geredet. Ich habe Sendepause.

"Josh, ich weiß, dass Sarah deine ganz große Liebe war. Und was sie mit die gemacht hat war richtig mies. Ich meine, den Gnadenfick zum Abschied, die Nummer fand sogar ich krass. Aber so ist das Leben nun mal. Scheiße passiert. Kumpel, du bist im besten Alter. Dein Leben geht weiter und du solltest echt mal aufhören, dir selber so furchtbar Leid zu tun. Das ändert nämlich nichts! Ja, ja, du willst es nicht hören, aber du musst endlich raus aus deinem Sarahversum. Herrgott es gibt Millionen Frauen da draußen! Und ich für meinen Teil werde mir dieses Vergnügen nicht länger entgehen lassen."

Er knallt seine Flasche so hart auf den Tisch, dass das Bier überschäumt. Mir war nicht bewusst, dass ich so anstrengend für ihn war.

Seine Stimme ist leiser und gefasster als er weiterspricht. "Ich weiß ja, das du das alles anders siehst. Und ich habe dich und deine Einstellung immer respektiert. Liebe, Treue und dieses ganze Zeug. Ich gebe zu, dass ich davon nichts verstehe. Aber was ich noch viel weniger verstehe ist, warum du nicht wenigstens jetzt bereit bist über den Tellerrand zu schauen. Mann, du bist Single. Du kannst mir nicht wirklich sagen, dass du das alles abstoßend findest, was ich dir seit Jahren erzähle. Dann hättest du mir wohl kaum die ganze Zeit so aufmerksam zugehört. Ich hab es mir immer verkniffen, aber weißt du was ich glaube? Im Grunde bist du auch neugierig aber du hast Angst. Verdammt viel Angst davor, dass es dir gefallen könnte etwas neues auszuprobieren. Etwas was nicht in deine perfekte Päärchenwelt passt. Du bist kein Pinguin in der Wüste, sondern einer im Zoo. Die große, weite Welt da draußen macht dir Angst. Aber da findet das Leben statt. Laut, bunt und wild. Du kannst doch nicht immer nur den Beobachter an der Seitenlinie spielen. Ich sag dir jetzt was: entweder du mailst mir bis morgen Abend ein paar vernünftige Bilder für deine Bewerbung und kommst nächste Woche mit oder du suchst dir wen anders, der Lust hat mit dir zusammen zu verstauben. Zieh Jeans und ein vernünftiges T-Shirt an, mehr ist es gar nicht, ich kümmere mich um den Rest."

In der Tür dreht er sich nochmal zu mir um. "Bitte Josh, vertrau mir dieses eine Mal. Nutz die Chance, endlich mal raus zu finden was du willst. Du bist erwachsen, es gibt nichts mehr für das dein Vater dich ohrfeigen könnte."
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