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Eine Prüfung wahrer Reife

von - Leela -
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAbenteuer, Familie / P12 / Gen
Cersei Lannister / Baratheon Jaime Lannister Tyrion Lannister
11.04.2018
11.04.2018
1
4.409
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2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
11.04.2018 4.409
 
Diese Geschichte gehört zu Sisis »Offen für Neues?«-Wichteln und wurde für  Parminder Kaur geschrieben.

Die Vorgaben waren:
Fandom: Game of Thrones
Charaktere: Die Lannnister-Sprößlinge, also Cersei, Jaime und Tyrion Ob und wie die Romanze zwischen Jaime und Cersei zur Sprache kommt ist mir gleich.
Schlagworte, die irgendwie eingebracht werden sollen: Mutter, Intrige, Vertrauen (kann. muss aber nicht)
Sonstige Anmerkungen für den Wichtel: Ich würde mich über ein Geschichte freuen, die nicht der Abklatsch vieler Anderer ist bzw die Serie imitiert. Sehr gern können neue Wege gegangen werden und vielleicht eine komplett neue Sichtweise aufzeigen. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn dir das gelingt.

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.~° Vorwort °~.

Liebe Parminder Kaur!

Ich habe in Sisis »Offen für Neues«-Wichtelprojekt deine Vorgaben als Ersatzwichtel übernommen.
      Ich kenne Games of Thrones zwar bereits, da ich die Serie zusammen mit einem Freund schaue, aber ich bin bei weitem noch nicht auf Stand, und auch nicht ganz fandomsicher, da es doch eine recht komplexe Geschichte ist.
      Um so mehr hat es mich gefreut, daß mich deine Vorgaben sofort angesprochen haben. Ich weiß nicht, wie dein »Verhältnis« zu den Lannister-Kindern aussieht – ich hoffe, du kannst mit meinem leben. ^^
      Die Idee zu dieser Geschichte kam mir ganz spontan, gleich nachdem Sisi mir die Vorgaben geschickt hat, und ich muß gestehen, daß vielleicht ein wenig die Pferde mit mir durchgegangen sind. *hust* Wie auch immer, ich hoffe, dir gefällt die Geschichte. Letzten Endes bist du dran schuld. Ohne dich wäre sie nicht entstanden! ♥
      Und nun wünsche ich dir viel Spaß und Freude an meinem kleinen Werk.

In diesem Sinne,
herzLeeche Grüße,

Lee

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Eine Prüfung wahrer Reife

Der Blick der goldenen Augen wanderte aufmerksam durch die große Höhle. Die Ohren spielten, als sondierten sie alle Richtungen. Das leichte Geräusch war nicht mehr zu hören. Nach einem Moment legte der Besitzer der Augen und Ohren den Kopf wieder zur Seite und schloß die Augen. Doch auch wenn jetzt wieder alles ruhig war, blieb er wachsam. Dafür war seine Aufgabe gerade zu wichtig…

Jaime Lannister stolperte durch die labyrinthartigen Irrwege in dem Berg und fluchte. Es war dunkel, die Fackel in seinen Händen spendete kaum genug Licht, und der Boden war uneben, mit Kanten und Spalten, die eine schnelle Fortbewegung unmöglich machten. Er war jetzt zum zweiten Mal innerhalb dieses Ganges gestolpert. Doch das war nur der sekundäre Anlaß für seine Flüche.
      Nur durch Zufall hatte er vor kurzem von dieser Prüfung erfahren. Jeder konnte sich anmelden, wenn er wollte, und sich ein Stück Ruhm und Ehre, und einen besonderen Status in Westeros sichern – jeder, im Alter von 16 bis 21 Jahren. Er hatte davon nicht einmal etwas gewußt, nie hatte ihn jemand über diese Prüfung aufgeklärt und ihm die Chance gegeben, die Gelegenheit zu ergreifen. Und das ärgerte ihn! Nicht zuletzt, weil nicht viel gefehlt hätte, und er wäre nicht mehr zugelassen worden, weil er zu alt für die Prüfung gewesen wäre.
      Er prüfte rasch den Sitz seines Schwertes, leuchtete mit der Fackel auf die Spalte, die ihn gerade beinahe zu Fall gebracht hätte und ging sinniger weiter. Er zwang sich zur Ruhe. Er mußte Ruhe bewahren, wenn er nicht sein eigenes Ansinnen an’s Messer liefern wollte. Diese Prüfung mußte er bestehen, damit er allen anderen in’s Gesicht spucken und sagen konnte, er brauchte niemanden, der ihn mit Hinweisen versorgte; er holte sich die Auszeichnung trotzdem!
      Bedächtig schritt er den Tunnel entlang und bemühte sich, die Orientierung nicht zu verlieren. Als er ein Geräusch hörte, blieb er kurz stehen. Anscheinend war er seinem Ziel ganz nah! Dort, um die nächste Ecke mußte es sein. Endlich!
      Ohne zu zögern ging er zügig zu dem Punkt, an dem eine Weggabelung zu sein schien. Er konnte einen leichten, warmen Schimmer sehen. Sein Blick nahm einen leicht verklärten Ausdruck an. Den Schimmer von purem Gold…
      Seine Schritte wurden noch schneller. Er konnte es kaum noch erwarten, sich das Gold zu holen, auch wenn er wußte, daß er es wieder abgeben mußte, um die Prüfung zu bestehen. Das Gold für die Auszeichnung – ein fairer Tausch! Er lief durch die Öffnung, die zwei Wege zusammenführte, und prallte unwillkürlich gegen etwas – gegen etwas weiches, dessen Duft er kannte! Er wirbelte herum und stockte verblüfft. „Cersei?“
      „Jaime, was machst du hier?“ Seine Schwester war offensichtlich genauso überrascht, ihn zu sehen.
      Er schluckte. „Ich gehe davon aus, du hast auch von er Prüfung gehört…?“
      „Ja, und darüber, daß du mir nichts davon gesagt hast, reden wir noch!“
      Er konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. „Ich denke, da sitzen wir im gleichen Boot, Schwester! Die Sache mit dem Vertrauen ist keine Einbahnstraße!“
      Cersei stockte, und beschloß, das Thema dabei bewenden zu lassen. „Okay, was machen wir jetzt? Teamarbeit ist nicht erlaubt, und wenn der Prüfer sagt, sie haben eine Kontrollmöglichkeit, glaube ich das.“
      „Ich sehe das Problem nicht. Ich gehe zuerst, dann gehst du!“ schlug Jaime pragmatisch vor.
      „Damit der Drache schon fuchsteufelswild ist, wenn ich reingehe, oder was?“ Cersei ließ sich ihren Unmut deutlich anmerken. „Was für eine bescheuerte Prüfung ist das eigentlich? ‚Bringt mir eines der goldenen Eier des Drachen im Berg!‘ Das klingt wie ein billiges Kinderbuch.“
      „Ich habe die Geschichten immer gemocht.“ kommentierte Jaime.
      „Ich auch. Aber das hier ist keine Geschichte. Das hier ist die Realität!“ erinnerte sie ihn.
      „Und wenn schon!“ Der hochgewachsene Blonde winkte ab. „Zugegeben, das Rätsel zu lösen, um herauszufinden, wo die goldenen Eier zu finden sind, war heftig. Aber alles andere ist doch keine große Sache mehr.“
      „Das Rätsel zu lösen war einfach!“ bemerkte Cersei leichthin, als gäbe es nichts selbstverständlicheres. „Jetzt sind wir aber hier bei dem Drachen! Und das finde ich schon ein wenig anspruchsvoll!“
      „Das kommt, weil du keine Erfahrung in solchen Dingen hast.“ Jaime lächelte gewinnend. „So, und wenn du jetzt brav hierbleibst, bis ich mein Ei habe, kriegst du nachher eine Belohnung!“ Er zwinkerte ihr zu und ging, ohne ihre Einwände abzuwarten, davon in die Richtung, die nun endlich zum Ziel führen mußte.
      Der attraktive junge Mann hatte sich nicht getäuscht. Tatsächlich öffnete sich der Gang nach einer weiteren Biegung zu den Seiten hin, und führte ihn direkt in eine gigantische Höhle. Er drückte sich in die Schatten und sondierte die Lage. Dort, in der Mitte der Höhle, lag der Drache, den Kopf zur Seite geneigt, als träume er vor sich hin. Die Ohren drehten sich, als richteten sie sich in seine Richtung aus. Die goldenen Eier konnte man unter dem mächtigen Leib nicht sehen – zumindest von seiner Position aus.
      Jaime wußte, er hatte nur eine Chance anzugreifen. Er zog leise sein Schwert und bereitete sich vor. Als er den richtigen Moment wähnte, rannte er mit einem wilden Kampfschrei auf den Platz, die Fackel in der einen, das Schwert in der anderen Hand. Der Drache bekam gerade noch Gelegenheit, erstaunt aufzuschauen, als die Klinge auf seine Panzerschuppen schlug. Die Hiebe prallten wirkungslos von ihrem Ziel ab. Diverse Kerben in den Schuppen zeugten von vielen ungestümen Wettkampfteilnehmern, die diese Strategie schon vor ihm versucht hatten. Es fiel ihm auf, dennoch ließ er sich davon nicht beirren. Er war Jaime Lannister! Wenn er es nicht schaffte, wer dann?
      Der Drache sah sich das Spiel eine Weile an. Jaime suchte nach einer verletzbaren Stelle, doch der Kopf war viel zu weit über dem Boden für einen Angriff, und der Rest des Körpers war so gut geschützt, daß ihm nicht beizukommen war. Als es dem Drachen schließlich zu dumm wurde, holte er tief Luft und schnaubte einmal nach unten. Jaime stolperte rückwärts und ließ die Fackel fallen, um dem Feuerstrahl zu entgehen, während er entsetzt zuschaute, wie sein Schwert in dem Drachenfeuer zu Nichts zerfiel.
      Gerade setzte der Drache noch einmal an, und der junge Lannister ergriff die Flucht – woran er gut tat, denn dieses Mal war es kein Warnschuß mehr. Die Flammen schlugen dort auf dem Boden auf, wo er eben noch gestanden hatte. Jaime kam gerade im Schutz des Ganges an, als der Drache sich wieder zusammenrollte und bald schon gelangweilt vor sich hinschaute.
      „Bravo!“ Cersei lehnte in dem Zugang an der Wand und hatte das Spiel aus dem Hinterhalt beobachtet.
      „Mach du es besser!“ keuchte Jaime.
      Die Blonde lächelte süffisant. „Mache ich auch! Wenn sich der Drache von deiner Attacke beruhigt hat! – Und danach kriegst du deine Belohnung!“
      Sie ging an ihm vorbei und  verschaffte sich einen Überblick über die Lage. Offenbar maß der Drache dem kleinen Zwischenfall nicht allzu viel Bedeutung bei, denn nur einen Moment später steckte er die Schnauze in die Schuppen und schloß die Augen. Cersei lächelte.
      Sie drehte sich kurz zu ihrem Zwillingsbruder um und drückte ihm ihre Fackel in die Hand. „Schau zu und lerne!“ Leise schlich sie sich im Halbdunkel der Wände bis an die Senke heran, in welcher der Drache lag, und sondierte, von welcher Seite sie am besten an eines der Eier herankam, ohne daß das geschuppte Tier etwas bemerkte. Sie entdeckte eines der Eier recht freiliegend zwischen dem Körper und dem Hinterbein; bei dem konnte sie es probieren.
      Ein schneller Blick verriet ihr, daß der Drache friedlich schlummerte. In ihrer Courage beflügelt schlich sie auf Zehenspitzen näher, wagte sich zwischen Schnauze und Hinterfuß des Drachen, wo der latente Glanz des Eis ihre Sinne benebelte. Sie bemerkte nicht einmal, wie der Drache die Augen aufschlug. Auf das Ei fixiert beugte sie sich über den gewaltigen Fuß in dem Ansinnen, ihre Trophäe herauszuziehen.
      Wie ihr geschah, wußte sie nicht einmal, als mit einer einzigen schnellen Bewegung der mächtige Schwanz herumschwang, und sie wie eine Puppe quer durch die Höhle von den Eiern weg schleuderte. Sie kam hart auf dem Boden auf, schlitterte noch ein paar Meter weiter und blieb dann reglos liegen.
      Jaime, der das Geschehen beobachtet hatte, hielt geschockt den Atem an. Sie lag da wie tot. Er wagte kaum sich zu bewegen; wie sollte sein Leben weitergehen, wenn er sich in seiner Annahme bestätigt sah…?
      Dann jedoch regte sie sich langsam und stemmte sich mit zusammengebissenen Zähnen hoch. Die blutigen Striemen auf Armen und Beinen, und sogar im Gesicht, die aschgrau durch den Staub auf dem Boden wirkten, trieben ihr die Tränen in die Augen, und fast wäre sie wieder zusammengebrochen, doch dafür war sie zu stolz.
      Gerade, als sie sich zu dem Drachen umwandte, fixierte dieser sie mit einem Blick, als wundere er sich, daß sie noch da war. Ihre Augen weiteten sich in Entsetzen, als eine riesige Vorderpranke mit messerscharfen Klauen auf sie niedersauste. Reflexartig rollte sie sich zusammen und spürte, wie die fünf Klingen nur knapp von ihr entfernt im Boden einschlugen, sie wie in einem Käfig festsetzten, und nur um Haaresbreite verfehlten.
      Das war der Moment, in dem Jaime eingriff. Entschlossen lief er auf den Platz. Ob mit oder ohne Schwert, er würde nicht zulassen, daß seiner Schwester etwas passierte! Ihre Fackel in der Hand, fuchtelte er damit vor dem Drachen herum, um ihn zurückzutreiben. Das eigentliche Vorhaben gelang ihm nicht, da ein einziger Atemzug des Drachen ausreichte, um die Fackel, lichterloh brennend, zu schnappen und herunterzuschlucken, was Jaime zu dem Gedanken brachte, wie dumm er eigentlich hatte sein können, zu vergessen, daß Feuer das Element des Drachen war. Aber immerhin war der Drache soweit abgelenkt, daß er sich auf die Füße aufrichtete, und Cersei so freigab.
      Der zunächst so positiv anmutende Gedanke kehrte sich noch in dem Moment in’s Gegenteil, als Jaime ihn zu Ende dachte. Während sich der Drache auf ihn konzentrierte, gab Cersei einen langen, gellenden Schrei von sich. Jaime spürte, wie ihm die Farbe aus dem Gesicht wich. Wahrscheinlich nicht einmal beabsichtigt, hatte eine der Klauen des Drachen, als er die Pranke hob, Cerseis Bein erwischt und förmlich aufgeschlitzt. Das Blut floß aus der Wunde und tropfte auf den staubigen Boden.
      Der Drache richtete sich zu seiner vollen Größe auf, was eine beachtliche Größe war, die in der vergleichsweise dazu eher kleinen Höhle noch mehr zur Geltung kam.
      In dem Augenblick dachte Jaime nicht nach. Er nahm nur Cersei beim Arm, zerrte sie auf die Füße und rannte, so schnell es unter den Bedingungen überhaupt möglich war, mit ihr zurück in den Schutz der Tunnel. Er wagte kaum zurückzublicken und rannte noch tiefer in die Stollen, nur um kein Risiko einzugehen, bevor er die verletzte Cersei zu Boden ließ. „‘Sieh zu und lerne!‘“ Er sah sie verheißungsvoll an. „Ich hoffe, du erklärst mir noch den Sinn dessen, was ich lernen soll, den sehe ich nämlich augenblicklich noch nicht!“
      „Laß mich in Ruhe!“ war die erschöpfende Antwort. Offensichtlich hatte Cersei große Schmerzen, und Jaime betrachtete die verdreckten Wunden sorgenvoll. Sie wäre nicht die erste, die an so etwas starb…
      „Es nützt nichts. Wir müssen zurück!“ Die Stimme des Lannister-Jungen hatte einen ernüchternden, ernsten Klang. „Deine Wunden müssen versorgt werden. Wir haben noch ein paar Wochen, um es noch einmal zu probieren.“
      „Wenn du glaubst, daß du es noch mal probieren kannst, während ich auf dem Krankenbett liege, hast du dich getäuscht, Bruderherz!“ knirschte sie. Im nächsten Moment hielt sie inne, ihr Kopf schnellte herum. War das ein Pfeifen gewesen?
      Auch Jaime war aufmerksam geworden. Er sah von seiner Schwester auf in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Er kannte die Melodie, konnte sie aber nicht zuordnen. Eventuell war es ein Wanderlied? Mit zusammengekniffenen Augen spähte er in den dunklen Seitengang, aus dem ihm mehr und mehr ein tanzendes Licht entgegenkam.
      Erst als der Fackelträger fast vor ihnen stand, erkannte er dessen Gesicht.
      Tyrion schien ebenso überrascht. „Huch? Das ist ja ein richtiges Familientreffen hier!“ Er sah Jaime an, während er auf seine ältere Schwester zeigte. „Was ist mit ihr passiert?“
      Jaime verzog den Mund zu einem Schmollen. „Der Drache hat sie erwischt!“
      Cersei vernichtete ihn mit einem Blick. Ihre Wunden ignorierend stand sie auf - wenn eines nicht in Frage kam, dann, eine Schwäche vor ihrem jüngeren Bruder zu zeigen -, konnte es aber nicht verhindern, daß sie einknickte, und sich von Jaime stützen lassen mußte.
      Tyrion betrachtete die Szene nachdenklich. „Laßt mich raten, ihr seid nicht unbedingt mit der nötigen Zurückhaltung vorgegangen!“
      Jaime machte eine resignierende Geste. „Mit einem Schwert brauchst du es nicht zu versuchen.“
      „Oh, das habe ich auch nicht vor!“ bestätigte der jüngere Lannister-Bruder. In seinem Blick lag etwas, das sagen wollte: ‚Zumindest nicht so ungeschickt wie du!‘, den Spruch jedoch verkniff er sich. Wäre es Cersei gewesen, hätte er sich nicht zurückgehalten; Jaime jedoch hatte es nicht verdient.
      Seine Schwester enttäuschte ihn auch nicht. „Du brauchst es gar nicht erst zu versuchen!“ giftete Cersei ihn an. „Das hier ist ein Spiel für die Großen!“
      Tyrion hatte das Wortspiel durchaus verstanden; auch wenn sie das Alter gemeint hatte, war das ein wunderbarer Seitenhieb auf seine Körpergröße gewesen. „Tja, ich bin alt genug, um das Spiel mitzuspielen, liebste Schwester!“ entgegnete er berechnend. „Also, gewöhne dich an den Gedanken!“ An Jaime gewandt, von dem er wußte, daß er mit ihm vernünftig reden konnte, fragte er: „Was hat sie versucht?“
      Der große Blonde seufzte. „Taktik. Hat auch nichts genützt. Sie ist mit ihrem Geschick genauso weit gekommen, wie ich mit meiner Kampfstrategie.“
      Tyrion sah Jaime groß an. „Sie hat versucht ein Ei zu klauen?“
      Jaime machte eine mißmutige Geste. „Wenn du es so nennen willst…“
      „Und dann wundert ihr euch, daß sie jetzt so aussieht!“ Der Kleinwüchsige zeigte erstaunt auf die vielen Schürfwunden und die klaffende Wunde am Bein.
      „Na, wer hätte denn ahnen können, daß der Versuch so fehlgeht?“ verteidigte Jaime seine Schwester.
      Tyrion lachte. „Es ist eine Mutter, die ihre Jungen beschützt. Was habt ihr erwartet?“
      „Wage es nicht, das Wort »Mutter« noch einmal in den Mund zu nehmen!“ zischte Cersei.
      Jaime machte eine beschwichtigende Geste. „Immer ruhig! Wir beiden haben unsere Chance gehabt. Lassen wir ihn sich doch beweisen!“
      Cersei warf ihm einen Blick zu, der an Spott nicht mehr zu überbieten war. „Ist das dein Ernst? Wenn ich es mit Geschicklichkeit, und du mit deiner Kampferfahrung es nicht geschafft haben, wie, bitteschön, soll dann ausgerechnet er eine Chance haben?“ In dem Augenblick schlicht sich plötzlich ein zweiter Gedanke zu dem ersten. Sie biß sich gedankenvoll auf die Unterlippe. „Ja, warum nicht? Lassen wir ihn sich beweisen! Vielleicht erledigt sich unser »Problem« hier dann von ganz allein!“
      Tyrion verdrehte die Augen. „Also, wenn ihr mich jetzt entschuldigen würdet? Ich habe hier noch eine Aufgabe zu erledigen!“ Damit ging er an seinen Geschwistern vorbei und verschwand in der Dunkelheit des Ganges.
      Jaime sah ihm kurz nach. Ebenso wie seine Schwester hatte er kein gutes Gefühl bei der Sache, mit dem Unterschied, daß er es nicht genoß. Lieber wollte er in der Nähe bleiben, um seinem Bruder - ebenso wie seiner Schwester - aus der Misere zu helfen, wenn er erkannte, daß er scheiterte.
      Cersei hatte die Intention wohl erkannt, denn sie griff Jaime konsequent beim Arm. „Komm! Wir können draußen warten. Hier drinnen ist es so stickig.“
      Jaime war hin- und hergerissen. Einerseits gefiel es ihm nicht, seinen Bruder hier, beim Drachen, allein zu lassen, andererseits wollte er einen Blick auf Cerseis Wunden werfen, die dringend ausgewaschen werden mußten. Schließlich entschied er sich, hoffte, daß Tyrion selbst einschätzen konnte, wann er zu kapitulieren hatte, und begleitete Cersei nach draußen, aus deren klaffender Wunde am Bein das Blut floß.
      Der ältere Lannister-Sohn hatte sich liebevoll um die Wunden seiner Schwester gekümmert und sie mit dem Wasser, das er mithatte, gereinigt, während er hin und wieder einen sorgenvollen Blick zum Bergeingang geworfen hatte. Er hatte seine medizinische Fürsorge gerade abgeschlossen, als Tyrion fröhlich pfeifend aus dem Berg kam, ein goldenes Ei in der Hand.
      Die Zwillinge waren so perplex, daß sie nicht in der Lage waren, sich zu rühren. Die Blicke großer Augen bildeten die einzige Ausnahme, als sie dem erfolgreichen Mitstreiter folgten. „Wie…?“ Das war das einzige, was Jaime zustande brachte.
      „Tja!“ Tyrion lächelte gewinnend. „Vielleicht, eines Tages, werdet ihr verstehen, daß man mit Respekt am weitesten kommt!“
      Er hob die Hand zum Gruße, nahm sein Pfeifen wieder auf und wanderte unbekümmert weiter, bis er auf dem Weg hinunter in’s Tal verschwand.
      Die beiden gescheiterten Geschwister sahen ihm förmlich entsetzt nach, und wechselten einen Blick. Wie, in Westeros Namen, war das möglich…?

„Das war eine ganz billige Intrige! Ich sag’s dir!“ keifte Cersei, als sie der kleinen Zeremonie beiwohnten, in der Tyrion das goldene Ei auf seinen zeremoniellen Platz legen, und sich die ganz besondere Ehrung abholen durfte.
      Der Zeremonienmeister - der Hohepriester der Berggemeinschaft höchstpersönlich - erwartete Tyrion bei einem weinroten Samtkissen, das in den heiligen Schrein der Berggemeinde eingebettet war. Feierlich legte Tyrion es sachte auf sein neues Bett.
      Anschließend erhob der alte Mann die Stimme. „Nach langer Zeit einmal wieder ist es einem Anwärter gelungen, die Aufgabe zu bewältigen und sich als würdig zu erweisen, eine der höchsten Auszeichnungen - die Nadel des Drachen! - zu tragen! Mit der größten Anerkennung möchte ich…“
      Tyrion bekam von der Rede kaum etwas mit, als er gedankenvoll vor sich hinlächelte. Es war nicht schwer gewesen, auszuloten, worauf es ankam und das wesentliche in der Prüfung zu erkennen. In Gedanken an die letzten Stunden schweiften seine Gedanken ab…

      [Seine Geschwister waren so schnell aus seinen Gedanken verschwunden wie aus seiner Sicht, als er das kurze Stück ging, das ihn noch vom Drachen trennte. Kurz spähte er um die Ecke, und fand die alte Lady schlafend. Vermeintlich schlafend! korrigierte er sich. Er wußte, der Drache war wachsam. Wenn es darum ging, seinen Nachwuchs zu schützen, war der Drache immer aufmerksam.
      So leise seine Schritte auch waren, die Ohren des Drachen spielten doch. Er blieb in respektablem Abstand vor dem großen Körper stehen und hob die Stimme: „Ich bitte, mit allem mir eigenen Respekt, um eine Audienz beim großen Drachen!“
      Das dunkle Tier hob den Kopf; die goldenen Augen wandten sich dem neuen Besucher zu und musterten ihn neugierig.
      Tyrion spürte seinen Puls rasen, mahnte sich jedoch zur Ruhe. „Ich komme mit einer Bitte! Ich brauche für eine Prüfung, die Ihr sicher kennt, eines Eurer goldenen Eier. Wärt Ihr bereit, mir eines - für eine gewisse Zeit - zu überlassen?“ Während er sprach, zog er sein Schwert. Langsam ging er auf den Drachen zu. Die Klinge ruhte auf seinen Händen. Als er sich nah genug wähnte, legte er das Schwert auf den Boden und trat drei Schritte zurück. „Als Pfand überlasse ich Euch für die Zeit mein Schwert, und ich versichere Euch, bei allem, was mir heilig ist, daß ich das Ei unbeschadet zurückbringen werde.“
      Der Drache legte den Kopf schief, als fände er die Idee äußerst interessant. Er neigte den Kopf nach unten, als betrachte er das Schwert nachdenklich. Dann wanderte der Blick der ausdrucksstarken Augen hoch zu Tyrion und verharrten dort, bis der junge Mann nichts andere mehr tun konnte, als nervös zu schlucken. Schließlich wandte die Drachenlady den langen Hals zu Seite, beinahe in die Position zurück, in der Tyrion sie in ihrer Ruhe gefunden hatte, und der junge Lannister konnte nicht anders, als sich selbst einen Augenblick lang unheimlich albern und närrisch zu fühlen. Dann jedoch bemerkte er zu seinem Erstaunen eine Bewegung und sah, daß der Drache ihm mit dem Schwanz eines der Eier zuschob. Gleichzeitig zog er mit einer Vorderpranke das Schwert zu sich.
      Tyrion spürte sich aufgedreht atmen. Mit zitternden Händen nahm er das Ei auf, und sah hinauf in den gutmütigen Blick des Drachen. Er wußte, daß es täuschte, aber es hatte sogar den Anschein, als würde der Drache lächeln. Tyrion tat es jetzt ganz gewiß. „Danke! Vielen Dank! Das werde ich Euch nie vergessen! Ich weiß das Vertrauen zu schätzen, und ich werde es sicher nicht mißbrauchen!“ Als er sich schon auf den Weg aus den Höhlen heraus machte, drehte er sich noch einmal um. „Ich bin bald zurück und bringe Euch Euer Ei wieder, versprochen!“ Damit verschwand er in der Dunkelheit der Gänge.]

      „… ist es mir eine große Ehre, dir, Tyrion Lannister, die »Nadel des Drachen« zu verleihen!“ Feierlich steckte der Hohepriester dem jungen Mann in den aufkeimenden Jubel hinein die Auszeichnung an.
      Cersei hatte die Arme vor der Brust verschränkt und vernichtete ihren jüngsten Bruder mit einem Blick. Er hatte nicht einmal eine Schramme davon getragen, während sie hier, zerschunden und erfolglos, seinem großen Moment beiwohnen mußte.
      Jaime klatschte auch, auch wenn er sich noch immer fragte, wie sein Bruder an das Ei herangekommen war.
      Die Zeremonie war knapp zu Ende, da trat Tyrion erneut an den Hohepriester heran. „Ich würde das Ei jetzt gerne wieder mitnehmen!“
      Ein Raunen ging durch die Menge. Selbst Jaime war der Atem gestockt. „Ist er verrückt geworden?“
      Der Hohepriester musterte ihn von oben bis unten - was bei Tyrion schnell ging - und fragte erstaunt: „Du willst… das Ei wieder mitnehmen?“
      Tyrion nickte. „Es heißt im Regelwerk, um die Prüfung zu bestehen: ‚Gehe zum großen Drachen und bringe eines der goldenen Eier zum Schrein.‘ Es ist nichts davon gesagt, daß das Ei anschließend dort verbleiben soll. Meine Aufgabe habe ich erfüllt! Ich habe das Ei hier hergebracht. Aber ich habe es nur geborgt. Und jetzt werde ich es wieder zurückbringen!“
      Stille senkte sich auf dem Platz herab. So etwas war anscheinend noch nie vorgekommen, bei einer Zeremonie.
      Cersei lehnte sich mit süffisant verzogenen Lippen zu ihrem Bruder herüber. „Kann man die Ehrung auch wieder aberkennen?“
      „Wenn ja, ist er auf dem besten Wege!“ flüsterte Jaime zurück. „Ich glaube nicht, daß jemand so frech dem Hohepriester gegenüber einfach so davonkommt.“
      Der Blick des alten Mannes ruhte in eigentümlicher Weise auf dem jungen Mann. „Das ist das erste Mal, daß ich hier einen Anwärter mit so viel Weitblick vor mir habe. Ich bin wirklich tief beeindruckt! Ich bin mir sicher, daß du dafür noch entlohnt wirst. – Und nun nimm das Ei und vollende deine Aufgabe!“ Der Zeremonienmeister machte eine einladende Geste.
      Ob Tyrion überrascht von der Reaktion war, konnte man ihm nicht ansehen. Zufrieden nahm er das Ei aus dem Schrein und ging damit durch die Menge, zurück in die Richtung, aus der er gekommen war.
      Das war der Moment, in dem Jaime sich aus der Menge löste. Er trat an die Seite seines Bruders. „Du willst das Ei doch nicht zurückbringen!“ Es klang mehr wie eine Feststellung, als wie eine Frage.
      „Doch, genau das habe ich vor!“ gab Tyrion verheißungsvoll zurück.
      „Wozu die Mühe machen?“ beschwor Jaime ihn. Er machte eine ausschweifende Geste. „Es ist so ein weiter Weg bis in die Berge!“
      Tyrion erwiderte seinen Blick ohne Lächeln. „Hast du mir zugehört, als ich von Respekt gesprochen habe?“
      „Ja, aber der Drache merkt es doch nicht, wenn du nicht zurückkommst.“ In Jaimes Augen lag ein beängstigendes Funkeln. „Wir könnten teilen!“
      „Ich habe ein Versprechen gegeben!“ erwiderte Tyrion. „Und das werde ich halten.“ Er konnte sich ein kleines, vielsagendes Lächeln nicht verkneifen. „Kümmere du dich um Cersei, ich kümmere mich hierdrum!“ Er tätschelte das Ei, und ließ Jaime dann stehen, als er ohne sich noch einmal umzudrehen seinen Weg fortsetzte.

Der Drache sah auf, als er ein latentes Geräusch hörte. Erwartungsvoll sah er Tyrion entgegen. Der junge Mann konnte so etwas wie Sorge in seinem Blick erkennen. Sicher war er die Zeit über, in der er mit dem Ei unterwegs gewesen war, nicht zur Ruhe gekommen.
      Tyrion hielt das Ei vor sich in den Händen. „Hier bringe ich Euch Euer Ei zurück. Bitte entschuldigt die Umstände, die ich Euch gemacht habe.“ Er legte es vorsichtig auf den Boden ab, ungefähr dort, wo er es aufgenommen hatte, als der Drache es ihm überlassen hatte.
      Die Drachenlady legte den Schwanz um das Ei und hob es sachte zurück zu den anderen. Gerade, als Tyrion vorsichtig nach seinem Schwert fragen wollte, wandte sie den Kopf zur anderen Seite. Dort auf dem Boden lag das Schwert. Mit einer eleganten Bewegung schwang sie die Schnauze kurz über den Boden und schob Tyrion etwas zu.
      Er brauchte einen Moment, bis er begriff. Es war nicht nur sein Schwert, das sie ihm vor die Füße schob, sondern auch die Bruchstücke einiger früheren Eierschalen, aus denen die Jungen längst ausgeschlüpft waren. Wie in Trance hob er eines der goldenen Stücke auf. Nur langsam begriff er. „Ich bin reich! Ich bin reich!“
      Der Drache ringelte sich indes wieder ein, schloß die Augen und beachtete ihn nicht mehr. Die Aussage war ganz klar: Die Audienz war beendet.
      Tyrion steckte sein Schwert ein, sammelte die Eierschalen zusammen und verließ mit breitem Grinsen die Höhle.
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