Mein Bildnis

KurzgeschichteAllgemein / P6
16.04.2018
16.04.2018
1
1296
 
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Beitrag für die 3. Runde des Projekts "Mach was draus!"
Vorgaben waren: Verwendung der Abkürzung "MB" und Versetzung des Protagonisten in eine unangenehme Situation.


Mein Bildnis

Trotz der späten Uhrzeit – oder vielleicht gerade wegen ihr – ist am Paradeplatz immer noch viel los. Studentengruppen unterhalten sich laut lachend. Auch die Penner, die schon morgens immer hier sind und Bier trinken, sitzen auf ihrem Stammplatz neben der Haltestelle. Zu ihren Füßen stapeln sich abgegriffene Plastiktüten und leere Bierdosen. Einige der an der Haltestelle wartenden Menschen haben Einkaufstüten bei sich – der REWE am Paradeplatz hat bis 24 Uhr offen. Das ist manchmal die letzte Rettung in der Not, die auch ich schon einige Male in Anspruch genommen habe. Gäbe es diese REWE-Filiale nicht, wären einige Mannheimer Studenten schon längst verhungert, da bin ich mir absolut sicher.
Ein lauer Sommerwind verweht mein Haar und ich betrachte zufrieden mein Spiegelbild in der Glasscheibe des Wartehäuschens. Den Rock muss ich unbedingt öfter zu den Schuhen tragen… Ein Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht, als ich an das Essen mit meiner Freundin Julia denke, mit der ich vor wenigen Minuten noch „gelernt“ habe. Das ist zumindest unser Plan gewesen. Schlussendlich haben wir über die neuste Staffel des Bachelors gelästert. Naja… bis zu den Prüfungen ist ja noch ein bisschen Zeit. In dem Moment klingelt mein Telefon. Das muss Gedankenübertragung sein: Julia ruft an.
„Hey, Julia! Hab eben an dich gedacht – hast du das etwa gespürt?“
Julia lacht am anderen Ende der Leitung. „Klaaar – unsere Gedanken sind doch schon längst miteinander verschmolzen! Ich wollte eigentlich nur hören, ob du es gut zur Haltestelle geschafft hast.“
Wie süß von ihr… Mein Grinsen wird breiter. „Klar! Die Bahn kommt auch schon in zwei Minuten. Mach dir keine Sorgen. Ist ja nicht so, dass wir in Mexico City leben…“
Wieder muss Julia lachen. „Okay, okay. Ich bin halt manchmal wie eine alte Glucke. Ich weiß schon. Schreib mir aber bitte, wenn du gut zuhause angekommen bist, ja, Eva? Dann sehen wir uns morgen in der Vorlesung! Komm ja pünktlich!“
„Geht klar, ‚Mama‘!“, bestätige ich ihre Bitte und wir legen auf. Die Julia… Und ich dachte, dass ich seit Anfang meines Studiums und seit meinem Auszug bei meinen Eltern endlich frei und ohne die ständige Kontrolle sei. Und nun hab ich plötzlich eine zweite Mutter, die darauf aufpasst, dass ich auch ja meine Zähne putze. Ich spüre, wie es mir warm ums Herz wird. Irgendwie ist das schön…
Pünktlich auf die Minute kommt auch schon die Bahnlinie 1, die mich direkt in die Neckarstadt West bringen soll. Schnell flitze ich rein und ergattere einen freien Platz in einer leeren Vierersitzgruppe. Ich setze mich ans Fenster und werfe einen Blick auf die anderen Fahrgäste. Im Gegensatz zu meinem langweiligen Heimatdorf ist in Mannheim einfach immer was los. Zu sehen sind zum Beispiel ein paar Nachtschwärmer, die wohl auf dem Weg zu einer Party sind. Im SOHO ist heute freier Eintritt und es läuft Musik aus den 90ern bis heute. Das wäre eigentlich auch mal eine Maßnahme…
Eine Dreiergruppe sieht völlig übermüdet aus und hat einige schwer bepackte Taschen mit dem Logo der Universität Mannheim zu ihren Füßen stehen. Oje, das sind wohl ein paar arme Examenskandidaten. Mir graut es davor, dass ich in ein paar Jahren wohl auch so aussehe und zu solchen Uhrzeiten erst aus der Unibibliothek komme… Aber gut. Ich hab mich ja selbst für ein Studium entschieden. Und das geht ja immerhin auch irgendwann vorbei.
Ich schaue aus dem Fenster und betrachte die vorbeiziehenden Leuchtreklamen der Läden. Orsay wirbt in seinen Schaufenstern mit einer SALE-Aktion. Sofort muss ich an die süße Weste denken, mit der ich vorige Woche geliebäugelt habe – vielleicht ist sie ja auch im Angebot… Ich verändere den Fokus und betrachte mein Spiegelbild in der Fensterscheibe. Ich zupfe meine Haare zurecht und lächle mich kurz selbst an, bevor ich mich meinem Handy widme und mir auf Instagram die neusten Meldungen anschaue.
Die Bahn hält an der Abendakademie und die Fahrgastkonstellation verändert sich. Ich rieche es zuerst bevor ich es aus den Augenwinkeln bemerke: Jemand setzt sich mir gegenüber. Ich schaue nur kurz auf, um dann meinen Blick wieder stur aufs Handy zu heften. Ich kann es nicht fassen, dass ich immer so ein Pech haben muss. Ein alter, ungepflegter Mann hat sich ausgerecht den Platz mir gegenüber ausgesucht. Als gäbe es nicht noch andere freie Plätze in der Bahn…
Er riecht, als hätte er seit Wochen nicht geduscht. Das Cord seiner Jacke ist an mehreren Stellen abgetragen und der Stoff seiner Hose ganz dünn und glänzend vom täglichen Gebrauch. Der Geruch nach kaltem Zigarettenrauch liegt schwer in der Luft. Zum Glück steige ich bei der nächsten Haltestelle ja aus. Ich muss nur die Fahrt über die Kurpfalzbrücke noch aushalten…
Obwohl ich versuche, mich auf mein Handy zu konzentrieren, merke ich, dass der alte Mann mich anstarrt. Kurz hebe ich meinen Blick und mein Eindruck bestätigt sich. Er lächelt mich an. „Guten Abend!“
Mein Herz fängt an zu rasen. Jetzt spricht er mich auch noch an! Schnell senke ich wieder meinen Blick auf das neuste Foto von Beyonce, kann mich aber irgendwie nicht darauf konzentrieren.
„Kommen Sie gerade von der Uni?“ Er wartet einen Moment auf meine Antwort. Ich habe aber nicht vor, mit ihm zu reden. Wer weiß schon, was der Typ von mir will…
„Sie jungen Studenten sind immer so fleißig! Ich finde das ganz toll. Ich hätte damals auch gerne studiert. Ging nicht. Musste arbeiten…“
Mein Körper versteift sich. Wie unangenehm – der Mann quatscht mich voll und ich weiß absolut nicht, was ich machen soll. Wann kommt nur endlich meine Haltestelle?!
„Was studieren Sie denn?“
Um beschäftigt zu wirken, damit er mich in Ruhe lässt, öffne ich schnell WhatsApp und schreibe Julia. Irgendjemandem muss ich davon erzählen…
Urgs. Mir gegenüber sitzt ein alter, ekliger Mann und labert mich voll… Zum Glück kommt gleich meine Haltestelle…
Die Erlösung kommt nach einer gefühlten Ewigkeit. Die Bahn fährt in die Haltestelle Alte Feuerwache ein, ich schnappe mir meine Handtasche und stürze zur Tür. Beim Vorbeigehen lächelt mich der Alte an und sagt in einem Tonfall zu mir, als hätten wir ein nettes Pläuschchen gehalten: „Auf Wiedersehen, Fräulein! Kommen Sie gut Heim!“ Ohne zu antworten steige ich aus.
Als ich draußen an der frischen Luft stehe, habe ich das Gefühl, endlich wieder aufatmen zu können. Mein Spiegelbild zittert und wabbelt in den Fensterscheiben der weiterfahrenden Bahn und verschwindet innerhalb des Bruchteils einer Sekunde, als der letzte Teil der Bahn an mir vorbeigezogen ist. Ich schüttle mich kurz. Was für eine komische Begegnung…
Schnellen Schrittes mache ich mich auf über den Alten Messplatz und versuche, die eigenartige Situation zu verdrängen, aber so recht will es mir nicht gelingen. Als ich in die Langstraße einbiege, piepst mein Handy. Beim Laufen werfe ich einen Blick aufs Display.
Julia hat geantwortet und ein ekliges, schleimiges und drückendes Gefühl macht sich in meiner Kehle breit: „Liebes, vielleicht brauchte er nur jemanden zum Reden.
Abrupt bleibe ich stehen. Beim Verlassen der Bahn dachte ich noch, dass ich einer unangenehmen Situation entflohen sei. Jetzt zieht sich mein Magen zusammen und Hitze steigt mir über die Kehle in den Kopf. Die Erkenntnis trifft mich knallhart wie ein Schlag ins Gesicht: Mein Benehmen war unangebracht. Bin ich echt so oberflächlich und egoistisch? Warum habe ich dem alten Mann nicht einfach geantwortet?!
Ich merke, wie meine Mundwinkel sich unangenehm nach unten verziehen. In den Fensterscheiben eines neben mir parkenden Autos kann ich mein verzerrtes Gesicht sehen und ich erkenne mich nicht wieder. Beschämt senke ich meinen Blick auf die Straße. Ich ertrage meinen Anblick nicht.