Gescheitertes Experiment

von Hobbit91
KurzgeschichteDrama, Sci-Fi / P16
13.04.2018
22.04.2018
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Missgeburt. Das war eines der ersten Wörter, die ich an diesem schrecklichen Ort lernte. Viele dieser widerlichen Männer nannten mich so und ich konnte einfach nicht verstehen, womit ich diesen Hass verdient hatte. Schließlich habe ich nie jemandem etwas getan. Ganz im Gegenteil. Ich saß einfach nur in meiner Ecke und wehrte mich noch nicht einmal, wenn sie kamen, um ihre Versuche an mir durchzuführen.

Seit meiner Geburt hielt man mich hier gefangen und quälte mich. War das etwa gerechtfertigt? Die Bösen waren doch sie und nicht ich, aber das sahen sie scheinbar nicht ein. Für sie war ich nicht das Opfer, sondern eine Kreatur, die man nur hassen konnte.

Wenigstens gab es einen, der nicht so garstig wie die anderen war. Er redete oft mit mir und behandelte mich nicht wie ein Monster. Uehara war der Name dieses freundlichen Wissenschaftlers. Für mich bedeuteten seine Besuche eine willkommene Abwechslung in meinem tristen Alltag.

Eines Tages hockte ich wie immer mit angezogenen Beinen in meiner Ecke, während ich auf seine Ankunft wartete. Dies war meine bevorzugte Stellung, denn so konnte ich mich in diesem kalten Raum, in welchem alles weiß war, wenigstens ein bisschen warm halten.

Hin und wieder warf ich einen ungeduldigen Blick Richtung Stahltür, die mich vom Rest des Gebäudekomplexes trennte, aber die meiste Zeit über starrte ich einfach nur meine blassen Knie an. Mein ganzer Körper war ziemlich blass und wahrscheinlich etwas zu klein für mein Alter. Noch dazu war ich viel zu mager, doch bei dem, was man mir zum Essen vorsetzte, konnte man eigentlich auch gar nichts anderes erwarten.

Meine langen silbrigen Haare fielen mir offen über dem Rücken und würden sicher irgendwann den Boden erreichen, wenn man sie mir nicht bald schneiden würde. Auf dem Kopf befanden sich die für meine Art typischen kleinen grauen Hörner. Sie zeichnen uns als das aus, was wir sind: Nämlich Ungeheuer. Den Menschen scheinen diese Hörner so viel zu signalisieren wie: Schaut mich an! Ich bin anders als ihr. Also könnt ihr alles mit mir machen, was ihr wollt.

Natürlich hat ein Diclonius wie ich einer bin auch noch andere Besonderheiten, doch die sogenannten Vektoren waren bei mir äußerst schwach ausgeprägt. Sie reichten noch nicht einmal einen halben Meter weit. Noch dazu konnte ich sie aus irgendwelchen Gründen kaum bewegen, was bedeutete, dass sie wohl niemals zum Einsatz kommen würden. Mit Mühe und Not brachte ich sie gerade einmal dazu leicht zu zucken. Schaden konnte ich damit nicht anrichten, auch wenn ich es wollte. Nur lag es mir fern, etwas mit diesen Dingern anzufangen. Ich akzeptierte meine Vektoren nicht und wollte sie auch nicht benutzen. Aus irgendeinem Grund verspürte ich nicht einmal das Verlangen, meine Peiniger mit diesen Dingern anzugreifen. Dabei hätten sicher viele meiner Artgenossen den Wunsch gehabt, die Kerle in den weißen Kitteln und am Besten gleich die gesamte Menschheit in Stücke zu reißen. Nein, ich wollte kein Blutbad anrichten. Was ich wollte war mal etwas anderes zu sehen, als diesen weißen Raum hier, aber dies würde wohl nur ein unerfüllbarer Wunsch bleiben.

Als das bekannte Klicken ertönte, richteten sich meine roten Augen sogleich auf die Tür, welche sich kurz darauf öffnete. Zwei Männer betraten den Raum. Einer von ihnen war Uehara, der andere ein Widerling namens Nakamura. Ich konnte den anderen nicht ausstehen. Er hatte ein ziemlich langes Gesicht, eine spitze Nase und kleine, böse Augen. Wie immer hatte er ein Klemmbrett bei sich. Seine rechte Hand hielt einen Kugelschreiber bereit, sodass er sich jeder Zeit sofort Notizen machen konnte.

Uehara bot einen viel freundlicheren Eindruck. Er hatte so ein Funkeln in den Augen, das mir sehr gefiel und im Gegensatz zu Nakamura lächelte er sogar. Ich mochte dieses Lächeln. Eigentlich mochte ich alles an ihm.

„Wie geht es dir heute, Yumi?“, fragte mich Uehara freundlich.

Ich zuckte nur mit den Schultern. Was hätte ich schon sagen sollen? Immerhin verlief jeder Tag gleich.

„Ich werde nie verstehen, wieso du der da überhaupt einen Namen gegeben hast. In den Akten steht, dass sie die Nummer 66 hat“, nörgelte Nakamura herum, was mal wieder typisch für ihn war.

„Nummern wirken so unpersönlich. Findest du nicht auch?“, meinte Uehara daraufhin.

„Es gefällt mir nicht, wie du dieses Ding vermenschlichst.“

„Weißt du, was mir nicht gefällt, Nakamura?“, knurrte Uehara.

„Nein, was denn?“

„Die Tatsache, dass ausgerechnet du mein Partner bist und ich dich jedes Mal hierher mitnehmen muss, da ich ansonsten gegen die Vorschriften verstoßen würde.“

„Du willst mich nicht dabei haben. Schon kapiert.“ Nakamura verdrehte die Augen und lehnte sich gegen die geschlossene Tür. Nach einer Weile fragte er: „Sag mal, Uehara! Kann es sein, dass du in den letzten Jahren sowas wie eine emotionale Bindung zu ihr aufgebaut hast? So wie du die Kleine behandelst könnte man fast glauben, sie würde dir etwas bedeuten. Das ist echt ekelhaft, weißt du das?“

Uehara warf ihm einen bösen Blick zu.

„Schon gut!“, meinte Nakamura daraufhin. „Ich bin ja schon still. Machen wir also mit den Fakten weiter. Wie alt ist sie nochmal, deine Yumi?“ Er betonte meinen Namen so, als wäre ich ein Virus, welcher dafür sorgt, dass sich einem Menschen nach und nach die Haut von den Knochen schält.

„Sieben“, antwortete Uehara.

„Haben die letzten Untersuchungen etwas Neues ergeben oder ist sie noch immer so schwach?“

„Nun...“, begann Uehara, wurde dann jedoch vom Klingeln seines Handys unterbrochen.

Er zog es aus einer Tasche seines Kittels und hielt es sich ans Ohr. In derselben Tasche befand sich allerdings auch ein Foto. Dieses flatterte Uehara aus der Tasche, nachdem er das Handy herausgeholt hatte. Es schwebte ein Stück auf mich zu, ehe es auf dem Boden liegen blieb. Schnell schnappte ich es mir und betrachtete es.

Das Foto zeigte ein kleines, fünfjähriges Mädchen mit schwarzen Haaren, das breit in die Kamera grinste.

„Gut, ich werde mich um diese Angelegenheit kümmern“, versprach Uehara derweil und beendete das Telefonat. Anschließend wandte er sich wieder mir zu, wobei er bemerkte, wie ich das Foto studierte.

Uehara ging in die Hocke und streckte die Hand aus. „Darf ich das bitte zurückhaben?“, fragte er freundlich.

„Wer ist die Kleine?“, wollte ich wissen.

„Das ist meine Tochter, Aoi“, antwortete Uehara sogleich.

„Und das da im Hintergrund?“

„Kirschblütenbäume.“

Ich gab ihm das Foto zurück und er ließ es wieder in seiner Tasche verschwinden. „Das sieht wirklich schön aus“, bemerkte ich noch.

„Oh ja!“, schwärmte er. „Wenn sie blühen, fahre ich jedes Jahr mit meiner Familie an diesen Ort.“

„Familie...“, überlegte ich. „Dieses Wort haben sie schon oft gesagt, aber was bedeutet es. Habe ich auch eine Familie?“

„Hast du nicht!“, erwiderte Nakamura. „Du bist nicht auf natürlichem Wege zur Welt gekommen. Man hat dich erschaffen. Nichts weiter als ein Experiment bist du. Und noch dazu ein gescheitertes.“

„Nakamura! Schluss jetzt!“, blaffte Uehara.

„Ist doch wahr!“, rief der andere. „Schau dir dieses mickrige Ding doch nur mal an!“

Wenn er das Ziel verfolgt hatte, mich zu verletzen, dann hatte er es erreicht. Mit diesen Worten hatte Nakamura mir einen schmerzhaften Stich ins Herz verpasst. Lautlos liefen mir die Tränen übers Gesicht. Es war das erste Mal, dass ich vor diesem Arschloch weinte.

Als Uehara das sah, sprang er auf, lief rüber zu Nakamura und packte ihn bei den Schultern.

„Tut mir leid, Yumi, aber ich fürchte, ich muss mit diesem Kerl hier noch was klären“, meinte Uehara, ehe er zusammen mit Nakamura aus dem Raum verschwand.

Sie ließen mich hier weinend zurück. Nur die Verzweiflung, sowie meine düsteren Gedanken waren noch bei mir.

Ich bin ein Nichts, das nie etwas besessen hat und nie etwas besitzen wird. Alles, was ich habe, ist mein kleiner, magerer Körper mit den nutzlosen Vektoren und dieser kalte, weiße Raum. Dies ist mein Leben. So war es schon immer gewesen und so wird es auch bleiben.
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