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Nip/Tuck - Beauty Is A Curse

von MonaGirl
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Thriller / P18 / Het
16.04.2018
11.12.2019
13
32.734
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17.04.2018 1.914
 
„Die Tupferzange, bitte!“ Sean legte das Skalpell zur Seite, womit er gerade einen Schnitt im Inneren der Nase des Patienten gemacht hatte und streckte die Hand in Christians Richtung aus. Doch dieser reagierte nicht auf seine Bitte.

„Christian? Ich brauche die Tupferzange!“ wiederholte Sean ungeduldig.

„Was?“ Erst jetzt schaute Christian auf. Aber sein Gesichtsausdruck ließ erkennen, dass er geistig immer noch völlig woanders war.

Sean ging kopfschüttelnd um den OP Tisch herum und holte sich Zange und Tupfer von einem kleinen Beistelltisch.

„Tut mir leid.“ Christian schloss erschöpft die Augen. „Ich bin heute nicht ganz bei der Sache.“

„Ja, das merke ich“, murmelte Sean. „Wie schon seit Wochen.“ Er sah seinen Partner mit einem prüfenden Blick an. „Was ist los?

„Nicht jetzt“, sagte Christian abweisend. „Lass uns das hier erst zuende bringen, okay?“

Sean nickte. „Vielleicht würde dich ein Abendessen bei uns auf andere Gedanken bringen“, versuchte er Christian aus der Reserve zu locken. „Julia würde sich sicher freuen.“

Christian unterdrückte einen Seufzer. Julia war die letzte, die er jetzt sehen wollte. Er machte sich im Moment mehr Sorgen darüber, was Gina über ihn und Julia wusste. Diese Schlange! Unbewusst ballte er seine Fäuste.

„Was hältst du von der Idee?“ drang Seans Stimme in Christians Bewusstsein.

„Welche Idee?“

„Mann, auf welcher Wolke lebst du derzeit eigentlich?“ fragte Sean kopfschüttelnd.

„Tut mir leid.“

„Du wiederholst dich.“ Seufzend schob Sean dem Patienten eine Tamponade in die frisch operierte Nase. Dann wandte er sich an Liz. „Du kannst ihn jetzt langsam wieder aufwachen lassen.“ Er schob Christian Richtung Tür. „Komm mit, wir müssen reden.“

Kurze Zeit später saßen sich die beiden Freunde im Aufenthaltsraum gegenüber. Sean ergriff das Wort. „So geht das nicht weiter, Christian. Du bist unpünktlich, unzuverlässig und machst einen Fehler nach dem anderen.“ Er atmete tief durch und straffte die Schultern, bevor er fortfuhr. „Ich weiß, es ist nicht leicht für dich im Moment. Und es tut mir leid, was mit dir und Kimber passiert ist. Aber darunter darf die Arbeit nicht leiden. Es tut mir leid, es sagen zu müssen, aber in dem Zustand, indem du dich jetzt befindest, kann ich nicht zulassen, dass du an Patienten operierst.“

Christian hatte die ganze Zeit schweigend und mit gesenktem Kopf da gesessen und sich Seans Vorwürfe angehört. Ruckartig schnellte sein Kopf nach oben. „Du willst mich entlassen?“ fragte er fassungslos.

Sean schüttelte den Kopf. „So würde ich es nicht nennen. Ich würde eher sagen einen Urlaub gewähren. Wie damals, als Quentin dich ...“ Er beendete den Satz nicht und räusperte sich verlegen. „Du weißt schon ... Gib dir ein wenig Zeit und gib Kimber Zeit, zu sicher selber zu finden. Sie hat ein Trauma erlitten. Du wirst sehen, wenn sie das Furchtbare verarbeitet hat wird sich schon alles wieder zwischen euch einrenken. Du weißt doch, die Liebe überwindet alles“, fügte er grinsend hinzu.

Christians schüttelte den Kopf. Seine Miene wirkte wie versteinert „Kimber war heute da“, sagte er mit tonloser Stimme. „Sie wollte ihre Sachen abholen. Und ich hab’s vermasselt, einfach vermasselt ...“ Er schlug die Hände vors Gesicht und stöhnte leise.

Sean stand auf und ging um den Tisch herum. Vorsichtig legte er seine Hand auf Christians Schulter. „Was ist passiert? Willst du es mir erzählen?“

Während Christian von den Ereignissen des Nachmittags erzählte, hörte Sean geduldig zu. Seine Miene ließ nicht erkennen, was er wirklich dachte. Erst als Christian seine Geschichte beendet hatte, wagte er einen Einwand.

„Du bist wirklich unverbesserlich und unbelehrbar“, meinte Sean vorwurfsvoll. „Was hast du dir nur dabei gedacht?  Ich dachte, du schläfst nicht mehr mit Patientinnen!“

„Es war nur einmal“, verteidigte Christian sich.

„Einmal zuviel.“ Sean sah ihn missbilligend an. „Und du wunderst dich, dass Kimber dich verlassen hat?“

Christian ignorierte Seans Bemerkung. „Ich weiß, dass sie mich noch liebt“, sagte er nachdenklich. „Offiziell sind wir immer noch verlobt. Sie hat die Verlobung nie gelöst.“

„Wenn du glaubst, dass du damit einen Besitzanspruch auf sie hast, hast du dich geirrt. So etwas ist heute eine reine Formsache. Sie hat sich von dir getrennt. Da bedeutet ein mündlich gegebenes Eheversprechen nicht mehr allzuviel.“

„Aber Fakt ist, dass wir verheiratet wären, wenn Quentin sie nicht entführt hätte“, beharrte Christian trotzig.

„Hör auf zu träumen!“ Sean verdrehte genervt die Augen. „Siehst du nicht, dass du dich damit nur selber quälst! Als dein Freund und Arzt verordne ich dir hiermit eine Woche Urlaub. Entspann dich, ruh dich aus, versuche abzuschalten. Lass alles hinter dir.“

Christian nickte. „Das heißt also, ab heute beginnt für mich das laue Leben?“ Er rieb sich die Hände. „Prima!“

Sean sah ihn skeptisch an. Er nahm Christian den plötzlichen Freudenausbruch nicht ab. „Mach keine Dummheiten, okay?“

„Ich doch nicht“, erwiderte Christian und grinste so breit, dass seine makellosen weißen Zähne zum Vorschein kamen. „Du hast recht. Das Leben ist viel zu kurz, um auch nur einen Tag davon zu verschwenden. Ich bin jung, erfolgreich, gutaussehend, und ich kann jede Frau haben, die ich will.“

Sean begann sich nun ernsthaft Sorgen um seinen Freund zu machen. „Vielleicht solltest du nichts überstürzen.“

Christian schlug Sean freundschaftlich auf die Schulter. „Ich bin wirklich froh, dass wir so offen und ehrlich miteinander geredet haben.“

Sean sah Christian nachdenklich hinterher, als dieser den Aufenthaltsraum fröhlich pfeifend verließ. Er kannte Christian lange genug, um zu erkennen, dass sein Freund und Partner geradewegs in eine schwere Krise hineinsteuerte.„Ich wünschte nur, dass du auch so ehrlich zu dir selber wärst“, murmelte er gedankenverloren.

Kurze Zeit später    

Zögernd betrat Christian die Bar des Fitnessclubs und ließ seinen Blick in die Runde schweifen. Seitdem er das letzte Mal hier gewesen war, waren mehrere Wochen vergangen. Er nahm am Tresen platz und schaute sich um. Was wollte er hier eigentlich? Er hatte gleich nach dem Training nach Hause fahren wollen, doch die Bar hatte ihn fast magisch angezogen. Hier hatten er und Kimber nach ihren gemeinsamen Fitnesstrainingsstunden oft noch zusammengesessen und geredet. Und hier hatte auch alles begonnen. Hier war er Kimber das erste Mal begegnet. Sie hatte alleine am Tresen gesessen und an ihrem Drink genippt. Christian konnte sich noch an jedes Detail erinnern – wie sie ausgesehen hatte, was sie gesagt hatte. Er wusste sogar noch, welchen Song die Musicbox gespielt hatte, als er sie schließlich ansprach.

„Single oder Doppel?“

„Doppel. Ich warte hier auf meinen Freund.“

„Möchten Sie was trinken?“

„Ich trinke nicht.“

„Wie wärs mit einem Appetizer?“

„Ich esse nicht. Ich bin Model.“

„Ich bin Schönheitschirurg.“


Sie waren danach zu seinem Apartment gefahren und hatten sich die ganze Nacht geliebt. Oder nein, damals war es noch keine Liebe gewesen. Sie hatten Sex gehabt. Aber schon damals hatte Christian gefühlt, dass es mit Kimber etwas besonderes war. Und danach hatte er sie wie Dreck behandelt und sich ihrer einfach entledigt, wie er es auch schon unzählige Male mit anderen Frauen getan hatte. Das Schicksal hatte sie zusammen gebracht, und nun hatte das Schicksal sie wieder getrennt. Gequält schloss er die Augen. Er wollte nicht mehr an sie denken.

„Dr. Troy, das ist eine Überraschung! Ich habe sie ja lange nicht gesehen. Was kann ich ihnen bringen?“ Henry, der Barkeeper, ging sichtlich erfreut auf Christian zu.

„Ich war ... krank“, log Christian.

„Wo ist denn ihre reizende Verlobte?“ fragte Henry neugierig.

„Wir sind nicht mehr verlobt“, erwiderte Christian wortkarg.

Henry schien sichtlich betoffen. „Das wusste ich nicht ...“ Er räusperte sich. „Was darf ich ihnen bringen?“

„Einen Martini ... doppelt bitte.“

„Kommt sofort.“

Zwei Stunden und etliche Martinis später, hatte Christian das Gefühl, dass es ihm immer leichter fiel, nicht mehr an Kimber zu denken. Zumindest störten ihn die Gedanken an sie nicht mehr. Sein Kopf schien immer freier zu werden. Und die Stimmen um ihn herum nahm er wie in einen Wattebausch gehüllt wahr.

„So trifft man sich wieder. Hallo Christian!“

Christian drehte seinen Kopf mühsam in die Richtung aus der die Stimme kam und begann zu grinsen. „Hallo Kimber!“

„Kimber?“ Abby zog irritiert die Augenbrauen nach oben. „Wer ist das?“

Christian blinzelte sie an. Jetzt hatte er sogar schon Halluzinationen. „Abby?“ fragte er ungläubig, als er sie schließlich nach mehrmaligen Blinzeln erkannte.

„Na endlich!“ Abby schien sichtlich erleichtert.

„Was ... was ... tust ... tust du hier?“ Christian bemerkte, dass es ihm allmählich sogar Schwierigkeiten bereitete, einen einfachen Satz herauszubringen.

„Was denkst du, was ich hier tue?“ Sie verdrehte genervt die Augen. „Ich habe mein tägliches Fitnessprogramm absolviert und wollte an der Bar noch etwas trinken.“

Christian nickte, doch die leichte Nickbewegung genügte, damit der ganze Raum um ihn herum zu tanzen begann. Stöhnend griff er sich an den Kopf.

„Ich denke, du hast wohl für heute genug getankt.“ Abby schüttelte missbilligend den Kopf. „Und dabei hatte ich noch gedacht, als ich dich hier sitzen sah, dass wir einen netten Abend zu zweit verbringen könnten“, seufzte sie.

Christian starrte die leeren Gläser an, die vor ihm standen. Er bekam nicht mehr wirklich viel von dem mit, was um ihn herum geschah. Und es war ihm auch egal.

„Kannst du aufstehen?“ Abby wusste nicht, wie viel Christian getrunken hatte, aber sie erkannte, dass er in diesem Zustand auf keinen Fall mehr Auto fahren konnte. „Komm“, sagte sie bestimmt,“ ich bringe dich nach Hause.“

Christian wusste weder wo er sich befand noch wie er hierhergekommen war, als er wieder langsam zu sich kam. Er spürte, dass er in etwas Weichem lag und sich ein warmer Körper an ihn schmiegte. Aber er war einfach zu müde, um sich weitere Gedanken darüber zu machen. „Kimber ...“, murmelte er mit geschlossenen Augen.

Abby rückte noch ein wenig näher an ihn heran. Sollte er nur glauben, dass sie seine verflossene Geliebte war. In dem Zustand, in dem er sich befand, war er wohl kaum fähig, den Unterschied festzustellen. Und sie bekam, was er ihr bisher verweigert hatte. Mit einem siegesbewussten Lächeln schlüpfte sie unter die Decke und begann mit ihren Lippen jeden Zentimeter seines nackten Körpers zu erforschen ...

Langsam erwachte Christian aus seinem Rausch. Seine Zunge fühlte sich pelzig an und seine Gliedmassen waren schwer wie Blei, so dass es ihn unendliche Mühe kostete, die Augenlider zu öffnen. Erleichtert erkannte er, dass er sich in seinem Bett befand. Aber wie war er hierhergekommen, wunderte er sich. Der Alkohol hatte seine Sinne so benebelt, dass er sich an überhaupt nichts mehr erinnern konnte. Weder, was in der Bar passiert war, noch wie er hierher gekommen war.

Vorsichtig rollte Christian sich auf die Seite und blinzelte. Die Betthälfte neben ihm – Kimbers Seite – sah benutzt aus. Das Kopfkissen war zerknautscht und die Bettdecke war zurückgeschlagen. Verwirrt setzte er sich auf, um gleich darauf wieder zurückzusinken, als ihn eine Welle der Übelkeit erfasste. Den heutigen Tag würde er sicher im Bett verbringen müssen, dachte er frustriert. Er schaute auf den Wecker neben sich. Es war bereits Mittag.

Erneut unternahm er einen Versuch, sich aufzurichten, und diesmal stellte er fest, klappte es sogar, ohne dass er sich übergeben musste. Neben sich am Fußende lag ein Zettel, auf dem etwas geschrieben stand. Neugierig griff er danach und erstarrte.

„Danke für diese unvergessliche Nacht!“ – Abby , - stand dort in schnörkeliger Mädchenschrift.

„Oh mein Gott ...“ Die Hände vors Gesicht geschlagen ließ er sich wieder stöhnend ins Kissen sinken. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Blitz. Abby hatte seinen betrunkenen Zustand ausgenutzt und mit ihm geschlafen, während er halb bewusstlos gewesen war!

Mühsam erhob Christian sich aus seinem Bett und ging leicht schwankend zum Badezimmer hinüber. Ein erneuter Anfall von Übelkeit stieg in ihm hoch. Er fühlte sich gedemütigt und benutzt! In der Dusche drehte er den Wasserhahn auf und ließ das heiße Wasser über den Körper laufen.
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