Der Waschmaschinentechniker

KurzgeschichteDrama / P12
15.04.2018
15.04.2018
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Mein Beitrag für Runde 3 des Wettbewerbs Mach was draus! Nr. 4
Abkürzungen: FGO oder MB
Zusatzvorgabe: Versetzt den Protagonisten in eine unangenehme Situation.

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Udo endete mit den Worten: „Das hat sie gesagt.“ Dabei ließ er seine großen Hände in einer hilflosen Geste gegen seine Hosenbeine klatschen. Er sagte: „Es tut mir leid.“ Er sagte: „Da kann ich nichts machen.“ Sein Tonfall, fand ich, war ehrlich. Mit krauser Stirn und geducktem Kopf sah er mich an, auf eine Reaktion wartend. Ich sagte nichts, aber er tat mir leid. Betreten stand er da, harrte fast ängstlich einer Reaktion, die nicht kam. Dabei fingerte er nervös an einem kleinen grauen Gegenstand herum, den er in der Hand hielt. Ich stand ihm unbeholfen gegenüber ohne recht zu wissen was eigentlich los war. Udo war manchmal zerfahren. Ich begann zu bedauern, dass ich seinen Worten nicht gefolgt war. Einen Moment lang hielt diese unangenehme Stille an, bis ich es nicht mehr ertrug. „Dann … ähm … bis morgen“, sagte ich und ließ ihn allein in seinem Büro zurück.  

Ich war Waschmaschinentechniker. Das war mein Beruf. Das war alles. Frau Kraschek war eine Kundin von mir. Das gefiel mir an meinem Job am meisten: Fremde ließen mich in ihre Wohnungen. Einfach so. Ich sah wie sie lebten, ich sah viele verschiedene Leben.
Während ich im Badezimmer die Abdeckung der kaputten Waschmaschine abschraubte und nach dem fehlerhaften Teil suchte, hörte ich wie sich Frau Kraschek ganz selbstverständlich von Zimmer zu Zimmer mit ihren Söhnen unterhielt. Sie wusste, dass ich da war. Aber sie hielt es nicht für nötig ihren ganz persönlichen Alltag vor mir zu verbergen. Ich hörte das Klappern von Gegenständen, das Rascheln von Papier, das rhythmische Pochen von Schritten, die Spiele der Kinder. Hin und wieder kamen sie neugierig in den Raum geschlichen. Zwei aufgeweckte Jungen, die mir gerade einmal bis zum Bauchnabel reichten. Ich zeigte ihnen die demontierte Waschmaschine, mit ihren Schläuchen und der Trommel. Sie freuten sich, dass sie mir den Schraubenzieher reichen durften und ich fühlte mich daran erinnert, wie mich als Kind das erste Mal eine Waschmaschine fasziniert hatte. Frau Kraschek brachte mir eine Tasse Kaffee und setzte sich zu mir. Wir unterhielten uns, während ich arbeitete.
Es war nur dieses eine Mal, dass ich ein Mikrofon in eine Waschmaschine einbaute.

Da war noch etwas anderes. Ich hatte so eine Angewohnheit. Jede Waschmaschine, die ich je repariert hatte, trug meine Initialen. Immer wenn ich ein Teil ausbaute, verewigte ich mich mit den Buchstaben „M. F.“ darauf und setzte es wieder ein. Keiner der Kunden würde es jemals bemerken, es sei denn sie schraubten ihre Waschmaschine auf. Und selbst dann würden sie es vielleicht für eine Serienkennung halten und nicht weiter beachten. Nur ich wusste, dass es da war. Ich wollte Spuren hinterlassen, das war alles.

Aber an diesem Tag reichte das nicht. Auf einmal ergriff mich ein starker Impuls, den ich kaum erklären konnte. Ich plante es nicht, ich dachte nicht darüber nach - Ich tat es einfach. Dieser Gedanke war plötzlich da. Dieses traurige Gefühl, dass ich diese Familie verlassen würde, sobald die Waschmaschine repariert war und dass ich es nicht ertragen könnte, wenn ich ihrem Leben nicht mehr würde lauschen können. Ich hatte das Gefühl, niemand außer mir wäre da, der es zu schätzen wüsste. Niemand, der ihrem Leben - abgesehen von ihnen selbst - Bedeutung beimessen würde. Niemand, der – vermutlich sogar anders als sie selbst – jenen kleinen Momenten Bedeutung beimaß. Daher kaufte ich, als ich für die Besorgung eines Ersatzteils in die Stadt fuhr, in einem Elektrogeschäft ein kleines Mikrofon und baute es zusammen mit dem Ersatzteil in die Maschine ein.
 
Später erzählte ich Udo: „Als ich zum ersten Mal einen Waschsalon betrat, war ich acht. Eine Woche darauf konnte ich die Marke eines Waschmittels an seinem Geruch erkennen und die Waschprogramme an den Geräuschen der Trommel unterscheiden. Zu Beginn begleitete mich mein Vater. Er sortierte unsere Wäsche und zählte Münzen für den Automaten ab, während ich mich vor eine der Maschinen auf den gefliesten Boden setzte und wartete. Meine Augen folgten den Bewegungen der Wäschestücke konzentriert, nur hin und wieder unterbrochen durch einen flüchtigen Blick in das Gesicht meines Vaters. Seit diesem Tag, verbrachte ich jeden Nachmittag nach der Schule in dem Waschsalon. Mit 16 zog ich bei meinem Vater aus und begann die Ausbildung als Waschmaschinentechniker. Aber das weißt du ja.“ Udo war mein Chef, seit ich vor zehn Jahren meine Ausbildung bei ihm begonnen hatte und früher hatte ich mir oft gewünscht er wäre mein Vater. Aber das war inzwischen nicht mehr so. Udo sagte bedauernd: „Ich verstehe dich ja, aber...“ Er sagte: „Da bleibt mir nichts anderes übrig.“ Mehrmals sagte er: „Wenn ich anders könnte. Aber ich kann nicht anders.“ Wieder entgegnete ich nichts. Nur dieses Mal weinte ich. „Bitte.“ Ich flehte. „Bitte!“ schrie ich.

Am Ende hörte man nur das Brummen, das Rattern und das Gurgeln des Wassers und schon beim ersten Schleudergang, als ich die Maschine noch in der Wohnung testete, ging das Mikrofon kaputt. Es war nicht schlimm - ich mochte die Geräusche der Waschmaschine und würde sie mir zum Einschlafen anhören. Trotzdem wusste ich sofort mit einer absoluten Gewissheit: ich konnte nicht einfach gehen. Ich konnte nicht einfach aus der Tür der Wohnung dieser Familie hinausgehen, in dem Wissen nie wieder hineinzugehen. Also schraubte ich die Abdeckung noch einmal ab, entnahm das ausgetauschte Teil, ein kleines Ventil, und setzte es wieder hinein. Allerdings schief, sodass es beim nächsten Waschgang gegen das Blech klappern würde. Damit ich noch einen weiteren Nachmittag würde wiederkommen können, um die Waschmaschine zu reparieren.  

Nach dem seltsamen Gespräch mit Udo in seinem Büro, fuhr ich nach Hause. Ich verbrachte einen gewöhnlichen Abend. Ich aß eine Scheibe Brot, ging zu Bett und fuhr am nächsten Morgen wie gewohnt zu einem Kunden. Dort arbeitete ich den Nachmittag über und kehrte im Anschluss nach Hause zurück. Als ich die Wohnungstür aufschloss, kam Leo sofort auf mich zu und fiel mir überraschend in die Arme. „Es tut mir so leid“, flüsterte sie. „Was?“, fragte ich verwirrt. Sie sah mich bestürzt an, ihre Augen groß, ihr Gesicht verzerrt. Sie öffnete den Mund, aber kein Wort kam heraus. „Was ist los?“, fragte ich besorgt, während mich allmählich ein ungutes Gefühl beschlich. „Ist… Ist etwas mit … Ist jemand…?“ Sie ließ kurz von mir ab und schüttelte heftig den Kopf. „Niemand ist gestorben.“ Aber ihr Tonfall war seltsam und noch immer sah sie mich auf diese merkwürdige Art an, die mir nicht behagte, als wäre ich ein Kind oder schwer von Begriff. „Wo warst du?“, fragte sie vorsichtig. „Auf der Arbeit, wo sonst?“ Leo nahm mich bei der Hand und führte mich zum Sofa. Wir setzten uns etwas verkrampft nebeneinander, wie zwei Teenager bei ihrem ersten Date. „Du machst Schluss?“ „Was? - Nein.“ Sie fand die Worte nicht und stotterte zusammenhanglose Dinge: Udo hätte angerufen und sie hätte ihm gesagt ich sei arbeiten. Mir war nicht klar, was daran so bemerkenswert sein sollte, aber mehr und mehr breitete sich ein erdrückendes Enge-Gefühl in meiner Brust aus. Sie sprach auf mich ein wie leid es ihr tue. Dass alles wieder gut werden würde. Dass ich einen anderen Job finden würde. Dass sie mich unterstützen würde. „Warte“, unterbrach ich sie. „Du hast gesagt, Udo habe gesagt, er hätte mich gestern gefeuert? Wieso erzählt er so etwas?“, fragte ich wütend und sie erstarrte hilflos. „Weil … weil … weil es die Wahrheit ist.“ Ich begriff nicht. Weil sie nicht wusste was sie sonst tun sollte, tröstete sie  mich. Sie nahm mich in die Arme, sprach mir beruhigende Worte zu, tätschelte mit der Hand meine Schulter, während ich stocksteif dasaß. So saßen wir eine ganze Weile, bis durch ihr Trösten schließlich irgendwann die Bedeutung dessen zu mir durchdrang, bis ich begriff was geschehen war und zusammenbrach.  

Ich erinnerte mich. Udo sagte: „Frau Kraschek hat angerufen. Die Waschmaschine ist noch immer nicht in Ordnung. Sie hat mich gebeten einen anderen Mitarbeiter zu schicken.“ „Oh, warte“, bat ich. „Ich glaube ich habe schon eine Ahnung was das Problem sein könnte. Ich könnte gleich hinfahren und nachsehen...“ Udo schüttelte den Kopf und schaute betreten zu Boden. „Jorge ist bereits hingefahren und hat mir das hier mitgebracht.“ Er hielt das kleine graue Ventil in die Höhe, damit ich es sehen konnte.  Die schwarzen Buchstaben „M. F.“, meine Initialen, standen darauf. Frau Kraschek hätte sich geängstigt, berichtete Udo. Sie hätte verlangt, man müsse mich entlassen. Er sah mir noch immer nicht in die Augen, als er sagte: „Das hat sie gesagt.“ Er sagte es mit Nachdruck, mit einer grausamen Endgültigkeit. Udo war ungerecht. Er hätte mich nicht feuern müssen, nur weil sie das verlangt hatte.

„Mein Beruf ist Waschmaschinentechniker. Ich bin Waschmaschinentechniker. Das ist alles was ich habe“, sagte ich, während Leo fast mechanisch weiter behutsam über meinen Kopf streichelte. „Du hast mich.“ Ich ignorierte sie,  streifte unwirsch ihre Hände fort und schrie sie an: „Was bin ich denn jetzt noch?“ Wie von selbst geriet ich in eine Reihe von Gesagtem hinein, über das ich keine Kontrolle mehr hatte. „Du verstehst das nicht! Ich mache Schluss. Ich ziehe aus. Ich bin eine Zumutung für dich.“ Schließlich stürmte ich aus dem Zimmer, ohne Leo noch einmal zu Wort kommen zu lassen und schloss mich im Badezimmer ein, mit der Absicht nie wieder herauszukommen.
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