Was wäre, wenn...

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12
15.04.2018
15.04.2018
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Wettbewerb: „Was wäre, wenn…? – Unsere ökologische Zukunft“
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Was wäre, wenn…
unsere Zukunft keine Natur mehr kennt?


  Bald wird sich die Erde so sehr verändern, dass sie sich nicht mehr wie unsere Heimat anfühlt.

 „Meine Damen, Herren und etwaige andere Geschlechter. Ich möchte Sie willkommen heißen, im Juwel dieser Stadt, dem Museum für Pflanzen, Natur und Leben. Bitte treten Sie doch ein. Ihre Filtermasken dürfen Sie natürlich abnehmen und auch Ihre Schutzmäntel gegen den giftigen Regen. Diese werden Sie nicht brauchen.“ Die Stimme der Museumsangestellten hallte klar und deutlich durch die Kuppel und die kleine Gruppe, bestehend aus zehn Leuten begann herumzuwuseln. Masken wurden zögerlich abgenommen, Mäntel an die Garderobe gegeben und Blicke getauscht. „Ich weiß, seit 7 Jahren nutzen Sie diese schon, doch in unseren Gewächshäusern ist die Luft so sauber, wie Sie sie aus Ihrer Kindheit kennen, wenn nicht besser“, beteuerte sie mit einem Lachen. „Die Luft in unseren Hallen wird Ihrem Körper im ersten Augenblick zu schaffen machen. Sie ist sauerstoffreicher, als die Luft draußen und im ersten Moment werden Sie überfordert sein. Schwindel kann auftreten, sowie Kopfschmerzen. Als Vorbeugung, nehmen Sie bitte diese Schmerztabletten“, erklärte sie weiter und irgendwo in dem Gewusel begann ein Tablett mit kleinen Plastikbechern und den Wundermitteln herumzuwandern.
 Liona streckte ihre Hand danach aus, doch Darren ergriff diese nur. Der blonde, junge Mann hockte sich neben sie und raunte. „Die wirst du nicht brauchen. Ein wenig Pochen wird es.. hier..“ Er tippte gegen ihre Stirn und sie grinste. „Dann hört es wieder auf. Du musst kein Schmerzmittel dagegen nehmen. Siehst du... Ich nehme auch keines.“ Er lächelte und spürte sehr wohl den angewiderten Blick des Paares neben ihm, das den Kopf schüttelte.   „Daddy, warum sind wir hier?“, fragte Liona. „Das ist eine Überraschung“ Darren richtete sich auf, als die Gruppe auch schon begann sich vorwärts zu bewegen. Vater und Tochter ergriffen sich an der Hand und folgten der Gruppe.

 Liona ist die erste Generation, die keine Natur mehr kennt. Zumindest nicht so, wie Sie werter Leser…
 Sie kennt die Welt, wie sie früher war, nur von Bildern. Sie ist zu jung, um zu verstehen, was passierte. Warum es keine Pflanzen mehr gibt, keine freilaufenden Tiere, keine Menschen, die ohne Maske vor die Tür gehen könnten.
  Liona ist 10 Jahre alt. Geboren wurde sie, als die Erde starb... 2033.


 „Wir kommen nun in den ersten Bereich unserer Ausstellung. Bitte treten Sie näher. Doch geben Sie acht, dass Sie nicht auf die Rasenfläche treten.“ Die Angestellte lächelte ihr aufgesetztes Lächeln und breitete die Hände einladend aus. Vor ihnen, vom Schotterweg getrennt durch ein dünnes Absperrseil, erstreckte sich eine grüne Fläche mit gelben und weißen Sprenklern. Darren erinnerte sich sehr vage an Gänseblümchen…
  Es zogen sich kleine Bewässerungsgräben durch das Bild, das sich ihnen bot. Büsche und Pflanzen leuchteten hervor und strahlten hell und bunt zwischen dem angenehmen Grün. Es herrschte betretenes Schweigen in der Menschengruppe, die nur noch eine Welt in Rostbraun und Grau kannten. Darren atmete durch. Er roch etwas, das er lange nicht mehr wahrgenommen hatte. Den Geruch von frischem Gras. Liona staunte. „Der Teppich duftet ja!“, stieß sie aus und Darren musste kurz auflachen. Ein Schmunzeln ging durch die Reihen von Besuchern. Liona bückte sich und wollte die Hand ausstrecken, als die scharfe Stimme der Angestellten sie zurechtwies. „Bitte fassen Sie den Rasen nicht an, er wird von uns gepflegt und soll lange erhalten bleiben.“ Erschrocken zog das braunhaarige Mädchen die Hand weg und presste sie betreten an ihre Brust. Darren legte seine Hand auf ihre Schulter. Dann erhob er die Stimme. „Wie stellen Sie die Versorgung mit Frischwasser sicher?“, wollte er wissen. „Oh, das funktioniert ähnlich, wie bei ihrer Anlage, Zuhause. Das Wasser wird chemisch gereinigt, gefiltert und neutralisiert. Anschließend kommt es frisch aus der Leitung und hat Trinkwasserqualität. Allerdings machen wir das hier in viel größerem Maßstab, als Ihre Küchengeräte.“ Sie lachte laut und schrill. „Bitte… folgen Sie mir in die nächste Halle. Ich möchte Ihnen etwas zeigen, dass Sie sicher vermisst haben, meine Damen, Herren und etwaige andere Geschlechter.“ Die Dame mit dem aufgesetzten Lächeln schritt voran und die Besucher folgten murmelnd.

  Seit die Gewässer unserer Erde mit kleinen Mikroplastik Partikeln verseucht sind, wurde die Trinkwasserqualität langsam schlechter. Unsere kleine Liona hat noch nie den frischen, erdigen Geschmack einer Süßwasserquelle kosten können. Nur den adstringierenden Geschmack von gereinigtem Wasser.

 Um den nächsten Raum zu betreten, mussten sie durch eine hell erleuchtete Kammer schreiten, in der ein feiner Nebel mit einer chemisch stinkenden Lösung herabrieselte. Die Angestellte ließ sie daraufhin eine Plantage betreten. Ein weiterer Schotterweg führte durch eine Reihe von verschiedenen Obstbäumen. Einige blühten, andere trugen Früchte, wieder andere waren nur von matt-grünem Laub bedeckt. Mit riesigen Augen sah Liona auf die prallen Äpfel, die satten Birnen und die lieblichen Kirschen. „Wie kann das sein?“, hauchte sie ehrfürchtig und klammerte die Hand ihres Vaters. Darren fragte sich das ebenfalls, wenn auch auf andere Art. Er blickte sich um und entdeckte auch schon einige Mitarbeiter, die auf Leitern standen und die Blüten der Bäume künstlich mit Pollen bestäubten. „Sind das echte Äpfel?“, wollte Liona dann wissen und zupfte seinen Ärmel. „Ich möchte einen Apfel, bitte Daddy!“   „Ohh, das geht nicht!“, mischte sich die Angestellte ein, ehe Darren antworten konnte. „Aber später am Ausgang, können Sie welche kaufen.“   Liona grinste Darren an, der etwas schief zurück grinste. „Dann den Apfel am Ausgang, kaufst du ihn mir?“   „Ich werde mir das draußen ansehen..“, gab Darren etwas kleinlaut zurück, woraufhin Lionas Blick sich etwas trübte. „Du weißt mein Schatz…“    „Ja, ich weiß, du hast gesagt echte Lebensmittel sind selten und teuer.“ Sie blickte wieder mit großen Augen auf die bunten Früchte und Darren biss sich auf die Lippen. Er wollte ihr eigentlich diesen Wunsch erfüllen, doch allein der Eintritt in dieses besondere Museum hatte zwei Gehälter in Anspruch genommen.
  „Bitte, wir wollen doch weiter. Als nächstes kommen wir zu unserer Insekten-Farm. Diese sind hinter Glas, doch können begutachtet werden. Meine lieben Besucher, Sie alle wissen sicher, wie wichtig Insekten für unsere Umwelt sind. Daher widmet unser Museum sich auch der Haltung von Insekten. Unser Ziel ist es, Insekten wieder anzusiedeln, wenn die Biofilteranlagen unsere Luft in 20 Jahren gereinigt haben und vielleicht unsere Erde wieder etwas stärken zu können, damit wir die Natur in ihrer früheren Form wieder bekommen“, erklärte die Dame ihre noblen Absichten. Darren, der jedoch Kontakt zu einem Wissenschaftler hatte, wusste ganz genau, dass das ein viel zu hochgestecktes Ziel war. Er schnaubte. Trotzdem hoffte er, als Normalbürger, dass seine kleine Liona eines Tages barfuß über Felder rennen konnte, wie er es als Kind getan hatte. Das Gras unter den Füßen zu spüren, wie einen federnden Teppich, bis man dann auf eine Biene trat und sich noch Tage danach darüber ärgerte.

 Die Führung durch das Museum dauerte den ganzen Tag. Liona sah das erste Mal in ihrem Leben einen Teich mit Fischen. Sie tippte gegen die Scheibe eines Meerwasseraquariums und in der großen Kuppel, die einem Nadelwald nachempfunden war, fragte sie dann: „Wo ist denn der Wald eigentlich hin?“ Die meisten der Museumsbesucher waren erwachsen. Jeder von ihnen wusste genau, dass die schlechte Luft schuld war. Das betretene Schweigen, das daraufhin die lockere Truppe erfasste, hielt an, bis sie alle wieder hinaustraten.   Einen Apfel konnte Darren ihr leider nicht kaufen, doch an der Tür wurde ihr dafür eine rote, buschige Rose in die Hand gedrückt, da war der Apfel schnell vergessen. „Was ist das denn?“, fragte Liona staunend und fuhr mit dem Finger über die samtenen Blütenblätter.  
  „Die haben wir uns früher immer geschenkt, wenn wir uns sehr gerne hatten.“, erklärte Darren ihr und fuhr durch ihre Haare. Liona lächelte. „Dann werde ich sie auch jemandem schenken.“

  Seit unsere Welt keine saubere Luft und kein sauberes Wasser mehr hat, bleibt Liona nichts anderes übrig, als die Rose sicher unter ihrem Mantel zu verstecken und in eine Welt hinaus zu treten aus düsteren Metallbauten, dichtem grauen Nebel, der an ihrer Kleidung kleben bleibt und hektischen Menschen, die furchtsam und eilig durch die Straßen huschen.
  Denn niemand  fühlt sich mehr sicher und Zuhause in einer Welt, in der es keine Natur und somit  kein richtiges Leben mehr gibt.


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Wörter: 1349
-> 4☆ Danke für die Empfehlungen.




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