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Reflexion einer Liebe

GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P12 / Het
Kate Beckett Richard Castle
18.04.2018
06.05.2018
7
14.347
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27.04.2018 1.926
 
Bei Kate, 9.45 Uhr

Fünfzehn Minuten war Rick erst fort und Kate schien es, als wäre es eine Ewigkeit. Warum hatte sie nicht schon früher bemerkt, wie sehr sie diesen Mann brauchte? Wie sehr er längst ein Teil von ihr geworden war? Warum jetzt, wo ihr nicht mehr viel Zeit blieb, ihm all das zu sagen, was sie ihm hätte längst sagen sollen?

Kate wischte sich eine Träne fort. Weinen war keine Option. Ihr war, seit sie den Polizeidienst angetreten hatte, bewusst, dass sie nicht irgendwann im hohen Alter in einem Lehnstuhl sitzend sterben würde, sondern im Dienst. Erschossen, vielleicht erstochen. Das Übliche halt. Auf die Idee, dass man sie in die Luft jagen könnte, war sie allerdings nicht gekommen. Obwohl es, jedenfalls in ihrem Fall, eigentlich gar nicht so abwegig war. Immerhin war dies heute ihre dritte Begegnung mit einer Bombe. Es hieß ja, aller guten Dinge sind drei … vielleicht sollte sie es als gutes Zeichen sehen.

Sie war aber nun einmal Realistin. Und je mehr Zeit verstrich, ohne dass das Entschärfungsteam erfolgreich war, je mehr schwand die Chance, den heutigen Tag zu überleben. Das war Fakt. Sie konnte die Situation verfluchen oder akzeptieren. Ändern konnte sie nichts.

Aber eines konnte sie tun. Ihre Mum war damals gestorben, ohne die Chance zu haben, ihrem Mann oder ihrer Tochter noch etwas zu sagen. Sie hatte diese Möglichkeit. Vorsichtig zog Kate ihr Handy aus der Tasche der Schutzweste und konnte nur hoffen, dass die Sensorplatte unter ihren Füßen nicht so empfindlich war, um zu spüren, wie etwa hundertfünfundsechzig Gramm von der Seite nach vorne bewegt wurden.

Als nichts passierte, seufzte sie erleichtert auf und schaute kurz zur Uhr. Jim müsste jetzt bei Gericht sein, also dürfte keine Gefahr bestehen, dass er das Gespräch direkt annehmen könnte. Persönlich mit ihm sprechen würde sie dann doch überfordern.
Es klingelte … Die Mailbox … ein Glück.
„Hey Dad, ich bin es. Ich habe gerade etwas …“ Kate zögerte kurz. „… Zeit und wollte nur deine Stimme hören und dir  sagen, dass ich dich wirklich sehr lieb habe.  Außerdem wollte ich mich entschuldigen, dass ich vorgestern wieder einmal eine Verabredung zum Abendessen absagen musste. Das tut mir wirklich leid. Mhm, ja, das war es auch schon. Bye.“ Kate beendete das Gespräch, steckte das Handy zurück, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen.

Und auf einmal begriff sie, warum ihre bisherigen Beziehungen immer scheiterten. Es war bestimmt nicht der einzige Grund, aber ein relevanter … sie hatte nie Zeit gehabt für die Männer, mit denen sie zusammen war. Kate konnte sich gar nicht daran erinnern, wie oft sie Verabredungen, vor allem kurzfristig, abgesagt hatte, um zu arbeiten. Der Job war ihr immer wichtiger gewesen. Er war es auch jetzt noch. Auch wenn sie ihm nicht mehr alles unterordnete und sich auf den Feierabend freute. Sie musste auch keine Verabredung mehr absagen, weil Rick sie zum Tatort begleitete. Der Besuch eines Restaurants, Theaters oder Kinos mochte ausfallen - den Abend verbrachten sie dennoch zusammen. Und wenn der Fall so aufwühlend war, dass man ihn mit nach Hause nahm, konnte sie mit ihm darüber sprechen und sie halfen sich gegenseitig, ihn aufzuarbeiten.

„Ich hoffe doch, du träumst von mir?“
Kate öffnete die Augen, lächelte leicht. Sie hatte sein Kommen gespürt und sich deshalb nicht erschrocken. „Von wem sonst? Hast du mit Martha und Alexis gesprochen?“
„Ja, ich soll dir von beiden ausrichten, dass sie mit ihren Gedanken bei dir sind. Und das sie dich lieb haben.“
Kate schaute ihn überrascht an und schluckte. „Ich sie auch“, erwiderte sie gerührt. „Was ist mit den Jungs. Haben Sie schon etwas rausgefunden?“
„Da gibt es ein Problem.“
„Was für eines?“
Rick erzählte ihr, was er von ihren Kollegen erfahren hatte, auch die Sache mit der Fernbedienung und dem Code. „Aber Captain Mahoney und seine Jungs bekommen das auch so hin“, fügte er am Ende seines Berichts hinzu.
Das allerdings bezweifelte Kate. „Sicher. Es sind Profis.“
„Genau“, nickte Rick. „Ich werde kurz runtergehen und schauen, wie weit sie sind. Bin aber gleich zurück.“
Kate wusste, dass Rick das Gefühl brauchte, etwas zu tun. Auch wenn er genauso hilflos war wie sie. „Sag Ihnen, ich bekomme langsam wirklich Hunger.“
Rick nickte lächelnd und wandte sich schnell ab, damit Kate nicht sah, wie seine Augen gleichzeitig glitzerten. Hatte sie aber. Und sie spürte, wie sehr er litt. Das war für Kate viel schlimmer, als das Wissen aller Wahrscheinlichkeit nach in den nächsten Stunden … wenn es überhaupt noch so lange dauern würde … sterben zu müssen.

~~

Rick hatte sich, nach Verlassen der Wohnung, einen Moment an die Wand gelehnt und einige Male tief durchgeatmet, bevor er nach unten ging, wo der Captain sein Eintreffen als Erstes bemerkte.

„Mister Castle, kann ich etwas für Sie tun?“
„Mir sagen, dass Sie diese verfluchte Bombe endlich entschärft haben. Kate hält nicht mehr lange durch.“  Und ich auch nicht
Captain Mahoney führte Rick ein Stück zur Seite, damit seine Leute durch die Unterhaltung nicht abgelenkt wurden. „Das würde ich wirklich gerne, Mister Castle. Das müssen Sie mir glauben und wir tun, was wir können. Aber ich muss zugeben, dass diese Bombe eine einzige Herausforderung ist.“
Rick senkte den Blick. „Anders ausgedrückt … Sie haben keine Ahnung, wie Sie das Ding entschärfen können.“
„Im Moment … nein. Aber wir bohren gerade ein Loch in die Decke, um eine Kamera zur Bombe führen zu können. Vielleicht gibt uns das hilfreiche Anhaltspunkte.“
„Es muss eine Lösung geben. Ich lasse nicht zu, dass Kate …“ Rick sprach nicht weiter. Er wischte sich, mit einer wütenden Bewegung, die Tränen aus den Augen.
„Sie lieben Detective Beckett, habe ich recht?“
„Offiziell? Nein, da sind wir nur Partner und Freunde. Aber inoffiziell … ja, ich liebe sie. Sehr sogar.“ Rick fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. „Ein Kind von Traurigkeit bin ich nie gewesen. Captain. Ich habe die Frauen gewechselt, wie andere Männer ihre Hemden“, gab Rick zu. Aber wo früher Stolz in seiner Stimme schwang, war heute nur noch Ekel vor sich selbst zu hören. „Doch als Kate in mein Leben trat, veränderte sich meine komplette Welt. Langsam, aber unaufhörlich. Kate ist mein ganzes Glück. Verstehen Sie das?“
„Ja, Mister Castle, sogar sehr gut. Ich …“
„Captain, wir sind durch“, rief der Sergeant von vorhin und die beiden Männer eilten sofort rüber.
Gebannt starrten sie auf den Monitor, bis die Kamera die Bombe erreicht hatte und ein klares Bild sendete. Was sie zu sehen bekamen, machte selbst die kleinste Hoffnung zunichte.

~~

Um nicht darüber nachzudenken, was in der Etage unter ihr vorging … sie spürte, dass es nichts Gutes war … verlor sich Kate wieder in ihren Erinnerungen.


Eric war fassungslos darüber, dass ausgerechnet sein Anwalt David den Killer beauftragt hatte, ihn zu töten.
Kate und er waren im Besprechungsraum und sahen durch das Fenster, wie David abgeführt wurde.
„Es ist verblüffend, dass man jemanden zehn Jahre kennt und trotzdem gar nicht kennt“, meinte Eric und drehte sich zu Kate um. „Und das man jemanden, den man erst vor ein paar Tagen kennenlernte, wirklich gut zu kennen glaubt.“
Kate lächelte leicht, ging jedoch nicht darauf ein. „Das FBI hat Thomas Barber gefasst, als er nach Kanada flüchten wollte. Die Gefahr ist vorüber und Sie können sich wieder Ihren Geschäften widmen.“
„Ja. Sieht so aus.“
„Sollten Sie darüber nicht glücklicher sein?“
„Das fällt mir im Moment zugegebenermaßen noch etwas schwer.“ Eric suchte Kates Blick und sie hielt ihm stand. „Ich habe keine Chance, oder?“
„Nein. Die gab es nie. Ich mag Sie, Eric. Sie sind ein toller Mann. Aber Sie sind nicht Rick.“
„Ich könnte mich umoperieren lassen, damit ich so aussehe wie er.“
Kate lachte. „Würde es mir nur um das Äußere gehen, könnte es funktionieren. Aber es geht um so viel mehr.“ Kate sah Rick, der an ihrem Schreibtisch saß und gerade zu ihnen rüberschaute. Sie lächelte ihm zu und Eric seufzte leise. „Es geht um den Mann Rick Castle mit seinen Ecken und Kanten, Fehlern und Stärken.“
„Sie lieben ihn wirklich.“
„Oh ja, das tue ich.“
„Er machte mir nicht den Eindruck, als wäre er sich dessen so sicher.“
„Ich habe es ihm bisher nicht gesagt. Nicht mit diesen Worten.“ Kate schwieg einen Moment. „Eigentlich mit gar keinen Worten.“
Eric nickte. „Das gehört vermutlich zu <es ist kompliziert>"
„Ja. Nein.“ Kate atmete durch. „Eigentlich sollte daran gar nichts kompliziert sein.“
„Sollte es nicht“, bestätigte Eric.
„Unsere Beziehung … Manchmal frage ich mich, ob sie wirklich real ist oder wir uns nur etwas vormachen. Was genau ist das zwischen uns? Wir kennen uns schon so lange, ein halbes Jahr sind wir zusammen. Und es fühlt sich an, als hätten wir in all diesen Jahren getanzt. Die Musik war mal leicht, mal schwer … mal einfach nur schön. Aber was passiert, wenn die Musik aufhört? Bleiben wir dann stehen, weil wir erkennen, dass uns in Wirklichkeit gar nichts verbindet. Nichts außer diesem Tanz?“ Kate sah zu Eric und lächelte leicht. „Tut mir leid, ich wollte Sie damit nicht behelligen. Außerdem klingt das alles vermutlich ziemlich wirr.“
„Es muss Ihnen nicht leidtun. Sie glauben, das es – um bei Ihren Worten zu bleiben – die Musik ist, die sie und Castle zusammenhält. Die Musik, die Sie beschreiben, ist das Leben, Kate. Mal leicht, mal schwer, mal sehr schön. Es wird nicht aufhören und Sie werden weiterhin zusammen durch dieses Leben tanzen … wenn Sie es zulassen, aber dort liegt offenbar das Problem.“
„Was meinen Sie damit?“
„Da gibt es einen Mann, den Sie lieben und der Ihnen offenbar hoffnungslos verfallen ist. Dennoch erzählen Sie mir, dass Sie nicht wissen, ob ihre Beziehung real ist? Ich kenne Sie natürlich nicht, auch wenn ich so tue, aber wenn ich raten müsste … Sie halten sich bewusst zurück, Kate.“
„Warum sollte ich das tun?“, wollte Kate ehrlich erstaunt wissen.
„Vielleicht weil Sie Angst haben.“
„Angst? Wovor?“
„Jemanden zu verlieren, den Sie lieben. So wie es Ihnen schon einmal ergangen ist. Sie sagten mir nicht, wer diese Person war, aber Sie muss Ihnen unglaublich viel bedeutet haben. So wie es Castle tut.“
Bingo „Sie hätten Psychologe werden sollen.“
Eric lachte leise. „Sie werden es kaum glauben, aber ich habe tatsächlich zwei Semester studiert. Es schien mir dann aber doch nicht das Richtige zu sein.“ Er küsste sie leicht auf die Wange, wissend, dass sie von Rick beobachtet wurden. „Sagen Sie es ihm, Kate. Es ist nicht so schwer, wie Sie glauben. Nicht, wenn Sie ihn wirklich lieben.“ Er nahm seine Jacke. „Leben Sie wohl, Kate Beckett. Ich habe mich wirklich gefreut, Sie kennenzulernen.“
„Ich mich auch“, erwiderte Kate. „Und Eric … danke.“
Er verließ das Besprechungszimmer und Kate konnte sehen, wie er etwas zu Rick sagte, dieser antwortete und dem Geschäftsmann schließlich hinterherblickte, als er im Fahrstuhl verschwand. Zurück blieb ein, wie Kate fand, nachdenklicher Rick.


Kate wusste bis heute nicht, was Eric damals zu Rick gesagt hatte, aber an dem Abend damals war ihr Freund so aufmerksam, romantisch und leidenschaftlich wie lange nicht gewesen. Und sie fühlte sich seitdem auch nicht mehr, als wäre sie für Rick selbstverständlich. Die Krise schien also überwunden. Geblieben aber war das Gefühl, am Bahnhof zu stehen und nicht zu wissen, wohin die Reise gehen wird. Und die Frage, warum sie in den vergangenen Monaten nichts dagegen unternommen hatte. Jetzt war es zu spät.

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Kate erhält ja reichlich neue Erkenntnisse, während sie so auf der Bombe rumsteht.  Ob sie vielleicht doch noch mit Rick darüber spricht? Wer weiß. Vielleicht hat sie ja auch gar nicht mehr die Zeit dazu.

Während Kate weiterhin der Bombe treu bleibt, könnt ihr euch frei bewegen - wünsche euch ein entsprechend schönes, bewegungsreiches Wochenende ;-)
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