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GeschichteAllgemein / P12
Demir Azlan Gebhard Schurlau
15.04.2018
22.04.2018
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15.04.2018 964
 
Wie immer ist alles frei erfunden. Eine kleine Geschichte, die für meine one shot Reihe zu lang war.
Ich wünsche euch viel Spaß!

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„Sophia? Lissy? Ich bin zu Hause. Sophia?“

Gut gelaunt stellte Gebhard Schurlau seine Tasche im Flur ab und rannte die Treppen hinauf, wo er eine ungewohnte Stille vernahm. Wo waren seine Töchter? Er wusste, dass Maja am Dienstag meist länger arbeitete, aber seine beiden Mädchen müssten zu Hause sein.
Irgendetwas stimmte hier nicht. Das wurde ihm sofort klar.

Das ungleichmäßige Schnaufen aus dem Nebenraum ließ ihn Schlimmes erahnen. Er realisierte binnen Sekunden was passiert war.

„Lissy?“, rief er aufgebracht durch die obere Etage und rannte durch die Zimmer, bis er sie auf dem Boden sitzend erblickte. Seine kleine Tochter atmete schwer, rang aufgebracht nach Luft.

„Verdammt“, rief Geb und kroch zu seiner Jüngsten, die er mit panischer Miene betrachtete.
Der Atem der 10 Jährigen war brodelnd, rasselnd. Sie hatte einen Asthmaanfall.

„Wo ist dein Spray? Wo hast du dein Asthmamedikament?“, versuchte Geb ruhig wie möglich auf sie einzureden. Ihre Lippen waren  bereits leicht blau angelaufen.

„In der Schule. Vergessen“, drang es zwischen hechelnden Atemzügen zu ihm hervor, woraufhin er zu seinem Handy griff und den Notruf wählte.

„Geb Schurlau hier. Ich brauche sofort einen Rettungswagen in die Mühlheimer Straße 20a. Meine Tochter hat einen Asthmaanfall.“

Damit hatte er aufgelegt.

Behutsam nahm er Lissy auf den Arm. Damit die Luftwege frei waren, musste sie sitzen und der Oberkörper aufrecht sein.

„Ganz ruhig. Ich bin da“, klopfte er ihr auf die Wangen.
Sie hustete und rang nach Luft, wirkte sichtlich benommen und schwach.

„Alles wird gut. Ganz langsam. Ein und aus. Ein und aus“, machte er ihr vor.

„Papa“, flüsterte sie hustend, während ihr Geb gleichbleibend über den Rücken fuhr und beruhigend auf sie einredete.
Sie war sichtlich bleich. Hinzu kam, dass ungewiss blieb wie lange sie dort lag.

„Schau mich an. Nicht weinen, Süße. Atme mit mir“, machte ihr der Polizist deutlich. Die Minuten bis zum Eintreffen des Notdienstes erschienen ihm wie eine Ewigkeit. Wann kam dieser verdammte Krankenwagen?
Dann endlich ertönten die Sirenen. Geb lief den Sanitätern mit seiner Tochter auf dem Arm entgegen und gab ihnen die nötigsten Informationen. Sie setzten die Kleine auf die Trage und versorgten sie mit Sauerstoff. Geb hielt Lissys Hand, weil das Legen der Kanüle, durch die sie mit weiteren Medikamenten versorgt wurde, keine angenehme Prozedur darstellte.
Sie zuckte zusammen, als die Nadel ihre Haut durchbohrte, wandte ihren Kopf ab und weinte lautlos.
Der Sanitäter machte eine vielsagende Geste, weshalb der Bundespolizist die Kleine auf den Schoss nahm und vorsichtig in den Armen hielt, während die Sauerstoffmaske ihr übriges tat.
Als sie das Krankenhaus erreichten, war ihr Atem bereits in einen kontinuierlichen Rhythmus übergegangen und ihr Kopf ruhte an seiner Brust.

Erleichtert atmete der Polizist auf, trug sie auf dem Arm zur Notaufnahme.
Er wollte ihr keine Vorwürfe machen, auch wenn sie wusste, dass sie das Spray immer bei sich haben sollte.

„Es tut mir leid, Papa“, flüsterte sie, als sie die Maske nach oben geschoben hatte und sie Geb mitfühlend taxierte.

„Alles in Ordnung, Prinzessin.“
Er küsste ihre Stirn, setzte sie dann auf die Untersuchungsliege.

„Sag mal, wo ist eigentlich Sophia?“, fragte Geb, als er sicher gehen konnte, dass sie wieder normal atmete und erhielt ein Kopfschütteln.

„Vorhin nicht nach Hause gekommen und ihre Sachen waren nicht mehr da.“
Die Ärztin trat ein, weshalb sich Geb nach oben erhob.

„Papa, bleibst du da?“

„Ich muss kurz mit Mama telefonieren. Ich bin gleich wieder bei dir.“
Er zwinkerte der Notärztin zu und trat nach draußen. Wo war Sophia? Die Sache schien ihm nicht geheuer.

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„Der Anfall ist vorbei. Sie hatte ihr Spray in der Schule, aber das ist nicht der einzige Grund aus dem ich anrufe.“
Geb druckste herum.

„Um ehrlich zu sein. Sophia ist nicht zu Hause angekommen und Lissy hat erzählt, dass sie heute noch gar nicht zu Hause war.“

„Das ist jetzt nicht wahr, Geb oder?“

„Was machen wir?“

Maja seufzte ins  Telefon.

„Ich komme ins Krankenhaus und löse dich ab, dann fährst du nach Hause und suchst sie.“

„In Ordnung.“
Geb wollte bereits auflegen, als ihn Maja unterbrach.

„Da ist noch was. Ich hab mich gestern mit Sophia gestritten. Ziemlich heftig, als du auf Arbeit warst. Ich hab dir das nicht gesagt, weil du heute Morgen gleich zum Einsatz musstest. Aber…mir ist gestern Abend die Hand ausgerutscht.“
Der Bundespolizist seufzte laut. Gewalt in Erziehungsfragen war im Hause Schurlau tabu. Da waren sich die Eheleute einig. Oder besser gesagt: Zumindest sollte es so sein.

„Mensch, Maja“, sprach der Set Führer scharf und die Vorhaltungen in seiner Stimme waren dabei nicht zu überhören. Die zweifache Mutter schien sichtlich mitgenommen.

„Ich weiß, ich hätte sie nicht schlagen dürfen, aber mir war gestern einfach alles zu viel. Ihre ständigen Widerreden und Diskussionen. Dann dieser neue Freund, ihr Verweis, weil sie zwei Mal geschwänzt hat. Das Zeug, das ich in ihrem Zimmer gefunden habe, vermutlich Cannabis. Du bist ja wieder nicht da gewesen.“

Das alte Problem.  Maja war überfordert weil ihr Mann zu viel arbeiten musste und wegen seines Jobs keine geregelten Arbeitszeiten hatte.

Sie fühlte sich allein gelassen und sah nicht ein, dass Geb die gesamte Arbeit auf sie übertrug.
„Das bringt uns jetzt kein Stück weiter“, versuchte der Polizist das Thema zu wechseln und war bereits beim nächsten Schritt angelangt, auch wenn er sichtlich überrascht darüber war, dass es seine Tochter plötzlich mit Drogen zu tun haben sollte.

„Du telefonierst alle Verwandten und Freunde ab. Ich fahre nach Hause und sage Demir Bescheid, damit wir sie suchen.“

„Wenn ihr jetzt etwas passiert, dann ist das meine Schuld“, hörte er Maja mit dünner Stimme sagen und versuchte seine Frau soweit wie möglich aufzumuntern.

„Hey, wir finden sie. Ganz bestimmt.“

Dann hatte er aufgelegt.
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